Sonntagsvorschauer – Woche 11

So mau die Ansetzungen am gestrigen Samstag im College-Football gewesen sein mögen: Der Spieltag in der NFL ist stark.

Schon der Auftakt am Donnerstag war einigermaßen Aufsehen erregend. Am Ende aber auch nicht. Denn es gibt Elemente in der Welt, die verändern sich ständig. Andere hingegen bleiben immer gleich. Mike McCarthy gehört der letzteren Kategorie an.

Frühschicht ab 19h

  • Atlanta Falcons – Dallas Cowboys
  • Detroit Lions – Carolina Panthers
  • Indianapolis Colts – Tennessee Titans
  • Jacksonville Jaguars – Pittsburgh Steelers
  • New York Giants – Tampa Bay Buccaneers
  • Washington Redskins – Houston Texans
  • Baltimore Ravens – Cincinnati Bengals

Keine absolute Spitzenpartie dabei, aber was mich an dieser Stelle tatsächlich anlacht, ist Colts (4-5) vs. Titans (5-4). Beide hängen momentan am unteren Ende des AFC-Wildcardrennens mit drin, und beide haben dem Vernehmen nach eine tendenziell steigende Formkurve.

Vor allem die Colts kriegen dabei viel Lob ab für das, was sie in den letzten Wochen an Offense zugelegt haben. Das letzte Mal, als ich mich für diese Jungs interessiert hatte, zirka Anfang Oktober, dominierten die Schlagzeilen ob QB Andrew Lucks totem Wurfarm die Szenerie.

Die Zeiten scheinen längst vorbei. Luck zieht mittlerweile hinter einer mächtigen Offensive Line (Rookie-OG Quenton Nelson gilt als All-Pro Kandidat) ein komplettes Passspiel auf. Nicht wenige behaupten, Luck spiele die beste Saison seiner Karriere. Bloß: Bislang kriegt es keine Sau mit. Ich bin also durchaus verleitet, mir die Partie zu geben. Colts-HC Frank Reich steht bei mir ob seines Play-Callings, aber auch ob seiner Art, seit Jahren hoch im Kurs.

Die Titans hatte ich dagegen schön öfters unter der Lupe – als eines der enttäuschenden Teams. Das ist nicht unbedingt rein sportlich zu verstehen: Dort ist Tennessee mit 5-4 Bilanz nicht meilenweit vom Soll entfernt.

Ärgerlicher finde ich, dass der so hoch gehandelte OffCoord Matt LaFleur ein Play-Calling aus den 1970er Jahren betriebt… oder betrieb? LaFleur, bis Woche 9 ein Fetischist des „1st&10 Run in die Mauer“, hatte letzte Woche zum ersten Mal annähernd 50/50 Run/Pass Quote im 1st Down gegen New England. Resultat war ein dominanter Sieg über die Patriots und eine insgesamt starke Vorstellung der Offense um die Eckpfeiler QB Mariota (hat immer wieder brillante Momente dabei) und WR Corey Davis (ein Juwel, das in LaFleurs Offense-Design noch zu sehr untergeht).

Heute hätte die Titans-Offense aus 12-Personnel (1 RB, 2 TE, 2 WR) einen massiven Vorteil. Aus diesem Personal sieht das Matchup durchaus vorteilhaft aus:

  • TEN OFF: 64% Pass-SR, 8.7 NY/A / 41% Run-SR, 4.0 YPC
  • IND DEF: 36% Pass-SR, 10.2 NY/A / 45% Run-SR, 4.6 YPC

Vorteil Titans: Nur zwei Offenses (HOU & PHI) spielen noch häufiger aus 12-Personnel. Nachteil Titans: LaFleur hat aus diesem Personal eine 64% Lauf-Quote. Tipp an LaFleur: Lass mehr aus 12-Personell werfen, und das Leben wird schön.

Die AFC South ist auch auf anderen Plätzen aktiv: Jacksonville (3-6) empfängt im letzten Versuch, seine Saison zu retten, die Pittsburgh Steelers (6-2-1). Dieses Matchup war eines der prägenden der letzten Saison: In der Regular Season feierte Jacksonvilles „Sacksonville-Defense“ ihr Coming-Out, in den Playoffs nagelten die Jaguars Pittsburgh in deren Stadion mit einer ungekannten Offensiv-Explosion an die Wand.

Jene Partie hat wohl mitgeholfen, dass sich die Verantwortlichen in Jacksonville von den „Qualitäten“ (Anführungszeichen bewusst gesetzt) des QBs Blake Bortles überzeugen ließen. Bortles erhielt eine Vertragsverlängerung und sorgt seither maximal mit dem einen oder anderen „Clutch“-3rd Down Scramble für Gefahr beim Gegner. Die restliche Gefahr, die Bortles ausstrahlt, ist gegen die eigene Mannschaft gerichtet.

Pittsburgh ist das Gegenbeispiel: Im Winter dominierte das Gerede ob zu großer Abhängigkeit von RB LeVeon Bell. Die Steelers ließen sich nicht lumpen und verweigerten Bell eine teure langfristige Vertragsbindung. Bell ging in Streik, wird die komplette Saison 2018 verpassen – und die Steelers-Defense feuert seit 6 Wochen dennoch aus allen Rohren. Heute hat man die Chance, die Nemesis von 2017 endgültig zu begraben.

AFC-South Divisionsführer Houston muss bei den Washington Redskins antreten – beide Teams mit identischem Record (6-3), aber bei beiden ist man sich ob der Qualität der Mannschaft noch nicht wirklich sicher.

Houston hat zuletzt 6 Siege en suite gefeiert und seine Offense in Gang gekriegt. Bei Washington ist es schier unmöglich, die Truppe einzuschätzen: Sie spielt Alex-Smith like: Macht sie den ersten Score, gewinnt sie. Kassiert sie den ersten Score, verliert sie. Wirkliche Stärken außer Turnover-vermeidung sind nicht auszumachen, und auch das hie und da aufblitzende Laufspiel um RB-Oldie Adrian Peterson ist nicht konstant genug um es als „Erfolgsfaktor“ ausfindig zu machen.

Cincinnati (5-4) @ Baltimore (4-5)? Für die Ravens die Chance, durch die Hintertür wieder ins Wildcard-Rennen einzugreifen – vermutlich mit neuem QB: Flacco ist verletzt und soll durch den aufregenden Rookie-QB Lamar Jackson ersetzt werden. Jackson wurde bislang nur sporadisch eingesetzt, meistens in der NFL-Premierenrolle des „Change of Pace“-QBs (ähnlich Taysom Hill in New Orleans). Zu Beginn der Saison ließ man Jackson dabei fast immer laufen. In den letzten Wochen hatte Jackson doch auch ein paar Würfe – und einige von ihnen waren sogar NFL-tauglich!

Die Bengals sind auch nicht uncool: Letzte Woche war man nur körperlich auf dem gleichen Spielfeld wie die Saints. Alles andere sah wie ein Geschwindigkeitsunterschied zwischen SEC und Sunbelt Conference aus, oder wie ein Unterschied zwischen Profi- und Hobbysportler. Um wieder Anschluss an die NFL zu erlangen, feuerte Marvin Lewis unter der Woche DefCoord Teryl Austin und nutzte die goldene Chance, das von den Browns gefeuerte Coaching-Juwel Hue Jackson als Berater im Offense-Trainerstab zu verpflichten. Ob Marv seinem Hue auch das notwendige Spielerpersonal geben kann, damit er endlich seine Offensiv-Vision umsetzen kann (ergo: All-Pros auf jeder Position), ist nicht bekannt.

Die anderen Spiele sind eher meh. Falcons gegen Cowboys (zweimal 4-5) klingt nach Frustbewältigung der Falcons im eigenen Stadion. Raubkatzenduell Löwe gegen Panther? Letzte Woche wurden beide böse abgeschossen und ich traue nur der Carolina zu, sich wieder zu fangen.

Giants gegen Buccs? Letzte Chance für Eli Manning, sich gegen eine verheerende Defense noch einmal wie ein richtiger NFL-Quarterback zu fühlen?

Spätschicht ab 22h

  • Arizona Cardinals – Oakland Raiders (22h05)
  • Los Angeles Chargers – Denver Broncos (22h05)
  • New Orleans Saints – Philadelphia Eagles (22h25)

Cardinals vs. Raiders hat höchstens Relevanz mit Blick auf den nächsten NFL-Draft, aber es ist für Cards-QB Josh Rosen auch eine der dieses Jahr seltenen Chancen, gegen einen „ebenbürtigen“ Gegner zu spielen: Die Raider-Defense ist so zahnlos als würde sie mit einem Plastiksäbel rasseln und Rosen, bislang überwiegend von katastrophalem Play-Calling oder übermannter Offensive Line gehemmt, kann endlich einmal aus einer ruhigen Pocket heraus operieren. Zudem soll der Interims-OC Byron Leftwich schon Verbesserungen im Play-Calling eingeführt haben.

Chargers vs. Broncos klingt gemessen am bisherigen Saisonverlauf nicht wie eine enge Kiste, also liegt es wohl vor allem an mir, dass ich aus Bolts-Sicht bei der Partie ein eher ungutes Gefühl habe. Mir machen die Chargers nicht genug aus ihren Möglichkeiten. Sie lassen zu viele Punkte liegen, sind gegen unterlegene Gegner zu wenig dominant.

Doch der allgemein interessierte Fan wird sich um halb elf sowieso vor allem auf Saints (8-1) vs. Eagles (4-5) konzentrieren. Die Eagles gegen das drohende Ende aller Träume. Die Saints im Kampf um den NFC-Topseed, den man nach dem Sieg vor zwei Wochen gegen Los Angeles in eigener Hand hat.

Auf dem Papier klingt das Duell Brees/Kamara/Thomas gegen die total dezimierte Eagles-Defense wie ein richtig schlechtes Matchup aus Philadelphia-Sicht. Die Eagles vermissen nicht nur Passrusher Barnett schmerzlichm, sondern müssen in der Secondary mit FS McLeod, CB Darby und CB Mills gleich drei wesentliche Starter vorgeben. Für gewöhnlich ist das im Superdome ein Todesurteil.

Philadelphia hat ein gutes Matchup, wenn es in der Offense viel 12-Personnel spielen lässt: Die Eagles spielen ligaweit die meistens Snaps aus 12-Personnel (36% der Snaps) und sind darin eine fulminant starke Pass-Offense. Die Saints sind eher schwach im Verteidigen dieser Aufstellung.

Doch umgekehrt haben die Saints aus fast allen Offensiv-Formationen überragenden Erfolg mit über 60% Pass-SR und über 8 NY/A. Für die Eagles, die besonders gegen 12 und 21-Personnel zu den schlechtesten Defenses der NFL gehören, ist das kein gutes Vorzeichen.

Wentz wird einen Sahnetag brauchen, wollen die Eagles einen Sturz auf 4-6 Bilanz verhindern. Ganz auszuschließen ist so ein Sahnetag gerade gegen die eher wackelige Saints-Defense natürlich nie…

Nachtschicht ab 02h20

  • Chicago Bears – Minnesota Vikings

Und als Nachtschicht das NFC-North Sunday-Night Game Bears (6-3) vs. Vikings (5-3-1). Chicago ist zum ersten Mal seit etlichen Jahren wieder ein ernsthafter Contender in der NFC North – jener Division, in der die Minnesota Vikings in den letzten Jahren den Ton angaben.

Es wird ein Spiel, das über den Luftweg entschieden wird, denn beide Laufspiele sehen sich zu starken Verteidigungen gegenüber:

  • MIN Run-SR: 31%, #32 vs. CHI Def Run-SR: 72%, #1
  • CHI Run-SR: 44%, #6 vs. MIN Def Run-SR: 63%, #9

Dabei täuscht Chicagos hervorragende Success-Rate in der Offense, denn das meiste kommt von QB Trubiskys exzellentem Scrambling im 3rd Down, wo Trubisky 71% Run-Success-Rate hat. Sieh es mal so: Ohne Trubisky sind die Bears im Laufspiel nur die #20.

Beide Defenses in dieser Partie glänzen damit, dass sie ohne Blitzer Druck veranstalten können. Beide bekamen kürzlich prominente Rückkehrer als Pass-Rusher: Bears-DE Khalil Mack und Vikes-DE Everson Griffen. Beide spielen mit zwei tiefen Safetys, und beide Defenses pflegen, erst im letzten Moment ihre Intentionen preis zu geben. Das macht es für die Offenses relativ schwer.

Für Minnesota wird das komplette Fehler der Laufspiel-Komponente bestimmt zu einem Kriterium. Die komplette Offense wird auf den Schultern von QB Cousins liegen, der gemessen an den Umständen eine starke Saison spielt. OffCoord DeFilippo wird vermutlich mit quickem Passspiel versuchen, Cousins aus der Schusslinie zu bringen – schließlich gilt nicht nur Chicagos Passrush als exzellent, sondern auch die Vikes-OL als Schwachpunkt.

Die Vikings können das Spiel aber dann knapp halten, wenn ihre Defense QB Trubisky vor Probleme stellt. Jene Defense wurde in den ersten vier Wochen mehrfach brutal verbrannt – doch seit dem Debakel bei den Rams Ende September ging es aufwärts. Mike Zimmer kommentierte vor kurzem, er habe „einige Dinge“ in der Defense umgestellt. Ich habe mir vorher/nachher Tape angeschaut, doch große schematische Veränderungen sind nicht zu erkennen. Ich würde zu gern wissen, was Zimmer damit meinte – denn was auch immer: Es war erfolgreich. Ist es „Match-Coverage“? Oder ist es letztlich nur heiße Luft und die Vikes-Verteidiger haben ganz einfach über Nacht zur Vorjahresform gefunden?

Für Trubisky wird das Spiel eine Herausforderung. Trubisky hat gute Zahlen und hat die schwächsten Defenses im Schedule förmlich z-e-r-l-e-g-t. Das ist ein gutes Zeichen. Trotzdem bekommt Trubisky bislang kaum „Credit“ für diese Leistungen. Man schreibt eigentlich alles dem Play-Design von Matt Nagy zu, das vor Option-Routes und Motions nur so sprüht und dem QB den Job wesenlich vereinfacht. Das, was die Bears mit Trubisky in Chicago gemacht haben, muss die Blaupause dafür sein, was Jets, Cardinals, Bills und Browns (und Ravens?) in der Offseason mit ihren jungen Franchise-QBs andenken sollten: Gib dem QB Waffen, gib ihm ein Scheme, gibt ihm einen kompetenten Coach!

Doch wie gut Trubisky gegen eine höherklassige Defense sein kann, ist trotz allem nicht klar. Heute Nacht werden wir davon einen Eindruck kriegen.

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10 Kommentare zu “Sonntagsvorschauer – Woche 11

  1. „… zirka Anfang Oktober, dominierten die Schlagzeilen ob QB Andrew Lucks totem Wurfarm die Szenerie.“
    Nun, wo sich herausgestellt hat, dass Lucks Arm wohl ganz ok ist, recyclen sie die Schlagzeile. Wer wäre da besser geeignet als „Alle Jahre wieder“-Brady…?
    „Tom Brady’s arm looks like overcooked fettuccine right now.“ (Mike Tanier)
    QBs sind offenbar immer für Schlagzeilen gut. Nathan Peterman zB. Kann mir jemand erklären, warum die Lions Interesse an ihm haben? Diese Saison: 44 Completions, sieben INTs, ein TD.

  2. Ein work out mit Peterman kostet die Lions erstmal nichts. Und vielleicht wollten die Lions ja auch nur ein paar Daten sammeln, wer weiß schon was bei denen in Petermans Scouting Bericht steht?

    Klar ist, irgend jemand brauchst du als Backup QB. Peterman ist 24 Jahre jung und damit weit billiger als der jetzige Backup Matt Cassel mit seinen 36 Jahren und einem Veteran Minimum Vertrag. Und mehr echtes Potenzial besitzt ein Cassel nun auch nicht 🙂

  3. Ja ein netter PR Gag, mehr nicht. Dank der Rooney Rule müssen NFL Teams Kandidaten von Minderheiten zum Interview einladen. Zwei Fliegen mit einer Klappe usw usw.

    Auf Rookie-QB Lamar Jackson bin ich heute gespannt. Gegen die schlechteste Defense der Liga und zu Hause muss er eigentlich abliefern. Dazu vielleicht der direkte Vergleich zu fast Rentner RG3, dass wird wohl mein Spiel werden.

  4. Pingback: Sonntag live – Woche 11 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. Stimmt es ging beim Football ja noch nie um Raumgewinn 😉
    Was könnte denn noch wichtig sein? Punkte vielleicht? Da sind die Bengals immerhin Vorletzter, nur 0,3 Punkte weniger zugelassen als die Bucs.

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