Los Angeles Rams vs. Kansas City Chiefs Preview

Es gibt US-Medien, die nennen das heutige Monday Night Game das vorgezogene Endspiel. Doch Los Angeles Rams (9-1) vs. Kansas City Chiefs (9-1) ist mehr als das. Es ist die Zukunft der NFL schon heute.

Selten, dass Regular-Season Spiele einen derartigen Hype erfahren wie die heutige Ansetzung. Sie entschädigt für viele mittelmäßige Montagsspiele. Dabei ist noch nichtmal die sportliche Relevanz der beiden Mannschaften mit der besten Saisonbilanz das entscheidende Kriterium, denn Rams und Chiefs spielen nicht in der gleichen Conference – und bei „verfrühten Superbowls“ ist historisch gesehen immer aufzupassen.

Was hingegen unbestritten vom obersten Regal ist: Die Offensive der beiden Mannschaften. Es ist die Creme de la Creme des momentan Entwicklungsstands im Football.

Sean McVay gegen Andy Reid.
Jared Goff gegen Patrick Mahomes.
Todd Gurley gegen Kareem Hunt.
Brandin Cooks gegen Tyreek Hill.
Robert Woods gegen Sammy Watkins.
Gerald Everett gegen Travis Kelce.

McVay und Reid gelten neben San Franciscos Kyle Shanahan als die beiden primären Innovatoren im NFL-Football. McVay ist dabei mit Anfang 30 der junge Wilde, während man beim 59-jährigen Andy Reid nur voller Bewunderung anerkennen muss, dass sich der Mann in so hohem Alter noch immer laufend weiter entwickelt.

Beide Coaches stehen für das Einbauen von College-Offense-Prinzipien, doch sie machen es auf relativ unterschiedliche Art. Beide spielen mit die höchste Rate an Play-Action im Passspiel (Rams mit 37% die #1, Chiefs mit 27% die #5), doch beide haben dafür eine diametral unterschiedliche Herangehensweise: Während Reid seinen QB Mahomes häufig aus Shotgun-Formation spielen lässt, ist Rams-QB Goff fast immer der Grapscher am Arsch des Centers:

Auch in der Personal-Verteilung unterscheiden sich beide Coaches: McVay spielt mit den Rams fast ausschließlich aus 11-Personnel, als mit 1 RB, 1 TE und 3 WR. 95% der Rams-Snaps kommen aus dieser Formation, mit weitem Abstand der höchste Wert der NFL.

Dagegen vertraut Reid viel häufiger auf 12-Personnel mit zwei Tight Ends in der Aufstellung (22% der Snaps) und hat in insgesamt über einem Drittel seiner Spielzüge zwei oder weniger Wide Receiver in der Aufstellung.

Beide Offenses arbeiten extrem viel mit Motions (Bewegung hinter der Anspiellinie): Wenige Mannschaften haben mehr Bewegung an der Anspiellinie als Kansas City und Los Angeles, auch vor dem Snap. Das führt nach dem Snap sehr häufig zu weit offenen Receivern. Der offene Receiver nach dem Snaps ist zum Markenzeichen für beide Offenses geworden.

Wie machen sie das? Täuschungsmanöver und Routenkombinationen. Wer genau hinschaut, wird sehen, dass die Rams-Offense an der Anspiellinie allein nicht wirklich in „Spread-Formation“ steht. Sie stehen alle dicht beieinander an der Anspiellinie. Es ist sozusagen Spread-Personal aus „Bunch-Formation“.

Doch die Offense funktioniert, weil er nachher mit Täuschung und kreativen Routen arbeitet. Keine Defense kann sich anhand des gegnerischen Personals oder deren Aufstellung eine Idee daraus machen, was kommen wird – ganz einfach, weil es vor dem Snap immer gleich aussieht. Doch dann kommt Bewegung ins Spiel, die Routen werden beidseitig nach außen Richtung Seitenlinie designt, mit einem Downfield-Element und einem nach innen crossenden Receiver.

Enge Formationen mit viel Täuschungsmanövern hatte schon die archaische Single-Wing Offense. Doch in Kombination mit den vielschichtigen Routen ist McVay fast 100 Jahre später plötzlich auf einem ganz neuen Niveau angekommen.

Die Chiefs dagegen vertrauen einen Tacken mehr auf den Speed ihrer Receiver und den monströsen Wurfarm von QB Patrick Mahomes. Man mag zwar gar nicht glauben, dass Mahomes die NFL-weit wenigsten Pässe in enge Deckung werfen muss (nur 11% gehen in Deckung von weniger als 1m Abstand zwischen Receiver und Verteidiger), doch wenn Mahomes gezwungen ist, dorthin zu werfen, ist er tödlich.

Letzte Woche schienen die Arizona Cardinals ein Gegengift gegen Mahomes gefunden zu haben, als sie den Chiefs-QB mit viel Blitzing unter Druck setzen konnten. Doch Mahomes fand die Lücken in Gegners Defense häufig genug um dennoch siegreich aus der Partie zu gehen. Und wie er sie fand! Mahomes-Pässe in enge Deckungsfenster sind vielleicht das einzige, was Aaron-Rodgers Pässe in enge Fenster toppen.

Mahomes ist noch kein perfekter QB – wie auch mit nur einer halben Saison Erfahrung? Doch bei den gelegentlichen falschen Reads, die er gegen den Blitz macht, ist Mahomes ein Phänomen der Täuschung für sich: Er kann Safetys nicht bloß mit den Augen manipulieren. Er kann sie mit seiner Wurfhaltung komplett aus dem Konzept bringen. Kein Quarterbacks diesseits von Aaron Rodgers ist dermaßen brillant, aus kruden Haltungen fantastische Pässe anzubringen, die jede Verteidigung auf dem falschen Fuß erwischen.


Doch wie viel Passspiel werden wir heute Nacht überhaupt erleben, nachdem beide Offenses auf eine jeweils eher unterirdische Rushing-Defense treffen. Kansas City hat mit nur 45% Defensive Rushing-Success Rate nicht bloß den schlechtesten Wert der NFL. Es ist der schlechteste Wert der letzten 10 Jahre! Die Rams sind nicht viel besser: Ihre 54% Success-Rate gegen den Lauf sind die #30 der NFL und wären in den letzten Jahren fast immer NFL-Schlusslicht gewesen.

Doch wie aussagekräftig sind solche Werte? Vermutlich nur bedingt, denn Chiefs wie Rams wissen das eine: Ihre Offenses scoren in dermaßen flottem Tempo, dass kein Gegner allein mit Laufspiel mithalten kann. Sie  wissen, dass Gegner früher oder später auf den Pass setzen müssen und setzen somit von Anfang an vor allem darauf, Druck auf den gegnerischen CB auszuüben und mit vielen Cornerbacks am Feld die großen Pass-Plays zu verhindern.

Die Rams bringen mit DT Brockers/Suh/Donald drei massive Defensive Tackles aufs Feld, doch alle drei pfeifen überwiegend auf Laufspiel und ziehen fast immer gen QB. Denn was sind schon 8 kassierte Rushing-Yards gegen einen eingestreuten Sack, oder eine QB-Pressure, die zu einer Interception führen kann?

Ähnlich die Chiefs: Ihre drei wesentlichsten Front-Seven Verteidiger sind DE Justin Houston, DE Dee Ford und DT Chris Jones. Keiner von ihnen steht in Verdacht, sich jemals um gegnerisches Laufspiel gekümmert zu haben (einzig Rookie-DT Nnandi schert sich darum). Doch sie alle sind gigantische Passrusher.


Viele Experten behaupten, der kurzfristige Spielort-Wechsel von Mexico City nach Los Angeles werde den Rams helfen, da sie nun über Heimvorteil verfügen. Ich sehe es anders: Der Wechsel hilft den Chiefs, denn auf bespielbarem Untergrund kommt der unfassbare Speed ihrer Offensiv-Waffen noch besser zum Tragen als im Estadio Azteca, wo der von mexikanischen Ackergäulen zerpflügte Rasen Sprints und schnelle Richtungswechsel doch erheblich erschwert hätte.

Man kann sogar Argumente aufbringen, dass die Chiefs um ihre CBs Fuller und Slot-CB Steve Nelson die verlässlicheren Manndecker haben als die Rams, deren Top-CB Peters seit Wochen in schöner Regelmäßigkeit verbrannt wird. Peters, letztes Jahr noch einer der Interception-Könige in Kansas City, soll völlig verunsichert sein.

Es ist natürlich nicht „egal“, wer heute gewinnt – denn dafür ist der Top-Seed in AFC und NFC zu wichtig und noch immer zu sehr umkämpft. Doch die Partie ist wichtiger unter dem Gesichtspunkt der schematischen offensiven Innovation als unter rein ergebnistechnischer Sicht.

Es muss uns auch bewusst sein, dass der Hype, der diese Begegnung umgibt dazu führt, dass sie die Erwartungen unmöglich erfüllen kann. Und trotzdem: Es ist die Partie, die seit mindestens sechs Wochen ganz fett im Kalender angekreuzt ist. Heute Nacht hat das Warten ein Ende.

14 Kommentare zu “Los Angeles Rams vs. Kansas City Chiefs Preview

  1. Hoffentlich ist das nicht die Zukunft des Football’s in der NFL, wenn ich Defense freien Football schauen will, dann schaue ich BIG12.

  2. BIG12 ist doch Quatsch, die Regeln mögen Richtung Offense gegangen sein aber hauptsächlich ändert sich aktuell die Denke bei den Offense Coaches. Jahrelang haben sie geschlafen und sich dagegen GEWEHRT die Möglichkeiten zu nutzen, sie schon lange da sind.

    Niemand hätte den Off.Coords. verboten, endlich im 1st Down das elendige Running Game aufzugeben, aber sie haben sich nicht darum geschert. Niemand hindert die Off.Coords. daran, endlich College Prinzipien mehr einzusetzen, die sich seit vielen Jahren bewährt haben.

    Jetzt scheinen wir endlich im modernen Zeitalter angekommen zu sein. Aber nur in der Offense. Sie dominiert.

    Die Defense, die nicht nachgezogen hat, weil sie bisher nicht nachziehen musste, wird auch hier GEgenmittel finden, so wie sie IMMER Gegenmittel gefunden hat.

    Single Wing Offense? Längst ausgestorben, weil man weiß wie man sie verteidigt.
    I Formation Option Offense? Durchschaut und nur mehr mit superioren Athletes durchsetzbar.
    West Coast Offense? Teilweise entzaubert, als der Zone Blitz kam.
    Read Option? Haben gelernt wie man dagegen spielt.

    Jetzt eben die neuen Ideen, aber die Defenses werden nachziehen. Jede Wette.

    Gruß
    Karl (ein anderer als der gestern 🙂 )

  3. Krass,
    trotzdem wundert mich wie lange die D Coords anscheinend brauchen sich drauf einzustellen.
    Schon weit über die Hälfte der Saison ist gespielt und die D’s sind machtlos ..
    Ob das Gleichgewicht der Macht wieder herzustellen sie vermögen, gespannt ich bin junge Defense Padawane

  4. Ich weiß nicht, ob die Defense wirklich so einfach darauf reagieren kann…
    Und: wenn die Defense reagiert, dann heißt das nicht, dass die achtungsvoll runter gehen, sondern, dass die turnover rate hoch geht und die Sack rate. Auf kosten der run Defense.
    In der bog 12 gibt es ja auch nur begrenzte Lösungen auf der Defense Seite- dass hat ja nichts damit zu tun, dass die defcords da alle Matsch in der Birne haben…

    TCU mit seiner Palms coverage und Alabama (Saban hat schon vor 20 Jahren Pattern Match gespielt…) bieten Ansätze – blöd sind die nicht so einfach auf das pro Level zu übertragen: Alabama hat fast grundsätzlich bessere atlethen als der Rest (zumindest als die meisten) das bekommst du in der nfl nicht hin.
    Im College reicht es, wenn kein Receiver wirklich frei ist, in der nfl sind viel kleinere Fenster für den Erfolg ausreichend. Regelunterschiede: im College darf die Defense wesentlich mehr Kontakt ausüben, was hilft das Timings zu zerstören…
    Nein , ich glaube nicht, dass so schnell eine Antwort kommen wird.

  5. Sabans Defense sieht auch nur so gut aus weil sie nicht jede Woche gegen BIG12 offenses spielen muss. Die sind halt alle zu konservativ und haben keine Eier. Lieber salbungsvoll 30 mal gegen Alabamas Defensive Front laufen und 1,3yds/carry holen.

    es war halt schon immer unlogisch das bestimmte Dinge nicht funktionieren, nur weil die Athleten alle besser sind. Die QBs können ja auch genauer werfen.

  6. Ich glaube da ist was falsch verstanden worden.

    Sabans Defense sieht sicherlich gegen big12 Teams auch nicht mehr so dominant aus- aber saban ist einer der Vorreiter, was spread Defense angeht. Vom Shenyang her hat er antworten auf die Wege der offense gefunden. Nicht umsonst sind seine Rip/liz coverage und seine cover7 über all im College Football übernommen worden. Und viele Ideen davon lehrt er schon seit Jahrzehnten…

    Und dennoch glaube ich, dass die Ideen =>Match coverage, pattern read nur bedingt in die nfl übertragbar sind. Eben weil die qbs besser sind und auch in tighter coverage den Ball an den mann bringen.
    Wenn im College jeder Receiver einigermaßen gedeckt ist, wenn die einfachen Würfe wegfallen und man den Gegner zwingt etwas zu tun, das außerhalb der Comford Zone ist, hat man eine gute Chance auf Erfolg. Gegen drei Brees reicht das aber eben nicht.

    Allerdings sind die pattern read coverages auch in der nfl schon weit verbreitet- die wenigsten spielen reine Zone coverage.

  7. @Andreas: Geirrt. Spiel des Jahres.
    Und ein Spiel wie eine Blaupause dessen, wie die Big 12 seit Jahren funktioniert: Feuerwerk an Offense, Defense mit viel Druck und gelegentlichen Big-Plays, die Spielstände über den Haufen werfen.

    Die Chiefs sind ein Monster: 5 Turnovers und 135 Yards Raumstrafen und trotzdem 51 Punkte gemacht. Los Angeles kann sich sehr glücklich schätzen die Partie gewonnen zu haben. Bzw. sich sehr glücklich schätzen, Aaron Donald zu haben.

    Und: Andy Reid lässt im 4th Down von der 2 kicken und wird bestraft.

    Re: Defenses
    Es wird natürlich seine Zeit dauern, bis sie nachgezogen haben – zumal die Offenses noch lange nicht alles Potenzial ausgeschöpft haben. Sie sind nach wie vor in vielen Situationen zu konservativ, laufen noch immer zu viel in 1st und 2nd Downs, spielen noch immer nicht ausreichend 4th Downs aus – und generell ist mindestens ein Drittel der Liga noch in der Vergangenheit.

    Der Offensiv-Breakout war längst überfällig. Ich habe jahrelang darüber geschrieben, wie viele Ineffizienzen es gibt ohne dass sich die NFL-Teams darum scherten. Weil sie die Zahlen nicht angeschaut haben. Jetzt schauen sie sich die Zahlen an – zumindest einige.

    Doch natürlich werden Lösungen kommen, um dem Treiben Einhalt zu gebieten. Schon allein deshalb, weil aus Gründen des Gleichgewichts irgendwann auch wieder mehr Top-Athleten in die Defense gestellt werden.

  8. Vielleicht kann mir einer von Euch Experten helfen: Erster Spielzug zweites Viertel. Pass von Goff incomplete. Refs sagen Passinterference. Andy Reid challenged, ein D-liner hätte den Pass abgefälscht. Daraufhin nehmen die Refs den PI-call zurück.
    War die Argumentation, dass der Pass eh unfangbar gewesen wäre? Sehr seltsam, weil der Pass ja zu kurz war. Ohne die Berührung hätte er vielleicht genau gepasst, dann wäre es in meinen Augen aber erst Recht eine PI gewesen. Ich blicks grad nicht…

  9. Der Grund ist simpel: Das Abfälschen kann vielfältig zustande kommen, z.B. auch im Backfield, kurz vor dem Receiver. Um nicht zu einer reinen Auslegungssache zu verkommen, wo denn nun genau bzw. ob denn absichtlich oder nicht die Abfälschung passierte, bleibt kein anderer Weg als dieser.

    Damit löst dann halt Spielglück oder Spielpech die Situation. Sie ist aber immerhin eindeutig und objektiv zu bewerten.

  10. Danke für die Aufklärung. Bei Regeln sind manchmal überraschende Sachen dabei. Wie, dass die Uhr weiterläuft, wenn der Ballträger ins Aus geht, dabei aber Yards verliert. Ungewöhnlich, aber immer wieder interessant.

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