Ausgepackert: Mike McCarthy in Green Bay entlassen

Gestern noch sorglos zur Diskussion gestellt – heute schon passiert: Die Green Bay Packers haben Mike McCarthy gefeuert.

Das ist einerseits logische Konsequenz der sportlichen Talfahrt (4-7-1 Bilanz nach 12 Spielen) dieser als Titelkandidaten gestarteten Mannschaft, kommt aber andererseits auch überraschend. Zumindest zu diesem Zeitpunkt in der laufenden Saison.

Ganz klar: Mit einem Verbleib Mike McCarthys über die Saison 2018/19 hinaus konnte man schon lange nicht mehr rechnen. Doch die Green Bay Packers sind das einzige von Shareholdern gehaltene Team der NFL – der einzige Verein sozusagen – und womöglich somit die einzige Mannschaft, der man hätte zutrauen können, dass sie einen verdienten Coach wie McCarthy, der immerhin eine Superbowl mit den Packers gewann, zumindest die Saison zu Ende coachen lässt. Zumal mit Joe Philbin auch kein logischer langfristiger Nachfolger im Team wartet.

Falsch gedacht. McCarthys Beurlaubung wurde von CEO Mark Murphy und dem neuen GM Brian Gutekunst wie folgt begründet und liest sich 1:1 wie jede x-beliebige Franchise und Trainerentlassung:

Mangelhafte Entwicklung der Offense. War klar – die Packers waren in der Vergangenheit stecken geblieben.

Diese Vergangenheit war teilweise grandios. Die Packers-Offense um 2009-2011 herum gehörte zu den bedeutendsten der NFL. Sie war designt nach dem Motto „mehr Protection kriegst du durch weniger Blocker“, sprich „durch mehr Anspielstationen“. Green Bay spielte häufig mit 4WR-Formationen und Aaron Rodgers wurde innerhalb von drei Jahren zum absoluten Superstar in der NFL. Das führte zu einem monströsen Superbowl-Run und ein Jahr später um ein Haar zu einer Perfect-Season.

Mit McCarthy hatte ich schon länger meine Probleme, doch diese hatten sich auf das zumeist abgrundtief konservative Play-Calling beschränkt, das die Packers zumindest eine zweite Chance auf die Superbowl (2014/15 im epischen NFC-Finale in Seattle) gekostet hatte.

McCarthy war in seiner Amtszeit stets ein Coach Marke „schreckliches Timeout-Management“, „keinen Tau, wenn man Challenges wirft“, „mäßiges in-Game Adjustment“ und auch kein guter Clock-Manager. Die Probleme waren lange bekannt. Sie blieben immer gleich. Hoffnung auf Änderung auf diesen entscheidenden Gebieten? Gleich null.

Doch eines hatte ich McCarthy immer zugutegehalten: Sein Offensiv-Design. Noch in der Saisonsvorschau hatte ich McCarthys Play-Design als „brillant“ gehuldigt – eine eklatante Fehleinschätzung, wie man nach 12 Spielen konstatieren muss.

Schon länger war offensichtlich gewesen, dass sich McCarthy nur noch dank der Genialität seines Quarterbacks Aaron Rodgers auf dem Sessel halten konnte – doch noch vor drei Monaten hatte ich geglaubt, dass McCarthys Play-Design zumindest perfekt auf Rodgers‘ Stärken angepasst ist.

Doch das war nur früher so gewesen. Nicht mehr in 2018, wo Offenses in Los Angeles oder Kansas City mit ähnlich oder weniger talentierten Quarterbacks für Furore sorgen. Und so wird das McCarthy zum Strick.

Wer kommt jetzt?

Der frühe Zeitpunkt der Entlassung zeigt auch: Die Packers wollen die Zeit bis Saisonende bestmöglich nutzen um den idealen McCarthy-Nachfolger zu finden. Jeder will im Jahr 2018 „seinen“ Sean McVay – doch das ist keine so einfache Aufgabe, wie heuer nicht zuletzt die Tennessee Titans erleben müssen, die sich auch so einen McVay-Zögling wie Matt LaFleur als Offensive Coordinator geholt hatten und damit in helle Flammen aufzugehen scheinen.

Der neue Packers-Coach wird natürlich ein offensiv denkender Coach sein – wie auch anders bei dieser Franchise, die sich seit vielen Jahrzehnten vor allem über Quarterbacks und Offense definiert? Wie auch anders in einem Team mit Aaron Rodgers, dem sensationellsten QB unserer Zeit, der aber in den letzten Jahren auch zeigte, dass ein famoser QB allein ohne eine entsprechende Scheme-Evolution aufgeschmissen ist.

Der neue Coach muss neue Offense-Prinzipien wie Motions oder Sweeps aufnehmen. Er muss eine Offense zu designen imstande sein, die Receiver wieder per Design offen kriegt anstelle das McCarthy-System „WR-Route schlägt CB-Route im 1-vs-1“. Er muss aber auch mit dem Ego eines Aaron Rodgers umgehen können, der sich in den letzten Jahren nicht mehr viel sagen zu lassen schien und mit 35 vermutlich eher bockiger als offener für Veränderungen wird.

Wäre McDaniels eine Option? Ein bis zum Gebrechen arroganter Typ, der sich aus dem Schatten von Belichick coachen könnte? Oder traut man sich einen Jungspund wie Zac Taylor zu, Rams-QB Coach, der nicht älter ist als Rodgers? Oder Kliff Kingsbury, gerade bei Texas Tech gefeuert und einer der Favoriten auf einen Posten in der NFL?

Und was macht der Mike?

Interessant wird auch sein, was mit McCarthy abgeht. Wird er noch einmal Headcoach-Anfragen bekommen? Hat er überhaupt Lust darauf? Und wenn ja, welche Kriterien qualifizieren ihn noch einmal als Chefcoach?

Die McCarthy-Situation wird oft mit Andy Reid Ende 2012 in Philadelphia vergleichen: Langjähriger, verdienter Coach verlässt den Club, weil alle sehen können, dass er sich abgenutzt hat. Reid fand sofort danach in Kansas City wieder Erfolg. Reid wie McCarthy haben gewaltige Flauseln im In-Game Management.

Doch der Vergleich mit Reid hinkt, denn Reid war auch in seinen erfolgloseren Jahren stets ein Coach, der mit der Zeit ging bzw. der „die Zeit verkörperte“. Denn Reid war immer ein Innovator. McCarthy erneuerte in den letzten 5 Jahren nichts mehr.

Cleveland wird oft als möglicher neuer Arbeitsplatz für McCarthy genannt, weil McCarthy eine Connection zum Browns-GM John Dorsey hat (aus alten Packers-Zeiten). Doch wäre das wirklich eine so gute Idee? Müsste McCarthy dann nicht einen modernen OffCoord anheuern und ihm das Playcalling überlassen und sich selbst vor allem um Organisation und die Entwicklung vom jungen QB Baker Mayfield kümmern?

Ich bin auf alle Fälle gespannt – darauf, wen die Packers ins Auge fassen und darauf, wohin der Weg von Mike McCarthy führt.

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7 Kommentare zu “Ausgepackert: Mike McCarthy in Green Bay entlassen

  1. Nur mal die Frage in die Runde geworfen: Was ist, wenn das Problem nicht McCarthy, sondern Aaron Rodgers ist? Er scheint sich in den letzten Jahren zurück entwickelt zu haben (von einem zugegeben hohen Standard) und seine Meinungsverschiedenheiten mit McCarthy sind vielfach dokumentiert.

    Was, wenn Rodgers bewusst McCarthys Coaching boykottiert oder sogar sabotiert hat? Seine vielen Bad Habits sind bekannt und seine Audibles an der LOS sollen auch nicht immer im Sinne des Erfinders (mcCarthy) gewesen sein…

  2. Das Rodgers MM nicht mehr mochte ist kein Geheimnis, also durchaus möglich.

    Mal ein paar Kandidaten die mir in einfallen, ohne Realismus.
    1)Kitchens von den Browns, wenig Erfahrung aber mit guter Offense
    2)John Harbaugh, wenn er bei den Ravens geht. Ist allerdings kein Offense Coach
    3)Chip Kelly und Hue Jackson sind wohl keine Option für GB, auch weil sie wohl anderswo untergekommen sind
    4)McDaniels ist als HC gescheitert und hat sich in letzter Sekunde vom HC Job zurückgezogen, würde ich nicht über den Weg trauen.
    So viel Option mit Nfl-Erfahrung gibt es nicht, also wäre der Weg mit Risiko einen Coach eine Ebene zu tiefer zu holen.
    So oder so ist das Team mit Rodgers Boom-or-bust, in 5 Jahren bekommt man max. an 2 Coaches.

  3. Ich sehe die Schuld auch nicht allein bei McCarthy. Auch wenn er zweifelsfrei kein guter Ingame Coach ist und sich eventuell etwas abgenutzt hat, so hat Rodgers aus meiner Sicht sehr wohl einen Anteil an der Entwicklung der letzten Jahre.
    Rodgers hat ein riesen Ego, dass aber durch seine gewinnende Art nicht so auffällt. Er hat sich seit 2014 verändert und abseits des Platzes wohl auch Probleme (Konflikte mit der Familie und, phasenweise keinen Kontakt zu ihnen usw.)
    Peter King hat vor einigen Wochen die Gameplanerstellung von Brees & Payton beschrieben, die auf Augenhöhe passiert. McCarty wird ebenso als Coach beschrieben der eigentlich alles im Einvernehmen mit seinem QB plant.
    Man mag es durch den alles überstrahlenden Heiligenschein des Herrn Rodgers nicht sehen aber er hat einen nicht so kleinen Anteil an der Entlassung McCarthys. Vermutlich wird er sich jetzt unter einem neuen Headcoach wieder mehr aufs wesentliche Besinnen und McCarthy am Ende als der Schuldige dastehen. Aus meiner Sicht ist es aber zu billig, die Fehlentwicklung nicht an beiden festzumachen.

  4. Was ist von Sooners-HC Lincoln Riley als Kandidat zu halten? Ist das mehr Wunschdenken von gewissen Pundits oder doch möglich?
    Riley hat offenbar bis dato noch nie in der NFL gearbeitet.

    Charme hätte ein „un-retire-erter“ Bruce Arians – zumindest hätte der wohl genug Autorität Rodgers zu handlen. Damit könnte man vermutlich auch am schnellsten in „win-now“ gehen. Aber das wäre wohl max. ein 2-3 Jahre Engagement.

    Eine Philbin-Promotion halte ich momentan für unrealistisch aber schau mer mal was die nächsten 4 Spiele bringen.

  5. Auch Bewegung im Coaching Karussell:
    In Carolina bleibt DC Eric Washington de nomine zwar dc, defacto wird er aber zum Dline Coach degradiert. Dline Coach und secondary Coach sind geflogen. Rivera wird nun selbst das Defense playcalling übernehmen.
    Klingt nicht nach soviel, für Carolinas Verhältnisse aber ein Erdbeben.

    Mir hat die Defense nach Augenschein bisher überhaupt nicht gefallen – dass da alles nach sehr softer Zone coverage aus….

  6. @euterpe
    Chip Kelly ging auch ohne NFL Erfahrung in selbige und direkt als HC.
    Möglich ist also, nur ob es ein Erfolg wird weiß man nicht.

    Arians hat sich bei Cleveland ins Spiel gebracht. Ob er nur an dem Team Interesse hat weiß ich nicht.

  7. Frage nach dem Schuldigen, Rodgers oder McCarthy, ist für mich ein Stück weit wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Sicherlich sind beide nicht unschuldig an der Entwicklung der Packers in den letzten Jahren, aber von außer ist es eigentlich nicht seriös zu beantworten was zuerst da war. Hat Rodgers in den letzten Jahren abgebaut weil er vom Scheme und dem Playcalling frustriert war? Hatte McCarthy überhaupt eine Chance selbst zu gestalten oder hat Rodgers das aus egoistischen Gründen sabotiert? Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen und vermutlich fühlen sie sich beide im Moment als Opfer.
    Was für Rodgers (und für uns Fans) wichtig sein wird, ist dass er seine Motivation und den Spaß wiederfindet. Natürlich ist es schwierig beides hochzuhalten wenn man nicht besonders erfolgreich ist, aber dennoch lassen Aussagen von ihm wie „Keine ahnung, ich bin hier nur der Quarterback“ auf Fragen nach dem Playcalling sehr tief blicken.

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