Akademische Viertelstunde – Championship Wochenende 2018

Das Championship-Wochenende hat viel versprochen – und viel geliefert.


SEC-Finale: #1 Alabama 35, #4 Georgia 28. Ein großartiges Spiel, das viele Emotionen weckte und am Ende entscheidenden Einfluss auf das Playoff-Feld hatte und vielleicht noch haben wird.

Die Story des Spiels schrieb dabei natürlich Alabamas Backup-QB Jalen Hurts, erst im Jänner im National Championship gegen just Georgia zur Halbzeit gebencht und durch Nachfolger Tua Tagovailoa ersetzt. Jener Tua hatte damals für die Wende gesorgt und den Landesmeistertitel geholt.

Jetzt das nächste große Titel-Spiel von Alabama gegen Georgia – und diesmal wiederholte sich Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen: Tagovailoa, mittlerweile längst Starter, kränkelte verletzungsbedingt durch die Partie und brachte mehr oder minder nichts zustande (u.a. 10/25 Completions und 2 INT), ehe er in der zweiten Halbzeit mit kaputtem Knöchel runtermusste.

Auftritt Hurts – im September von Tagovailoa auf die Bank verdrängt, doch Hurts entschied sich damals, lieber Backup in Alabama zu bleiben als dem allgemeinen Trend zu folgen und einen sofortigen Teamwechsel einzuleiten. Hurts kam rein – und lieferte: Zwei TD-Drives gegen Spielende, inklusive eines starken TD-Passes und des entscheidenden TD-Scrambles zum 35-28 eine Minute vor Schluss.

So war Hurts am Ende der Hero – gepriesen auch von Chefcoach Saban, der seine tränenerstickte Stimme kaum zurückhalten konnte. Hurts erntete viele Lorbeeren von wegen „ein wahrer Teamkamerad“. Inwieweit Hurts von seiner „selbstlosen“ Entscheidung, lieber in Alabama auf der Bank zu sitzen als anderswo in den nächsten zwei Jahren zu starten, in Zukunft spielerisch profitieren wird, sei mal dahingestellt.

Er ist auf alle Fälle ein besserer Werfer als vor einem Jahr. Und so wie sich Hurts nach dem Spiel verhielt, ist es für mich zumindest vorstellbar, dass Hurts immer zufrieden durch das Leben gehen wird. Egal, ob er den Durchbruch als Footballprofi schafft oder nicht. Hurts schien mit sich selbst im Reinen zu sein. Das kann man bewundern. Man kann es sogar beneiden.

Wie Hurts und Tagovailoa sich im Nachgang herzten, hatte auch was Warmes in der ansonsten oft kalten Erfolgsmaschine Alabama, die in der fünften Playoffausgabe nun zum fünften Mal um den Titel mitspielen darf – ob mit oder ohne Tagovailoa, wird sich zeigen. Die ersten Indikationen von wegen „high ankle sprain“ (Sprunggelenksverletzung) sind schwer zu deuten, denn Sprunggelenk kann vieles bedeuten. Fakt ist aber, dass für mit dieser Verletzung deklarierte Spieler in der Vergangenheit oft mehrere Wochen bis zu einer vollständigen Ausheilung vergingen.

Gegner Georgia verpasste dagegen wie schon im unvergesslichen Herzschlagfinale 2012 und in oben angesprochenen Finale 2018 den KO-Punch und musste sich erneut Alabama geschlagen geben. Man denkt bei „Alabama vs. Georgia“ nicht an die größten Rivalries im College Football – aber diese beiden haben in den letzten sechs Jahren drei ewige Klassiker geliefert, und wenn drei Plays anders laufen, steht Alabama heute mit 3 anstatt 5 Saban-Landesmeisterschaften da, und Georgia mit womöglich zwei oder bald drei.

Georgia verpasste auch am Samstag zig Chancen: Das Fieldgoal aus nur 30 Yards, das der Kultkicker Blankenship sonst im Schlaf versenkt, das diesmal knapp daneben segelte.

Der Fumble von Alabamas RB Josh Jacobs, nur um Haaresbreite zum Bama-TD recovert, bevor er wenige Augenblicke danach von Georgia aufgenommen wurde.

Dann die verpasste Chance, das 4th&1 auszuspielen, gefolgt von dem bizarren, und vermasselten 4th&11 Punt-Fake kurz vor dem Sieg-TD Alabamas im Schlussviertel.

Georgia hatte bereits mit 21-7 und später 28-14 geführt. Es hatte zwischenzeitlich eine 95%ige Siegchance. Und guckte am Ende wieder durch die Röhre. Ist es ein Trost, dass der Durchbruch von Kirby Smarts angehendem Giganten kurz bevorsteht und irgendwann kommen muss? Oder verursacht es schlicht Bauchschmerzen, dass man schon wieder so kurz vor dem Ziel scheiterte?


Big 12 Finale: #5 Oklahoma 39, #14 Texas 27. Anstelle von Georgia qualifizierte sich somit am Ende der Big-12 Champion Oklahoma für das Playoff. Die Sooners glänzten dabei mit einer insgesamt runden Vorstellung im Big-12 Finale gegen Erzfeind Texas, gegen den man im Oktober noch knapp verloren hatte.

Die potente Oklahoma-Offense konnte dabei diesmal auf unerwartete Hilfe bauen: Seine Defense! Diese war natürlich nicht überwältigend, aber sie hielt Texas über weite Strecken in der ersten und dann erneut über weite Strecken im letzten Viertel punktlos – und forcierte beim Stand von 30-27 gar den vorentscheidenden Safety, einem verzögerten Blitz, der Texas-QB Sam Ehlinger komplett überraschte und aus den Socken schmiss, für das 32-27 und Ballbesitzwechsel sorgte.

Texas hatte diesmal nicht das Glück einer +3 Turnover-Bilanz, die den Longhorns im Oktober den Sieg über Oklahoma gerettet hatte. Diesmal verschenkten beide Offenses je einmal den Ball, und Texas hatte weniger Yards, weniger Yards/Play und mehr als doppelt so viele Yards Raumstrafen.

Kurzum: Es war eine relativ dominante Vorstellung von Oklahoma, die sich letztlich spät, aber doch noch, auch auf dem Endstand in Punkten wiederspiegelte.

Die Entscheidung

Nach diesen beiden Krachern fegten in der Nacht auf Sonntag noch die #2 Clemson Tigers (42-10 über Pitt) sowie etwas wackeliger die #6 Ohio State Buckeyes (45-21 Sieg über Northwestern) zu Titelgewinnen in ihren jeweiligen Conferences ACC und Big Ten.

Clemson war damit als dritter Teilnehmer nach Notre Dame und Alabama gesetzt. Die entscheidenden Abwägungen spielten sich am Sonntag nur noch um das an #4 gerankte Team ab:

  • Oklahoma mit 12-1 Bilanz und Big-12 Titel
  • Ohio State mit 12-1 Bilanz und Big-Ten Titel
  • Georgia mit 11-2 Bilanz, aber ohne Conference-Titel

Ohio State hatte den besten Sieg der Saison vorzuweisen (63-39 über Michigan), aber auch die derbste Niederlage (20-49 bei Purdue). Oklahoma hatte die beste Offense des Landes, aber eine weit unterdurchschnittliche Defense. Und Georgia sahen alle als bestes Team in diesem Trio.

Bloß: Das beste Team zu sein, zählt in der aktuellen Playoffstruktur nicht, zumindest nicht allein. So wie auch der beste Record nicht zählt – ansonsten wäre der ungeschlagene Mid-Major UCF (13-0) ein Fixstarter. Es zählt eine Kombination aus starker Mannschaft und starker Leistungsbilanz.

Und dort hätte ich immer und ohne Bedenken Oklahoma gezogen, da Georgia mit seiner Bilanz und als Team, das mit 20 Punkten gegen LSU verlor sowie gegen einen Backup-QB das SEC-Finale herschenkte, ohne Titelgewinn und mit einer Niederlage mehr auf dem Buckel schlicht nicht gegen die höher beehrten Sooners und Buckeyes ankommen.

Und: Für Georgia, bereits mit einer Niederlage versehen, hatte das SEC-Finale „Play-in“ Charakter. Sie verloren es. Warum also überhaupt noch darüber diskutieren? Für mich hatte Georgia von Anfang an in der Diskussion keine Aktien mehr.

Doch so schlecht sieht Georgias Bilanz am Ende nicht aus, wenn wir ESPNs FPI (Football Power Index, Qualität der Mannschaft), SOR (Strength of Record, Qualität des Records) und Game-Control (insgesamte Dominanz) miteinander vergleichen:

  • Georgia: #3 FPI, #5 SOR, #2 Game-Control
  • Oklahoma: #6 FPI, #6 SOR, #7 Game-Control
  • Ohio State: #5 FPI, #4 SOR, #16 Game-Control

Demnach war das “beste” Team in diesem Trio Georgia, das „verdienteste“ Ohio State – aber Oklahoma war der insgesamt beste Mittelweg, wenn wir den Record und den Conference-Titel berücksichtigen. Oklahoma ist damit auch das erst zweite Team nach Ohio State 2014, das nicht als Top-4 Team im SOR für die Playoffs ausgewählt wurde.

Ich finde Oklahoma subjektiv nach wie vor die sinnvollste und beste Wahl, weil die Ergebnisse am Ende zählen müssen. Das beste Team zu sein, ist nett. Aber das entscheidende Spiel zu verlieren, muss einen Wert haben. Ansonsten können wir die Ergebnisse im Football nach Yards/Play, EPA und Success-Rate messen und auf das Score-Sheet gänzlich verzichten.

So haben wir nun folgende Playoffsituation:

  • Sa 29.12. 22h – Cotton Bowl: #2 Clemson – #3 Notre Dame
  • Sa/So 29./30.12. 02h – Orange Bowl: #1 Alabama – #4 Oklahoma
  • Mo/Di 07./08.01. 02h – National Title Game: Sieger Halbfinals

Beide Semifinals sind für Las Vegas eindeutige Geschichten: Clemson geht als Favorit mit 11.5 Punkten ins Spiel, Alabama sogar mit 14 Punkten. Die nette Nebengeschichte ist dabei das mutmaßliche Duell der beiden Heisman-Favoriten Tagovailoa (sofern fit) und Kyler Murray, dem phänomenalen Oklahoma-QB, der nach der Uni einer Baseballkarriere anstrebt.

Die Heisman-Trophy wird leider schon am Samstag vergeben. Es wäre spektakulärer, wenn man sie Ende Dezember an den Seitenrand des Dolphins-Stadions in Miami stellen würde und nachher als MVP-Preis vergibt.

Und UCF?

Schaut am Ende erneut verdattert von außen zu. Die Knights erspielten sich zum zweiten Mal in Folge eine Perfect-Season, gewannen ein munteres AAC-Finale gegen Memphis mit 56-41, obwohl ihr prägender QB McKenzie Milton nach horrender Beinverletzung nur vom Krankenhaus aus zusehen konnte.

Doch Backup D.J. Mack lieferte eine spektakuläre Partie ab. Mack, dessen Passing-Qualitäten vor dem Spiel zur Diskussion gestanden hatten, war ein veritables „Double-Thread“ und drehte den Spieß für UCF, das sich zu Beginn von von zahlreichen langen Läufen verarschen lassen hatte.

Ich kann alle Rufe nach UCF verstehen. Ich hätte sie eigentlich auch gerne in den Playoffs gesehen, auf das Risiko hin, dass sie mit 50-7 von Alabama abgeschossen werden. Dass UCF nach zwei ungeschlagenen Jahren hintereinander noch immer keine Playoff-Diskussion wert ist, zeigt einmal mehr, dass das System schlicht nicht dafür designt ist, Mid-Majors ernsthaft zuzulassen.

Doch auf der anderen Seite: Es sind nur vier Plätze. Und UCF war weder überaus dominant (#23 nach FPI), noch überragend qualitativ unterwegs (selbst wenn wir die letzten beiden Jahre zusammenzählen, kommt UCF nur auf #5 oder #6 im SOR). Wenn wir uns anschauen, wie gut die Top-Conferences im Schnitt sind, sehen wir einen deutlichen Abfall nach den Power-Conferences (durchschnittlicher FPI pro Conference):

  • SEC 12.4
  • Big 12 8.2
  • Big Ten 7.6
  • Pac-12 6.6
  • ACC 6.1
  • American -4.3
  • MWC -4.9
  • MAC -8.3
  • Sun Belt -10.7

Die „Power-5“ sind also nicht umsonst die Power-5, und die „Other 5“ sind nicht umsonst die Other 5. UCF ist qualitativ nicht „Boise 2010 oder 2011“, das in ungeschlagenem Zustand ein Argument für eine Playoff-Einladung gehabt hätte (Boise verlor in beiden Jahren ein Freakspiel).

Doch UCF würde vielleicht als Argument für eine Ausweitung auf die Playoffs auf acht Mannschaften taugen. In einem Format mit den Top-8 wäre es wesentlich einfacher, einen solchen ungeschlagenen Mid-Major ins Halbfinale zu argumentieren. Persönlich sehe ich eine Ausweitung als eher skeptisch – aber sie wird kommen, und wir können uns darüber unterhalten, wenn es soweit ist.

UCF bleibt der Trostpreis einer Neujahrsbowl. Diese sind wie folgt angesetzt:

  • Sa 29.12. 18h – Peach Bowl: #7 Michigan – #10 Florida
  • Di 01.01. 19h – Fiesta Bowl: #8 UCF – #11 LSU
  • Di 01.01. 23h – Rose Bowl: #6 Ohio State – #9 Washington
  • Di/Mi 01./02.01. 02h45 – Sugar Bowl: #5 Georgia – #15 Texas

UCF gegen LSU: Die Chance für die UCF-Offense, sich gegen die knackige LSU-Defense zu beweisen. Die anderen Ansetzungen sind eher mau. Die Peach-Bowl Ansetzung mit Michigan vs. Florida braucht kein Schwein, die Sugar Bowl droht, ein Blowout zu werden (zumindest wenn Georgia durchzieht) und Ohio State gegen Washington in der Rose Bowl? Naja – eben Trostpreis für beide.

Abgang einer Legende

Das Trainerkarussell durchzuackern, bleibt vielleicht ein andermal Zeit. Eine wichtige Personalie vom letzten Wochenende ist aber doch der Rücktritt von Kansas-State Headcoach Bill Snyder, der 79-jährig in den Ruhestand ging.

Über Snyder hatte die Kollegin Sabine schon einmal etwas tiefergehend auf diesem Blog geschrieben. Er gilt in einigen Fachkreisen als „Coach des Jahrhunderts“, weil er ein völlig hoffnungsloses K-State Programm Ende der 1980er zu einem BCS-Contender hochgezogen und u.a. 1998 kurz vor der Qualifikation für das BCS-Championship Game gestanden hatte.

Snyder war 2006 schon einmal zurückgetreten, entschloss sich dann aber noch einmal zum Comeback, weil sein Nachfolger die K-State Wildcats in Grund und Boden zu coachen drohte. Snyder hatte vor wenigen Jahren mit QB Collin Klein an der Spitze noch einmal einen BCS-würdigen Titelkandidaten unter seinen Fittichen – scheiterte aber erneut knapp.

Snyder war nicht perfekt. Aber seine Art, das kleinen Kansas State mit neuen Ideen so weit nach oben zu bringen und seine Art, Football aus einer völlig anderen Zeit spielen zu lassen, weil er keine andere Chance hatte, machten ihn einzigartig. Snyders Nachfolger wird in große Fußstapfen treten.

11 Kommentare zu “Akademische Viertelstunde – Championship Wochenende 2018

  1. habe nochmals nachgesehen:

    Die beiden Halbfinals kamen sowohl auf Sport1US als auch Sport1. Das National Championship Game hatten beide Sport1-Kanäle als auch DAZN.

    Wir hatten also in gewisser Weise beide Recht 🙂

  2. Ich hoffe, es kommt auf DAZN. Sport1 US wird zum 01.01. aufgelöst. Inhalte sollen zu Sport1 Plus wandern.

  3. laut DAZN kommt College Football im Dezember aber es ist ungewiss welches Spiel/Spiele gezeigt werden.

  4. Sport 1 macht aus Sport 1 US einen Esport Sender,eine Schande das dieser Sender nicht überlebensfähig war ist klar aber aus einen Esport Mist zu machen ist schon mies.

  5. Pingback: Joe Burrow und seine Heisman-Komparsen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.