Samstagsrundschau: Heisman-Trophy und Urban Meyer

Heute wird nicht nur Army vs. Navy ausgespielt (21h30, CBS), sondern auch die Heisman-Trophy im College Football vergeben – die wichtigste Trophäe für den prägenden Spieler des Footballherbstes. Für gewöhnlich geht sie an den besten Quarterback oder besten Runningback des Jahres.

So auch diesmal: Das Rennen wird sich zwischen drei Quarterbacks entscheiden:

  • QB Tua Tagovailoa (Alabama)
  • QB Kyler Murray (Oklahoma)
  • QB Dwayne Haskins (Ohio State)

Letzterer ist dabei sowas wie der „Quoten-Teilnehmer“, denn wirkliche Chancen räumt man nur Tagovailoa und Murray, die beide eine atemberaubende Saison gespielt haben. Selten, dass am Tag der Wahl noch so unklar war, wer das Rennen machen wird.

Tagovailoas Stern ging im Jänner auf, als er im National Championship Game zur Pause eingewechselt wurde – als Freshman, von Nick Saban, bei 0-13 Rückstand gegen Georgia. Doch Tagovailoa führte sein Alabama zu einem gewaltigen Comeback, inklusive eines unvergesslichen Overtime-Passes zum Sieg und Titelgewinn.

Seit Sommer ist Tua nun der Starter in Alabama – und unter ihm entwickelte sich die Offense zum befürchteten „Death-Star“: Alabama gewann alle seine Regular-Season Spiele mit mindestens 22 Punkten Unterschied, wobei Tua – mittlerweile berühmt – keine Handvoll Pässe im Schlussviertel werfen musste. So dominant war die Offense unter seiner Anleitung.

Tagovailoa ist ein hervorragender NFL-Prospect, der aber erst zwei Jahre aus der Highschool ist und somit noch eineinhalb Jahre vom Gang in die NFL entfernt ist (frühestens im Jahr 2020 kann er gedraftet werden): Seine Kombination aus Wurfarm und Athletik ist nahezu unerreicht – er dürfte als eines der größten Talente ever in die NFL gehen.

Doch Tuas Heisman-Kandidatur hat ein kleines Problem: Er war über lange Wochen der logische Favorit, doch im SEC Championship Game spielte er eindeutig verletzt auf niedrigem Niveau und musste im Schlussviertel das Zepter zurückgeben an Jalen Hurts, den QB, den er selbst im Landesmeisterschaftsfinale im Jänner abgelöst hatte… gegen Georgia. Und Hurts drehte die Partie zum SEC-Titel für Alabama.

Gleichzeitig fuhr Murray in Dallas mit seinen Oklahoma Sooners über die Texas Longhorns drüber. Murray ist der noch explosivere QB als Tagovailoa. Er ist ein phänomenaler Athlet, ein Wiesel auf dem Feld mit einem Wurfarm vor dem Herrn.

Murray ist im Vergleich zu Tagovailoa aber eine komplette Freakerscheinung: Er wurde im letzten Keulenschlägerdraft von den Oakland Athletics in die MLB gedraftet und soll eine Baseballkarriere viel eher anstreben als eine Footballkarriere: Weniger Verletzungsgefahr, höhere Gehälter. Murray gilt als gewaltiges Baseball-Prospect: Er wurde in der 1ten Runde gedraftet obwohl klar war, dass er im laufenden Herbst seinem Hobby als Footballer nachgehen würde.

Nun spielte Murray derart grandios, dass nicht mehr als ganz sicher gilt ob er wirklich zum Baseball wechselt. Manche sehen in ihm einen fulminanten 1st-Round Quarterback – wohl nicht zu Unrecht. Immerhin hat er etliche Oklahoma-Rekorde von Baker Mayfield in der laufenden Saison pulverisiert.

Tagovailoa hat die insgesamt dominantere Saison gespielt und über viele Wochen seinen Ruf als herausragender Spieler der Saison bestätigt. Doch Murray punktet mit einer anderen Geschichte: Oklahomas Defense war über weite Strecken des Herbstes so schwach, dass sich Murray keine Pausen erlauben konnte, ständig liefern musste – und ständig lieferte! Dagegen spielte Tagovailoa im Prinzip nur ¾ der Saison! Diese allerdings so dominant, dass es gar nicht mehr brauchte und trotzdem zu 13-0 Bilanz und zwölf Blowouts langte…

Eigentlich kommt die Heisman-Wahl heute Nacht ja zu früh, denn die beiden Superstar-QBs träfen am 29. Dezember in Miami in der Orange Bowl im direkten Duell aufeinander. Dann spielen sich #1 Alabama und #4 Oklahoma das Finalticket für die National Championship untereinander aus. Wir könnten eigentlich den Sieger jenes Duells zum Heisman-Winner 2018 machen.

Doch das wird nicht passieren. Persönlich würde ich eher Tua wählen, doch die letzten Wettquoten sehen Murray leicht vorn. Vielleicht gewinnt tatsächlich Murray, weil Tua im nächsten Jahr erneut die Chance bekommt, an seiner Legende zu bauen. Vielleicht wählen sie aber Tua, gerade weil er nächstes Jahr noch einmal die Chance bekommt – die Chance, etwas Legendäres zu schaffen: Als erst zweiter Spieler zweimal die Heisman-Trophy zu gewinnen.

Urbane Entwicklung

Der Head Coach des dritten QBs im Heisman-Bunde (Dwayne Haskins), Urban Meyer, hat unter der Woche offensichtlich bekannt gemacht, dass er wie lange vermutet am Ende der Saison, also nach der Rose Bowl gegen Washington, seine Trainerkarriere mal wieder beendet.

Meyer ist kein Leichtgewicht unter den College-Coaches. Er führte den damaligen Mid-Major Utah in den 2000ern in die BCS, gewann mit den Florida Gators zwei National-Titles und einen dritten mit den Ohio State Buckeyes. Meyer galt als grandioser Underdog-Coach, der aus talentierten jungen Mannschaften das Allerbeste herauszuholen imstande war.

Doch Meyers Karriere hatte auch ihre Tiefen: 2010 zog er sich ein Jahr nach Tim Tebows Rücktritt völlig erschöpft und ausgebrannt zum ersten Mal zur Ruhe. Seither dümpelt Florida durch die Sümpfe des College Football. Sümpfe hatte es in Gainesville schon zu Meyers Zeiten gegeben, nämlich Drogensümpfe. Meyer hatte man stets nachgesagt, extrem lax mit zahlreichen Verbrechern in seinem Team umzugehen und Strafen gegen die Chaoten in seinem Team erst dann auszusprechen, wenn er unter massivem öffentlichen Druck nicht mehr anders konnte.

Alles im Namen des Erfolgs.

Auch in Ohio State wurde es dieses Stigma nicht mehr los: So wäre er in diesem Sommer 2018 fast gefeuert worden, nachdem aufgeflogen war, dass er einen Frauenschläger in seinem Trainerteam über Jahre gedeckt hatte. Er wurde am Ende begnadigt – im Namen des Erfolgs. Doch schon das ganze Jahr wirkte Meyer nicht bei sich. Er wirkte oft lustlos, blass, angeknockt. Man hatte seit Wochen lauthals über seinen Rücktritt spektuliert.

Am Spielfeld wird von Meyer seine berühmte „Spread-Option Offense“ bleiben. Meyer war einer der Pioniere dieser Angriffsform, die die aufkommende Spread-Aufstellung mit der alten Option-Offense kombinierte. Er operierte viel aus Shotgun-Formation. Meyer war dabei nie ein Passfetischist, sondern sah stets das Laufspiel als Basis seines Angriffs. Er designte seine Offense so, dass sie einen gleichen Spielzug aus vielfältigen Formationen ausführen konnte, wie sie auch verschiedenste Plays aus der gleichen Formation zu spielen imstande war.

Meyer hatte ein eigentlich simples Credo: Schau auf den Safety.

  1. Single High = Offense und Defense sind nummerngleich. Der Lauf ist in dieser Aufstellung eine gute Option.
  2. Two High = Laufspiel, weil sie deinen Top-WR doppeln können und im Passspiel einen Vorteil hätten.
  3. No Deep = Du kannst nicht laufen, weil sie die Box zustellen. Du spielst also Run-Option, indem du einen Verteidiger liest, oder du wirfst. Werfen ist dabei solange eine gute Option, solange dein Top-WR ein besserer Athlet ist als deren bester Cornerback. Scheu dich nicht vor dem tiefen Pass.

Meyers Offenses waren schematisch nicht kompliziert. Seine Basis-Plays waren Inside und Outside Zone, Counter, Trap, QB-Power Run und Option-Spielzüge mit vielen Jet-Sweeps um geschwindige Plays Richtung Flanken einzustreuen. Detaillierter hat Meyer vor etlichen Jahren auf seine Offense geschaut. Wer will, kann auch im Buch „Essential Smart Football“ nachlesen: Kapitel 1 beschäftigt sich dort allein mit Meyers Offense.

Die Offense wird bleiben. Die Titel werden auch bleiben. Die Kratzer im Lack auch. Meyers Abgang wird Ohio State wehtun, aber er wird dem College Football nur wenig fehlen. Er war ein Coach, dessen Innovationen mittlerweile querbeet adoptiert wurden und dessen charakterliche Flauseln bei vielen für Bauchschmerzen sorgten.

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5 Kommentare zu “Samstagsrundschau: Heisman-Trophy und Urban Meyer

  1. zu Urban M.
    Ist die NFL eine Option für ihn nächste Saison?
    Es gibt ja viel krachende Untergänge von gehypten HC aus dem College in der NFL, aber auch einige Success Storys.
    Wie schätzen die Experten
    a) die Wahrscheinlichkeit ein,d ass Meyer in der nächsten Saison in der NFL als HC coached.
    b) dass er Erfolg haben wird.

    Merci, alexander

  2. Ich denke nicht, dass er in der NFL coachen wird. Meyer wirkte extrem ausgebrannt und soll akut Burnout-gefährdet gewesen sein – wie schon vor ein paar Jahren in Florida. Unter diesem Umständen und dieser gesundheitlichen Voraussetzung halte ich ein Weitermachen zum momentanen Zeitpunkt für unwahrscheinlich.

  3. Kyle Murray hat die Heisman-Trophy gewonnen.
    Und geht nicht in die NFL, sondern spielt lieber Baseball.
    Wann ging ein Heisman Gewinner zuletzt nicht in die NFL?

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