Bücherwurm-Edition: Die Hitliste 2018

Die Non-Football Ausgabe.

Und nein, ich werde die 500 Seiten aus dem „Anwenderbuch Microsoft Dynamics NAV 2018“ aussparten. Also hier: Die Auswahl meiner Lieblingsbücher 2018 – vielleicht vertiefe ich die Inhalte mal in Zukunft ein wenig. Aber wer noch etwas Sinnvolles für Weihnachten sucht…

Thinking, Fast and Slow

(Daniel Kahneman, 2011)

Das Buch ist schon ein paar Jahre alt, hat aber hervorragende Kritiken bekommen. Kahneman ist sowieso einer meiner Favoriten – seine wissenschaftliche Abhandlung „Judgement under Uncertainty“ hat als Student mein Leben massiv beeinflusst, um nicht zu sagen: Meine Weltanschauung geprägt.

Thinking, Fast and Slow (in der deutschen Ausgabe: Schnelles und langsames Denken) ist in fünf Teile gegliedert:

  1. Die beiden Systeme (System 1 = der intuitive Entscheider, System 2 = der rationale Agent von System 1)
  2. Heuristiken und Denkfehler – Viele Klassiker: Gesetz der kleinen Zahlen, Ankerheuristik, ein Treffen mit Linda, Regression zur Mitte
  3. Overconfidence – Die wesentlichsten Illusionen
  4. Entscheidungen – Der Weg zur Neuen Erwartungsnutzentheorie, die Kahneman den Wirtschaftsnobelpreis einbrachte
  5. Unser gespaltenes Sein – was sind wir? Das erlebende Ich oder das erinnernde Ich?

Das Buch ist mit seinen knapp 500 Seiten keine einfache Lektüre. Ich habe selten mehr als ein Kapitel am Tag gelesen. Aber obwohl ich Kahneman durch zahlreiche Artikel, Bücher und Podcasts bereits kannte, hat es noch immer neue Nuggets geliefert.

Die Harari-Trilogie

Durch einen Kahneman-Podcast war ich vor zwei Jahren auf das Buch „Sapiens“ aufmerksam geworden. Ich hatte heuer die Chance, es endlich zu lesen – und konnte im Nachgang nicht anders, als Hararis Folgebücher Homo Deus und das erst im Sommer erschienene 21 Lektionen ebenso zu verschlingen.

Harari schreibt in Sapiens über die Entwicklungsstufen der Menschheit: Die kognitive Revolution, die landwirtschaftliche und die wissenschaftliche – die Stufen in der unaufhaltsamen Zusammenführung der Menschheit. Faszinierend dabei ist Harari Schreibstil und sein oft unkonventioneller, aus angenehm hoher Vogelperspektive gerichteter Blick:

Lange wollte uns die Wissenschaft den Übergang zur Landwirtschaft als großen Sprung für die Menschheit verkaufen und erzählte uns eine Geschichte von Fortschritt und Intelligenz. Im Laufe der Evolution seien die Menschen immer intelligenter geworden. Irgendwann seien sie dann so intelligent gewesen, dass sie die Geheimnisse der Natur entschlüsseln konnten und lernten, Schafe zu halten und Weizen anzubauen. Danach gaben sie begeistert das entbehrungsreiche und gefährliche Leben der Jäger und Sammler auf und ließen sich nieder, um als Bauern ein angenehmes Dasein im Wohlstand zu genießen. Das ist jedoch ein Ammenmärchen […]

Sehen wir uns die landwirtschaftliche Revolution einmal aus der Sicht des Weizens an. Vor zehntausend Jahren war der Weizen nur eines von vielen Wildgräsern, das nur im Nahen Osten vorkam. Innerhalb weniger Jahrtausende breitete er sich von dort über die gesamte Welt aus. Nach den Überlebens- und Fortpflanzungsgesetzen der Evolution ist der Weizen damit eine der erfolgreichsten Pflanzenarten aller Zeiten. In Regionen wie dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, wo vor zehntausend Jahren noch nicht ein einziger Weizenhalm wuchs, kann man heute Hunderte Kilometer fahren, ohne eine andere Pflanze zu sehen. Weltweit sind 2,25 Millionen Quadratkilometer (fast das Zehnfache der Fläche Großbritanniens) mit Weizen und nichts als Weizen bedeckt! Wie hat der Weizen das geschafft?

Indem er den armen Homo sapiens aufs Kreuz legte. Diese Affenart hatte bis vor zehntausend Jahren ein angenehmes Leben als Jäger und Sammler geführt, doch dann investierte sie immer mehr Energie in die Vermehrung des Weizens. Irgendwann ging das so weit, dass die Sapiens in aller Welt kaum noch etwas anderes taten, als sich von früh bis spät um diese Pflanze zu kümmern.

Oder über das Geld, einen der wesentlichen Treiber der Verschmelzung der Menschheit:

Jahrtausende lang haben Philosophen, Denker und Propheten das Geld als Wurzel allen Übels bezeichnet. In Wahrheit ist das Geld der Gipfel der menschlichen Toleranz. Geld ist toleranter als jede Sprache, jedes Gesetz, jede Kultur, jeder religiöse Glaube und jedes Sozialverhalten. Geld ist das einzige von Menschen geschaffene System, das fast jede kulturelle Barriere überwindet und nicht nach Religion, Geschlecht, Rasse, Alter oder sexueller Orientierung fragt. Dem Geld ist es zu verdanken, dass Menschen, die einander noch nie gesehen haben und einander nicht über den Weg trauen, problemlos zusammenarbeiten können.

Homo Deus richtet den Blick nicht mehr in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Nachdem wir im 20. Jahrhundert Krieg, Krankheit und Hunger ausgerottet haben, stehen im 21. Jahrhundert höhere Ziele an: Ewiges Leben, Glück, Göttlichkeit. Harari schreibt darin vor allem über den Teufelspakt, den die Menschheit mit dem Liberalismus eingegangen ist: Das Leben ohne Religion hat an Sinn verloren, aber dafür versucht der liberale Humanismus, durch die Suche nach dem Selbst dem Leben durch die Hintertür doch wieder einen Sinn zu geben.

Schlussfolgerung Harari: Liberalismus und Kapitalismus sind nicht moralischer als die Alternativen, aber besser in der Datenverarbeitung – somit haben sie sich durchgesetzt. Jetzt geht es mit den Herausforderungen umzugehen. Es gibt keinen freien Willen, die Existenz einer „Seele“ ist höchst umstritten und der Mensch ist nicht als Individuum, sondern als Zusammensetzung chemischer Substanzen enttarnt, der durch Aktivität chemischer Prozesse existiert.

Doch chemische Prozesse kann man manipulieren. Unser Denken kann man manipulieren. Wir haben keinen freien Willen – wohin wird also die Reise für uns gehen?

In „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ versucht Harari dann, den Blick auf das Hier und Jetzt zu richten: Was können wir heute, am Scheideweg der Menschheit, tun um dem unausweichlich scheinenden Ende des Homo Sapiens entgegenzusteuern. Das Buch deckt eine beeindruckend breite Palette an Themen ab, über die zu schreiben man ein weiteres Buch füllen müsste. Daher nur einige Auszüge:

  • Für die meisten Menschen ist die größte Gefahr der Zukunft nicht die Ausbeutung, sondern die Bedeutungslosigkeit
  • In der Vergangenheit ersetzte Technologie mühsame menschliche Arbeit. Heute ersetzt sie das Denken, entwöhnt uns davon und macht uns zu Unmündigen (Google, Navi)
  • Was passiert, wenn sich Superreiche in Zukunft genetische Überlegenheit kaufen? Die Gefahr vor einer Spaltung der Menschheit in Mensch und Übermensch ist real.
  • Thema Einwanderung: Es braucht Einwanderung, aber wann muss die Gleichberechtigung bei Einwanderern erreicht sein – und vor allem, wie wollen wir diese messen?
  • Heute bringen Kriege nichts als wirtschaftlichen Schaden, deswegen halten sich die Supermächte raus – Terroristen dagegen sind weniger Krieger als vielmehr Regisseure im Theater die mit möglichst geringen Mitteln maximalen Effekt erzielen wollen
  • Fake-News: Sie sind nicht neu, die Welt bestand schon immer aus verbogenen Geschichten. Aber nie war es so schwer, den Überblick zu behalten.
  • Thema Veränderung: Die vielleicht größte Herausforderung. Unsere Kinder werden sich 3-4x in ihrem Leben neu erfinden müssen, weil sich die Welt immer schneller weiterdreht. Wie können wir sie bestmöglich auf diese immense kognitive Herausforderung vorbereiten?

Wie gesagt: Nur einige Auszüge, und nur eine Anregung zum Lesen. Hararis Schlussfolgerungen am Ende des Buches haben mich enttäuscht – eine Mitleidsethik als eine der wesentlichen Lösungen finde ich zu banal. Aber es kann sich jeder ein eigenes Bild dazu machen. Für mich drei fantastische, spannende Bücher, die sich so flockig lesen als wäre es ein Plausch am Tresen – man muss nicht mit allem einverstanden sein, aber die Themen lohnen sich, darüber nachzudenken.

Gomorra

(Robert Saviano, 2006)

Das Debütbuch von Roberto Saviano, dem italienischen Investigativjournalisten, der tiefe Einblicke in das Funktionieren der Mafia in der Region um Neapel gibt. Ich habe das Buch auf Italienisch gelesen – manchmal sehr blumige Originalsprache.

Gomorra beschreibt, wie die Mafia im Drogenhandel, der illegalen Giftmüllentsorgung, Textilproduktion am Schwarzmarkt und im Zementhandel mitmischt und Kontakte bis nach Deutschland oder China pflegt. Saviano, der seit Veröffentlichung des Buches unter geheimer Identität lebt und jeden zweiten Tag seinen Aufenthaltsort wechseln muss, hat seither zahlreiche Folgebücher geschrieben. Ich plane, sie ebenso zu lesen.

Der nackte Berg – Nanga Parbat

(Reinhold Messner, 2003)

Das Buch, in dem Reinhold Messner über die 1970er-Expedition am Nanga Parbat, dem neunthöchsten Berg der Welt in Pakistan, schreibt. Die Geschichte ist bekannt: Reinhold bezwingt mit seinem Bruder Günther als erster Mensch die imposante Rupal-Wand am Nanga Parbat, 4500 Meter hoch. Doch der Abstieg gestaltet sich dramatisch: Günther wird höhenkrank und Reinhold schleppt ihn an der gegenüber liegenden Diamir-Flanke entlang hinunter ins Tal, wo Günther von einer Lawine verschüttet wird und stirbt.

Das Buch ist in der Bergsteigerszene nicht unumstritten, gilt oft als Gewissensbereinigung Messners, der mit dem Tod seines Bruders nicht klarkommt. Doch der Streit um Günther Messners Tod ist eine Thema für andere.

Punkt ist: Persönlich liebe ich Messner („mein Taschentuch ist meine Fahne“), einer der offensten Denker in unserer oft kleinkarierten Südtiroler Welt. Ich mag seinen Erzählstil. Der nackte Berg ist das einzige Buch, das ich im abgelaufenen Jahr förmlich verschlungen habe. Ich habe kein einziges Mal abgesetzt – als ich mit den 300 Seiten fertig war, war LSU vs. Alabama um vier Uhr nachts auch schon zu Ende – und ich bereute keine Sekunde nach dieser wilden Kletterei durch eine archaische Welt.

Woo’s Wonderful World of Maths

(Eddie Woo, 2018)

Woo ist auf Youtube ein Superstar: Ein vor Begeisterung sprühender Lehrer, der seine Schüler mitzureißen weiß: Warum ist Null-Fakultät gleich eins? Warum ist Division durch null undefiniert? Was ist Kalkül? Warum hat der Satz des Pythagoras recht? Wieso sollte man im Monty-Hall Problem immer wechseln?

Mathe war 15 Jahre lang mein Hauptfach. Ich kenne die Inhalte Woos. Trotzdem kaufte ich mir Woos Kindle, und wurde nicht enttäuscht. Die Formatierung ist vielleicht verbesserungswürdig, aber wer sich von einem eigentlich trockenen Thema berieseln lassen will, kann hier was lernen und gleichzeitig unterhalten werden.


Nächste Woche schreibe ich dann vielleicht über die Football-Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Und da gab es einige… (uns es liegen noch welche auf meinem Nachtkästchen)

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