Finale Furioso: Sonntagsvorschauer – Woche 17

Abschluss der NFL Regular Season 2018 mit dem heutigen letzten Spieltag.

Für 20 von 32 Mannschaften endet heute die Saison. Neun von zwölf Playoff-Plätzen sind bereits vergeben, aber nur zwei Seedings (#1 und #4 der NFC) sind fix – alles weitere ist heute noch potenzieller subject to change. Selten, dass am letzten Spieltag noch so viele Variablen offen sind. Das heißt auch: In vielen Stadien wird heute gespielt als ginge es um Leben und Tod.

Mit dem heutigen Abend endet auch die spektakulärste, beste Regular Season, seit ich die NFL verfolge. Nicht nur wurde über weite Phasen der Saison fantastische Offense gespielt – nein: Wir haben auch die anderen wesentlichen Elemente, die Football so gut machen, erlebt:

  • Besseres Coaching und besseres Play-Calling
  • Defenses konnten im Lauf der Saison nachjustieren und schafften zumindest den Anschluss
  • Atemberaubende junge Quarterbacks wie Watson oder Mahomes, die die Liga im Sturm nehmen

Nach zwei überwiegend gruseligen Spielzeiten 2016 und 2017 mit nur wenigen Lichtblicken scheint die NFL 2018 den Quantensprung in die Zukunft geschafft zu haben. Ein Höllenhunde-Finish heute Abend wäre nur logische Konsequenz.

Die Ausgangslage

Über die Ausgangslage vor dem heutigen Abend schrieb ich schon am Dienstag. Drei Tickets und zehn Seedings sind noch zu vergeben. Der Spielplan selbst ist heute zweigeteilt: Eine ruhige Aufwärmphase ab 19h, in der nur noch die Texans und Patriots um Greifbares spielen (nämlich den #2 Seed in der AFC), während es dann in der Spätschicht um alles geht:

  • Den Divisionssieg in der AFC North, der im Fernduell zwischen Pittsburgh und Baltimore ausgespielt wird. Baltimore hat ein halbes Spiel Vorsprung. Der Verlierer fliegt fast sicher ganz aus den Playoffs.
  • Den letzten Wildcardplatz in der NFC, den entweder Minnesota (vs. Chicago) oder Philadelphia (@Washington) bekommt. Die Vikings haben dabei ein Heimspiel, treffen aber auf den wesentlich schwierigeren Gegner, der auch noch um etwas spielt.
  • Sunday Night Game mit dem direkten Duell zwischen Titans und Colts, wo, sofern es einen Sieger gibt, der letzte Wildcard-Platz der AFC vergeben wird. Beide können je nach Ausgang des Texans-Spiels sogar noch die Division gewinnen und Tennessee könnte hoch bis auf #2 springen.

Im Rennen um den Top-Draftpick „führen“ die Cardinals (3-12) vor dem Paket 49ers, Jets und Raiders (jeweils 4-11), das durch den Strength-of-Schedule getrennt wird, und einem weiteren Paket bestehend aus Lions, Buccs, Bills, Giants und Jaguars, die alle bei 5-10 stehen.

Trainerkarussell

Zusätzlichen Thrill gibt es am letzten Spieltag meistens durch die ersten durchsickernden Entlassungen auf Headcoach, die dann meistens am „Black Monday“ (also morgen) offiziell gemacht werden (Mike McCarthy/Packers und Hue Jackson/Browns wurden bereits unterm Jahr gefeuert). Es bangt mal wieder ein gutes Drittel der Liga um ihren Job.

Oft kokettierte Entlassungskandidaten sind Steve Wilks (Arizona), Todd Bowles (NY Jets) und Vance Joseph (Denver), die bereits als dead men walking in den heutigen Tag gehen.

Hie und da genannt werden Adam Gase (Miami), Dirk Koetter (Tampa Bay) und Marvin Lewis (Cincinnati), die alle enttäuschende Spielzeiten hinter sich gebracht haben – in Cincinnati „droht“ ein Wechsel von Lewis ins Front Office, während das Schreckgespenst Hue Jackson übernehmen könnte.

Potenzielle Kandidaten für eine überraschende Entlassung könnten Doug Marrone (enttäuschende Bilanz mit den Jaguars), Jay Gruden (Washington) und Ron Rivera (sieben Niederlagen en suite) sein. Bei Mike Tomlin (Steelers) geht man mittlerweile von einem Verbleib aus – die Rooney-Familie gilt als geduldiger mit ihren Cheftrainern als durchschnittliche Besitzer.

Detroits Matt Patricia, dieses Jahr häufig in der Kritik, kam unter der Woche unter die Räder, weil er wiederholt verspätet zu Team-Meetings erschienen sein soll – nebst 5-10 Bilanz ist ein Rauswurf nach einem Jahr nicht undenkbar, aber Patricia und Lions-GM Bob Quinn gelten als eng genug verbandelt, dass Patricia bleiben darf.

Frühschicht um 19h

  • Buffalo Bills (5-10) vs. Miami Dolphins (7-8)
  • Green Bay Packers (68-1) vs. Detroit Lions (5-10)
  • Houston Texans (10-5) vs. Jacksonville Jaguars (5-10)
  • New England Patriots (10-5) vs. New York Jets (4-11)
  • New Orleans Saints (13-2) vs. Carolina Panthers (6-9)
  • New York Giants (5-10) vs. Dallas Cowboys (9-6)
  • Tampa Bay Buccaneers (5-10) vs. Atlanta Falcons (6-9)

New England ist in der Pole-Position um den #2 Seed der AFC, der mit einem Heimsieg gegen die Jets eingetütet wird. Die Patriots gehen natürlich als klare Favoriten in die Partie – es gibt jedoch einige Vorzeichen, die dafür sprechen, bei dieser an sich eher triste klingenden Partie trotzdem einzuschalten.

Da wären zum einen die Patriots selbst: Wie funktioniert ihre Offense, wenn nun wieder alles auf Gronkowski und Edelman zugeschnitten ist, jetzt, wo WR Josh Gordon fehlen wird? Wird noch mehr gelaufen, noch mehr Kurzpassgewichse eingeschaltet?

Auf der anderen Seite ist es wohl das Abschiedsspiel von Jets-HC Bowles, der wohl im Paket mit GM Maccagnan entlassen wird. Und es ist das letzte Spiel der Rookie-Saison von QB Sam Darnold. Darnold war 2018 bestenfalls als „Achterbahnfahrt“ zu beschreiben: Es gab lichte Momente mit sensationellen Würfen, aber Darnold war dann doch extrem roh, verpasste einfachste Reads.

Einfach gemacht haben es ihm die Jets aber nicht. Darnold zeigte aber genug, dass New York mit Verve einen neuen, offensiv denkenden Trainerstab anheuern dürfte, und in den nächsten beiden Offseasons massiv Kohle investieren wird, denn 2020 und 2021 ist in Jahr 3 und 4 von Darnolds Rookie-Vertrag das Fenster zum Superbowl-Angriff der Jets weit offen.


Wer’s sich anschauen will: Bei den Saints, die mit dem #1 Seed in der Tasche um nichts mehr spielen, wird heute QB Teddy Bridgewater anstelle von Drew Brees auflaufen. Es ist bis heute nicht ganz klar, ob die Saints daran interessiert sind, auch 2019 mit ihrem Teddy zu knuddeln, da man mutmaßlich nicht ausreichend Dukaten in der Tasche hat um sich den einstigen 1st-Rounder zu halten.

Für Bridgewater selbst könnte die anstehende Offseason finanziell interessant werden, wenn er in einem Jahr mit schwacher QB-Draftklasse (Oregons Justin Herbert bleibt 2019 am College, es bleiben Dwayne Haskins und Drew Lock als potenziell beste Rookie-Optionen), aber vielen Teams mit QB-Not (Jacksonville an vorderster Front) auf den Markt kommt. Das heutige Saisonfinale könnte für Bridgewater zum Schaulaufen werden.

Spätschicht um 22h25

  • Baltimore Ravens (9-6) vs. Cleveland Browns (7-7-1)
  • Denver Broncos (6-9) vs. Los Angeles Chargers (11-4)
  • Kansas City Chiefs (11-4) vs. Oakland Raiders (4-11)
  • Los Angeles Rams (12-3) vs. San Francisco 49ers (4-11)
  • Minnesota Vikings (8-6-1) vs. Chicago Bears (11-4)
  • Pittsburgh Steelers (8-6-1) vs. Cincinnati Bengals (6-9)
  • Seattle Seahawks (9-6) vs. Arizona Cardinals (3-12)
  • Washington Redskins (7-8) vs. Philadelphia Eagles (8-7)

Baltimore braucht einen Sieg gegen Cleveland, um sich für die Playoffs zu qualifizieren – dramatischer könnte ein Saisonfinale nicht sein. Vor allem für den, der die Geschichte kennt, die diese beiden Franchises „eint“: Die Baltimore Ravens waren früher mal die Cleveland Browns. Zumindest bis Mitte der 1990er, als der damalige Owner Art Modell sich entschied, die Browns quasi über Nacht nach Baltimore überzusiedeln.

Entsetzt über so viel Dreistigkeit verbot die NFL Modell, Namen und Historie der Browns-Franchise mitzunehmen und führte ab 1999 die „neuen Browns“ ein – ein Team, das seither wie von einem Jinx befallen zu sein scheint, während die Ravens in neuer Heimat zwei Superbowls holten und damit den Finger nur noch tiefer in die Wunden von Cleveland legten. Wie gerne würden die Browns den Ravens die Playoffs vermasseln, selbst in Anbetracht der Tatsache, dass die Alternative Steelers nicht wesentlich beliebter ist?

Doch eigentlich sollte es den Browns egal sein, wer sich qualifiziert: Denn 2018 ist das Jahr, in denen die Browns zum ersten Mal richtig Hoffnung schöpfen, dass für sie selbst eine freundlichere Zukunft wartet: QB Baker Mayfield ist da, der unsägliche Chefcoach Hue Jackson ist weg. Mayfield gelang unter dem neuen OffCoord Freddie Kitchens der Durchbruch – Mayfield spielt so gut, dass mittlerweile ein Verbleib des Trainerduos Gregg Williams/Kitchens in Cleveland denkbar scheint.

Heute muss Mayfield gegen die komplexe Ravens-Defense ran, die im Täuschen und Tarnen als meisterhaft gilt. Es steht also zumindest die Gesellenprüfung für Mayfield an: Wenn sich heute nicht zeigt, dass Mayfield noch ein Grünschnabel ist – wann dann? Anders: Eine starke Vorstellung von Mayfield heute könnte die Erwartungen ins Astronomische schießen lassen und die Browns-Superbowl Quoten für 2019/20 in die Top-10 hieven. Doch realistischer ist erstmal Regression, zumal gegen diese Defense.

Pittsburgh hat nur noch dann eine Chance, wenn Baltimore maximal remis spielt. Die Steelers spielen zuhause gegen Cincinnati – eigentlich eine Routineübung, wenn da nicht die innige Feindschaft, manche sagen „Hass“, zwischen diesen beiden Teams wäre. Positiv: Der beknackte LB Vontaze Burfict fällt aus, womit etwas Gift aus der Partie genommen wird und zumindest zwei Köpfe neun weitere Monate von der nächsten Gehirnerschütterung verschont werden.


In der NFC lautet das Fernduell Philadelphia vs. Minnesota. Die Eagles haben mit den kaputten Redskins eigentlich eine Pflichtaufgabe zu bewältigen, womit das Schicksal der beiden Teams sich wohl im neuen Stadion in Minneapolis entscheiden wird: Die Vikings treffen auf die Bears.

Diese Bears sind personell vor allem in der Defense äußerst knackig besetzt, wie bestellt, die wackelige Offense Line in violett zu terrorisieren. Chicago spielt selbst noch um einen Preis, der sich lohnt, alle Starter aufzustellen: Den #2 Seed der NFC und Freilos in der 1ten Playoffrunde. Die Chance darauf ist gering (selbst bei eigenem Sieg müssten die Rams zuhause gegen die 49ers verlieren), aber die Bears können es sich nicht leisten, auf ein etwaiges mögliches Freilos a priori zu verzichten.

Die Frage ist natürlich: Wie sieht es aus, wenn Los Angeles im dritten Viertel 28-7 führt? Würde Matt Nagy dann seine Starter vom Feld nehmen um keine Verletzungen mehr zu riskieren? Oder würde er durchziehen, in der Hoffnung, mit einem Sieg ein „Rückspiel“ nächste Woche mit den Vikings zu verhindern?


Ein wesentlicher Preis steht auch noch im Fernduell zwischen Chiefs (11-4) und Chargers (11-4) auf dem Spiel: Der #1 Seed der AFC. Los Angeles braucht einen eigenen Sieg in Denver und eine Chiefs-Pleite oder Chiefs-Remis gegen die Raiders. Bei jenen Raiders besteht ernsthafte Gefahr, dass sie nach dem emotional wertvollen Sieg im Abschiedsspiel aus Oakland letzte Woche mental völlig platt antreten werden.

Nachtschicht um 02h20

  • Tennessee Titans (9-6) vs. Indianapolis Colts (9-6)

Das Finale um den #6 Seed. Zumindest, solange die Texans nicht um 19h verloren haben (dann ginge es hier um den Divisionssieg der AFC South). Und zumindest, solange es hier einen Sieger gibt (bei remis könnte sich Pittsburgh das Ticket noch schnappen).

Die Titans haben Heimrecht, müssen aber wohl ohne QB Marcus Mariota antreten, dessen eingezwickte Nerven Probleme bereiten. Das heißt: Entscheidungsspiel mit QB Blaine Gabbert anzutreten. Und damit läuft es vermutlich ein weiteres Mal auf eine erhöhte Dosis an RB Derrick Henry hinaus.

Indianapolis ist sowieso die bessere Geschichte in diesem Jahr: Die Colts konnten sich nach schwachem Saisonstart erfangen und spielen in den letzten Wochen auf dem Niveau einer Spitzenmannschaft – nicht ohne zwischendurch Eier zu legen, wie beim 0-6 Debakel gegen Jacksonville. Aber es gab auch total dominante Partien wie das erste Spiel gegen Tennessee, als man die Titans 38-10 überrollte.

Indianapolis lebt von einer famosen Offensive Line um den exzellenten Rookie-OG Quenton Nelson, einem brillant aufgelegten QB Andrew Luck, einem munteren Headcoach Frank Reich, einer verbesserten Defensive Line und einer geschwindigen Back-Seven in der Defense, wo LB Darius Leonard zum Favoriten auf den Defensive-Rookie des Jahres mutiert ist.

Im Prinzip würde ich alle meine Jetons auf die Colts wetten, trotz Auswärtsspiel. Aber Tennessee hat in dieser Saison eines für sich laufen: Volatilität. Nach DVOA traten nur drei Mannschaften noch unbeständiger auf als die Jungs von Mike Vrabel. Das bedeutet natürlich Katastrophenpotenzial. Aber es bedeutet auch die Möglichkeit eines Ausrutschers nach oben – selbst mit einem QB Gabbert. Und es würde irgendwie zur NFL passen, wenn ein ächzender Trupp wie Tennessee sich für die Post Season qualifiziert, während aus allen Rohren feuernde Truppen wie Indianapolis, Pittsburgh oder Cleveland bedröppelt aus dem Urlaub reumütig zuschauen.

Werbeanzeigen

6 Kommentare zu “Finale Furioso: Sonntagsvorschauer – Woche 17

  1. Hallo,

    ich lese deine Seite sehr gerne, gibt es selten eine gute deutschsprachige Footballseite zu finden.
    Wie siehst du die Entscheidung, mit Bridgewater zu starten im Hinblick auf die MVP Wahl? Ist damit Mahomes der sichere MVP der Saison 2018?

  2. @Oliver: Denke nicht, dass dieser eine letzte Spieltag großartig Einfluss auf die MVP-Entscheidung haben wird.

  3. Pingback: Sonntag Live – Woche 17: Die Spätschicht | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.