NFC Wild-Card Preview 2018/19

Playoff-Football!

Einmal in der Halle – aber einmal auch in der Kälte: die NFC Wild-Card Playoffs 2018. Korsakoffs Schottenheimer-Allergie hat zur Schreibblockade geführt, darum übernehme ich das hier. Die Preview auf die beiden Spiele der AFC gibts hier. Im Folgenden die NFC: Das Tony-Romo-Gedächtnisspiel Seattle@Dallas und die Knochenbrecher aus Chicago gegen den Super-Bowl-MVP.

[5] Seattle (10-6) @ [4] Dallas (10-6)

Samstag/Sonntag, 05./06. Januar, 02.15Uhr

Direkt rein: Defense Dallas. Neben Superstar DeMarcus Lawrence stechen vor allem die drei ehemaligen 1st-rd picks auf der Linebacker-Position heraus: Jaylon Smith, Sean Lee und Rookie Leighton Vander Esch. Da Sean Lee immer mit einem Bein in der Notaufnahme steht, konnte sich DROY-Kandidat Vander Esch relativ schnell viele Snaps erspielen. Smith und Vander Esch sind darüber im Laufe der Saison zu einem der aufregendsten Linebacker-Pärchen seit den jungen Bowman/Willis oder Davis/Kuechly geworden. Vor allem auch durch diese beiden hat Dallas eine der besten Run-Ds der Liga. Aber Achtung: Smith stürzt manchmal zu aufgeregt und verpaßt dann den Tackle.

Auch im Pass Rush ist neben Lawrence viel explosives Talent vorhanden, aber die Herren Crawford, Collins, Gregory, Charlton und David Irving schleppten sich alle abwechselnd mit Verletzungen und spielerischen Durchhängern durch die Saison. Auch dahinter spielen mit Superstar-CB Byron Jones und dem starken 2nd-rd pick 2017 Chinedu Awuzie große Talente. Schlecht gedraftet wurde hier in den letzten Jahren nicht.

Heute aber spielen sie gegen eine Offense, die das fürchten lehrt. Direkt aus einer Zeit, in der Yogapants noch Leggings hießen und stylishe Sneakers einfach Turnschuhe waren, kommt hier ein Angriff, der den Gegner plattwalzt. Dicke Typen laufen in andere dicke Typen. Paßspiel brauchen wir nur für 3rd&bis-zum-Parkplatz. Wir sind tough: wir laufen. Passen ist finesse, das ist für die Sissies.

Und es funktioniert auch 2018! Nämlich im kalten, nassen, harten Nordwesten zwischen Wald und Pazifik: Seattle. So haben die Seahawks Prime Time Games gegen die Passing Sissies aus Green Bay, Minnesota und Kansas City gewonnen. Den schönen choreographierten Feuerwerken wurde das Licht ausgeblasen von Seattles Polenböller. It’s a passing league? Think again!


Ok. Sorry.

Also wenn man sich ganz, ganz doll anstrengt, könnte man das vielleicht noch Mike Zimmer verkaufen. Aber mit modernem Angriffsfootball hat das nichts zu tun. Es ist einfach eine front-runner offense – mit zwei oder drei Jokern, die sich Russel Wilson aus dem Arsch zieht. So lange es keinen großen Rückstand gibt, kann man damit durchkommen. Daß Seattle so in die Playoffs gekommen ist, beweist nicht, daß man so immer noch erfolgreich sein kann, sondern im Gegenteil, daß ein grandioser Qarterback wie Wilson selbst die rostigste Kutsche aus dem Dreck ziehen kann.

Unser alter Nemesis Schottenheimer hat hier eine Zombie-Offense installiert, die eine Beleidigung ist für Russel Wilson. Medial hat Schottenheimer nur Glück gehabt, daß einerseits die Seahawks die meiste Zeit under the radar liefen – und daß DangerRuss Houdini ihm mehr als einmal aus der Patsche geholfen hat.

Aber immerhin funktioniert dieses Laufspiel wirklich gut. Und zugegebenermaßen fand auch ich das mal wieder ganz schön, in der Primetime Rammbock-Football zu sehen. Profitiert hat Seattle von der Kontinuität, also wenigen Verletzungen. Vier Linienspieler – LT Duane Brown, LG J.R. Sweezy, C Justin Britt und RT Germaine Ifedi haben jeweils mehr as 90% der Snaps gespielt. Und profitiert haben sie anscheinend auch vom Coaching. Tom Cable, der lange Jahre aus wenig Talent null Leistung rausgeholt hat, wurde ersetzt von Mike Solari, der seit mehr als 40 Jahren Offensive Line Coach ist. Das Scheme wurde umgestellt auf mehr power blocking statt zone blocking, und ganz cool sind auch vielen 6-OL-sets mit George Fant als Extra Blocker. Dahinter läuft eine gute Auswahl an jungen, einigermaßen vielseitigen Running Backs: Chris Carson, Mike Davis und Rashaad Penny.

Ja: ein gutes Laufspiel ist auch 2018 noch ein wichtiges asset in der NFL, die Patriots, Rams, Chiefs, Saints zeigen es – also die vier nicht zufälligen Freilos-Gewinner. Aber ohne ein strukturell starkes Paßspiel ist man darauf angewiesen, nicht in Rückstand zu geraten. Gerät man in Rückstand, hat man auch gegen schwächere Gegner immer und immer wieder Probleme, wie man nicht nur bei diesen Seahawks im Laufe der Reguar Season häufig gesehen hat, sondern auch bei Bears oder Cowboys.

Aber hey! Zumindest heute sieht’s noch gut aus für Schottenheimer, denn heute wird es schwierig in Rückstand zu geraten gegen eine andere Zombie-Offense.


Nur kann man in Dallas nicht unbedingt dem OC Scott Linehan einen Vorwurf machen. Um einen vernünftigen Grand zu spielen, hat Dallas’ Angriff nicht die Buben – wie sie Seattle hätte. Die Offensive Line ist krank wie ein deutsches Opernpublikum zur Grippezeit. QB Dak Prescott ist limitiert in Accuracy und Decision Making. Und außer WR Amari Cooper kann sich kein Paßempfänger konstant gegen durchschnittliche Defensive Backs durchsetzen.

Die in den letzten Jahren so grandiose Offensive Line leidet diese Saison an vielen Wehwehchen. Center Travis Frederick konnte aufgrund einer Immunschwächekrankheit bisher gar nicht spielen; die Krankenakte von Tyron Smith liest sich heuer wie die von Rob Gronkowski und im Dezember mußte nun auch Right Guard Zach Martin infolge einer Knieverletzung die ersten Spiele seiner Karriere verletzt aussetzen. Die einzigen Konstanten sind Backup-Center Joe Looney und Right Tackle La’el Collins, die aber beide eine durchaus solide Figur gemacht haben.

RB Ezekiel Elliot läuft zwar kräftig (und teilweise auch sehr explosiv für so einen dicken Jungen) für gute 4,7 YPC, aber früher oder später kommt in jedem Drive der 0-Yard-Lauf oder eine Strafe und dann muß gepaßt werden. Und um diesen Stil konstant erfolgreich durchziehen zu können, ist das Paßspiel einfach zu schlecht.

Der Grund der dafür ist eine Mischung aus mangelndem Talent und strategischer Herangehensweise.

Talent: Dak Prescott ist nur ein mittelmäßiger Quarterback; die Offensive Line nur noch zwischen Mittelmaß und oberes Drittel; und wenn Rookie-WR Michael Gallup hier nicht zum Überraschungs-MVP wird, ist Amari Cooper zum Bälle fangen einfach zu wenig.

Strategische Herangehenssweise: Korsakoff hat die Saison über hier viel übers Play-Calling geschrieben, vor allem auch Pass-/Run-Rate in 1st & 10 – Situationen in der ersten Halbzeit. [Link] Da befindet sich Dallas im unteren Drittel der Liga – und das mit einer brutal schlechten SR%. Eine der wenigen Mannschaften noch weiter unten ist Seattle, aber die haben eine um 20% bessere SR% und machen glatt ein ganzes Yard (!) mehr pro Laufversuch als Dallas.

In Verbindung mit der guten Defense ist es nichts anderes als die alte Trainer-Krankheit playing not to lose. Ja: so bleiben viele Spiele lange knapp, wenn man keine Ballverluste hat. Aber knappe Spiele tendieren in der NFL zu einer 50/50-Angelegenheit (wenn man nicht gerade Prime Manning oder Brady hat). Daher ist ein überdurchschnittlicher Record in One Score Games auch in jeder Offseason einer der beliebtesten Indikatoren für Regression zur Mitte. Dallas in One Score Games 2018: 8-2. Lol. Gehen diese 10 Spiele 5-5 aus, dann steht Dallas bei 7-9. Und wie ein 7-9-Team sehen sie auch aus.

Wichtiger Nebenaspekt hier noch: Turnovers. Dallas’ Angriff hatte nur 17 Turnovers, Top-5 ligaweit. Da ist auch viel Glück dabei. (Die wenigsten Turnovers? Seattle.)


Seattles Defense hält sie die meiste Zeit ganz gut im Spiel. Viele haben geredet über die Spieler, die verlorengingen (Thomas, Chancellor, Sherman, Bennett), aber da kommt auch viel Talent nach. DE Frank Clark steht vor einem Monster Deal; CB Shaq Griffin ist stark; DT Jarran Reed hat sein Breakout Year; und Bobby Wagner erlebt seinen zweiten Frühling. Probleme bereiten nur die Fehler der vielen jungen Defensive Backs wie Tre Flowers, Justin Coleman, Akeem King und Tedric Thompson. Pete Carroll hat da viel Talent beisammen. Und als Sherman und Chancellor angefangen haben, klangen ihre Namen auch noch wie Coleman und King. Die Cowboys sind hier ein dankbarer Gegner, denn deren Offense ist in Sachen Komplexität weit entfernt von den Modellen McVay und Shanahan.

Dallas ist das schlechteste Team in diesen Playoffs. Das sieht man mit den Augen und das schreien die Advanced Stats ins Ohr, egal ob DVOA, korsakoffs Power Ranking, Record in Close Games, Pythagorean: die Cowboys sind leistungsmäßig ein gutes Stück von ihrem 10-6 Record entfernt.

Same, same also: beide Teams haben mehr als respektable Verteidigungen, aber beide auch Angriffe, die lebende Tote sind. Es ist Fehlervermeidungsfootball. Beide Teams können es sich nicht erlauben, in Rückstand zu geraten. Daher wird es auf der Angriffsseite eher langweilig und risikolos zugehen, das Spiel damit bis ins letzte Viertel spannend bleiben. Wer die Fehler macht – Turnovers, Penalties, Special Teams – wird verlieren. Wilsons Fähigkeit, Sternschnuppen aus dem Nichts an den Himmel zu zaubern, sollten hier Seattle den Vorteil lassen.

[6] Philadelphia (9-7) @ [3] Chicago (12-4)

Sonntag, 06.01.2019, 22.40Uhr

Same, same auch hier. Beide Teams sind überraschend ähnlich zusammengebaut worden. Beide Mannschaften haben sehr erfahrene Defensive Coordinators mit hervorragendem Track Record; und beide haben Offensive Coordinators, die bei Andy Reid gelernt haben. Beide Verteidigungen basieren eher auf disziplinierter Execution als exotischen Schemes; während beide Angriffe für die “Moderne NFL” stehen und aus ihren mehr oder weniger talentierten Spielern mehr rausholen müssen, als nur die Summe ihrer Teile.

Phillys DC Jim Schwartz hat schon immer auf eine starke Linie gesetzt, welche es den Defensive Backs einfacher macht. Aber dieses Jahr ist die Secondary aufgrund von Verletzungen so schwach, daß eine mittelmäßige Paß-D (15th nach DVOA) eine seiner größeren Leistungen seiner Karriere ist. Mit den CBs Ronald Darby und Jalen Mills sowie Safety Rodney McLeod fehlen drei Stammspieler. Die DBs Graham, Maddox und Douglas sind alle anfällig gegen gute Wide Receivers – aber Chicago hat ja keine, dazu gleich mehr. Am auffälilgsten war in den letzten Wochen der junge 4th-rd pick Avonte Maddox. Er ist sehr klein mit 1,75m, erinnert aber mit seiner giftigen Kettenhund-Mentalität an einen jungen Brent Grimes, den seine Kürze nicht von einer langen NFL-Karriere abgehalten hat. Der Boss hinten ist Safety Malcolm Jenkins, zwar nicht über jeden Zweifel erhaben, aber immerhin wirkt er zuverlässig als “verlängerter Arm des Coaches”, wie man so sagt.

Die beiden Linebackers Nigel Bradham und Jordan Hicks können zwar auch nicht immer umsetzen, was sie tun sollten, wissen aber immerhin immer, was sie tun sollten. Das ist in der NFL schon viel wert.

Die Stärke liegt wie meistens bei Schwartz in der Defensive Line. Superstar Fletcher Cox leidet in der öffentlichen Wahrnehmung darunter, daß scheinbar immer nur ein Defensive Tackle pro Jahr herausragend sein darf, und das ist 2018 nunmal Aaron Donald (Grüße an dieser Stelle auch an Chris Jones, J.J. Watt und Akiem Hicks!). Aber wenn er Hunger hat, frißt er so Leute die Interior O-Linemen der Bears zum Frühstück.


Daneben wird – auch typisch Schwartz – viel rotiert: Brandon Graham, Chris Long, Michael Bennett und der noch überraschend agile Haloti Ngata sind jeder für sich allein kein Quarterbackschreck, aber immer wieder abwechselnd können sie so einer bestenfalls mittelmäßigen Offensive Line wie Chicagos eine ist, viele Kopfschmerzen bereiten. Als Wildcard haben wir hier auch noch Timmy Jernigan, der nach Rücken-OP erst seit zwei Wochen wieder richtig mitspielt.

Schwartz läßt seine Defense insgesamt nichts ausgefallenes spielen, auch wenn er gerne Blitzes und häufiger als man denkt sogar Cover-0 einstreut. Aber es basiert alles auf Pressure vorne und Mitdenken hinten. Gerne geben wir First Downs ab, wenn wir nur nicht kollabieren. Früher oder später macht der Gegner Fehler, ist ihm die Red Zone zu eng oder kommt der lange dritte Versuch.

Und vor allem ist Chicago Offense kein großer Test. Chicagos Head Coach Matt Nagy wurde geholt als “young creative offensive mind”, der um den No. 2 Overall Pick Michell “Don’t Call Me Mitch” Trubisky eine explosive Offense à la McVay oder Shanahan kreieren sollte. Tja, hat er aber nicht. Das Ergebnis wirkt eher wie Blake Bortles und Nat Hackett 2017. Was sich schlimmer anhört, als es ist.

Alle Teams auf der Suche nach einem Head Coach wollen derzeit den “neuen McVay” oder den “neuen Shanahan”. Seltsamerweise wird dabei nur auf den kurzfristigen Erfolg des letzten Chefs (!) geschaut. Wer den “neuen McVay” will, holt sich jemanden, der für McVay gearbeitet hat, also jemanden, der scheinbar ein cooles Playbook mitbringen kann. Diese Fixierung auf das Playbook des letzten Jahres irritiert. Denn langfristig erfolgreich sind die “Minds”, die ihr Playbook ständig weiterentwicklen. Erfolgreich sind Andy Reid und Bill Belichick & Josh McDanies nicht weil sie ein tolles Playbook haben, sondern weil sie jedes Jahr ein neues tolles Playbook haben. Wo Dinge weiterentwickelt werden, wo ganz neue Dinge hinzukommen und wo wo auch bestimmte Dinge einfach gelöscht werden.


Kurzer Exkurs, weil derzeit für so viele offene Stellen interviewt wird: was macht einen Coordinator erfolgreich? Imho, wie der Internetmensch sagt:

  1. Identifiziere, was Deine Spieler können – und was sie nicht können
  2. Entwerfe Spielzüge, welche die Stärken Deiner Spieler nutzen und welche ihre Schwächen kaschieren
  3. Bringe Deinen Spielern diese Spielzüge bei
  4. Wiederhole 1-3 jede Woche aufs Neue

Das Playbook mit seinen Spielzügen kann erst entstehen, wenn Du Deine Spieler kennst. Du kannst nicht das Chiefs-2018-Playbook nach, beispielsweise, Cincinnati bringen und denken: cool, jetzt haben wir auch die Chiefs-2018-Offense! Und selbst, wenn Du ein passendes Paybook hast, mußt Du es Deinen Spielern erstmal beibringen können. Ja, Jon Gruden versteht NFL-Offenses bestimmt besser als die meisten anderen NFL-Menschen, aber wenn Gruden es seinen Spielern nicht beibringen kann, ist es brotlose Kunst.

So schwierig das schon ist: am allerschwierigsten ist es, sich permanent selbst zu hinterfragen und zu verändern. Das ist eine Schwierigkeit, vor der – pathetisch gesprochen – alle Menschen in ihrem daily life stehen: bei ihrer Arbeit, in ihren Beziehungen, in ihrem Verständnis zu sich selbst. Es ist gegen die Natur des Menschen, Gewohnheiten zu ändern. Menschen sind träge: kenn ich – mag ich; habe ich Erfahrung mit – mache ich weiterhin so; soll ich ändern? – Könnte doch schiefgehen!

Zu den Punkten 1-4 kommt dann noch ein schwer zu identifizierender Punkt 5 hinzu: man kann es vielleicht Motivation nennen. Beste Beispiele sind die Verteidigungen von Indy und Seattle dieses Jahr: bei jedem Tackle sind scheinbar sechs Verteidiger am Ball, das ist eine kollektive Energie und ein kollektiver Wille richtig sichtbar, der nicht vom Himmel fällt, sondern der erste geschaffen werden muß, von Trainern und Spielern gemeinsam.


Systeme wachsen nicht auf Bäumen, Schemes kommen nicht mit der Post. Jeder Coach hat seine eigene Situation und muß seinen Spielern eine maßgeschneiderte Lösung anbieten. Matt Nagy scheint es dieses Jahr nicht geschafft zu haben.

Diese Offense geht am Stock. Seit Oktober hatten die Bears nur ein Spiel mit mehr als 300 Passing Yards. Zumal die drei Wide Receivers jetzt auch noch angeschlagen sind: Taylor Gabriel, Allen Robinson und Anthony Miller machen selbst fit niemandem Angst; Mitchell Trubisky ist am gefährlichsten, wenn er läuft; und der kräftige RB Jordan Howard sah unter John Fox besser aus als unter Nagy.

Die größte Gefahr für Philys Defense geht hier von speziell designten Spielzügen für Wirbelwind Tarik Cohen und Allzweckwaffe Trey Burton aus. Das ist nicht viel. Hinten Mitdenken ist für die Eagles wichtiger als vorne Pressure, dann sollte nicht viel anbrennen.


Das Gegenteil von Nagy ist in diesem Sinne Defensive Coordinator Vic Fangio. Fangio wurde vom alten Coaching Staff übernommen. Nagy kann nichts dafür, aber was Fangio ihm voraushat, ist die Kontinuität. Das ist die Basis, die Fangio aber immer weiter entwickelt, ändert und anpaßt. Filmgucker wie Greg Cosell und Matt Bowen sagen, daß Fangios Defense extrem schwer zu lesen ist, obwohl sie simpel aussieht. Die Zonen der Verteidiger sind leicht verschoben; wo eigentlich eine Grenze zwischen zwei Zonen ist, also die typische Schwachstelle einer Zonenverteidigung, taucht überraschend ein anderer Verteidiger auf; was aussieht wie Zone, wird plötzlich zur Mannverteidigung.

Dazu kann ich nicht viel sagen, weil man das als Fernsehzuschauer kaum erkennen kann. Was man aber sagen kann, weil es so deutlich ist: seine Spieler sind extrem diszipliniert, sie machen kaum Fehler. Die Basics: sicher tacklen, nicht die eigene Zone verlassen, hinten niemanden vorbeilaufen lassen. Auch das macht, siehe oben, einen gute Coordinator aus: teaching the basics.

Dazu kommt natürlich das immense Talent, vor allem vorne mit Akiem Hicks und Khalil Mack. Beide, Hicks und Mack, können jedem O-Liner die Hose ausziehen. Einfach eine Augenweide sind die T-E-Stunts, die Fangio ihnen beigebracht hat wie früher bei den 49ers Aldon und Justin Smith. Dabei blockt entweder der DT Hicks von innen nach außen Guard und Tackle, während DE Mack hinter ihm durch die gerissene Lücke prescht oder andersrum.

Dahinter stehen mit LB Danny Trevathan und vor allem Safety Eddie Jackson (der aber angeschlagen) zwei sehr spielkluge Verteidiger, die neben den Basics auch die Specials draufhaben. Alle anderen Verteidiger sind keine Superstars, aber wie gesagt sehr diszipliniert. Da muß sich Pederson schon einige Besonderheiten einfallen lassen, um hier jemanden auf dem falschen Fuß zu erwischen. Die angesprochene Kontinuität in der Verteidiung gilt dabei übrigens nicht nur über die letzten Jahre (nur Mack und Rookie-LB Roquan Smith sind in ihrem ersten Jahr hier bei Fangio), sondern auch im Sinne einer glücklichen Verletzungsfreiheit im Jahr 2017: kein Stammspieler hat mehr Spiele verpaßt als Mack mit dreien.


Die Eagles im Angriff haben dieses Jahr gelitten an vielen Verletzungen in der Offensive Line und auf der Position des Running Backs; dazu haben sie die Saison begonnen mit einem Back-up QB Foles, der mehr oder minder überfordert war, bevor Carson Wentz wohl etwas zu früh von seiner Verletzung zurückkam und sich nicht so recht getraut hat, zu einem anderen Spieler als Zach Ertz zu werfen.

Gegen Ende der Saison waren zumindest die Superstars der Linie Jason Kelce und Lane Johnson wieder fit und auch LT Jason Peters hat teilweise nochmal seine alte Superstarklasse aufblitzen lassen. Im Dezember kam dann auch Darren Sproles (der ist mittlerweile 35!) zurück und so konnten die Eagles die mittelmäßigen Running Backs Smallwood und Clement häufiger draußen lassen; Jay Ajayi fehlt dieser Offense doch mehr, als man vor seiner Verletzung geglaubt hätte.

Und nicht zuletzt ist Nick Foles nach Wentzens erneuter Verletzung anscheinend in einen großen Topf Tim-Tebow-Zaubertrank gefallen und läßt Eagles-Fans an Wunder glauben.

How did we get here? Nach einer unglücklichen Niederlage nach Verlängerung in Dallas Mitte Dezember standen die Eagles bei 6-7 und brauchten drei Siege plus Hilfe von anderen Teams um noch die Playoffs zu erreichen. Anschließend gewinnt Philly überzeugend in der Prime Time bei den Rams; dann stellt Foles eines Teamrekord mit 471 Yards gegen die Texans auf (die 10 ihrer letzten 11 Spiele gewonnen hatten); bevor er mit 25 aufeinanderfolgenden Completions in Woche 17 sogar einen NFL-Rekord einstellt; und schließlich die Vikings in sich zusammenfallen und damit den Eagles die Playoffteilnahme mit nur neun Siegen erlauben. Magic.

Dieser Foles hat eine der seltsamsten Karriere der letzten Jahre hinter sich. Eingeführt wurde er hier von korsakoff anno 2011 als “Zottelbock”. Seine Haare sind normaler geworden, sein Auf-und-Ab eher verworrener. Er beginnt 2012 als mäßiger 3rd-pick in Philly, bevor er im zweiten Jahr unter Chip Kelly mit einer TD-INT-Ratio von 27-zu-2 einen NFL-Rekord aufstellt. Genauso schnell geht er im kommenden Jahr mit Kelly unter. Er muß zu Jeff Fisher nach St. Louis. Von dieser Reise ins Mittelalter – statt Kellys iPads per API mit seinem Hirn zu verbinden muß er Fishers gravierte Steinplatten entziffern – ist er so geschockt, daß er daran denkt, seine Karriere zu beenden.

Ausgerechnet Kellys Vorgänger in Philadelphia, Andy Reid, holt ihn von der Straße zu den Chiefs. Zur selben Zeit ist Reids Offensive Coordinator Doug Pederson Head Coach der Eagles geworden, als Nachfolger von Reid und Kelly. Pederson holt nach gutem Feedback von Reid den 2-Meter-Mann als Backup für seinen neuen Superstar-Rookie Wentz nach Philadelphia. Wo Wentz einschlägt wie eine Bombe, sich aber spät in der Saison verletzt.

Foles spielt in den letzten Spielen der Regular Season eine Grütze vor dem Herrn und Philly humpelt hoffnungslos in die Playoffs. Mit großer Hilfe der Falcons-Offense kommt Philly glücklich eine Runde weiter – und ohne Vorankündigung spielt Foles im NFC Championship Game und dem Super Bowl wie Joe Flacco vor einer Vertragsverlängerung: Super Bowl Champion. Statt “Zottelbock Foles” ist er nun “Big Dick Nick”.

Back to Earth: ist Foles besser als Wentz? Nope. Not even close. Aber zumindest eines hat er besser gemacht als Wentz diese Saison: er hat seinen Wide Receivers vertraut und nicht nur zu Tight End Ertz geworfen. Aus irgendeinem Grund hatte Wentz einen Scheuklappenblick auf Ertz als wäre er sein Erstgeborener in einem Rudel Hyänen. Foles hat Alshon Jeffery und Nelson Agholor wieder zu vollwertigen Mitgliedern der Offense gemacht.

Jeffery ist zwar nicht explosiv und selten wirklich frei, aber mit seinen breiten Schultern und seinen starken Pranken kann er gegen jeden Cornerback contested catches machen. Agholor kann eigentlich gar nichts wirklicht gut, aber er ist ein passabler Wide Receiver, der von Pedersons klugen Schemes immer wieder freigespielt wird und genutzt werden kann.

Und wenn der QB diese beiden, Jeffery und Agholor, einbindet, kann sich auch nicht mehr alles auf Ertz konzentrieren, was es besser für alle drei macht. Mit Rookie-TE Goedert und dem während der Saison verpflichteten Golden Tate gibt es dann sogar noch Optionen vier und fünf, für die sich der smarte Pederson etwas einfallen lassen kann. Zumal Sproles auch mit 35 Jahren noch eine Gefahr im Paßspiel ist. Der Paßangriff ist besser aufgestellt, als man denken würde nach 9-7-Gewürge und dem nur glücklichen Playoffeinzug.

Um die grandiose Bears-D vor Probleme zu stellen, muß Pederson sich erneut – und gleichzeitig anders – so beweisen, wie er es letzte Saison geschafft hat. Er muß sein System an die Stärken seiner Spieler anpassen und ihnen das Training und das Selbstbewußtsein geben, das auch umsetzen zu können. Umgekehrt gilt das für Nagy natürlich genauso. Da Pederson – im Gegensatz zu Nagy – bereits bewiesen hat, das er das kann, sehe ich hier Philadelphia im Vorteil. Korsakoffs Power Ranking hat Chicago mit 2,9 Punkten, also dem Heimvorteil, vorne.

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22 Kommentare zu “NFC Wild-Card Preview 2018/19

  1. Willkommen zurück lieber Herrmann. Schön nach fast 2 Jahren wieder von dir zu lesen. Wie immer prima!

  2. Toller Beitrag!
    Macht diese Saison richtig Spaß nachdem es die letzten Jahre ja etwas weniger geworden war.

    Zu den Stunts/Games:
    TE: Tackle vor End, vor allem gegen den Pass
    ET: End vor Tackle, eher gegen den Run

  3. Hatte es ja heimlich gehofft. Schöner und auch lustiger Artikel Herrmann! 😀
    Gerne mehr.

  4. Ich fange an zu lesen „das ist aber ein komischer stil. gar nicht krosakoff mäßig.
    aha. war ein kunstgriff. okay, auch lange nicht mehr gelesen hier.

    Opernreferenz. wait what?!? *scrollt nach oben* aha doch Herrmann wunderte mich schon.

    Danke. Hat Spaß gemacht.

  5. Sehr informativer Artikel der auch sehr unterhaltsam zu lesen war.
    Danke dafür.
    Ich sehe die Seahawks und die Eagles jeweils vorne. Wobei das bei den Eagles auch daran liegt wie sie in die POS gekommen sind.

  6. Starke 1. Hälfte der Colts, auf beiden Seiten des Balls. Bin gespannt ob es Adjustments gibt von den Texans oder ob es die 2-Man-Show Watson/Hopkins alleine richten muss.

  7. Clowney ist zurück.

    Die knappe Niederlage gegen die Eagles, die Texans würden heute gar nicht spielen.

  8. Watson scheint mir ausgesprochen unpräzise heute.
    Hey Cam, ich hoffe, Du hast kein Geld auf die Texans gesetzt…

  9. Nein hab ich nicht aber auf die anderen games. Die Quote der texans war zu schwach weil man davon ausging das durch den heimvorteil die texans im vorteil wären.

  10. Hab mich die Tage erst gefragt, was eigentlich mit Herrmann ist. Schön, mal wieder von ihm zu lesen. Der Text war trotz seiner Länge sehr kurzweilig, das Fachwissen garniert mit Vergleichen, die so gut sind, dass selbst die besten Anwälte sie vor Gericht nicht erreichen können, macht einfach Spaß.

  11. Seattle verliert also weil sie immer wieder in die Mauer laufen.
    Schlechtes Coaching von Caroll/Schottenheimer. Mit mehr Passspiel wäre mehr drin gewesen, wie man an den paar Pässen gesehen hat.

  12. Habe diese Saison kaum was von Seattle gesehen und dachte bis gestern, dass Korsakoffs Schottenheimer Bashing warscheinlich leicht übertrieben ist.

    Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so schlimm ist!

    Das war so ziemlich das schlechteste Playcalling in einem Spiel an das ich mich erinnern kann gesehen zu haben.

    Wäre warscheinlich mit mehr Passspiel ein ungefährdeter Seahawks Sieg geworden

  13. Kein Schottenheimer-Bashing war jemals leicht übertrieben. Es war seit Schottenheimers Einstellung zu erwarten, dass er die Offense zurückhalten wird.

    Dass er nun ein Playoffspiel im Alleingang an die Wand gecoacht hat, ist in dem Zug vielleicht sogar als positiv zu bewerten, da nun selbst die verblendedsten Schottenheimer-Verteidiger keine Argumente mehr pro Schottenheimer aufbringen können.

  14. Pingback: NFC Wildcard-Playoff 2018/19: Chicago Bears – Philadelphia Eagles im Liveblog | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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