Divisional Playoffs 2018/19 – Samstagsvorschauer

Heute startet das hochklassigste NFL-Wochenende, das Divisional Playoff. NFL-Viertelfinale. Die vier besten Teams der Liga in einem Heimspiel gegen die vier Sieger des Auftaktwochenendes von letzter Woche.

Heute gibt es den Auftakt mit dem Superstar-Duell auf Quarterback in Kansas City, MVP in spe Patrick Mahomes gegen das einstige Wunderkind Andrew Luck in seiner Comebacksaison, und einem Nachtspiel zwischen einer modernen Rams-Offense gegen eine aus der Zeit gefallene Cowboys-Offense, die sich letzte Woche noch knapp über die Runden rettete.

Kansas City Chiefs – Indianapolis Colts

Heute Abend – 22h35

Die #1 der AFC, Kansas City Chiefs (12-4) gegen die #6 der AFC, Indianapolis Colts (11-6) – ein Viertelfinalauftakt der klaren Verhältnisse?

Mitnichten, wenn man dem US-Tenor glaubt – es gilt schon gar nicht mehr als unkonventionell, einen Colts-Sieg hinauszuposaunen. Dass dem so ist, liegt an mehreren Faktoren – sie alle sorgen dafür, dass Chiefs-Fans seit Tagen mit flauem Magen auf dieses Spiel warten:

  1. Die unglückselige Playoffgeschichte der Chiefs, die seit 1993 ein einziges Playoffspiel gewannen und satte zehnmal „one and done“ gingen – viermal davon ausgerechnet gegen die Colts (Saison 1995, 2003, 2006 und 2013), die sowas wie einen Angstgegner darstellen
  2. Die unglückselige Playoffhistorie von Chiefs-Headcoach Andy Reid, dessen 11-13 Bilanz in den Playoffs (davon 1-4 mit Kansas City) so allgegenwärtig ist wie die Angst vor seinen Time-Management Bolzen.
  3. Die Formkurve der Colts, die 10 der letzten 11 Spiele gewannen und letzte Woche die Houston Texans komplett an die Wand nagelten.
  4. Die günstigen Matchups der Colts: Ihre brutale Offense Line gegen die schwächste Rushing-Defense der NFL (nur 49% Success-Rate) sowie ihre quicke Zone-Defense gegen die schnellen Chiefs-Receiver.

Der vierte Punkte ist dabei der wichtigste: Die Colts haben theoretisch die bestmöglichen Waffen um die Chiefs vor Probleme zu stellen.

Dass die Colts sich ungefähr auf Augenhöhe mit Kansas City bewegen, kann man an den Vorstellungen der letzten Wochen auch an den Zahlen ablesen: Seit dem 1-5 Start sind die Colts beginnend mit Woche die #2 in meinem Power-Ranking sowie die #2 nach gewichtetem DVOA von Footballoutsiders, der die jüngsten Vorstellungen höher gewichtet als die weiter zurückliegenden (jeweilige #1: Die Chiefs).

Ein ausgeglichenes Spiel ist also zu erwarten. Was wir sicher kriegen: Ein Duell unterschiedlicher Stile: Die wilde Pass-Offense um Mahomes, die fein austarierte Offense der Colts, die quicke Indy-Defense und die Hopp/Topp Abwehr der Chiefs.

Wenn die Chiefs den Ball haben

Chiefs-QB Patrick Mahomes (5000 yds, 50 TD in seiner ersten Regular Season) ist der vielleicht spektakulärste Quarterback, den ich in 15 Jahren NFL bislang gesehen habe: Ein Wurftalent vor dem Herrn, doch gleichzeitig Prophet der tiefen Bälle wie genial in Broken-Plays – Mahomes hat Momente, da denkst du dir, er ist als Kind zu heißt gebadet worden – nur dass am Ende doch der Receiver mit 50yds-Completion aus Dreifachdeckung herunterkommt.

Was die Verteidigung der Chiefs-Offense zur Herkules-Aufgabe macht, ist freilich nicht Mahomes allein. Es ist die Kombination aus Mahomes, aus extrem flinken (WR Tyreek Hill) und kräftigen (TE Travis Kelce) Anspielstationen sowie einem Arsenal an Spielzügen aus der Feder von Andy Reid, das sich gewaschen hat und die NFL nachhaltig zu verändern verspricht.

Kansas City hat keine sonderlich überragende Offensive Line und ein „nur“ überdurchschnittliches Laufspiel mit dem Third-String RB Williams, doch weil Mahomes fast immer in Shotgun-Formation spielt und häufig vier oder fünf Anspielstationen zur Verfügung hat, ist das oft Jacke wie Hose.

Es gab Momente in der Regular Season, in denen Mahomes wackelte – zum Beispiel, als die Ravens in jedem Play mit sieben Mann drohten, heranzustürmen, oder als die Rams mit Aaron Donald heranrauschten und Mahomes verschiedenste Coverage-Konzepte zeigten. Doch Mahomes war ihnen allen am Ende trotzdem gewachsen: 26 Punkte im Spiel gegen Arizona war seine schlechteste Ausbeute!

Die Colts werfen Mahomes keine Defense der bekannten Namen entgegen. DefCoord Matt Eberflus schaffte es jedoch im Laufe der Saison, seine Cover-2 Zone-Defense zu einer kohärenten, schwer zu lesenden Einheit zu formen, die von einer flinken Secondary, vielen angetäuschten Manndeckungen und einem Passrush voller Stunts lebt. Das Problem für den Gegner ist dabei, dass Eberflus ganz gerne mit gezinkten Karten spielt:

En Detail hat Adrian Frank bei SPOX.com über Eberflus und seine Defense geschrieben – kein Grund für einen Gutenberg – ein Klick reicht um sich informieren.

Doch ist es für die Colts überhaupt ratsam, Cover-2 gegen jenen Mahomes zu spielen, der diese Deckung im Schlaf zerpflückt und in 68 Dropbacks diese Saison 22 Completions über 20 Yards an den Mann brachte? Noch dazu, wenn Andy Reid mit drei oder mehr Wide Receiver attackiert, einen Tyreek Hill tief schickt und TE Kelce auf den Mitteldistanzen gegen die #29 Tight-End Defense nach DVOA ansetzt?

Es könnte für Indianapolis die bessere Idee sein, häufiger Cover-3 mit nur einem tiefen Safety zu spielen – ein System, gegen das die Chiefs-Offense wesentlich zurückhaltender spielt. Doch dann würde Eberflus seine Comfort-Zone verlassen. Willst du das im schwierigsten Spiel der Saison (Colts-Defense spielte den mit Abstand einfachsten Schedule an gegnerischen Offenses)?

Wenn die Colts den Ball haben…

… dann könnte die beste Idee sein, ganz einfach 30x über die Chiefs drüberzulaufen – ein Tipp, der in der NFL 2018 und mit einem QB wie Luck nur deshalb Validität hat, weil Kansas City eine wirklich desaströse Lauf-Verteidigung hat:

  • 48% Defensive Success-Rate, #32 (die #31 hatte 53%)
  • 5.1 Yards/Carry, geteilte #31
  • Kassierte 0.10 EPA/Lauf, #30 der Liga

Eine 2-Gap Defensive Line, die sich vor allem auf Passrush fokussiert, plus zwei instabile Linebacker ins Ragland und Hitchens sorgen dafür, dass Indianapolist in diesem Duell mit seiner wuchtigen Offense Line und seinem quicken RB Marlon Mack das Tempo vorgeben kann – und dass Luck solange eine ruhige Kugel schieben kann, bis die Chiefs ihren Safety #29 Eric Berry nach vorne in die Box stellen.

Dann ist die Zeit für Headcoach/Play-Caller Frank Reich gekommen, seine geliebten tiefen Bomben auszupacken, in denen WR #13 T.Y. Hilton nach Double-Move der Defense entwischt und Luck zum 50yds-TD ansetzt.

Wenn die Colts die 1st und 2nd Downs gewinnen und den einen oder anderen tiefen Pass anbringen, ist die Upset-Chance exzellent. Doch eines müssen sie vermeiden: In zu viele lange 3rd Downs zu geraten – denn obwohl die Chiefs-Defense die Tendenz zur Aufgabe hirnrissiger Completions zum 1st Down hat, so kann Chiefs-DefCoord Bob Sutton immer noch seinen Passrush aus der Hölle loslassen: DT Chris Jones und die Flanken-Rusher Ford/Houston. Jeder Sack und jede Incompletion bedeuten dann einen toten Drive – wenn auf der anderen Seite die Mahomes-Offense das Tempo vorgibt, kann das verheerend enden.


Schmetterlinge für Mahomes sind angesichts seines Playoff-Debüts und der Last von 25 Jahren Postseason-Misserfolg nicht auszuschließen – und dennoch wird der QB-Superstar Punkte auf das Tablett legen. Es liegt also an der Colts-Offense, den zu erwartenden Shootout mitzugehen. Die Chancen dafür, solange sie zu viele 3rd&8 Situationen vermeiden kann, stehen ganz gut.

Tipp: Kansas City, trotz allem.

Los Angeles Rams – Dallas Cowboys

Heute Nacht – 02h15

Die Los Angeles Rams (13-3), Sieger der NFC West, treffen im Nachtspiel auf die Dallas Cowboys (11-6), Gewinner der NFC East. Auch hier scheinen viele Experten dem Auswärtsteam große Hoffnungen auf einen Überraschungscoup zu machen – auch hier werden die Gründe klar benannt:

  1. Die Rams-Offense strauchelte in den letzten Wochen dem Saisonende entgegen. Von der grandiosen 8.5 NY/A-Passspiel Offense der ersten Saisonhälfte ist seit dem Ausfall von WR3 Cooper Kupp nicht mehr viel übrig.
  2. Dallas ist kampferprobt, gewinnt ein knappes Spiel nach dem anderen (mittlerweile 9-2 in One-Score Games dieses Jahr).
  3. Das Stadion in Los Angeles wird mit zu erwartenden 40.000 Cowboys-Fans keine Heimspielatmosphäre für die Rams aufkommen lassen.

Doch ein zweiter, genauerer Blick auf die Partie offenbart: Die Rams sind dann doch auf dem Papier und an der Seitenlinie (Sean McVay gegen Jason Garrett ist ein Klassenunterschied) eine ganze Ecke verlässlicher.

Klar – Dallas kann mit seiner Defense Dampf gegen den Quarterback entfachen, und klar – die Rams-Abwehr ist mit Laufspiel zu bezwingen (gerade von Cowboys-RB Ezekiel Elliott). Und ebenso klar – die Cowboy-Defense spielt viel Zonenverteidigung, ein Konzept, das Rams-QB Goff nicht schmeckt. Doch auf der anderen Seite hatte McVay nun wochenlang Zeit, seine Offense wieder in Schuss zu bekommen.

McVay, der fast das ganze Jahr ausschließlich aus 11-Personnel und mit dem QB Jared Goff am Center (also nicht Shotgun) gespielt hatte, diversifizierte sein Personal in den letzten Wochen ein klein wenig und spielte in den letzten drei Partien zumindest 10% seiner Snaps aus 12-Personnel, mit den beiden Tight Ends Everett und Higbee.

12-Personnel ist natürlich noch immer eine Freak-Formation für Rams-Verhältnisse, doch sie war recht erfolgreich (8.0 Yards/Play und 57% Success-Rate) – wohingegen Dallas Schwierigkeiten gegen 12-Personnel hat: 7.7 Yards/Play und nur 50% Defensive Success-Rate (gegen 11-Personnel ist diese Defense besser: 6.6 Yards/Play bei immerhin 56% Defensive Success-Rate).

McVay, der sich Anfang Dezember mitten im Rennen um den #1 Seed noch nicht getraut hatte, seine Offense umzustellen, hatte nun zwei Wochen Zeit um sein Play-Book neu zu sortieren. Es wäre eine Überraschung, wenn er nicht den einen oder anderen neuen Kniff einbauen sollte. Und es würde erstaunen, wenn er auf die Potenziale von 2-TE Aufstellungen gegen Dallas verzichten sollte.

Doch der Fokus wird auch darauf liegen, Screenpassspiel aus dem Backfield aufzuziehen. Zumal gegen die überraschend starke Cowboys-Defense, die dank ihres Shutdown-DBs Byron Jones nach DVOA sowohl gegen WR1 als auch WR2 zu den besten Units (#6 bzw. #3) gehört, aber gegen alle Anspielstationen dahinter Probleme hat:

  • #22 gegen WR3
  • #19 gegen TE
  • #26 gegen RB

Probleme gegen Runningback? Give me Todd Gurley, den Prototyp des “Pass-Catchers” aus dem Offensive Backfield. Und: Rams haben die 2t-beste Play-Action Offense der NFL (9.0 Yards/Play) und nutzen sie häufig (34% der Pass-Plays). Dallas ist im besten Fall Mittelmaß gegen dieses Fake.


Selbst wenn die Cowboys den Rams defensiv Probleme bereiten sollten, so müssen sie noch immer genügend Punkte scoren um im Coliseum zu bestehen. Von QB Prescott wird die Gefahr mit seinem einzigen WR Cooper als echtem Individualtalent nur einen gefährlichen Wide Receiver hat: Zu gering ist das Vertrauen der Coaches in ihren Quarterback, der nicht von der Leine gelassen wird.

So muss wohl einmal mehr RB Elliott gegen die wackelige Rams-Run Defense die Kastanien aus dem Feuer holen. Elliott ist nach Success-Rate dieses Jahr nur oberes Mittelmaß, doch er gehört nach wie vor zu den Runningbacks mit den meisten gebrochenen Tackles.

Die Rams-Defense gehört zu den Defenses, deren Tackles am leichtesten gebrochen werden. Doch ist die Brechstange in Los Angeles genug? Kannst du mit einer Serie an 5-yds Runs gegen eine Offense bestehen, die mit Sicherheit in wenigstens drei Drives TDs scoren wird?


So riecht es nach einer Partie, in der die Rams noch nicht ihr ganzes Playbook auspacken müssen um ins Halbfinale einzuziehen. Ohne eine unheimliche Turnover-Serie ist ein Auswärtssieg der Cowboys fast ausgeschlossen. Führen die Rams erst einmal mit zwei Scores, ist diese Partie so gut wie entschieden.

Tipp: Los Angeles Rams.

10 Kommentare zu “Divisional Playoffs 2018/19 – Samstagsvorschauer

  1. Andy Reid ist mein absoluter Lieblingstrainer in der NFL und formal sollten die Chiefs haushoher Favorit sein. Die Colts agieren jedoch extrem diszipliniert und wirken nach der Wild Card Runde wie das ausgewogenste Team. Wird also spannend, ich trau mich hier nicht gegen die Colts zu wetten (aber ich Wette auch nicht).

    Das zweite Match ist mir irgendwie herzlich egal. Mir sind beide Mannschaften aus unterschiedlichen Gründen unsympathisch. Da die Rams im Laufe der Saison sehr oft mit nocalls davon gekommen sind tendiere ich leicht zum Underdog Dallas.

  2. Fachliche Frage zur Colts-D:
    Man-D zu zeigen um dann aber Zone zu spielen muss doch megariskant sein, weil ein Bust reicht um ein Riesenloch in der Zone zu haben?
    Beispiel: RB geht pre-snap auf WR-position und ein WR geht auch in motion. Wenn die Defense Man vortäuschen will, muss sie zwei Verteidiger bewegen – zweimal Zones durchwechseln ohne miteinander zu kommunizieren. Klingt mental anspruchsvoll.

    Plus: Die OCs wissen es mittlerweile auch und wenn sie gut sind, bringen sie einige exotische Motions rein. Ich hoffe, die Chiefs haben auch einen filmroom. 😉

  3. also doch ein snow game,mann dann wird man in TV wieder nichts erkennen außer wie alle sich in den Schnee auf den Football stürzen.

  4. Pingback: AFC-Divisional Playoffs 2018/19: Kansas City Chiefs – Indianapolis Colts im Liveblog | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. Pingback: NFC-Divisional Playoffs 2018/19: Los Angeles Rams – Dallas Cowboys im Liveblog | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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