Der Moment, das Laufspiel zu etablieren

Wir kennen die Redewendung alle: „Einem Rückstand nachlaufen“. Doch wo dieser Spruch im Fußball sogar gelten mag, könnte er im Football der NFL nicht falscher sein. Denn im Football wird dem Rückstand nicht nachgelaufen.

Sondern nachgeworfen.

Ich habe aus dem Play-by-Play der NFL hier mal eine Grafik abgeleitet, die das Play-Calling der NFL-Coaches verdeutlicht. Die drei Linien markieren die Laufspiel-Quote pro Spielminute über die bisherige NFL-Saison:

  • Blau = Vorsprung / Offensive mit Führung im Rücken
  • Orange = Rückstand / Offensive in Rückstand
  • Grau = Gleichstand im Spielstand

Hier die Grafik – NB: QB-Kneels und QB-Spikes werden ausgeschlossen.

Run-Quote nach Spielstand.png

Wir sehen:

  • Coaches beginnen das Spiel mit ihrer unter der Woche ausgedachten Spielidee: Im ersten Viertel macht es keinen Unterschied, ob das eigene Team führt oder in Rückstand liegt – die Run/Pass Quote verhält sich relativ ähnlich.
  • Nach 20 Minuten beginnen Coaches ganz allmählich, nach Spielstand zu denken. Liegen sie in Führung, ist ihre Lauf-Quote rund 6-8% höher als wenn sie in Rückstand liegen.
  • Der Trend setzt sich im dritten Viertel fort, in dem die Coaches der führenden Mannschaften runde 7% höhere Lauf-Quote ansagen, aber noch immer unterhalb der 50%-Marke bleiben, also noch immer mehr Pass- als Laufspiel ansagen, selbst wenn sie führen.
  • Kurz vor Ende des dritten Viertels klafft die Schere dann wirklich auseinander: Coaches der in Rückstand liegenden Mannschaft bekommen Stress und beginnen, ihre Run/Pass Ratio zu vergessen und immer stärker auf Passspiel zu setzen, je näher wir dem Spielende kommen.
  • Wirklich überhandnimmt das Laufspiel erst im Schlussviertel bei Führung. Runde 10 Spielminuten vor Schluss erleben wir bei führenden Offenses das Phänomen „Establish the Run“, über das Coaches so gerne unter der Woche sprechen.

Wir sehen: Ungeachtet des vielen Coaching-Gelabers wird in der NFL schon heute das Laufspiel erst gegen Spielende wirklich „etabliert“ – und zwar dann, wenn Teams bereits in Führung liegen um mit dem zeitaufwändigeren Laufspiel die Führung ohne große Gefahren durch Ballverluste nach Hause zu laufen.

Dagegen wird einem Rückstand nicht „nachgelaufen“. Sondern nachgeworfen. Schon im zweiten Viertel beginnen Coaches, verstärkt auf Passspiel zu setzen um Rückstand aufzuholen, doch je näher wir ans Ende kommen, desto wurfgewaltiger werden die angehenden Verlierer. Es bleibt ihnen keine Zeit mehr, dem Rückstand nachzulaufen. Sie müssen per Passspiel aufholen!

20 Minuten vor Schluss sind sie noch bei 55% Pass-Quote. 15 Minuten vor Ende sind es schon 68% Pass-Quote. Zehn Minuten vor Ende sind wir bei 70%, fünf Minuten vor Schluss bei fast 80%, in den letzten Minuten auf beinahe 90%.

Zwei Beobachtungen, die man noch aus dem Graph lesen könnte:

  • Kurz vor der Pause, nach der 2-min Warning, beginnen Coaches, ihr Gameplanning über Bord zu werfen um ihre „2-min Offense“ vom Zaum zu lassen: Die Run-Quote sinkt in den Keller, weil Teams versuchen, auf Druck noch einige Punkte vor der Halbzeit abzustauben. Lauf-Quote sinkt recht unabhängig vom Spielstand auf unter 20%, wobei man beachten sollte: QB-Kneels werden in der Grafik keine berücksichtigt.
  • Das Verhalten der grauen Kurve (also bei Gleichstand) im vierten Viertel ist durchaus interessant. Ich bin mir sicher, ob wir es mit einem „Signal“ oder „Noise“-Phänomen zu tun haben, aber kann es sein, dass Coaches eingangs des vierten Viertels bei Gleichstand noch gegen eine vorzeitige Entscheidung coachen (hohe Lauf-Quote) und erst in den letzten Minuten verstärkt die Hand an den Abzug halten und ihre Pass-Offense aggressiver zu Werke gehen lassen um eine Overtime abzuwenden (niedrigere Lauf-Quote kurz vor Schluss)?

Was passiert bei klaren Spielständen?

Um den Effekt von großen Spielstands-Diskrepanzen aufzuzeigen, hier die Grafik, in denen wir nur klare Führungen und klare Rückstände anschauen:

  • Blaue Linie = mehr als 10 Punkte Vorsprung
  • Orange Linie = mehr als 10 Punkte Rückstand
  • Graue Linie = Spielstand zwischen -10 und +10

Wir sehen im Prinzip die gleichen Phänomene wie oben, nur verstärkt:

  • Lauf-Quote ist bis 20ten Minute fast identisch wie in obiger Grafik
  • Laufspiel-Quote im zweiten und dritten Viertel ist etwas deutlich gen klar führender Mannschaft verschoben als oben
  • Schon ab Mitte des dritten Viertels denken Coaches der klar führenden Mannschaften fast nur noch daran, die Führung nun nach Hause zu schaukeln bzw. nach Hause zu laufen
  • Die letzten Minuten wird fast nur noch gelaufen
  • Two-Minute Offense vor der Pause zeigt global ein ähnliches Verhalten wie oben: Coaches scheinen dem Publikum unabhängig von der Dramatik des Spielstandes zeigen zu wollen, was sie sich unter der Woche erdacht haben – mit einem kleinen Unterschied: Hoch in Rückstand beginnen sie bereits eine Minute früher, die Uhr runterzulaufen um sich in die Halbzeitbesprechung zu retten.

Run-Quote nach klarem Spielstand.png

6 Kommentare zu “Der Moment, das Laufspiel zu etablieren

  1. „…erst in den letzten Minuten verstärkt die Hand an den Abzug halten und ihre Pass-Offense aggressiver zu Werke gehen lassen um eine Overtime abzuwenden (niedrigere Lauf-Quote kurz vor Schluss)?“

    Wieviele Spiele waren denn kurz vor Ende (ca. 3 min) noch unentschieden? Vielleicht kann man aus der geringen Datenmenge keine ernstzunehmenden Schlüsse ziehen, sondern muss auf den jeweiligen Einzelfall schauen (Feldpositionen, Skillplayer, Laufteam/Passteam, Spielverlauf, Saisonabschnitt usw.). Eine große Datenmenge würde diese Beispiele ja schlucken…

    Trotzdem überrascht mich dieser Ausreißer am Ende der grauen Linie etwas, denn rückblickend hatte ich oft das Gefühl, die Teams halten lieber „die Füße still“ und ergeben sich gerne in eine overtime.

  2. Was mich interessieren würde: gibt es einzelne Ausreißer? Wie sieht es bei den Patriots aus? Wie bei anderen erfolgreichen/-Lisen Teams.

    Oder meinst du da kommt nichts aussagekräftiges bei rum?

  3. Bei einzelnen Teams dürfte die Datenbasis fast zu klein sein. Wenn du wie die Patriots dann nur 5 Niederlagen hast, darunter die in Miami wo man lange Zeit gar nicht zurücklag, dann hast du für einzelne Spielminuten vielleicht drei Spiele in denen sie wirklich in dieser Minuten in Rückstand waren. Und das ist dann zu dünn, da spielen dann Einmaleffekte eine viel zu große Rolle.

  4. Splits einzelner Teams sehen aus wie auf Drogen, weil sie in vielen Momenten des Spiels permanent zwischen 0% und 100% oszillieren.

    Bei ca. 1000 Plays geteilt durch 60 Minuten auch verständlich.

  5. @Dudel:

    Snaps mit Spielstand remis in den letzten 3 Minuten: 171
    Snaps nicht remis: 2031

    Wir sprechen also von ca. 8% der Snaps.

    22 Spiele (von 264 bis letztes Wochenende) waren zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten 3 Minuten Spielstand unentschieden. Also auch 8% der Spiele.

  6. Pingback: NFL-Football aktuell: Zum Thema Laufspiel und Runningbacks | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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