4th-Down und short Studie: Wer ist wohl der konservativste Headcoach der Liga?

Lass uns mal einen Blick auf das 4th-Down Play-Calling werfen, wenn weniger als 2 Yards zurückzulegen sind: 4th&short. Wie tickt die NFL, welche sind die aggressivsten Coaches und welche die konservativsten? Ich gebe zu, das untere Ende hat mich überrascht.


Prämisse: Eine Auswertung der 4th-Down Situationen mit folgenden Bedingungen:

  • Yards to go maximal 2 Yards
  • Line of Scrimmage an der Mittellinie oder gegnerische Platzhälfte

Wir sehen: Wir hatten in der abgelaufenen Saison (inklusive Playoffs) 391 solche Situationen. Die NFL lässt mittlerweile in solchen Situationen in 60% der Fälle ausspielen. Die Conversion-Rate dabei beträgt satte 68%.

Ein ausgespieltes 4th&1 oder 4th&2 bringt im Schnitt 0.97 EPA/Play – ein gewaltiger Wert, wenn man vergleicht, dass alle „Not go“ Situationen (Fieldgoals, Punt usw.) in geradezu erbärmlichen 0.01 EPA/Play für die Offense resultieren.

Fazit: NFL, bitte ausspielen!

Schauen wir uns WPA/Play an, also „Win Probability Added“, sieht die Sachlage ähnlich aus: Ein ausgespieltes 4th&1 oder 4th&2 in der gegnerischen Platzhälfte bringt im Schnitt 3% zusätzliche Sieg-Wahrscheinlichkeit, während die konservative Methode (not go for it) die Sieg-Wahrscheinlichkeit unangetastet lässt und nichts zum Sieg beiträgt.

Go for It - 4th&short.png

Schauen wir uns die einzelnen Mannschaften genauer an, so fällt auf, dass der Headcoach-Superstar Sean McVay nicht bloß konservativ in 4th Downs spielt, sondern sogar der konservativste Headcoach in dieser Situation überhaupt ist!

McVay ließ nur 6 von 19 Situationen ausspielen, 32% der Situationen. Die Rams-Erfolgsquote ist dabei so hoch (67%, 2.00 EPA/Play), dass man keine Begründung findet, warum der Mann nicht häufiger aufs Gaspedal drückt.

Die Nummer 2 der Bewahrer-Rangliste? McVay-Jünger LaFleur in Tennessee mit nur 38% ausgespielten Situationen. Tennessee, das sich als power-Run Truppe positionieren wollte, entpuppt sich damit einmal mehr als Luftnummer: Große Sprüche klopfen, aber wenn die Situation ansteht, trotz erfolgsversprechender Ausgangslage (4 der 5 Versuche waren erfolgreich) den Schwanz einziehen.


Wenig überraschend ist die aggressivste Mannschaft in dieser Situation: Philadelphia mit dem famosen Headcoach Doug Pederson. Pederson ließ 15 von 18 Fällen ausspielen, bei einer Verwertungsrate von 73%. Pederson verbesserte mit diesen Calls die Sieg-Wahrscheinlichkeit seiner Mannschaft im Schnitt um 8%. Weitere Fragen, warum ich Doug Pederson als Top-3 Coach liste?

Auch Andy Reid von den Chiefs ist aggressiv: 10 von 14 Fällen ausgespielt, und dabei 90% Erfolgsquote! I know: Das umstrittene 4th-Down & 1 vom Sonntag war in der eigenen Platzhälfte und ist in dieser Auswertung somit nicht inkludiert – aber hat wir bekommen frei Haus ein weiteres Argument pro Ausspielen geliefert, wenn wir die Rahmenbedingungen mit einschließen (fulminante Verwertungsrate).

Überraschenderweise ist Dallas eine der aggressiveren Mannschaften: 14 von 18 Situationen ausgespielt. Nicht bloß hatte ich Jason Garrett als stockkonservativ einprogrammiert. Ich hatte Garrett auch nicht zugetraut, zu seiner eigenen Identität zu stehen: „Wir sind toughe Runner“. Aber Dallas, das sich als Running-Offense positioniert, spielte häufig aus und verwertete 71%.

Zwei Teams haben in jeder Situation ausgespielt: Arizona und Washington – gute Idee trotz schlechtem Outcome: Schlechte Offenses sollten sogar umso häufiger ausspielen um die wenigen sich bietenden Chancen optimal zu nutzen.

Eines der Teams, von dem wir wissen, dass es keine Analytics-Abteilung anstellt, sind die Chargers. Sie spielten nur 50% der Fälle aus – aber wenn sie ausspielten, waren sie Granaten: 100% Verwertungsrate! Schande, dass Anthony Lynn und Co. darüber nicht informiert sind – sie verschenken im Schnitt 7% Siegwahrscheinlichkeit, wenn sie nicht ausspielen.

Was ist, wenn wir nur „normale Spielsituationen“ anschauen?

Lass uns mal dieselbe Auswertung einschränken auf die ersten drei Spielviertel und alle Spielsituationen mit Sieg-Wahrscheinlichkeit unter 5% und über 95% ausschließen um eine möglichst „Spiel-neutrale“ Sichtweise zu bekommen. Wie tickt die NFL, wenn sie noch nicht qua Spielstand und Spieluhr „gezwungen“ zum Ausspielen ist?

Damit wollen wir die Situationen ausschließen, in denen Mannschaften „ausspielen müssen“ weil sie im Schlussviertel keine andere Wahl mehr haben oder weil sie schon im dritten Viertel mit 5 Touchdowns zurück liegen.

Wie sieht es dort aus?

Das Resultat hätte ich nicht für möglich gehalten:

  • Go for it Rate = 60% (identisch)
  • Success-Rate = 68% (identisch)
  • EPA/go for it = 0.89 (0.08 niedriger)
  • EPA/not go = -0.09 (0.08 niedriger)
  • WPA/go for it = +3%
  • WPA/not go = 0%

Selbe Go-for-it Rate, selbe Conversion-Rate, selbe WPA, gleich stark versetzte EPA/Play. NFL-Coaches spielen zwar zu selten solche 4th-Down Situationen aus, aber sie sind wenigstens konsequent darin und schauen weniger auf den Spielstand als man annehmen würde!

Anders: Es scheint ihnen mittlerweile egal zu sein, wann und in welcher Situation sie ausspielen!

Die Aufstellung pro Team sei natürlich nachgereicht hier:

Go for It - 4th&short normal situations.png

McVay spielt proaktiv nur 3 von 12 Versuchen aus, obwohl er alle 3x erfolgreich war. Niedrigste provaktive Go-for-it Rate, LaFleur ist #2. Philadelphia proaktiv: 10 von 13. New England: 7 von 11 (in Q4 + entschiedenen Situationen nur noch 3 von 6).

Wer sich fragt, warum korsakoff so häufig für Ausspielen in 4th&short ist, hat jetzt die Antwort.

Wer weitere Ideen zum Thema hat, bitte gerne melden.

5 Kommentare zu “4th-Down und short Studie: Wer ist wohl der konservativste Headcoach der Liga?

  1. Ich bin immer wieder beeindruckt was man mit Zahlen alles so anstellen kann.

    Zum 4th Down selber stell ich mir allmählich die Frage, welche Situationen überhaupt noch den Punter rechtfertigen? Ohne Zahlen zu haben würde ich spontan sagen alles was nähe der eigenen Endzone ist und! +10 Yard benötigt?

    Weitere Überlegung meinerseits, wenn eine Offense im Durchschnitt 2,5 Yard pro Spielzug erzielt, müsste doch auch konsequentes ausspielen des 4. Down mehr bringen, als zu spekulieren das die Defense etwas ermöglicht?

  2. Interessante Statistik. Wollte schon in Mitte des Lesens formulieren, dass man natürlich auch die jeweilige Spielsituation berücksichtigen müsste (zum Ende klare Führung oder klarer Rückstand). Aber das kam ja dann am Ende.

  3. Frage an korsakoff: nach Ode an Bellichick und den Artikeln aus den letzten beiden Jahren… wie findest du jedes mal was neues, dass du über diese Franchise unter Bellichick/Brady schreiben kannst… muss ja langsam echt schwer werden!

  4. @Davidoffsmoker

    Naja, es kommt schon noch drauf an wie die Spielsituation ist und wie stark deine Defense bzw. wie stark die gegnerische Offense ist.

    Simples Beispiel: Bei einer 10-Punkte-Führung kurz vor dem Ende des Spiels wirst du so gut wie immer punten, einfach weil du mit einem verspielten 4th-Down dem Gegner überhaupt erst noch eine Chance ermöglichst.

    Das wäre halt die Extremsituation, aber denk mal an Mannschaften wie Baltimore, die von ihrer Defense und dem Spiel mit der Field-Position leben.

    Und man darf ja auch nicht übersehen, was man dem Gegner damit gibt. Ein verspieltes 4th Down an der eigenen 20 sind nicht nur 3 oder 7 Punkte, die man selbst nicht macht, sondern auch fix 3, wahrscheinlich 7 Punkte die der Gegner macht. Teams mit guten beispielsweise Special Teams haben einen Vorteil, weil sie Drives im Schnitt 5-10 Yards weiter vorne starten und ihre Gegner eben 5-10 Yards weiter hinten loslegen. Insofern: es gibt viele gute Gründe zu punten, aber es gibt eben auch viele gute Gründe weniger zu punten, als es die meisten immer noch machen.

  5. Pingback: Los Angeles Rams in der Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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