Sehnsucht nach dem Zauber der Vergangenheit

Für mich ist die Superbowl-Paarung 2019 Patriots gegen Rams ein Fall für „Wie alles begann“. Es war der Februar 2002, als mir im einzigen Teil der Zeitung, den ich damals las – dem Sportteil – ein kleiner Vorschautext auf das Endspiel der American-Footballliga NFL erschien. Nichts weiter Aufregendes – bis mir die Namen der beiden Quarterbacks im Endspiel ins Auge stachen.

Tom Brady.

Kurt Warner.

Ein Amerikaner namens Kurt! Und der andere ein Namenskollege. Es mag banal klingen, aber ich mache keinen Hehl daraus, dass ich ohne diesen Wink des Schicksals so schnell nicht hängen geblieben wäre beim American Football. Doch „Tom“ und „Kurt“? „Super Bowl“? Mein Interesse war geweckt.

Mit 13 war ich zu jung für Superbowl live. Doch für ein VHS-Tape der ORF-Aufzeichnung am nächsten Tag reichte es allemal, das Live-Tape war zu lang für die alte Kassette – und auch wenn ich so gut wie nichts verstand was dort auf dem Feld vorging, so übte das Treiben doch sofort eine Faszination auf mich aus, von der ich mich nicht einfach lösen konnte.

New England gegen St Louis war 2002 ein Duell David gegen Goliath. Den Goliath repräsentierten dabei die goldfarbenen Rams, die mit ihren Widder-Symbolem am Helm auf dem Parkett im Superdome wie eine entrückte Macht aussahen. Der Glitzer, der von diesem Team ausging, war fesselnd – und dann diese Namen!

Kurt Warner.
Marshall Faulk.
Isaac Bruce.
Torry Holt.
Ricky Proehl.
Orlando Pace.
Kyle Turley.

Doch ich kapierte schnell, dass man es im Football wie im Fußball nicht mit dem Favoriten hält. Ich verstand, dass es ein paar Monate nach 9/11 keine bessere Storyline geben konnte als wenn ein Team in den Landesfarben, noch dazu die Patriots, das Endspiel gewinnen würden. Noch dazu, wenn sie als Außenseiter in das Spiel gegangen waren – mit dem Underdog Tom an vorderster Front.

Das Spiel entwickelte sich prächtig: Der Außenseiter New England führte nach einem Interception-Return 17-3 und mit zunehmendem Spielverlauf wurde die Sensation immer greifbarer – ehe die Rams endlich zu sich fanden und im letzten Viertel aus dem Nichts die Wende schafften. Warner zu Fuß in die Endzone, dann Ricky Proehl mit dem Ausgleich – das Kartenhaus schien in sich zusammenzufallen.

Doch Underdog Tom übernahm ein letztes Mal seine Offense. Drei schnelle Pässe für seinen Runningback J.R. Redmond, und dann schoss Adam Vinatieri aus 48 Yards zum siegbringenden Kick ein. Dass die Uhr nach Vinatieris Schuss auslief anstatt bei 0:02 stehen zu bleiben, beschäftigte mich danach auf Monate, im Bestreben, das Regelwerk dieser kruden Sportart in seinen Details zu begreifen.

Es waren solche Details – aber auch die einmalige Kommentierung im ORF – die meinen Beginn im Football markierten. Zwei Jahre lang „ernährte“ ich mich im Anschluss aus wenigen Tapes von NFL Blast und den Statistikspalten in der Sportbild (Inhalt: Divisions-Tabellen und Rushing-Leaders pro Conference) um im Football am Ball zu bleiben.

Ich kaufte mir Madden, die Ausgabe mit Michael Vick auf dem Cover, ging 14-2 und stellte mit Vick Rekorde auf, die selbst Mahomes nie mehr brechen wird, und gewann die Superbowl – und lernte so die Feinheiten des Spiels.

Superbowl 36, die Ausgabe 2002, war mein erstes Spiel und ebenso jenes, das den Wendepunkt der kurzen Rams-Dynastie markierte. Das endgültige Ende der Rams als NFL-Macht war zwei Jahre später das erste Spiel, das mich waschelnass ins Bett schickte – Divisional Playoff 2004, Rams vs. Panthers, ein Spiel in zweifacher Overtime, mit mehreren verschossenen Kicks und zahllosen Drehungen, abgeschlossen durch einen 69-yds Catch&Run von Steve Smith. Wieder hatte der Außenseiter gewonnen, diesmal die Panthers.

Jene Panthers spielten eine Woche später bei den Philadelphia Eagles um den Einzug in die Superbowl, die erste Nacht-Partie, die ich live erlebte. Es war ein grauenhaftes Spiel, die Panthers gewannen 14-3. Doch es war auch das Spiel, das ich so oft sah wie kein andere jemals zuvor. Ich kenne Teile der Kommentierung von Christopher D. Ryan und Tino von Eckhart noch heute auswendig, so oft studierte ich das Tape jener Grottenpartie, unaufhörlich lechzend nach echtem Football, eine ganze Offseason lang.

Doch mit jenem Spiel war es geschafft. Wenn mich das schlechteste Spiel des Jahres so vor den Fernseher binden konnte, dann hatte der Football gewonnen. Zwei Jahre nach meinem ersten Spiel im Football gingen die Patriots als haushoher Favorit in die Superbowl – und gewannen sie erneut. Wieder war es ein Fieldgoal von Vinatieri in den letzten Sekunden, das für die Entscheidung sorgte. Die neue Dynastie war geboren.

Doch so schnell die „alte“, die Rams mit ihrer Greatest Show on Turf, verschwand, so lange hielten sich die Patriots. Sie halten sich bis heute. Sie stehen in zehn Tagen zum neunten Mal in der Kombination Belichick / Brady im Endspiel – gegen einen altbekannten Gegner, die Rams, die seit ein paar Jahren schon gar nicht mehr unter dem Label St. Louis, sondern als Los Angeles Rams auflaufen. Ich weiß, dass die Alten mit den Rams in St. Louis nie etwas anfangen konnten. Mir geht es umgekehrt.

Für mich sind die Rams St. Louis. Ich tue mir bis heute, drei Jahre nach dem Umzug der Franchise, schwer mit dem neuen Namen. Die Chargers sind San Diego – die Rams sind St. Louis. Ich merke erst jetzt, wie sehr ich die NFL damals verinnerlicht habe im Versuch, diese fremde Welt zu begreifen. Ich habe gewiss hunderte Footballspiele seither gesehen, doch ich wette, ich könnte die Aufstellungen, die Routen und die Spielzüge meiner Video-Tapes von 2002 bis 2005 wesentlich präziser beschreiben als die Spiele vom letzten Sonntag.

Rams gegen Patriots – nicht meine Traumpaarung für Superbowl 53. Aber eine, die Erinnerungen und pubertäre Emotionen weckt. Nein, ich werde nicht alt. Doch manchmal sehne ich mich nach dem Zauber der Vergangenheit. Damals, als Football noch rar war, dass man sich wochenlang auf neues Futter freute. Als die Rams noch St. Louis waren. Und die Patriots das kleine Licht.

7 Kommentare zu “Sehnsucht nach dem Zauber der Vergangenheit

  1. Bei mir war es im Jahr 1989 als ich, noch als Schüler, spät abends noch heimlich vor dem Fernseher saß und ein wenig von Super Bowl XXIII sah, den die 49ers gegen die Bengals gewannen. Ein paar Monate später lief im 3. Programm eine Doku über Football in den USA, in der es unter anderem auch um die 49ers ging und den gewonnenen Super Bowl. Da war es um mich geschehen und ich wollte mehr über Football erfahren.

    Die Saison 1989 war dann die erste, die ich aktiv verfolgte. Im TV lief wöchentlich eine Zusammenfassung eines Spiels auf Tele 5. Ergebnisse suchte ich mir immer im Videotext vom damaligen Super Channel und notierte sie Spieltag für Spieltag in ein Heft, in dem ich auch die jeweiligen Tabellen Woche für Woche aktualisierte.
    Die 49ers waren mir aber zu dominant und so suchte ich mir ein anderes Team. Die Wahl fiel auf die Rams, die der Divisionsrivale waren und die aus Los Angeles kamen. Eine Stadt, die auf mich irgendwie eine Faszination ausstrahlte.

    Leider ging das NFC-Finale gegen die 49ers klar verloren. Den Super Bowl habe ich mir dann natürlich auch auf VHS aufgenommen und am nächsten Tag angeschaut. Die 49ers zuerstörten die Broncos. Seitdem bin ich immer dabei geblieben und schaute mehr und mehr Football.

  2. Meiner war Super Bowl XXXIV das Wahnsinns Game mit dem legendären dramatischem Ende. Aber richtig Interesse hatte ich erst als micheal vick in die Liga Kamm und ich raus fand das ein QB auch selbst laufen kann,zuvor waren mir die regeln noch unbekannt gewesen und ich fand es langweilig wie diese weißen QB nur rumstehen und pässe werfen oder ihrem runningback den Ball abgeben. Als dann cam newton und RG3 die Liga in Sturm eroberten war ich endgültig Football Fan geworden.

  3. @RamsFan: Ja… 49ers vs Bengals. Stanford Jennings. Den Namen werde ich nie vergessen. Als 49ers Anhänger nach der Aktion ins Bett zu müssen, war hart.
    Und ja, 49ers gegen Broncos. Ich habe selten so deutliche Pregame Berichte gelesen: „Die Broncos sind das erste NFL-Team, dessen eigene Fans sich wünschen, es stünde NICHT im Superbowl. Sie werden wohl von den 49ers vernichtet.“

  4. Der Panthers – Pats SB war mein erstes Footballspiel, da war ich 12.
    Zwei oder drei ösis quatschen durcheinander über englischen kommentar zu überfrachteten Einbendungen die ich nicht verstehe.
    Das bild ist eher durchschnitt und ich halte mich mir Cola wach. ❤

  5. Pingback: Tom Brady: Der komplette Quarterback | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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