Tom Brady: Der komplette Quarterback

Tom Brady gilt in den USA als größer Quarterback aller Zeiten. Am Sonntag spielt er seine neunte Superbowl. Ein weiterer Sieg und Brady muss bereits seine zweite Hand hinhalten um alle Superbowl-Ringe zugleich tragen zu können.

Brady repräsentiert die „Tellerwäscher zum Millionär“ Geschichte mit NFL-Flair: Einst ein von allen übersehener College-Spieler, der sich mit eisernem Willen hochgearbeitet hat zum erfolgreichsten Quarterback der NFL-Geschichte, dreifacher Liga-MVP, vierfacher Superbowl-MVP und gar fünffacher Superbowl-Gewinner, Ehemann des bestbezahlten Supermodels der Welt und Ideal vieler junger Quarterbacks in den USA.

Ich schrieb schon letzte Woche darüber: Als mein „Namenskollege“ war Tom Brady einer der wesentlichen Gründe, warum ich einst überhaupt zum Football stieß. In den ersten Jahren in der NFL war er auch „mein“ Ideal von der NFL. Ich war Tom Brady!


Ein Blick auf die Karriere der prägenden Figur der New England Patriots.

Stage 1: Golden Boy

Brady war nie der physisch imposanteste Quarterback, er war nie der Mann mit dem schärfsten Wurfarm, der schnellste Sprinter, der unterhaltsamste Entertainer (bei einem Interview mit ihm schlafen dir die Füße ein). Doch Brady trotzte allen Widrigkeiten. Obwohl er nur als 6th-Round Draftpick in die NFL gekommen war und ohne eine lebensbedrohliche Verletzung des damaligen Starting-QBs Drew Bledsoe so schnell kein NFL-Spielfeld gesehen hätte, war Bradys Einstand beispiellos: Erste vier Jahre als Starter, 57-14 Bilanz, davon 10-0 in den Playoffs und drei Superbowl-Siege mit zwei Game-Winning Drives in der letzten Minute.

Eiswasser in den Venen. Er gewann immer. Und als er aufhörte, immer zu gewinnen, hatte man längst das Vertrauen aufgebaut, dass Brady in den meisten kritischen Momenten den Karren aus dem Dreck ziehen konnte. Was nicht immer gelang.

Stage 2: Verlieren lernen

Mein blitzblankes Bild von Tom Brady begann zu bröckeln in jener grandiosen Nacht im Jänner 2007, als sich die Patriots und Colts im AFC-Finale im RCA Dome einen unvergleichlichen Shootout um den Einzug in die Superbowl lieferten. Brady gegen Peyton Manning, das große Quarterback-Jahrhunderttalent, das Brady stets in die Hosentasche gesteckt hatte, wenn es darauf ankam.

Brady eine Woche nach seinem ultimativen „Patriots-Style Sieg“ nach gedroppter Interception beim überlegenen Gegner San Diego. Brady, wenige Tage nachdem seine Liaison mit Giselle Bündchen (und die Trennung von seiner schwangeren Freundin) bekannt geworden war. Das Schicksal war vorgezeichnet. Bradys nächster Sieg war unausweichlich.

Bradys Patriots führten bereits mit 18 Punkten, doch Manning kam zurück, legte eine Minute vor Schluss die erste Führung vor, 38-34. Jeder wusste, was kommen würde: Bradys Comeback, der finale Triumph über das ewige Talent Manning, das an seiner Nemesis New England niemals vorbeikommen würde.

Doch Brady warf eine Interception. Die Fassungslosigkeit, mit der Brady vom Feld ging, spiegelte sich in meiner Fassungslosigkeit. Brady, der Unbesiegbare, war besiegt.

Brady war nicht mehr unschlagbar – der Beginn der zweiten großen Phase in seiner Karriere – der Phase, als Brady die großen Niederlagen kennenlernen musste. Ein Straucheln, aus dem heraus er gestärkt hervorgehen sollte.

Ich brauchte Monate – ja, Jahre! – um zu begreifen, wie phänomenal Tom Brady trotz der Pleite in jener Saison 2006/07 gewesen war. Mit einem Supporting-Cast aus Third-Stringern (Reche Caldwell, looking at you) hatte er die Patriots bis eine Minute an das Endspiel herangebracht – eine Errungenschaft, für die ich keinen passablen Vergleich habe.

Die Geschichte danach ist bekannt: New England kaufte sich quasi direkt im Anschluss an jene Pleite in der Offseason die Superwaffen, die Brady brauchte um die Liga in helle Flammen zu setzen (Randy Moss / Wes Welker), und Brady setzte die NFL in Schutt und Asche – ehe er erneut kurz vor dem ultimativen Triumph scheiterte: Super Bowl XLII, der vorgezeichnete Moment, in dem die Perfektion der Patriots offiziell gemacht werden sollte, wurde Bradys schwärzeste Stunde. Das ungeschlagene New England wurde vom krassen Außenseiter Giants geschlagen.

Brady und die Patriots waren plötzlich Loser – und nichtmal lovable losers. Denn niemand trauert um den Größten, wenn der Größte verliert.

Stage 3: Total Football

Brady war nicht mehr unverwundbar, reifte jedoch als Spieler zu einer immer kompletteren Version, der alles und jedes System spielen konnte und sich von Woche zu Woche zu verwandeln schien. Brady, der Athlet, ist so eindimensional wie eine Scheibe Toastbrot: Er kann werfen, und sonst… nichts. Nicht laufen, nicht tackeln, nicht fangen. Und doch ist Tom Brady „Total Football“, der jede Offense in ihrer feinsten Form spielen kann.

Die Kulmination dieses kompletten Brady erlebten wir in Superbowl XLIX im Februar 2015, als seine Patriots die unschlagbar scheinenden Seattle Seahawks mit ihrer Legion of Boom zerpflückten. Es brauchte natürlich Glück, aber es war so viel Können dabei.

Die Kritiker von Pro Football Focus gaben Brady für seine Superbowl-MVP Vorstellung eine negative Bewertung – eine Sünde, die mich noch heute an deren Methoden und Verstand zweifeln lässt. Denn: Für sich betrachtet ist jeder einzelne Wurf kein Wunderwerk. Jeder einzelne Spielzug simpel. Jede einzelne Aktion hundertfach replizierbar.

Doch in Summe die prägende Defense unserer Zeit mit einem Feuerwerk an Kurzpässen in ihre Einzelteile zu zerpflücken, von 10 Punkten Rückstand zurück zum Titel zu führen, wäre für fast jeden Spieler der unübertreffliche Karriere-Höhepunkt. Für Brady war es einer der besseren Betriebsausflüge.

Stage 4: Die Suche nach dem Jungbrunnen

Der Brady, der dann zwei Jahre später erneut den Titel gewann, seinen fünften insgesamt, repräsentierte eine andere Facette seines Seins: Gib niemals auf. Die Patriots waren mausetot, 25 Punkte Rückstand in der zweiten Halbzeit gegen die monströse gegnerische Offense der Atlanta Falcons – doch kein Grund zum Verzweifeln! Stück für Stück, Spielzug für Spielzug, bastelte er am Comeback – und schon eingangs des letzten Viertel, als New England noch mit 16 Punkten zurücklag, wurde es immer konkreter, immer deutlicher: Er kann es schaffen! Und später: Er wird es schaffen!

Superbowl 51 bleibt eine schwer zu schluckende Angelegenheit bis heute. Doch sie symbolisiert wie vielleicht keine andere den unerschütterlichen Glauben Bradys – und der Patriots – an sich selbst. Jede andere Mannschaft wäre zerbrochen. New England aber stieg wie Phönix aus der Asche und verdrängte Lazarus auf Platz 2 der größten Comebacks der Geschichte.

Doch die Geschichte bleibt damit nicht stehen. Superbowl 51 war das Finale, in dem Brady Montanas Ring-Rekorde auslöschte (Montana hatte 4). Das führte ihn nur zu weiteren Jagdgründen. Das neue Ziel: Ewige Jugend. Brady spielt heute in einem Alter, für das es historisch kaum oder keine Nachweise von Quarterback-Spitzenklasse mehr gibt. Und doch – er lieferte: 2017 mit 40 Lenzen zum dritten Mal NFL MVP geworden und erst in der Superbowl gegen die Eagles gescheitert – nach seiner womöglich besten Karriere-Vorstellung überhaupt.

2018? Wir sehen die Zeichen der Zeit in Bradys Würfen, doch auch wenn die Maschine nicht mehr so perfekt funktioniert: Noch hält der Arm. Noch hält der Kopf. Die Geschichte zeigt: Alternde Quarterbacks kollabieren nicht graduell. Sie kollabieren punktuell. Am einen Tag noch sind sie Stars, am nächsten sind sie fertig. Was für Brady spricht: Bereits in seinem heutigen Alter – er ist mittlerweile 41 – hat er länger überlebt als jeder andere Spitzen-QB vor ihm. Er ist längst eine Legende, doch holt er im Methusalem-Alter am Sonntag seinen sechsten Ring, kann Brady einen weitere Meilenstein zu seiner glorreichen Karriere hinzufügen.

Brady-Splittern

Wir kennen Brady als kalte Erfolgsmaschine. Im Buch „Big Game“ porträtiert Mark Leibovich Brady auch von seiner ganz anderen, privaten Seite. Er zeigt einen Brady, dessen Lebensaufgabe verlorengeht in dem Moment, in dem er den Football verliert. Leibovich malt Brady als einen Menschen, der es liebt mit seinen Kindern zu spielen und der stundenlange Vorfreude auf einen Anruf seiner Frau leben kann – doch er fragt sich: Was zur Hölle soll Brady die nächsten 50 Jahre ohne die tägliche Herausforderung am Feld machen?

Wie intensiv Brady den Football lebt? Einen der eindrucksvollsten Momente darüber liefert bis heute die Dokumentation „Brady 6“ aus dem Jahr 2011, die die Geschichte des NFL-Drafts 2000 nacherzählt und die sechs Quarterbacks, die damals vor Brady (6te Runde, Pick #199) gezogen wurden, beleuchtet. Als Brady seinen „Draft-Day“ 2000 rekapituliert, gerät jemand ins Stocken…

Dass es Brady bis heute schafft, sich und sogar die Patriots in seinem Hinterstübchen zum Underdog zu stilisieren, ist eine der großartigen Erfolgsgeheimnisse dieses Mannes. Es ist fast so wichtig wie der Eindruck, dass Brady „Leben“ mit „Football“ gleichsetzt. So sehr man um diesen Mann Angst haben kann, wenn die Karriere tatsächlich einmal zu Ende geht, so eindrucksvoll ist dieser totale Fokus auf die eine Lebensaufgabe.


Ein oft unterschätzter Aspekt an Bradys Karriere war stets sein Vertrag: Brady spielte die meiste Zeit seiner Karriere mit einem beträchtlich unterbewerteten Gehalt, das in Zeiten von Salary-Cap und Free Agency seinen Patriots erlaubte, an die 10 Mio/Jahr oder mehr in die Kadertiefe zu investieren. Verglichen mit einem Drew Brees oder Peyton Manning, die Jahr für Jahr das Maximum aus ihrem finanziellen Hebel herausholten, gab Brady seinen Teams damit einen wirtschaftlichen Vorteil, den man in einer von Verletzungen durchzogenen Sportart wie Football nicht unterschätzen sollte.

Viele „entschuldigten“ Bradys Verhalten mit der Existenz seiner noch reicheren Supermodel-Frau. Doch im Prinzip passt Bradys Vertragsgebahren zu seinem oft kommunizierten „Team-First“ Gedanken. Es gibt wenige Interviews, in denen Brady über sich selbst spricht. Es gibt viele, in denen er den Mannschaftsgedanken in den Mittelpunkt stellt.


Die Diskussion um den besten Quarterback ever wird niemals eine allgemein akzeptierte Meinung fabrizieren. Was soll Brady noch mehr erreichen als in jedem zweiten Jahr in der Superbowls zu spielen und so viele Ringe und Superbowl-MVPs wie kein Quarterback vor ihm zu gewinnen? Doch das ist das QB-WINZ Argument. Football ist, so zentralisiert der Sport auf die Quarterback-Position geworden ist, noch immer Teamsport – einer allein gewinnt keinen Blumentopf, und ich beschrieb bereits oben, wie Brady auf „andere“ Weise gewinnt als physisch talentiertere, spektakulärere Positionskollegen.

Persönlich sehe ich bis heute Peyton Manning als das Ideal der QB-Position, was Planung, Ausführung und Kontrolle des Geschehens am Platz betrifft. Aaron Rodgers, der die Position völlig anders interpretiert als Brady und Manning, ist der elektrisierendste Quarterback, den ich gesehen habe. Patrick Mahomes ist bei aller Unerfahrenheit vielleicht der Spieler, der sie alle irgendwann in den Schatten stellen wird.

Dass noch einmal jemand so viel gewinnen wird wie Brady, ist natürlich unwahrscheinlich. Doch Brady nur auf das Gewinnen zu reduzieren, wäre vermessen – auch, weil Tom Brady zwischen Februar 2005 und Februar 2015 geschlagene zehn Jahre lang titellos blieb und katastrophalere Niederlagen kassierte (z.B. waren beide Giants-Superbowls Schläge in die Magengrube) als fast alle Kollegen.

Aber vor allem wäre es vermessen, weil Brady sich so oft neu erfunden hat ohne im Kern etwas anders zu machen als vor 20 Jahren. Manning war „das System“, weil er es 15 Jahre lang immer gleich perfekt spielte. Brady ist „das System“, weil er schon alles gespielt hat. Die Frage, wer der Bessere von beiden war oder ist, ist mir persönlich egal. Einzigartig sind sie beide.

Ich dachte immer, die NFL bleibt stehen, wenn es Brady und Manning nicht mehr gibt. Manning ist seit Jahren passé, doch die Welt dreht sich noch immer um die Sonne. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass es auch nach Bradys unvermeidlichem Abtritt so bleiben wird. Und beim Gedanken an die Klasse der neuen Quarterback-Garde muss niemandem bange werden.

Aber noch ist Gegenwart. Genießen wir Brady, solange es ihn noch gibt. Denn egal wie man zu den Patriots steht: Brady in Aktion ist auch im fortgeschrittenen Footballeralter Extraklasse. Wir sehen am Sonntag eine unvergleichliche Legende in Aktion – in dieser Qualität vielleicht zum allerletzten Mal.

Ein Kommentar zu “Tom Brady: Der komplette Quarterback

  1. Pingback: Patriots-Way in der Murmeltierschleife | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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