Patriots-Way in der Murmeltierschleife

Was soll ich über ein Superbowl-Team noch schreiben, wenn ich die gleiche Leier jedes Jahr wiederholen könnte?

Seit Start dieses Blogs nutzte ich zur Superbowl-Woche jedes Jahr die Chance, den Scheinwerfer auf die beiden Finalisten zu werfen: Wie sind sie dorthin gekommen, was waren ihre Grundideen, ihre Probleme? Welche Stellschrauben haben sie gedreht? Die Vorstellung der Superbowl-Mannschaften gehörte jedes Jahr zu meinen Favoriten.

Doch nach 2012, 2015, 2017 und 2018 sind wir nun zum fünften Mal in den vergangenen acht Jahren mit derselben Mannschaft konfrontiert – den New England Patriots. Was soll man über eine Dynastie noch schreiben, wenn man bereits jedes Detail durchleuchtet hat, jede Facette betrachtet hat?

Das Einfachste ist, alte Inhalte zu recyclen bzw. noch einmal zu verlinken:

Das Prinzip in New England wird verkauft als der „Patriots Way“.

RKK – Die treibende Kraft

Ganz oben steht der Owner, Robert Kraft, ein hyper-eitler Milliardär, Massachussetts-Eingestein, Trump-Spezl und der Mann, der vor 25 Jahren die maroden und kurz vor der Pleite stehenden Patriots aufkaufte um sie vor einem Umzug nach St. Louis oder Baltimore zu bewahren. Kraft sanierte die Patriots, baute ihnen ein neues Stadion und bewies ein glückliches Händchen in der Einstellung seiner Coaches:

  • Bill Parcells – Hall of Fame Coach, der sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, wie ein Durchlaufheizer durch kaputte Mannschaften zu fegen um sie für die Zukunft aufzustellen. Parcells führte New England innerhalb von vier Jahren von 2-14 in die Superbowl.
  • Pete Carroll – Der nette Onkel von nebenan, den Kraft nach drei Jahren absägte, weil sein Weg im Mittelmaß versandete.
  • Bill Belichick – Griesgram und nach seiner Zeit in den 1990ern in Cleveland für viele verbrannt, doch Kraft opferte nach Rechtsstreit mit den Jets einen 1st Rounder um sich Belichicks Dienste zu sichern.

Der Rest ist bekannt. Robert K. Kraft, einst der nette Bob von nebenan, lässt sich nach neun Superbowls und fünf gewonnenen Titel-Ringen am liebsten nur noch mit „RKK“ (seinen Initialen) ansprechen und gilt in NFL-Kreisen mittlerweile als graue Eminenz und sowas wie die „gute“ Seele der Liga in einem Business-Pool mit Haien wie Dan Snyder oder Jerry Jones.

Doch auch für Kraft ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Das Buch „Big Game“ von Mark Leibovich beschreibt relativ detailliert, wie sehr Kraft nach derselben Anerkennung strebt, die Brady und Belichick für ihren Anteil an der Patriots-Dynastie zuteilwird („Coach und QB sind gut und recht, aber siehst du irgendeinen anderen Owner, der diese Strukturen überhaupt zulässt?“). Man munkelt über Rivalitäten zwischen RKK und Jerry Jones, weil Letzerer bereits in der Hall of Fame stehe, während Ersterer als Eigentümer der größten Dynastie ever mit mehr Superbowls und mehr Superbowl-Ringen noch bedröppelt durch die Wäsche schaut.

Vielleicht sind es die Skandale und Skandälchen der Kraft/Belichick-Ära, die noch für Zurückhaltung im Wählerkomitee sorgen. Belichicks wenig geräuschlose Anstellung war nur der Auftakt – es folgten Kontroversen wie Spy-Gate 2007 oder das unsägliche Deflate-Gate 2015, die New England jeweils Geldstrafen und Abzug von 1st-Round Draftpicks einbrachten, sowie die Platzierung als „Trumps Team“ im Präsidentschaftswahlkampf 2016.

Ich hielt die Aufregung in den Fällen Spygate und Deflategate für völlig überzogen. Nicht bloß galten Belichicks Praktiken als ligaweit geduldet. Viel mehr setzten die Patriots trotz aller Strafen und auf sie gerichteten Scheinwerfen ihre Erfolgs-Lauf stets weiter. Spygate? Kratzt uns nicht, wir qualifizieren uns trotzdem für sechs weitere Superbowls. Deflategate? Zwei Titel und drei Superbowls im Anschluss.

Andererseits: Auch ein verurteilter Betrüger wie Eddie DeBartolo (Owner zu Zeiten 49ers-Dynastie) hat ein Gold-Jacket in Canton, und Jones trägt seine Bewunderung für Trump nicht minder offen zur Schau.

Patriots-Way in der Synthese

Der Patriots-Way beginnt bei Kraft, doch er steht und fällt mit Belichick, dessen Mantra „Do Your Job“ von oben bis nach ganz unten gelebt wird. Ich habe schon oft darüber geschrieben. Es ist überraschend, wie selten das Modell New England in der NFL kopiert wird. Die Grundpfeiler sind simpel:

  1. Fokussiere dich auf das Wesentliche.
  2. Die nächste Aufgabe ist die wichtigste.
  3. Sei wandelbar.

That’s it. Belichick hat mit einem Personalkern, der im Wesentlichen OffCoord Josh McDaniels, O-Line Coach Dante Scarnecchia und Berater-Guru Ernie Adams sowie auf der Spielerseite QB Tom Brady umfasst, über die Jahre ein Monstrum geschaffen, das sich auf jede Situation einzustellen vermag und auf jede Änderung eine Antwort hat – doch das meistens selbst die Richtung vorgibt.

So sehen wir die Patriots zum dritten Mal in Serie und zum vierten Mal in fünf Jahren in der Superbowl – obwohl das gegenwärtige Team schon nur noch wenig mit jenem von 2014/15 zu tun hat, als man die Superbowl gegen Seattle gewann: Die wesentlichen Bausteine des Teams 2018/19 wurden in den letzten vier Offseasons zusammengestellt.

Belichick hat „Scheme“ und „Positionen“ überwunden. Er operiert auf dem Level des „Total Football“, positionsübergreifend, systemübergreifend – wird nie berechenbar und bleibt der Konkurrenz immer einen Schritt voraus. Seine wichtigste Stütze am Feld ist natürlich QB Tom Brady, der Quarterback, über den ich bereits gestern geschrieben habe.

Doch abseits von Brady gibt es erstaunlich wenige Superstars, die New Englands Dynastie fabriziert hat. TE Rob Gronkowski ist der einzige andere sichere Hall-of-Famer, der seine wesentliche Karrierezeit in New England verbracht hat – WR Randy Moss und LB Junior Seau wären wohl bestimmt auch ohne die Zeit bei den Patriots in die Ruhmeshalle gewählt worden, und Leute wie CB Darrelle Revis oder OL Brian Waters spielten für zu kurze Zeit (eine Saison) in New England um als „echte Patriots“ gesehen zu werden,

Also – die größten Namen, die man noch anbieten könnte, sind Leute wie K Adam Vinatieri, der mehr als die Hälfte seiner Profilaufbahn woanders verbrachte, DT Richard Seymour, der ein 22-jähriger Rookie war als Brady in die Liga kam, DT Vince Wilfork, CB Ty Law oder WR Wes Welker! Und das war’s mit HoF-Kandidaten – grandiose Argumente hat das letztgenannte Quartett nicht!

Es ist also Punxsutawney Phil, aber man nicht müde werden zu betonen, wie sehr New England für „Team“ steht, wo der ganze Erfolg um einige wenige Erfolgsfaktoren herum gebaut wird, während alle Satelliten austauschbar sind. Denn auch das ist Patriots-Way: Kalte Trennung von verdienten Mitgliedern, am liebsten ein paar Monaten früher als ein paar Monate zu spät – was nicht immer gut ankommt auf den Tribünen. Doch der Erfolg heilt alle Wunden.

Ein Kommentar zu “Patriots-Way in der Murmeltierschleife

  1. Pingback: NFL General Manager unter der Lupe – Teil 1 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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