Los Angeles Rams: Die Zukunft ist heute!

Die Los Angeles Rams sind eine der ältesten NFL-Franchises, und doch fehlt an ihnen eine greifbare Identität. Das liegt zuallererst an ihrem Status als Handlungsreisende, die mal hier, mal dort zuhause waren.

Gegründet als Cleveland Rams in den 1930ern, umgezogen nach Los Angeles in den 1940ern, erlebten die Rams eine Blütezeit in den 1960er und 1970er Jahren, als sie angeführt von den „Fearsome Foursome“, einer sackhungrigen Defensive Line, NFL-weit Angst und Schrecken verbreiteten und es Ende der 1970er sogar einmal in die Superbowl schafften (allerdings dort gegen Dallas verloren).

Greatest Show on Turf

Die Zeit in Los Angeles ging Mitte der 1990er zu Ende, als sich in St. Louis unter dem großen Bogen des Tors zum Westen ein neues Hallenstadion fast wie von alleine hochzog und die Besitzerin Georgia Frontiere, eine Frau, die bis dahin nur mit ihren Hochzeiten aufgefallen war (Frontiere heiratete deren siebenmal), die Chance ergriff, aus dem hässlichen Angels-Baseballstadium in den Suburbs von Los Angeles auszuziehen.

Für viele war der Abgang der Rams aus Los Angeles das Ende einer Epoche: Die NFL hatte Los Angeles verlassen. Die Stadt selber scherte sich kaum um den Verlust: Zu viele Ablenkungen bietet dieser Moloch als dass ein NFL-Team mehr oder weniger emotionale Ausbrüche hervorrufen würde.

Ganz anders St Louis: Die Rams hatten schnellen Erfolg und gewannen in der passgewaltigen Ära der „Greatest Show on Turf“ zwischen 1999 und 2002 die Superbowl. Ihre goldenen Widder-Helme prägten den Beginn des neuen Jahrtausends, in dem die Passing-Offense endgültig die Rushing-Offense verdrängte.

Doch so schnell die Rams aus dem Nichts aufgetaucht waren, so schnell verschwanden sie auch wieder. Das System, das der Offensiv-Innovator Mike Martz für seine Armada gebaut hatte, war darauf aufgebaut, eine Gruppe von Star-Passfängern wie WR Isaac Bruce, WR Torry Holt oder RB Marshall Faulk zu bedienen. Es pfiff darauf, den Quarterback zu beschützen, und so lieferte Martz seine zentralen Figuren, QB Kurt Warner und später QB Marc Bulger, fast schutzlos nur bewacht von fünf Vorblockern dem gegnerischen Passrush aus. Das Gebilde geriet aus den Fugen, und die Rams verschwanden in einem Jahrzehnt der Versenkung.

Inglewood Rams

Bis sie vor ziemlich genau drei Jahren wieder auftauchten. Die Schlagzeile war simpel: Rückzug nach Los Angeles. Der neue Owner Stan Kroenke, einer der reichsten Menschen der USA, zog seine Mannschaft aus dem provinziellen St Louis um in die Weltstadt Los Angeles. Die Aussicht: Mehr Glitzer, mehr Ruhm, mehr Geld.

Kroenke, ein knallharter Businessman, den das Sportliche nur beiläufig interessiert, verstand sehr wohl, dass Los Angeles keine Verlierer duldet, und so gab er von Anfang an grünes Licht für sein Front-Office zu investieren.

Blockbuster-Trade um QB Jared Goff als #1 Pick im Draft 2017 zu ziehen? Genehmigt.

Absägen vom in den Neunzigern stecken gebliebenen Headcoach Jeff Fisher um Goffs Entwicklung nicht nachhaltig zu beschädigen? Null problemo.

Shopping-Tour im letzten Frühjahr nach ersten Anzeichen von Erfolg? Bitte – grünes Licht! Alles, was meinem Portmonee langfristig gut tut, ist zugelassen.

Kroenkes Rams ziehen in zwei Jahren ein ins neue Wunderstadion von Inglewood – was also macht sich besser als einen potenziellen (oder tatsächlichen) Superbowl-Champion zu präsentieren?

Die Säulen des Erfolgs

Und so sind die Rams in den letzten zwei Jahren unter dem neuen, jungen Headcoach Sean McVay zu einem Titel-Anwärter geworden, als den man die Rams zuvor jahrelang nur auf dem Papier gesehen hatte. Die Erfolgsgründe sind dabei mehrere.

#1 Collect Now, Pay Later

Die aktuellen Rams eines der Paradebeispiele für das „All-in“ Prinzip: Kaufe heute, zahl morgen die Zeche. Aber nutze das Fenster, während dessen du mit billigem Quarterback unter Rookievertrag alle deine Wunschspieler bekommst! Der junge QB ist eben Goff – und er kostet noch bis zum Ende der nächsten Saison relative Peanuts. Also bleiben rund 20 Millionen unter der Salary-Cap offen um sich den einen Star mehr zu leisten (z.B. DT Ndamukong Suh oder LT Andrew Withworth).

Die Rams sind damit auch das Gegenstück zu den New England Patriots, die eher nach dem Prinzip „opfere nie das Morgen für das Heute“ stehen und langfristiger denken. Gemessen an dem was Kroenke zu gewinnen hat – ein neues Publikum in einem neuen Stadion – ist die Rams-Strategie umso verständlicher.

Doch allein mit „Einkaufstour“ ist der momentane Erfolg dieser Mannschaft nicht zu erklären. Vielmehr sind die Rams durchaus ein zukunftsträchtiges Modell, das NFL-weit Schule macht.

#2 Coaches matter

Das beginnt beim Kopf: Head Coach Sean McVay, zarte 33 Jahre alt, wurde vor zwei Jahren eingestellt in der Mission, die Karriere von QB Jared Goff zu retten – und McVay verblüffte die Liga!

System-technisch brachte McVay dabei kaum Neuerungen mit: Er verknüpfte die Spielideen vieler seiner Mentoren, die bis zurück in den Trainerstab von Mike Shanahan und Gary Kubiak gehen, zusammen zu einem Konzept, das man beschreiben könnte als Täuschung und Tarnung bis zum letztmöglichen Moment: Stelle dir immer gleich auf, mit den immer gleichen Leuten, und spiele daraus verschiedenste Konzepte.

Doch McVay musste auch gar nicht viel mehr machen um das brachliegende Talent in der Rams-Offense wackzuküssen. Es brauchte nur einen Coach, der Fishers elendiges Laufen in die Mauern hinein abstellte.

Der Jungspund McVay war auch selbstkritisch genug um sich mit DefCoord Wade Phillips einen erfahrenen Assistenzcoach zur Seite zu stellen. Phillips gilt in der NFL seit Jahrzehnten als hervorragender Defense-Mind – und er hatte auch (mäßig erfolgreiche) Headcoach-Erfahrungen. McVay nutzte die Chance, stärkte Phillips und konnte so von ihm profitieren.

Doch Systeme zusammenklabastern, einfach nur die Offense mal werfen lassen und einen erfahrenen Assistent einstellen reicht beim Thema McVay nicht…

#3 Der ferngesteuerte QB

…denn wesentliche neue Input McVays ist ein anderer: Er teilte die Quarterback-Position in zwei physische Hälften: Die mentale und die körperliche.

  • Der körperliche QB steht am Feld: Goff.
  • Der Kopf des Quarterbacks jedoch ist an der Sideline: McVay.

McVay, der nicht gut genug werfen kann um selbst auf das Feld zu gehen, implementierte das Prinzip des „verlängerten Arms“ wie kein Headcoach jemals zuvor: Er spielt mit seiner Offense No-Huddle, aber nur bis zur Aufstellung an der Anspiellinie. Sein Ziel ist die rasche Aufstellung an der Anspiellinie um Tendenzen der Defense zu erkennen um im letzten Moment den Play-Call für seine physische Ausführungskraft durchzugeben. McVay und Goff sind also eins. Der eine denkt, der andere handelt. Der fremdgesteuerte QB!

Die Aussicht

Ob die Rams damit langfristigen Erfolg feiern werden, ist noch offen. Doch das, was in den letzten beiden Offseasons in dieses Team investiert wurde, war massiv und trägt schnelle Früchte. McVay ist wie schon Dan Quinn/Falcons und Doug Pederson/Eagles in den letzten Jahren ein Coach, der seine Mannschaft bereits im zweiten Jahr in die Superbowl führen konnte. Der Hauptgrund ist das „Fenster des Erfolgs“.

Nach dieser – und spätestens nach nächster – Saison werden einige Stars die Mannschaft verlassen müssen, bzw. Leute wie QB Jared Goff oder RB Todd Gurley so teuer werden, dass man sie entweder ziehen lassen muss oder geringere Kadertiefe in Kauf nehmen muss um sie zu halten.

Dank McVay, dank eines Superstar-Verteidigers wie DT Aaron Donald oder aber auch dank der neuen Wunder-Infrastruktur in Inglewood kann man aber davon ausgehen, dass die Rams nach dieser Superbowl – oder auch nach den nächsten zwei Jahren – nicht wieder für 15 Jahre in der Versenkung verschwinden werden.

5 Kommentare zu “Los Angeles Rams: Die Zukunft ist heute!

  1. Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich die Fanbase in LA entwickeln wird. Nach den Relocations dürften einige Footballfans zögern, ihr Herz den Rams zu schenken.
    Und ob der schnelle Erfolg jetzt wirklich eine gesunde Basis für feste Fanstrukturen ist, weiss ich nicht. Es erinnert mich an die München Barons (DEL), die 2000 aus der Taufe gehoben wurden, in ihrer ersten Saison Meister wurden und drei jahre später wieder Geschichte waren. Strohfeuer.
    Nicht direkt vergleichbar, ich weiss. Die Investitionen in der NFL sind ein Vielfaches von der DEL, der potentielle Werbemarkt größer, das Merchandising professioneller, die Amerikaner vielleicht schneller zu begeistern und weniger misstrauisch. Dennoch: Sofortiger Erfolg muss keine gute Basis sein, weil es nur noch abwärts geht. Und dann brauchst Du loyale Fans. Ein Team durch die Gegend zu relocaten, killt Tradition und hemmt den Aufbau einer treuen Fanbase. Zumal die Chargers vielleicht auch noch zwei drei Fans kosten. Ich bin gespannt.

  2. Würde da grundsätzlich widersprechen. Die Colts haben in Indy eine Fanbase geschaffen und die Ravens in Baltimore und Titans in Tennessee idem. Alles was es gebraucht hat, ist Erfolg, bei den Ravens (SB Sieg 2000) und Titans in der McNair Ära kam der sogar sehr schnell.

    Im spezifischen Fall in Los Angeles ist der Fall ein wenig anders gelagert. Die Chargers werden kaum Fans wegnehmen, aber LA ist ein spezieller Markt.
    Niemand hat den Rams eine Träne nachgetrauert als sie vor 25 Jahren gegangen sind. Aber die Raiders in LA bewiesen, dass man mit schnellem Erfolg (SB Champions 1983) eine Massenhysterie auslösen kann, die allerdings auch schnell wieder verfliegen kann (Rückzug nach Oakland 1995).

    Im Rams Case Study ist gewiss das neue Superstadion zu berücksichtigen, das viele Eventfans anziehen wird. In LA wird man immer mit vielen Auswärtsfans rechnen können, aber Kroenke ist das egal, denn auch die Away Fans sind zahlende Kunden.

  3. Ich bin gespannt ob sich der Antagonismus zwischen der Rams Win-now/spend-all Philosophie mit reichem Owner und den unglücklichen Chargers nicht auch positiv auf beide Fan-Bases auswirkt. Es ist quasi für jedes Fan-Mindset was dabei.

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