Dem Geheimnis der Patriots-Offensive Line auf der Spur

Die Offensive Line der New England Patriots galt in den letzten Wochen als einer der wesentlichsten Faktoren im fristgerechten Aufschwung der Patriots, die pünktlich zum Saisonhöhepunkt auch den Höhepunkt ihrer Formkurve hatten und in den Playoffs einen einzigen Sack gegen QB Tom Brady zuließen.

Die Lobeshymen auf die Patriots in den US-Medien gehen aber weiter. Während man der bis in den Dezember hinein so hoch gejazzten Rams-OL nun vorwirft, außer Zone-Blocking nicht viel zu können, weist der ehemalige NFL-Offense Liner Geoff Schwartz (Bruder von Kansas Citys RT Mitchell Schwartz) auf Twitter darauf hin, dass New England dominante Offense Line allein in der Superbowl 16 verschiedene Run Blocking-Systeme zur Perfektion spielte:

Gesamtwert der Patriots-Offensive Line nach Cap-Allocation 2018/19: 20,1 Mio. Dollar. Drei Teams (in Zahlen: 3) steckten weniger Geld in die Offense Line: Arizona (16.8 Mio), Giants (16.3 Mio) und Buffalo (13.5 Mio).

Es war eine Patriots O-Line, die die komplette Saison auf ihren 1st-Round Pick von letzter Saison, OT Isaiah Wynn, verzichten musste. Die einen Trent Brown auf Left Tackle spielen ließ, einen ehemaligen 7th-Round Pick der 49ers, der in der letzten Offseason im Verbund mit einem 5th Rounder für einen 3rd Round Pick aus San Francisco geholt wurde, weil er als Right Tackle nicht mehr ins Konzept vom dortigen Headcoach Kyle Shanahan passte.

Ein Left Guard Joe Thuney, 3rd Rounder im Draft 2016. Center David Andrews, 2015 als ungedrafteter Free Agents von der Straße geholt. Right Guard Shaq Mason, im Draft 2015 in der vierten Runde gezogen. Und Right Tackle Marcus Cannon, 2011 in der fünften Runde gedraftet und nach dem Rücktritt von Sebastian Vollmer zum Starter bei den Patriots gereift.

Mit der viert-billigsten Offensive Line, einer Anhäufung von billigen oder kostenlosen Draftpicks, die mutmaßlich beste Defensive Line der NFL mit zwei Monster-DTs in Aaron Donald und Ndamukong Suh komplett in Schach zu halten – wie ist sowas möglich?


Die am häufigsten genannte Antwort ist Dante Scarnecchia, legendärer, bald 71-jähriger O-Line Coach der Patriots, ein Belichick-Vertrauter und noch mehr Patriots-Urgestein (coacht seit 33 Jahren alles in Foxboro, was bei Drei nicht auf dem Baum ist), der seit 1999 mit kurzer Unterbrechung (2014 und 2015 coachte Dave DeGuglielmo diese Unit) die fast immer auf der Höhe operierende Offensive Line vor Tom Brady unter seinen Fittichen hat. Wie gut ist Scarnecchia?

Nun – der Mann, für dessen Ablösung er von Belichick vor drei Jahren aus dem Ruhestand geholt wurde, DeGuglielmo, war heuer Offense-Line Coach bei den Indianapolis Colts, einer weiteren Top-5 Offense Line in der NFL. Und diesen Mann löste Scarnecchia ab und hob die O-Line zurück auf ein Elite-Level, trotz geringster Investitionen!

Freilich hilft den Patriots, dass TE Rob Gronkowski, der teuerste Tight End der Liga, nicht bloß als Monster im Pass-Fangen gilt, sondern auch als mutmaßlich bester blockender Tight End in der NFL. Und freilich hilft in New England, dass Bradys Kurzpassgewichse viele Passrusher per Spielzug-Design neutralisiert.

Doch das allein erklärt nicht, dass die Patriots jedes Jahr einen neuen Stil in der Offense spielen können – mit fast immer hervorragenden Offense Lines! Letztes Jahr z.B. spielte Brady fast eine Hopp-oder-Topp Offense ohne mittellange Bälle; die O-Line performte trotzdem.

Wie coacht Scarnecchia, den viele nun als besten O-Line Coach aller Zeiten anpreisen? Dieser zwei Jahre alte Artikel gibt etwas Aufschluss:

  1. Du musst nicht für alles eine Antwort haben. Wir haben eine Chance erfolgreich zu sein, wenn wir die Dinge richtig machen, auf die wir uns konzentrieren.
  2. Alle fünf Offense Liner müssen das Spiel durch dasselbe Paar Augen sehen.
  3. Wir wollen unsere Trainingseinheiten auf dem Game-Film sehen. Wenn wir unsere Drills dort nicht sehen, haben wir die falschen Dinge trainiert.
  4. Deine Spieler müssen im Kopf das gleiche sehen wie du als Trainer. Sie müssen gleich denken.
  5. Offense Liner sind fast nie die besseren Athleten als Defensive Liner. Fokussiere dich also auf die mentale Seite des Spiels.

Also: Sich seiner Limits bewusst sein, die kritischen Situationen identifizieren, punktgenaue Drills zum Eliminieren / Minimieren der Schwächen entwickeln – und du kannst im Rahmen der Möglichkeiten das Maximum aus deinen Möglichkeiten herausholen. Scarnecchia ist dabei gleich gepolt wie Belichick: Du brauchst nicht die besten Athleten. Du brauchst gute Athleten, die pfiffig sind und deinen Weg kompromisslos mitgehen.

Empfohlen sei an der Stelle auch das Video auf der Patriots-Homepage, das sich mit Scarnecchias in-Game Coaching an der Seitenlinie auseinandersetzt. Offensive Line ist der blinde Punkt jeder Footballmannschaft, aber ihre Relevanz ist ungebrochen. Erstaunlich, dass ein Mann über so lange Zeiträume so viel bessere Ergebnisse als die Konkurrenz erzielen kann, indem er seine Arbeit auf ein paar wesentliche Kernelemente beschränkt.

13 Kommentare zu “Dem Geheimnis der Patriots-Offensive Line auf der Spur

  1. Wenn ich das so lese, frage ich mich, ob wohl jeder halbwegs gute QB mit so einer Offense und diesen Coaches performen könnte wie Brady.
    Provokativ gefragt: Wenn das Training und der game plan stimmt, muss der QB doch „nur noch“ die Nerven behalten und das play ausführen, oder?

  2. Das vereinfacht das Zusammenspiel zwischen Coach und QB zu sehr denk ich. Brady und Belichik sind meistens auf einer Wellenlänge was das footballerische angeht und haben eine ähnliche Einstellung zum Erfolg, Eitelkeiten gibts da selten. Während der Spiele sieht man immer wieder, wie sich Brady ausführlich mit den Coaches austauscht, sein Input scheint also auch nicht komplett wertlos zu sein. Dazu kommt, dass Brady in allen Varianten der NFL-Offense sehr gut funktioniert, es gibt (abgesehen vom im Alter nachlassenden Wurfarm für die ganz tiefen Dinger) nichts, was die Coaches nicht von ihm verlangen können, wodurch die Patriots erst die Chance haben, so viele verschiedene Offenses (teilweise von Woche zu Woche) zu spielen.

  3. Bei der aktuellen O-Line passt einfach alles. Mit Thuney, Andrews und Mason hat man ein Interior das quasi gemeinsam in die Liga kam und sich von Anfang an so gemeinsam entwickeln konnte. Cannon war auch von Anfang an dabei und man hat an ihm festgehalten, obwohl er zwischendurch schon als Bust gegolten hat. Und Brown hat sich da gut eingefunden und die Schwachstelle des letzten Jahres (die Nate Solder einfach war) solide gestopft.

    Und heuer hatte man das ganze Jahr so gut wie keine Verletzungen. Diese Line spielte das ganze Jahr und wurde konstant besser. Und es ist auch kein ganzer Zufall, dass die größte Qualität der Line innen liegt – wo gerade der Fokus in der NFL in den letzten Jahren wieder auf diese Game Wrecking Interior D-Liner geht (Donald, Cox, Watt oft über die Mitte, McCoy,…).

    Gronk wurde im Beitrag erwähnt und muss auch mit Lorbeeren bedacht werden. Seine Chips/Blocks sind Gold wert, auch wenn er vom Tempo her nicht mehr der alte ist.

    Dazu auch nicht zu vergessen James Develin auf FB, mit dem die Patriots schon seit Jahren gegen den Trend der NFL gehen und gerade heuer im Running Game sichtlichen Erfolg haben. Welche Überraschung: die Patriots machen etwas gegen den Trend und es funktioniert…

    Mir gefallen gerade im Running Game die vielen Pull-Manöver extrem gut. Wenn man da in der Zeitlupe oft sieht, wie genau das Timing sitzen muss und der Guard dann einen aus vollem Lauf kommenden LB abfängt und das Loch aufgeht: ein Traum 🙂

  4. @Julie: Bradys Erfolg in New England ist Henne/Ei Thema.

    Natürlich sind die Bedingungen in der Patriots-Offense, was Coaching und Protection angeht, nahezu optimal verglichen mit anderen Zuständen in der NFL. Doch man muss auch anerkennen, wie lange schon Brady nun (ohne Ausreißer nach unten!) auf Elite-Niveau performt, mit ständig wechselndem Personal auf Runningback/Receiver, mit ständig angepassten Gameplans. Brady hat verschiedenste Offense-Konzepte nahe dem Optimum gespielt.

    Ich halte Brady mittlerweile für beides: Großartiger System-QB und System himself.

    Vielleicht ist Brady das größte Glückskind der NFL-Gegenwart. Vielleicht hätten noch talentiertere Werfer noch mehr aus der Situation gemacht. Aber ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, dass die Patriots einfach einen x-beliebigen anderen Top-10 QB in New England einwechseln könnten und annähernd dasselbe Ergebnis einfahren würden.

    Qualität und Konstanz dieser qualitativ hohen Performance machen Brady so einzigartig, trotz aller Grundvoraussetzungen in New England.

  5. Mit Matt Cassell gingen die Patriots einst 11-5, andere Teams (Colts ohne Peyton, Packers ohne Rodgers) gehörten ohne ihre Star-QBs zum Liga-Bodensatz.
    Wie sehr ist dieser Umstand in dieser Diskussion zu gewichten? Für mich persönlich ist das, plus dass NE auch später mit Leuten wie 3rd Stringer Jacoby Brissett Spiele gewann, ein entscheidender Punkt, Bradys Anteil an der Dynastie ein wenig anzuzweifeln. Oder gewichte ich das einfach zu stark?

  6. Wobei: Der Patriots-Schedule von 2008 war lachhaft und gegen halbwegs brauchbare Gegner wurde das Team, das ein Jahr zuvor 16-0 ging, abgeschossen. Cassel war später in Kansas City kurzzeitig auch keine komplette Graupe.

    Diese 1-Spiele oder 3-Spiele Samples sind immer gefährlich.

    Matt Flynn stellte einst Aaron Rodgers in den Schatten als Packers-QB in Woche 17.

    Der Backup von Philip Rivers schaltete das großartige Colts-Team von 2007/08 in den Playoffs aus.

    Philadelphia gewann mit Backup-QB die Superbowl.

    Es gibt auch in anderen Mannschaften durchaus Beispiele, wo unbekannte / totgesagte Backups plötzlich groß aufspielten, als alle dachten, ohne den Starter geht nix.

  7. Matt Cassel spielte damals mit eineR offense, die fast identisch mit der Version von 2007 war, die damals die NFL in Schutt und Asche zerlegt hat… Randy Moss ein Jahr nach seiner Rekord Saison, Wes Welker als Slot Maschine… Und Matt Cassel hatte danach auch noch ganze gute Spiele für Kansas City abgeliefert. Unter anderem schaffte er es 2010 in die Pro Bowl. Brissett war ein Spiel erfolgreich, im 2. sah er kein Land…. Und Jimmy Garappolo spielt bei den 49ers auch nicht am kompletten Bodensatz der NFL QBs.
    Manning hatte während seiner kompletten Zeit in Indy den HoF Harrison auf WR und danach bzw zT noch gleichzeitig einen Reggie Wayne am Feld. Während Brady auch einen kompletten No Name Cast im Jahr 2006 ins AFC Championship Game orchestrierte… Schwierig zu beurteilen und iwiefern man das Vergleichen kann, mag ich nicht beurteilen. Aber dass, wie man oft hört, Brady angeblich ja immer phänomenale Skill Player um sich rum hatte während Manning zur mit unterklassigem Personal spielen konnte, stimmt einfach nicht.

  8. Man sollte nicht übersehen, dass die Patriots im Jahr vor Bradys Ausfall die mutmaßlich beste Mannschaft aller Zeiten stellen und die Colts ein Jahr vor Mannings Ausfall nur noch ein Trümmerhaufen waren, der vom QB durchgeschleift wurde.

    Die Patriots stürzten von 18-1 auf 11-5 ab, die Colts von 10-7 auf 2-14. Netto ist der Verlust in etwa gleich.

    Ich würde in einem Vakuum einen Manning einem Brady wahrscheinlich vorziehen. Aber das schmälert nicht das, was Belichick/Brady im Verbund geleistet haben.

  9. Am meisten gefällt mir der Lead toss, bei dem Donald zwar sein angedeutetes Double team überwindet, dann aber von Brady „geblockt“ wird.

  10. @BlauGelb13:

    Zu Brissett wäre vielleicht noch zu erwähnen, dass die Pats mit ihm ein Spiel gewonnen haben in dem der Gameplan war „Brissett soll nicht werfen“. Ich hab das Spiel live gesehen und kann mich noch erinnern – das war eher bizarr. Und das Spiel hat die Defense gewonnen. Und Brissett hat dann auch Indy durchaus konkurrenzfähig gespielt und auch Spiele gewonnen (nicht viele, aber immerhin).

  11. Hat ein Mann seinen Schaferhund auf Kinder gehetzt? Oder haben sie es auf den Hund abgesehen? Toto Harry ermitteln.

  12. Pingback: Offensive Liner – Die Stärke liegt im Kopf, nicht in den Muskeln | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  13. Pingback: Furchtlose NFL-Vorschau 2019/20 | Die Titelfavoriten | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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