Alliance of American Football – Whut dat?

Einige werden es vielleicht schon mitbekommen haben: Heute feiert eine neue Football-Liga ihr Debüt: Die AAF – Alliance of American Football. Bis vor wenigen Tagen war das Teil für mich ein Geist. Doch sie wird im NFL Gamepass übertragen. Hier ein paar Berührungspunkte zu dieser neuen Liga.

Profiligen früher

Die AAF ist in den USA nicht die erste professionelle Football-Liga, die versucht, sich neben der übermächtigen NFL zu behaupten. In den 1940ern gab es schon einmal eine derartige Liga, die AAFC, die zwar nicht überlebte, aber aus der Teams wie die Cleveland Browns oder San Francisco 49ers hervorgingen.

In den 1960ern war es die AFL (American Football League), die später mit der NFL fusionierte und als heutige AFC (American Football Conference) weiterlebt. In den 1980er versuchte sich die USFL (US Football League) neben der NFL. Die USFL galt als größte Bedrohung für die NFL, bis sie auf Betreiben eines gewissen Donald Trump übermütig wurde und versuchte, sich auch zeitlich parallel zur NFL zu behaupten. Folge: Die USFL ging bankrott.

In den 1990ern begann die World League of American Football (WLAF) als interkontinentales Projekt, das schließlich in der bis rund 2007 aktiven NFL Europe mündete – allerdings alles unter Schirmherrschaft der NFL, die sich eine Development-League halten wollte.

In den letzten zwei Jahrzehnten hatten wir noch einige externe Versuche wie die XFL, die sich mit dem erzkonservativen Wrestling-Tycoon Vince McMahon an der Spitze versuchte, über Sex und exzessive Gewalt in der US-Landschaft zu behaupten – aber scheiterte (die XFL will 2020 ein Comeback feiern). Die UFL vor einigen Jahren war noch zögerliches Aufflackern. Sie spielte nicht als Frühlingsliga, sondern im Herbst. Und hatte keine Chance gegen die NFL.

Der AAF-Versuchsballon

Jetzt also AAF – eine Liga mit spärlichem Budget, aber geführt von Leuten, die dem NFL-Business nahe stehen. Der Gründungsvater ist Charlie Ebersol, Sohn von Dick Ebersol, dem langjährigen Sportchef von NBC, dem wichtigsten TV-Vertragspartner der NFL. Wesentliche Figur im Aufbau ist Bill Polian, der aufgrund seiner Zeit als GM bei den Buffalo Bills (4x Superbowl in den 1990ern) und Indianapolis Colts (Peyton-Manning Ära) in die Hall of Fame gewählt wurde.

Die AAF steht finanziell noch auf wackeligen Beinen und hat erstmal nur ihre Saison 2019 gesichert, doch man versucht bereits, mit Dreijahresverträgen für ihre Spieler, vage für die Zukunft zu planen. Das Konzept dabei ist relativ eindeutig: Bleib nahe an der NFL, versuche erst gar nicht, es mit der NFL zu verscherzen. Das Regelwerk ist NFL-nahe, die Spieler haben Ausstiegsklauseln für einen eventuellen Wechsel in die NFL.

Man könnte fast auf die Idee kommen, dass man 10 Jahre nach dem Ableben der NFL Europe wieder eine Art „Entwicklungs-Liga“ für die NFL hochziehen will. So viele Figuren aus dem NFL-Umfeld sind dort zu finden (u.a. Troy Polamalu, Hines Ward, Jared Allen oder Justin Tuck im Liga-Vorstand).

Auch bei den Head Coaches sind bekannte Gesichter dabei, u.a. der kultige Steve Spurrier, der in den 1990ern den College Football mit seiner „Fun&Gun Offense“ revolutionierte, aber in der NFL als Cheftrainer der Washington Redskins krachend scheiterte, oder dem Architekt der „Greatest Show in Turf“, Mike Martz.

Die Teams

8 Mannschaften treten zur Debütsaison an. Auffällig dabei: Es handelt sich vor allem um Teams, die im US-Süden und im Westen zuhause sind. Der Nordosten bleibt von dieser Liga unberührt. Aufgeteilt ist die Liga in zwei Conferences:

Eastern Conference:

  • Atlanta Legends (Head Coach: Kevin Coyle)
  • Birmingham Iron (HC: Tim Lewis)
  • Memphis Express (HC: Mike Singletary)
  • Orlando Apollos (HC: Steve Spurrier)

Western Conference:

  • Arizona Hotshots (HC: Rick Neuheisel)
  • Salt Lake Stallions (HC: Dennis Erickson)
  • San Antonio Commanders (HC: Mike Riley)
  • San Diego Fleet (HC: Mike Martz)

Gespielt wird in Stadien wie dem Georgia State Stadion von Atlanta, dem Legion Field in Birmingham, der Libery Bowl von Memphis, dem Spectrum Stadium von Orlando (das UCF-Stadion), dem Sun Devil Stadium von Tempe (in dem früher die Cardinals spielten), dem Rice-Eccles Stadium von Salt Lake City (Utah Utes), dem Alamodome von San Antonio und im ehemaligen Qualcomm Stadium von San Diego.

Fans will man bei der Stange halten durch die relative Nähe zur NFL-Saison, die erst letzten Sonntag endete, mit vergleichsweise niedrigen Ticketpreisen (max. 35 USD/Spiel, 75 USD-Packages für alle 5 Heimspiele), neuartigen Fantasy-Konzepten und billiger Verpflegung ins Stadion locken.

Auftakt der Saison ist heute, die Regular Season endet am 14. April, danach folgt ein Halbfinale und das Finale soll am 27. April in Las Vegas stattfinden – passenderweise am Draftwochenende der NFL!

19 Spiele dieser neuen Football-Liga sind im NFL Network zu sehen – respektive natürlich bei uns auch im NFL Gamepass. Die Spiele sind immer samstags oder sonntags. Den genauen Sendeplan gibt es auf NFL.com.

Der Football selbst

Das Regelwerk ähnelt jenem der NFL, setzt sich jedoch etwas mehr Zug im Spiel zum Ziel. So ist die anvisierte Spiel-Länge ca. 2:30 Stunden (Vergleich NFL: ca. 3:15 Stunden). Die Play-Clock tickt nur 35 Sekunden (NFL: 40 Sekunden), es gibt keine TV-Timeouts und nur rund die Hälfte an TV-Commercial Breaks wie in der NFL.

Die Spielerkader sollen um die 50 Spieler umfassen, es soll keine Kickoffs geben (Drive-Start nach Scores an der Own 25), Onside-Kick wird zu „Onside Conversion“ (4th&12 an der Own 28), Overtime-Regeln ähneln jenen an der Highschool (einmal 4 Downs von der 10yds Line pro Team / keine Fieldgoals), Instant Video Replay ähnelt jenem der NFL von vor ein paar Jahren (keine automatischen Turnover/Score Reviews, 2 Challenges pro Teams außer in den letzten zwei Minuten), aber es soll einen übergeordnete Video-Ref geben, der eigene Kamerapositionen bekommt. Das alles sind potenzielle Wegbereiter für Regelübernahmen in der NFL.

Was von der NFL sicher nicht übernommen ist, sondern der sehr kurzen Vorbereitungszeit geschuldet ist: Passrush ist mit maximal fünf Leuten erlaubt. Blitzing aus der Secondary ist verboten. Mit dieser Regel will man die kritische Position der Offensive Line, die für gewöhnlich längere Zeit zum Einlernen braucht, schützen.

Schauen wir kurz auf die Teams

Gedraftet wurden im Vorfeld hauptsächlich die Quarterbacks. Die anderen Spieler wurden von Top-Colleges und in der zweiten Runde von lokalen Colleges rekrutiert, dazu gibt es „Partnerschaften“ mit jeweils vier NFL-Teams und einer CFL-Mannschaft pro Club. Spielergehälter sind fix 250.000 Dollar pro Spieler.

Atlanta Legends – GM ist der ehemalige Rams-GM Bill Devaney, Cheftrainer der frühere DefCoord der Miami Dolphins, Kevin Coyle. Die spektakulärste Personalie im Trainerstab schien der OffCoord Michael Vick bei seiner „Rückkehr nach Atlanta“ zu sein, bis Vick gestern doch noch abdankte. Ein Coordinator-Wechsel einen Tag vor Saisonstart? Das deutet auf nichts spielerisch Gutes hin… Auf Spielerseite kennen wir QB Aaron Murray (der Quarterback im epischen SEC-Finale 2012), ein Lokalheld in Atlanta, sowie den früheren Michigan-QB, „Shoelace“ Denard Robinson.

Birmingham Iron – GM ist Joe Pendy, Headcoach ist Tim Lewis, einst ein NFL-Profi und Teil des Michael Vick/San Diego Chargers Trades. Stars im Kader sind QB Blake Sims (früher Alabama) und der in der NFL schwer gefloppte, aber ums Eck im College sensationelle RB Trent Richardson (war 2011 Zweiter im Heisman-Rennen) sowie der wegen des „Kick Six“-Returns in Alabama vergötterte CB Chris Davis.

Memphis Express – Will Lewis (früher Seahawks) ist der GM, Mike Singletary der Head Coach. Singletary war als Spieler ein Hall-of-Fame Linebacker der berühmten Bears-Defense von 1985, später erfolgloser Cheftrainer der San Francisco 49ers (die erst direkt nach seiner Entlassung 2010 plötzlich zum Giganten wurden). Das QB-Duell in Memphis lautet „Hackenberg gegen Mettenberger“, zwei aus der NFL bekannte Namen, der bekannteste Passrusher ist der frühere LSU-Defensive End Sam Montgomery.

Orlando Apollos – Star der Runde ist der Head Coach Steve Spurrier („Head Ball Coach“), GM ist Tim Ruskell. Einer der QB-Anwärter ist Garrett Gilbert, früher QB von Florida. Der Kader ist voll von ehemals starken College-Spielern, die in der NFL nix gerissen haben (LB Azeem Victor von den Washington Huskies oder DL Jacob Pugh von FSU).


Arizona Hotshots – GM ist der aus der NFL bekannte Phil Savage, Headcoach ist Rick Neuheisel, der am College zuletzt bei UCLA tätig war. Der bekannteste Spieler ist QB Trevor Knight, der als QB in Oklahoma einst Alabama in einer Sugar Bowl abschoss.

Salt Lake Stallions – GM ist Randy Mueller, Headcoach Dennis Erickson. Spieler kenne ich nicht viele, RB Matt Asiata (früher in der NFC North tätig) ist noch der bekannteste von ihnen. Asiata spielte am College in Utah.

San Antonio Commanders – Die bekanntesten Figuren sind die Team-Offiziellen: Dary Johnson („Moose“) ist der GM, Mike Riley der Head Coach. Auf Spielerseite kenne ich nur die beiden Runningbacks Aaron Green (TCU) und den einstigen 5-Star Recruit von Texas A&M, Trey Williams.

San Diego Fleet – GM Dave Boller kenne ich nicht, aber Headcoach Mike Martz ist eine Legende. Im Spielerkader ist der Star DE Damontre Moore, der vor ein paar Jahren mal für einige Monate als angehender NFL #1 Draftpick galt, ehe er in der Versenkung verschwand. QB dürfte Mike Bercovici werden, früher in Arizona am College tätig.

Und was ist mit ihm?

Noch keine Nachricht davon, dass der von der NFL verstoßene Sohn Colin Kaepernick in der AAF auflaufen wird, obwohl es letzten Sommer Gerüchte ob eines politischen Interesses von Leuten wie dem Bürgermeister von Birmingham (im lange rassistischen Alabama) gab. Dass die Tür für Kaepernick in der AAF noch nicht ganz zu ist, deutet Doug Farrar bei Touchdown-Wire an.

Sein Auftritt wäre eigentlich für alle ein Gewinn: Für Kaepernick, weil er allen zeigen kann, dass sich die NFL tatsächlich gegen ihn verschworen hat, und für die AAF, weil sofortiges mediales Interesse gewährleistet wäre. Natürlich nur, falls Kaepernick überhaupt noch ein ernsthaftes Interesse daran hat, Football zu spielen.

Wie groß das Interesse an der AAF ohne Kaepernick sein wird, muss man freilich abwarten. Die Qualität des Gebotenen wird sich weit unterhalb der NFL bewegen, aber über dem College Football. Doch was werden die Teams ohne große Vorbereitung und mit Coaches, die schon vor Jahren in der NFL als aus der Mode galten, zeigen?

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9 Kommentare zu “Alliance of American Football – Whut dat?

  1. Schöne Übersicht, wirst du die AAF hier während ihrer Saison auch in irgendeiner Form begleiten? Vermute zwar, dass du zu viel um die Ohren hast etc, aber eine schöne Überraschung wären etwa Spieltagszusammenfassungen hier allemal.

    PS: Chris Davis wird vermutlich in Ost-Alabama (und West-Georgia) für den Kick-Six-Return tatsächlich vergöttert („THERE GOES DAVIS!“), aber in den meisten Teilen des Bundesstaates hört man den Namen sicherlich eher ungern. Umso schöner, dass die AAF verfolgende Alabamafans nun wohl für ihn jubeln werden, wenn sie Blake Sims, Trent Richardson und Birmingham unterstützen wollen.

  2. Es soll über die App und über YT einen kostenlosen Livestream geben, wird man heute sehen ob es so ist.

  3. ich finde solche Ligas immer sinnlos weil die NFL das Monopol haben. ist eher eine Freundschaftsliga mit Hobby Teams.

  4. @denzel: Naja, es mag für den europäischen Betrachter nicht besonders spannend sein, aber erstens mal haben viele riesige amerikanische Ballungsräume kein NFL Team und College-mäßig ist auch nicht überall viel los (schon gar nicht im Frühjahr, wo es im Prinzip überhaupt kein Football gibt), da kann das schon interessant sein, gerade wenn mit Fantasy auch drumherum einiges los ist.

    Und dass es in der NFL nichts gibt, was annähernd wie eine Farm-Liga ist, ist auch etwas seltsam. Gerade wenn man bedenkt, dass viele Spieler erstmal 3 oder 4 Jahre brauchen, bis sie überhaupt das Level haben um in der NFL zu spielen. Es gibt haufenweise nicht gedraftete Spieler, die eventuell auch das Potential hätten in der NFL zu spielen, aber nirgends die Entwicklungschance bekommen, weil Roster Spots einfach derart rar sind.

    Nun ist das hier erstmal keine Farm Liga, aber es könnte mit der Zeit schon in die Richtung gehen. Warum nicht junge Spieler, die das ganze Jahr nur im Scout Team waren im Frühjahr die Chance auf einigermaßen echte Reps geben? Ich könnte mir gut vorstellen, dass das so manche Entwicklung beschleunigt. Mit den vielen NFL-Verbindungen kann ich mir schon vorstellen, dass das auch Bestand hat.

  5. Ohne mehr als die Highlights gesehen zu haben, einige Notizen vom ersten Spieltag von gestern:

    1) Die Spiele bekamen positive Rückmeldungen. Unterhaltsam, sehr zügig und qualitativ oberhalb des befürchteten Niveaus.

    2) Harte Hits gegen QBs scheinen in dieser Liga durchaus erwünscht zu sein. Einige heftige Hits, alle ungestraft.

    3) Video-Replay ist durch seine Transparenz ein sehr interessantes Modell: Die Gedanken der Video-Refs werden live übertragen:

  6. Liegt ein Grund für die geografische Konzentration in der Jahreszeit, in welcher die Liga ausgespielt wird?

    Im Norden/Nordosten ist draußen kaum ernsthafter Football drin, sowohl für Fans und Spieler.jaja, das geht in green bay und buffalo auch, aber die haben ne andere fanbase und da sind es im Dezember oft spiele, bei denen es um was geht.
    Und gibt es viele Hallen, die groß genug für ein Footballfeld sind, aber nicht in einem aktuellen NFL Markt stehen?

    Darum weicht man halt in den Süden und Westen aus, wo es eher nicht friert (Ausnahme hier Salt Lake City)

  7. @Nesro

    Kann gut sein, dass das eine Rolle spielt. Dazu kommt noch, dass der Süden und Südwesten traditionell – siehe die SEC im CFB – sehr footballbegeistert ist und man dort einige Ballungsräume hat, welche die NFL kaum abdeckt. In der AAF wären das Memphis, Birmingham, Orlando, San Diego, San Antonio und Salt Lake City. Von 8 Teams sind nur 2 in Städten, in denen man direkte Überschneidungen mit der NFL hat. Im Norden und Nordosten wäre das bei der hohen Dichte an NFL Teams schwieriger – und eine Konkurrenz zur NFL will man wohl unter allen Umständen erstmal vermeiden.

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