Die große NFL-Combine 2019 Preview

Die Combine 2019 steht vor der Tür. Eine kleine Vorschau auf dieses merkwürdige Ereignis, bei dem am Wochenende ein Haufen Athleten in kurzen Hosen vor halbleerem Stadion Trainingsübungen am Feld machen werden.

Die Combine ist alljährlich der offizielle Auftakt zur Scouting-Saison im Vorfeld des Drafts. Es ist ein mehrtägiges Sichtungstraining unter gleichen Bedingungen für ca. 300 Draft-Anwärter. Es ist auch ein Get-Together für alles, was in NFL-Kreisen Rang und Namen hat. Es ist der Kickoff für die heiße Phase der Draft-Gerüchteküche und der Ort, an dem sich Teams und angehende Rookies zum ersten Mal wirklich en masse treffen.

Die im NFL Network live übertragenen Übungen („Drills“) am Feld sind dabei nur der sichtbarste Teil der Combine, die eigentlich in vier wesentliche Kapitel unterteilt ist:

  • Medizinische Untersuchungen
  • Vorstellungsgespräche
  • Abnahme der offiziellen Körpermaße
  • Trainingseinheiten am Feld und im Kraftraum

Eingeteilt werden die Draftees dabei in verschiedene Gruppen, wobei jeweils am letzten Tag die Drills am Feld stattfinden:

  • 26.02. – 01.03. Special Teams, Offense Line, Runningback
  • 27.02. – 02.03. Tight Ends, Quarterback, Wide Receiver
  • 28.02. – 03.03. Defense Line, Linebacker
  • 01.03. – 04.03. Defensive Backfield

Medizincheck

Für viele der wichtigste Teil der Combine ist der Medizincheck. Er ist auch der wichtigste Grund dafür, dass einst in den 1980ern überhaupt die Combine ins Leben gerufen wurde: Man wollte ganz einfach die Tests unter gleichen Bedingungen durchführen ohne die Prospects durch die Lande zu scheuchen – und Indianapolis ist nicht nur zentral gelegen, sondern hat auch die notwendige Ausrüstung um über 300 Checks innerhalb weniger Tage durchzuführen.

Wie man aus Scouting-Kreisen vernimmt, wird so ziemlich alles abgecheckt: Von Blutwerten und Drogentests bis hin zu Stabilitätstests bei Knochen und Bändern.

Wichtige Prospects, auf deren Medizinchecks man dieses Jahr besonders achten muss:

  • DE Nick Bosa – für viele das größte Talent der Draftklasse. Bosa hatte in der abgelaufenen Saison mit massiven Verletzungsproblemen zu kämpfen, u.a. einer hartnäckigen Bauchverletzung sowie Problemen in der Leistengegend. Das führte im Verbund mit Bänderdehnungen im Knie dazu, dass Bosa schon im Oktober seine Saison beendete um möglichst gesund in den Draft zu gehen.
  • RB Rodney Anderson – starker Runningback am College, aber auch viele Verleztungsprobleme, u.a. Beinbruch 2015, schwere Nackenverletzung 2016 und Knieverletzung 2018.
  • RB Bryce Love – Heisman-Kandidat in Stanford, der sich in der Bowl-Season das Kreuzband riss.
  • WR DK Metcalf – für viele der beste Wide Receiver im Draft, aber zwei seiner drei Saisons am College gingen verletz in die Binsen: 2016 Beinbruch, 2018 Nackenverletzung. Bleiben nach seinem Check Zweifel, wird er in vielen Boards nach unten fallen.
  • WR Hollywood Brown – plagte sich im Playoff mit einer hartnäckigen Fußverletzung durch das Spiel gegen Oklahoma, als er nicht wiederzuerkennen war.
  • OT Yodney Cajuste – Top-OL Prospect, der zwar in den letzten beiden Jahren gesund blieb, aber 2015 und 2016 3/4 der Spiele mit Knieverletzungen bis Kreuzbandriss verpasste.
  • DE Rashaan Gary – viele kleine Verletzungen während seiner College-Karriere: Sind es strukturelle Probleme in seinem Körper, oder waren es eher Ausnahmeerscheinungen?

Vorstellungsgespräche

In der Combine sind keine vollumfänglichen Vorstellungsgespräche möglich, da bei ca. 300 Prospects nicht mehr als rund 15 Minuten pro Spieler zur Verfügung stehen. Doch in diesen kurzen Momenten versuchen Teams, in ihren ersten Berührungsmomenten mit den Prospects das Maximum an Information herauszukitzeln. Erschwerend kommt bei diesem Speed-Dating hinzu, dass viele Prospects nach einem ganzen Tag im Kraftraum oder am Feld hundsmüde sind und oft nur noch schlafen gehen wollen.

Die Fragestellungen vieler Teams sind legendär und gehen bis an den Rand des Erlaubten – und du gibst besser die richtigen Antworten, was deine persönlichen, politischen oder sexuellen Präferenzen angeht, auch wenn sie dir widerstreben.

Besonders im Fokus stehen die Quarterbacks – aber auch einige andere:

  • QB Kyler Murray: Ich hatte schon am Freitag darüber geschrieben – Murray steht nach monatelangem Hin und her zwischen Football und Baseball vor einer Grillparty ganz spezieller Ausmaße, vor allem, nachdem er sich im Jänner schon mit simplen Fragen völlig überfordert zeigte. Die NFL will wissen: Taugt er als Führungsspieler? Ist sein Herz am richtigen Fleck (ergo: Kennt nix anderes als Football)?
  • QB Dwayne Haskins: Er hatte im Gegensatz zu den Konkurrenten wie Daniel Jones oder Jarrett Stidham noch keine offiziellen Treffen mit NFL-Teams.
  • RB Dexter Williams: Eine starke Abschlusssaison bei Notre Dame, aber Williams strapazierte jahrelang die Nerven in South Bend mit Trainingsfaulheit, Drogenproblemen und nicht gelesenen Playbooks.
  • WR Lil’Jordan Humphrey: Das einstige Supertalent Humphrey soll in Texas mittlerweile gereift sein, aber viele haben nicht vergessen, welche Kopfschmerzen er einst seinen Coaches bereitet hat.
  • DE Jachai Polite: Er kommt von Florida – und viele Prospects von Florida gelten als Problemkinder. Über Polite sind keine Knastbrüderschaften oder Drogenprobleme bekannt, aber man liest in fast jedem Scouting-Report über charakterliche Probleme. Die NFL will bestimmt wissen, wie solide Polite als Genosse daherkommt.
  • DE Montez Sweat: Ein spannender Prospect, der einst von Michigan State als untrainierbar gefeuert wurde. Aber bei Mississippi State sprachen sie in den höchsten Tönen von ihm.
  • DT Ed Oliver: Supertalent, das sich einst vor laufender Kamera mit seinem Headcoach fetzte. Die NFL hasst solches Auflehnen gegen Autoritäten – also wird die Frage bei Oliver sein: War es ein isolierter Moment in der Hitze des Gefechts, oder ist er schwer führbar?

Es sind aber nicht nur die Problemkinder, die von der NFL getestet werden. Pass lieber auch auf, dass du nichts über deine potenziellen Interessen abseits des Feldes sprichst: Die NFL schätzt es nicht, wenn du ein Leben außerhalb des Playbooks führst.

Abnahme der Körpermaße

Während der Combine werden unter standardisierten Bedingungen die Körpermaße abgenommen und die Spieler gewogen. Danach sind die offiziellen Kampfmaße bekannt – wobei Zweifel bleiben, ob sich die Spieler eine „Hulk-Figur“ extra für die Combine antrainiert haben. Weichen die in Indianapolis genommenen Maße zu stark von den College-Maßen ab, werden Fragen aufgeworfen. Merk dir: Nicht jeder ist ein Freak wie Calvin Johnson.

Der wichtigste Spieler ist wieder QB Murray: 5‘9 oder 5’10? Wiegt er über oder unter 190 Pfund? Wie bei jedem QB wichtig: Wie groß sind seine Hände? Und: Wie groß sind seine Hände? Nochmal – du musst zuhören!!! Wie groß sind seine Hände? (Neuneinviertel Inch gilt als Untergrenze)

Oder Hollywood Brown, der am College nur 175 Pfund gewogen haben soll. Oder OT Jonah Williams von Alabama, bei dem man Angst hat, dass die Spannweite seiner Arme kleiner als das „Minimum“ von 33 Inch ist (wie z.B. beim Vollflop Joe Thomas…).

Bei oben schon angesprochenem DE Jachai Polite nahm man letzte Saison einen drastischen Gewichtsverlust wahr: Polite soll sich von 270 Pfund auf 250 Pfund abgemagert haben um explosiver zu sein. Folge: Polite braucht hervorragende Sprintwerte, sollte sich dieses niedrige Gewicht bestätigen. Noch krasser ist der Positionskollege DE Brian Burns von FSU, der nur 236 Pfund gewogen haben soll – einige Runningbacks sind schwerer!

Safety Deionte Thompson von Alabama wird sich auf 200 Pfund hochfuttern müssen, da die NFL keine so leichtgewichtigen Safetys duldet (200 Pfund gilt als Untergrenze – Thompson wog am College 199).

Trainingseinheiten und Drills

Die Einheiten am Feld sind das Sichtbarste an der Combine. Natürlich ist der 40-yds Dash die bekannteste Einheit, denn nix ist geiler als einen 350-kg Bomber in kurzen Hosen zu 5.35 Zeiten schwitzen zu sehen. Das Krasse an diesen Drills finde ich immer: Diese Klocker sind wesentlich explosiver als man selbst! Sie hängen sich auf den ersten Metern ab – obwohl du mit 1.93 und 80 kg beste Voraussetzungen hättest.

Der Wert der Feld-Drills ist umstritten. Bei Quarterbacks zum Beispiel kann man kaum simulieren, wie sie sich unter Druck verhalten (was z.B. bei Haskins super-interessant wäre) – dafür kannst du ihnen auch kaum einen Strick drehen, wenn sie einen Wide Receiver, mit dem sie zum allerersten Mal gemeinsam einen Spielzug trainieren, um 3m verfehlen.

Kyler Murray wird fast sicher nicht 40yds sprinten – aber er wird hoffentlich werfen. Die Wurf-Drills der QBs sind immer interessant, weil sie sehr schnell hintereinander werfen – man kann die verschiedenen Wurfbewegungen und Flugbahnen ganz gut miteinander vergleichen.

Für einen WR wie N’Keal Harry ist die 40yds Zeit wichtig: Man sieht bei ihm das „Super-Tape“, aber keine hochklassige Athletik. Läuft er eine gute Sprintzeit und hat gute Werte im Hochsprung aus dem Stand, kann er seine Aktien massiv verbessern.

Bei WR Mecole Hardman ist das Ziel anders gelagert: Er geht auf den 40yds-Rekord, der bei 4.22 Sekunden liegt (Josh Ross vor 2-3 Jahren). Hardman hat eine persönliche Bestzeit von 10.64 über 100m.

Was wird bei den Tight Ends abgehen?

  • TE Noah Fant von Iowa gilt als herausragender Athlet im Stile eines Eric Ebron, aber einige scheinen seinen College-Teamkollegen T.J. Hockenson als 1st-Rounder zu bevorzugen! Zwei Iowa-Tight Ends in der 1ten Runde – es ist möglich! Ersterer muss die besseren Drills und Testwerte einfahren um vor dem reiferen Spieler Hockenson zu gehen.
  • TE Irv Smith von Alabama wird sich unweigerlich mit den Testwerten seines „Vorgängers“ O.J. Howard (ging letztes Jahr in der 1ten Runde) messen lassen müssen.

Die Liste ließe sich beliebig erweitern, denn die Combine liefert eine unüberblickbare Latte an Messwerten, die in den nächsten Wochen in Relation zum Tape gesetzt werden müssen. Eine der Twitter-Ressourcen, die ich schon jetzt für dieses Einordnen von Draft-Werten empfehlen kann, ist der Autor von Football Perspective, @fbgchase.

4 Kommentare zu “Die große NFL-Combine 2019 Preview

  1. Ich muss ein wenig klugscheißen, der Rekordhalter für den 40 yard dash heißt John Ross nicht Josh Ross.

  2. Gott sei Dank hat dieser Draft Murray, ansonsten wäre es ganz schön langweilig. Die anderen QBs sind graue Mäuse und mit Defensive Linemen kann man keine Geschichten schreiben.

    Murray ist aber ein potenzieller Star oder wie PFF schreibt: Wenn er keine Running Dimension hätte, wäre er noch immer ein Top QB Prospect. Ich wäre nicht überrascht, wenn er am Ende #1 Overall geht.

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