Oakland Raiders in der Sezierstunde

Eines der spannendsten Teams der Offseason 2019 sind die Oakland Raiders, letzte Saison bei 4-12 Bilanz gestrandet und als #27 auch in meinem finalen Power-Ranking nah am Bodensatz. Die Raiders gehen in die angehende Offseason nicht nur mit Fragezeichen um ihr Stadion in der nächsten Saison (es soll nun wohl doch Oakland bleiben), sondern auch mit einer komödiantischen sportlichen Leitung, für die die Oskars ein paar Tage zu früh verliehen wurden.


Eines ist fix: Head Coach Jon Gruden ist als Liebling von Raiders-Besitzer Mark Davis und mit seinem 10-Jahres, 100 Mio-Dollar Vertrag unantastbar und ab sofort auch formell der große starke Mann in Oakland (oder wo auch immer die Raiders 2019 spielen werden) – jetzt, wo der alte GM Reggie McKenzie aus dem Haus geekelt wurde.

Pro forma wurde zwar mit Mike Mayock ein neuer GM ins Haus geholt, doch: Gruden, der sich selbst am liebsten zuhört, ist der Mann mit dem letzten Wort in Oakland – womit bei zwei großen Egos wie Gruden und Mayock das Feld für potenziellen Knatsch bereitet ist.

Auf der Kehrseite der Medaille haben die Raiders so viel Kapital zum Arbeiten wie kaum eine andere Mannschaft: Mit den Draftpicks #4, #24 und #27 hat man drei 1st-Rounder (Amari-Cooper Trade und Khalil-Mack Trade), dazu Pick #35, #66 und #106 plus fast 70 Mio. Cap-Space. Damit ließe sich ein Gerüst für die Zukunft bauen.


Die Frage ist, wie die Raiders die Offseason angehen werden. Es gibt nur wenige Bausteine, auf die man langfristig zu bauen scheint: Die Offensive Line ist auf Guard und Center gut besetzt, Defensive Tackle scheint eine der tieferen Positionen zu sein und auf Cornerback ist man okay besetzt. Auf Quarterback hat man den extrem teuren QB Derek Carr, von dem Gruden nicht überzeugt zu sein scheint und mit dem er sich in der letzten Saison lautstark gefetzt hat – doch es ist möglich, dass man in einer schwächeren QB-Draftklasse auf einen Quarterback verzichtet und ein weiteres Jahr mit Carr gehen wird.

Wird Oakland in der Free Agency zuschlagen – oder werden die Raiders das machen, was z.B. ich machen würde, und abwarten, versuchen, Compensatory-Picks für die nächsten Jahre zu sammeln (z.B. durch einen Abgang von TE Jared Cook)? – denn 2019 ist eh nicht das Jahr, in dem Gruden mit dem Team was reißen wird.

Abhängig davon, wie die Raiders die Free Agency bearbeiten werden, ist natürlich der Draft der #1-Fokus der Offseason. Mit einem Guru wie Mayock ist das logisch. Mayock gilt in NFL-Kreisen als superber Scout, der auch bestens vernetzt ist. Doch Mayock hat nur wenig Erfahrung damit, ein eigenes Scouting-Team für ein spezielles Team mit all seinen speziellen Bedürfnissen zu leiten – noch dazu, wenn eh ein Dickkopf wie Gruden das letzte Wort über alle Entscheidungen hat und eh nie den Wampen vollkriegen kann.

Gruden leckte sich im Jänner die Lippen nach Kyler Murray ab – doch gerade das könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass Oakland genau nicht an Murray interessiert ist. Oder an keinem der Quarterbacks. Wäre es für Oakland dann von Interesse, einen Trade nach unten für noch mehr Draftpicks zu versuchen, noch dazu in einer Draftklasse, in der es viel Tiefe auf den Line-Positionen beidseits der Anspiellinie geben soll?

Oder sollte Oakland versuchen, immer „Best Player Available“ zu draften? Werden Gruden und Mayock dann auf einer Linie gepolt sein? Oder werden sie aneinander vorbeireden, weil der eine dem anderen eh nicht zuhören kann?


Es ist eines der Themen dieser Offseason: Wie wird dieses Duo zusammenspielen? Wie ist ihre Außendarstellung während der Combine? Halten sich diese beiden durchaus unterhaltsamen Plaudertaschen bedeckt oder werden sie – wie sie es gewohnt sind – ihre Gedanken en detail der Öffentlichkeit präsentieren?

Gerade die Konstellation Gruden/Mayock macht die Raiders in Kombination mit so vielen Ressourcen zum Arbeiten also so aufregend. Der Fachverstand beider ist unbestritten, doch an Raiders-Stelle wäre mir bis zum Gegenbeweis Angst und Bange, dass sich Gruden mit Mayock schon den Sündenbock für etwaige Verfehlungen ins Haus geholt hat. Ich werde diese Gedanken nicht los.

Es liegt an Gruden, im eigenen Haus Zweifel und Gegenstimmen zuzulassen. Sich beraten zu lassen und auch kritischen Geistern zuzuhören um diesen Rebuild bestmöglich durchzuziehen. Es mag sich als unqualifizierte transatlantische Ferndiagnose entpuppen, aber Gruden scheint mir kein Prototyp einer solchen Führungsfigur zu sein.

Andererseits: Für uns ist auch noch der sportliche Worst-Case erstklassige Unterhaltung. Und das macht aus den Raiders auf alle Fälle großes Kino.

8 Kommentare zu “Oakland Raiders in der Sezierstunde

  1. Schöne Zustandsbeschreibung, die ich weitgehend teile.
    Einige weitere Anmerkungen:
    1) 2019 evtl. auch 2020 „keine Heimat“ wird wohl ziemlich sicher nicht eintreffen,die Raiders werden in Oakland bleiben. Alles andere wäre auch völliger Irrsinn gewesen.
    2) In der Draft würde ich fast alles für möglich halten, sogar einen Trade nach oben. Bosa lockt.
    3) Um die noch immer aufgebrachten Gemüter in Oakland zu beruhigen, ist auch ein großer Trade in der FA denkbar. Brown oder Bell würden diese Anforderung wohl erfüllen, wären aber mE kaum im Sinne eines Neuaufbaus.OBJ könnte mir aber gefallen.
    4) Carr wird neue Receiver und eine stärkere O-Line bekommen, daraus muss er etwas machen, sonst ist er nach der Saison weg.
    5) In die irrwitzigen Entscheidungswege von Gruden würde sogar der Pick Kyler Murray passen. Hoffe aber auf einen Rest Rationalität bei ihm.

  2. Schöne Zustandsbeschreibung, die ich weitgehend teile.
    Einige weitere Anmerkungen:
    1) 2019 evtl. auch 2020 „keine Heimat“ wird wohl ziemlich sicher nicht eintreffen,die Raiders werden in Oakland bleiben. Alles andere wäre auch völliger Irrsinn gewesen.
    2) In der Draft würde ich fast alles für möglich halten, sogar einen Trade nach oben. Bosa lockt.
    3) Um die noch immer aufgebrachten Gemüter in Oakland zu beruhigen, ist auch ein großer Trade in der FA denkbar. Brown oder Bell würden diese Anforderung wohl erfüllen, wären aber mE kaum im Sinne eines Neuaufbaus. OBJ würde mir aber gefallen.
    4) Carr wird neue Receiver und eine stärkere O-Line bekommen, daraus muss er etwas machen, sonst ist er nach der Saison weg.
    5) In die irrwitzigen Entscheidungswege von Gruden würde sogar der Pick Kyler Murray passen. Hoffe aber auf einen Rest Rationalität bei ihm.

  3. Ich glaube ja nicht, dass die Reihenfolge wichtig ist, sondern dass Grudens ganzes System nach Sündenbockstrategie ausgerichtet ist. Doch bei 10 Jahren Laufzeit muss eigentlich etwas herausspringen, was annähernd um den Super Bowl mitspielen bedeutet, so viel Zeit etwas aufzubauen kriegt niemand außer Belichick.

    Ich sehe die Kombination Mayock mit Gruden positiver als der Artikel andeutet. Gruden ist natürlich der nicht zu bremsende Chucky, aber Mayock halte ich für schlau genug um sich aus Streitereien herauszuhalten und den notwendigen Input zu liefern um Gruden zu unterstützen. Das heißt klarerweise nicht, daß Gruden den Rat nutzen wird… aber dann wäre er ja selbst schuld.

    Murray fände ich nicht so schlecht, bei genauem Hinsehen: OL ist brauchbar, Murray ein Mega Prospect und die WR Klasse ist tief für die 2nd Round, dazu Pass Rusher und Cornerback mit den anderen 1st Picks in den 20ern… natürlich nur, wenn man Murray mit dem #4 Pick bekommt und nicht alles ausgeben muss um auf #1 hochzugehen 😉

  4. Mir würden zwei weitere Teams einfallen bei denen man viel Zeit bekommt, die Steelers und die Bengals.
    Mal schauen was Gruden aus den Raiders macht und ob Mark Davis so viel Interesse am Erfolg hat wie Mike Brown.

    Ich sehe Murray ja irgendwie bei den Pats, aber wohl auch weil ich die Vorstellung lustig finde wie BB den anderen Teams mit einem NFL untauglichen QB, die nächsten 20 Jahre weiter das Leben schwer macht.

  5. @Klappflügel: Wenn Du Kyler Murray „irgendwie“ bei den Pats siehst, wäre das „irgendwie“ äußerst interessant. 😉 In vielen Mock Drafts geht er Top5. Wenn das Regelwerk nicht geändert wurde, sollte der Superbowl-sieger von einem Top5 Pick maximal weit entfernt sein…

  6. Mache mal ein Checkup für meinen Post v. 27.2.2019:
    1) Check: ein oder zwei Jahre weiter in Oakland: nahezu sicher
    3) Check: Antonio Brown zur Beruhigung der Oakland Fans: Guter Deal mit der Abgabe nur von 3. und 5. Round Picks
    Mal sehen was aus den anderen Punkten wird, noch ist alles drin.

  7. Pingback: Oakland Raiders – Follow Up zur Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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