Quarterback im Fokus: Baker Mayfield

Baker Mayfield war der #1-Draftpick 2018. Er wurden von den Cleveland Browns im dritten Saisonspiel der letzten Saison eingewechselt und gab seinen Starter-Posten hernach nicht mehr ab. Seine Vorstellungen wurden weithin abgefeiert, als wäre er der nächste Superstar-QB.

Sowas macht mich natürlich stutzig.


Was man an Mayfield sofort sieht: Seine Statistiken waren um Welten besser als jene von Tyrod Taylor, den er beerbte:

  • Mayfield: 508 Dropbacks, 45% Pass-SR, 7.0 NY/A, 0.05 EPA/Pass
  • Taylor: 95 Dropbacks, 27% Pass-SR, 4.1 NY/A, -0.30 EPA/Pass

Mayfield warf 27 TD bei nur 14 INT. Seine Interception-Quote von 2.8% war höher als Liga-Schnitt, aber nicht so hoch, dass man ihm einen Strich durch die Rechnung machen kann. Mayfield war auch besser als seine Rookie-Kollegen vom letzten Jahr:

  • Darnold: 439 Dropbacks, 41% Pass-SR, 6.1 NY/A, -0.07 EPA/Pass
  • Allen: 346 Dropbacks, 36% Pass-SR, 5.4 NY/A, -0.18 EPA/Pass
  • Rosen: 436 Dropbacks, 36% Pass-SR, 4.5 NY/A, -0.34 EPA/Pass
  • Jackson: 219 Dropbacks, 41% Pass-SR, 5.8 NY/A, -0.07 EPA/Pass

Wobei Allen und Jackson natürlich signifikante Zahlen als Läufer einfuhren. Die Message an der Stelle ist aber klar: Mayfield war statistisch der mit Abstand überzeugendste Rookie-QB 2018. Doch seine Werte verblassen im Vergleich zur Liga-Elite, wo Leute wie ein Mahomes 51% Pass-Success Rate, 8.0 NY/A und 0.33 EPA/Pass erspielten – eine andere Dimension als die Zahlen für Mayfield.

Ist der Hype um Mayfield also zu groß?

Dafür müssen wir das Tape analysieren. „Wir“ ist natürlich nicht korsakoff. Die Aufgabe hat auf Twitter bereits der sehr unterhaltsame Seth Galina erledigt, den ich an dieser Stelle ganz einfach rezitieren möchte und auf den ich verweise.

Seth Galina hat sich die 508 Passing-Snaps von Baker Mayfield angeschaut und zahlreiche davon detailliert auf Twitter beschrieben. Der Link zum Twitter-Threat findet sich hier (Empfehlung!).

Galina wird regelrecht euphorisch, wenn er über Mayfield als NFL-Prospect schreibt. Für ihn war Mayfields Rookiesaison der letzte Beweis, dass wir es bei Mayfield mit einem angehenden Superstar zu tun haben.

Mayfield sei erstaunlich „refined“ als Quarterback – der englische Football-Terminus für „hoch entwickelt“. In den drei wichtigsten QB-Kategorien ist Mayfield bereits jetzt in der NFL-Elite zu finden:

  • Timing der Würfe
  • Präzision in den Würfen
  • Antizipation

Dazu ist Mayfield ein aggressiver Quarterback, der in kritischen Momenten nicht lange zögert, sondern handlungsschnell agiert. Mayfield hat sich auch bereits als „Scheme“-übergreifend gezeigt: Er funktionierte unter dem nach Woche 8 gefeuerten Horror-Duo Hue Jackson/Haley genauso wie später unter dem Nachfolger Freddie Kitchens.

Timing

Galina zeigt in dem Thread auf, was Mayfield so besonders macht. Es beginnt beim Timing. Mayfield wartet nicht, bis eine Route fertig gelaufen ist. Er greift sich den Ball – vom Center oder aus Shotgun – und weiß am Ende seines Dropbacks, ob er den Ball zu seinem ersten „Read“ wirft oder nicht. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Dropback 3, 5 oder 7 Schritte umfasst oder ob er Play-Action spielt. Wenn Mayfield die Entwicklung seines Dropbacks zu Ende gespielt hat, ist ihm klar, ob er seinen ersten Receiver bedienen wird oder nicht.

Vorteil dabei: Es gibt keine Zeitverschwendung. Kein weiteres Zögern „soll ich oder soll ich nicht“. Galina zeigt zahlreiche Beispiele für dieses Vorgehen und beschreibt es als Quarterback-Masterklasse. Lehrbuch.

Ist der erste Read nicht offen, geht Mayfield sofort über zu seiner zweiten Option. Während er das macht, bringt er den Ball bereits in Wurfposition um keine Millisekunde zu verschwenden und bei Eventualität sofort abzugsbereit zu sein. Galina nennt dieses „Ball in Wurfposition bringen“ = hitchen. Ist auch der zweite Read gedeckt, wiederholt sich das Prozedere beim dritten Read.

Das alles ist so wichtig, denn das Zeitfenster, in dem ein Receiver in der NFL offen ist, ist keine Sekunden offen. Es ist nur Bruchteile von Sekunden offen. Dadurch, dass Mayfield den Ball beim Durchgehen der Optionen stets wurfbereit hat und sofort raushauen kann, spart er die entscheidende Millisekunde.

Antizipation

Schön herausgearbeitet ist auch die Antizipation, mit der Mayfield sein Spiel bestreitet. Er wartet nicht wie viele anderen junge (oder auch erfahrenere) Quarterbacks darauf, dass der Receiver offen ist bis er effektiv wirft, sondern weiß es exzellent, die Körperhaltungen der Verteidiger zu erfassen und daraus intuitiv zu schließen, wo und wann der in der Nähe befindliche Receiver frei sein wird.

Mayfield wirft also den Ball bereits, bevor der Receiver effektiv frei ist. Wenn der Ball dann ankommt, ist der Receiver effektiv offen. Galina nennt das das Zusammenspiel von DEL – depth, eye, leverage. Wer nur Quarterbacks wie Brady oder Peyton Manning studiert, dem ist das alles nicht neu. Doch man muss wissen, dass wir dabei über die absolute Elite sprechen. Und man muss anerkennen, dass Mayfield in Sachen Timing und Antizipation schon auf Elite-Level operiert – und das im Rookiejahr!

Präzision

Die dritte große Stärke Mayfields ist die Präzision seiner Würfe. Galina hat einige Beispiele, in denen Baker die Pässe überwirft, aber sie sind relative Seltenheit – und selbst in diesen Würfen kann man zumindest eindrucksvoll seine Stärken in Sachen Timing und Antizipation studieren.

Doch der Großteil seiner Pässe erfüllt auch das dritte große Kriterium der Präzision (US-Scout nennt das „Accuracy“). Egal, ob der Wurf Richtung Seitenlinie geht, oder ob es sich um tiefe Comeback-Routen oder Post-Routen handelt: Mayfields Bälle kommen schön raus. Das wird getriggert durch seine vorbildliche Armhaltung: Ellbogen immer hoch, macht der Körper breit um seine etwas limitierte Körpergröße zu kaschieren, und feuert den Ball punktgenau raus.

Second Reaction Plays

All die beschriebenen Attribute gelten für das, was der Amerikaner „in structure plays“ getauft hat: Spielzüge, die nach der Idee des Designers ablaufen. Greg Cosell spricht in seinen Podcasts häufig von einer zweiten Eigenschaft, die Super-QBs haben sollten – nämlich „Second Reaction Plays“, also das Verhalten des Quarterbacks in Momenten, in denen der Spielzug nicht den gewünschten Verlauf nimmt. In denen der Quarterback im Durchgehen seiner Reads unterbrochen wird und auf eine neue Herausforderung reagieren muss.

Galina nennt das „escapability“. Es gibt zahlreiche Beispiele, in denen Mayfield „out of structure“, also außerhalb des eigentlich designten Spielzugs, zu operieren imstande ist. Möglich macht das sein einzigartiges Gefühl für das Spiel, das für einen so jungen Quarterback durchaus nicht normal ist.

Es gibt Quarterbacks wie Darnold oder Josh Allen, die letztes Jahr gemeinsam mit Mayfield gedraftet wurden, die haben alles Talent der Welt um Quarterback zu spielen, aber (noch) nicht die notwendigen Skills um die PS auch auf den Boden zu bringen: Sie haben noch kein exzellentes Timing, sie werfen erst, wenn der Receiver effektiv ersichtlich schon frei ist, sie haben noch technische Schwächen. Das Resultat sind einige sensationelle Plays, aber auch viel unbeständiges, wechselhaftes Spiel.

Mayfield ist wesentlich konstanter in seinen Leistungenund auf hohem Niveau konstant. Der Grund liegt darin, dass er nicht bloß technisch alles drauf hat, sondern auch schon imstande ist, die vielen Herausforderungen eines Spielzugs in Sekundenbruchteilen zu verarbeiten und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Weil dem so ist, glaubt Galina, ist Mayfield auch ein Quarterback, der nicht an ein bestimmtes System wie West Coast, Air Raid oder Play-Action gebunden ist – sondern alles spielen kann, was man von ihm im Play-Book verlangt.


Ich muss zugeben, nach Studium dieses Twitter-Tapes bin ich wesentlich schlauer, was Mayfield angeht. Die Statistiken ließen natürlich bereits eindeutig vermuten, wie stark Mayfield im Vergleich zu anderen Rookie-QBs, aber vor allem im Vergleich zu anderen Browns-QBs war. Doch zur absoluten Liga-Elite reichten Mayfields Stats noch nicht. Das Studieren des Tapes macht mich noch wesentlich zuversichtlicher, dass die Cleveland Browns mit ihrem Quarterback in der nächsten Saison schon sehr nahe an Titelreife sein könnten.

2 Kommentare zu “Quarterback im Fokus: Baker Mayfield

  1. Pingback: Quarterback im Fokus: Josh Allen / Buffalo Bills | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Pingback: Cleveland Browns in der Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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