NFL-Vertragswesen: Wenn fünf Jahre nur ein Jahr dauern

The Ringer schreibt über die NFL-Verträge und wie man ihre Inhalte lesen muss. Die Ergebnisse sind erstaunlich.

Hier der Link zum Artikel vom Ringer: When a Guaranteed Isn’t Guaranteed. Danny Heifetz untersucht darin einige Fakten im NFL-Vertragswesen, die man im wilden Getöse der ersten Tage Free Agency zwingend beachten sollte.

#1 Fünfjahresverträge dauern eher ein Jahr als fünf

Heifetz zeigt auf, dass ein Fünfjahresvertrag in der NFL eher nach bereits einem Jahr wieder aufgelöst wird (14.7%) als nach fünf (13.7%). Bei Vierjahresverträgen ist die Chance auf eine Entlassung nach einem Jahr gleich groß wie auf ein Ausspielen des Vertrags über alle vier Jahre (23.1%).

Dreijahresverträge halten kaum sicherer für alle drei Jahre (36.2%) als für bloß ein Jahr (34.3%). Zweijahresverträge werden zu 55% schon vor Ablauf des zweiten Jahres aufgelöst und halten in rund 16% der Fälle nicht einmal bis zum Ende des ersten Jahres.

Fakt ist also: Die kommunizierte Vertragslänge ist meistens ein Witz.

#2 Noch nichtmal 2/3 der kommunzierten Vertragssumme wird ausbezahlt

Nach diesem Artikel wurden im Test-Zeitraum 2011 bis 2015 nur rund 64% der insgesamt kommunizierten Vertragssumme ausbezahlt. Das ist weniger als zwei Drittel.

1/3 der Spieler kassiert noch nichtmal die Hälfte der totalen Vertragssumme.

Nicht einmal 1/4 der Spieler kassiert am Ende 90% der vereinbarten Vertragssumme.

#3 Selbst das Wörtchen „guaranteed“ lügt

Heifetz zeigt das am Beispiel von Tyrann Mathieu auf, der 2017 in Arizona einen Fünfjahresvertrag über 62.5 Mio. unterschrieb, davon 40 Mio. „guaranteed“. 40 Millionen garantiert. Wer die NFL verfolgt, weiß, dass Mathieu nur zwei Jahre später schon zwei Teams weiter ist: 2018 Houston, 2019 Kansas City.

Mathieu wurde von den Cards vor einem Jahr gecuttet, nachdem er rund 22 Mio. kassiert hatte. Von den restlichen 18 Mio. „guaranteed“ keine Spur mehr. Sie haben sich in Rauch aufgelöst.

Der Grund ist simpel: Es gibt Unterschiede bei „guaranteed“, die man verstehen muss. Die Basis-Definition von „guaranteed“ ist das Handgeld (Signing Bonus), das mit Unterschrift überwiesen wird und damit sofort als garantierte Summe zählt. Auch fix „guaranteed“ Grundgehalt ist dem Spieler sicher.

Doch in Mathieus Fall in Arizona handelte es sich großteils um „Rolling Guarantees“, so genannte Option oder Roster Boni, die erst an einem bestimmten Stichtag fällig und garantiert werden. Nur wenn Spieler X an Tag Y noch im Kader ist, hat er das Gehalt für das Jahr sicher.

Im Klartext heißt das: Solche „Rolling Guarantees“ sind in der Praxis teamseitige Vertragsoptionen. Werden sie gezogen, hat das Team der Spieler ein weiteres Jahr an sich gebunden. Wenn nicht: Tschüss, war nett. Wir sehen uns dann beim nächsten Auswärtsspiel bei deinem neuen Team.

#4 Gehaltskürzungen

Heifetz untersuchte über 360 Verträge in der Free Agency 2011 – 2015. In 1/6 der Verträge, die über drei Jahre oder mehr gingen, wurden im Lauf der Vertragslaufzeit die Gehälter gekürzt – und in über der Hälfte dieser Fälle wurde der Spieler trotz Vertragskürzungen vor Ende der originalen Vertragslaufzeit entlassen.

#5 Hüte dich vor den Marktschreiern

Spielerberater sind erpicht darauf, möglichst hohe Vertragszahlen zu kommunizieren um attraktiv für noch mehr Spieler zu werden. Daher sind die am Beginn kommunizierten Vertragsparameter meistens zu optimistisch – Option-Boni und Prämien werden als Fixgehälter, Rolling-Guarantees als Total-Guarantees in die Welt posaunt.

Ein Fünfjahresvertrag über 40 Mio. klingt super, verhält sich aber häufig eher als Zweijahresvertrag für 18 Mio. mit drei Jahren Team-options hintendran.

Also: Glaub nicht zu viel, was in diesen Tagen geschossen wird. Average per Year (APY) ist zwar eine nette Kennzahl und relevant für Ego von Spieler und Agenten, doch der wahre Wert eines Vertrags lässt sich nur mit Wissen um die genaue Strukturierung erfassen.


Das alles ist nicht wirklich neu. Herrmann hat auf unserem Blog vor ein paar Jahren schon einmal einen detaillierten Artikel zu diesem Thema geschrieben.

Weitere Einträge zum Thema NFL Salary Cap Management gibt es hier.

8 Kommentare zu “NFL-Vertragswesen: Wenn fünf Jahre nur ein Jahr dauern

  1. Es ist wie ein großer Zirkus, aber eben doch sehr unterhaltsam. Danke für diesen interessanten Einblick, vor allem das guaranteed nicht unbedingt guaranteed heißen muss. War mir bisher so nicht bewusst.

  2. Es wird wirklich spannend zu sehen sein, wie sich die Positionen im Zuge des nahenden neuen CBAs entwickeln werden. Auf beiden Seiten gibt es Gruppen die ein Interesse an einer Entwicklung in die eine oder andere Richtung haben dürften. Ein wichtiger Aspekt wird aus meiner Sicht sein, dass in vielen Amerikanern der amerikanische Traum sehr stark verwurzelt ist, gerade bei Sportlern. Selbst Jungs, die gerade so als UDFA in die Liga gekommen sind und sich mehr oder weniger gut am Rosterrand halten, träumen davon den dicken 100-Millionen-Dollar-Vertrag zu unterschreiben, diesen Traum auf einen „ärmlichen“ Vertrag über 60 Millionen zu reduzieren, um für sich und andere Spieler in der gleichen Situation eine längerfristige Sicherheit zu schaffen, wäre ein höchst unamerikanischer Ansatz.

  3. Cashman, da fällt mir auf Anhieb Tom Brady ein… ganz später Pick und jetzt wo er es geschafft hat, arbeitet er für ärmlich wenig, damit andere Spieler geholt werden können. Es zahlt sich dann statt Gehalt in RIngen aus. Scheint sich aber noch nicht rumgesprochen zu haben. 😀

  4. Für jeden Brady oder Nowitzki gibts dann aber auch einen Kobe Bryant der sich sagt „Das System hat dafür gesorgt, dass ich weniger verdienen musste, als ich wert gewesen wäre, gegen Ende meiner Karriere versuche ich also als Entschädigung/Belohnung alles rauszukitzeln was ich kriegen kann!“
    Beide Sichtweisen sind auf ihre Weise verständlich, zumal die wenigsten Fans sich ein Urteil darüber erlauben dürfen, schließlich steht nicht jeder irgendwann vor der Entscheidung „Sportlicher Erfolg meines Teams oder 100 Millionen Dollar“.
    Der Bezug zu meinem Kommentar hinkt allerdings ein bisschen, in dem von mir angerissenen Szenario müssten die Topverdiener zum Wohle der anderen Spieler aller Teams auf Geld verzichten, was ihre Chancen auf den sportlichen Erfolg, der zB einem Brady wichtiger zu sein scheint als Geld, eben nicht tangiert.

  5. Kann man es denn nicht auch so sehen, dass Brady aufgrund seines sportlichen Erfolges abseits des Platzes das „verlorene“ Geld wieder einholt?

  6. Bei Brady kann man es auch so sehen, dass er im Vergleich zu seiner Frau nur der Zweitverdiener der Familie ist, im Notfall finanziert Gisele ihm wohl sein Hobby Football quer 😉

  7. RE: Brady und Werbungen

    Brady war nie der große Werbestar à la Peyton Manning. Er kassierte mehr als die meisten NFL-Spieler (z.B. 2015 ca. 7 Mio/Jahr), aber ein Manning lag um die 12 Mio/Jahr (Zahlen aus dem Jahr 2015 https://www.cnbc.com/2015/05/12/why-does-tom-brady-make-so-little-in-endorsements.html)

    Schätzungen gehen in die Richtung, dass Brady in seiner Karriere auf mindestens 60 Mio. Gehalt verzichtet hat – Geld, das die Patriots für Roster-Building zur Verfügung hatten.

  8. Pingback: San Francisco 49ers in der Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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