Arizona Cardinals in der Sezierstunde

Lass uns mal den Blick auf ein paar Mannschaften nach der ersten Phase Free Agency und vor dem Draft anschauen – heute mit dem Team, das letzte Saison den schlechtesten Record eingefahren hat, den Arizona Cardinals (3-13). Diese haben bereits einen Teil ihres Hausreinemachens hinter sich. Ein dickes, fettes Fragezeichen bleibt aber. Es wird die Franchise auf Jahre definieren.


Man kann es drehen und wenden, wie man es will – und man kann einiges auf den schwierigen Schedule der Cardinals 2018 schieben, aber es führt kein Weg daran vorbei, mit dem Finger auf das horrende Coaching der Cardinals in der letzten Saison hinzuweisen, insbesondere in der Offense:

  • Verschwendung von 1st Downs: 54% 1st Down Passing in der ersten Halbzeit, was zwar #12 der Liga ist. Aber angesichts einer 26% Run-Success Rate und 3.2 YPC im Laufspiel ist es ein Witz, dass die OffCoords der Cardinals fast die Hälfte der 1st Downs in die Mauer jagten.
  • Laufspiel-Tristesse: 59% der offensiven Laufspielzüge geradewegs in die Mauer über den Center, #1 der Liga (nur ein anderes Team hatte über 50%). Effizienz dabei? 32% Success Rate, #31 der Liga. Talk about David Johnson sinnlos verheizen…
  • Verschliss zweier Offensive Coordinators, auch wenn sie beide schlecht waren
  • Verbrennen von 1st-Round QB Josh Rosen hinter einer katastrophalen Offensive Line (219 QB-Pressures, #32 der NFL) und ideenlosem Play-Calling

In der Defense war das Ganze für Arizona etwas besser, aber nicht viel. Am Ende musste Head Coach Steve Wilks nach nur einem Jahr wieder gehen. Wilks, dem viele bescheinigt hatten, ein exzellentes Headcoach-Prospect zu sein, fühlt sich  wie ein Bauernopfer an: Defensiv-orientierter Chefcoach, der für die Trostlosigkeit im Angriff nur mittelbar haftbar gemacht werden konnte.

Kliff Kingsbury

Aber Arizona nutzte die Gunst der Stunde und schlug beim gerade auf den Markt gekommenen Kliff Kingsbury zu. Kingsbury ist ehemaliger Air-Raid Quarterback in der Air-Raid Schule schlechthin, Texas Tech, und war ein paar Jahre Backup-QB von Tom Brady in New England. Aber vor allem war Kingsbury schon in jungen Jahren Head Coach am College – und bewies, dass er Offense designen kann.

Kingsbury coachte als Assistent in Houston und später als Chef bei Texas Tech, wo er unter anderem die Quarterbacks Davis Webb und Patrick Mahomes ausbildete. Zwar wurde Kingsbury wegen anhaltender Defense-Probleme im Lauf des letzten Herbstes gefeuert, doch für seinen NFL-Job scheint das nur bedingt ein Problem zu sein. Seine Aufgabe ist es, den Quarterback der Cardinals zu biegen – für die Defense ist ohnehin der erfahrene DefCoord Vance Joseph geholt worden, der selbst schon Cheftrainer-Erfahrungen hat.

Kingsburys Einstellung zieht natürlich Zweifler an: Kann er überhaupt NFL-Offense? Wie anpassungsfähig ist er, wenn die Hash-Marks bei den Profis plötzlich zehn Meter enger beisammen stehen? Wie ernst nimmt die NFL einen Mann, der zuletzt am College gefeuert wurde und noch nie in der NFL gecoacht hat?

Doch am Ende geht Arizonas Front-Office mit Owner Bidwell und GM Steve Keim mit Kingsburys Anstellung den Weg, der in den letzten Jahren schon mehrere junge Quarterbacks von Philadelphia bis Los Angeles gebogen hat: Head Coach muss ein Offensivgeist sein, und volle Power der Offense.

Der Knackpunkt: Quarterback

Und genau das führt uns zum großen Knackpunkt der Cardinals-Offseason: Wie gehen sie mit der Quarterback-Position und damit einhergehend mit dem #1-Draftpick um?

Kingsbury wurde ursprünglich dafür geholt, den letztes Jahr als Rookie enttäuschenden QB Josh Rosen zu biegen bzw. zu retten. Doch dann nahm das Schicksal einen überraschenden Lauf: Kyler Murray, sensationeller Air-Raid QB/Heisman-Trophy Gewinner am College, entschied sich entgegen seiner ursprünglichen Intention, Profi-Baseballer zu werden, doch für eine NFL-Karriere und meldete sich zum Draft an.

Nun existiert nicht nur eine „logische“ Beziehung zwischen Kingsburys Offensiv-System und Murrays Spielertyp, sondern auch per Zufall ein Video, in dem Kingsbury im letzten Herbst völlig unbedarft vor sich hin plaudert, er würde Murray auf jeden Fall mit dem #1 Draftpick ziehen, hätte er die Chance dazu.

Das Internet vergisst nie. Was für ein Glück.

Doch weniger das Video, mehr der offensichtliche „Fit“ zwischen Spieler und Offense, die zu wilden Spekulationen führen, deren Ende noch nicht absehbar ist. Auch Keims Dementi („Im Moment ist Rosen unser QB.“) fiel eher halbherzig aus.

Und so existieren aktuell drei realistische Szenarien für den Top-Pick im Draft:

  • Cardinals ziehen DE Bosa
  • Cardinals ziehen QB Murray
  • Cardinals verkaufen den #1 Pick an die Raiders, die QB Murray ziehen

Es sind drei faszinierende Optionen, alle mit Vor- und Nachteilen, die über die künftige Ausrichtung dieser Franchise entscheiden können. Doch bevor wir diese Optionen abwägen können, lass uns zuerst einen Blick auf das bisherige Mikromanagement in der Offseason werfen. Es gibt uns ein klein wenig Aufschluss über das, was das Front-Office im Vorfeld des Drafts geplant hat: Die katastrophalsten Lücken im Kader halbwegs schließen um die Option „Quarterback“ offen zu halten.

Kader-Basteleien

Drum herum waren Keim/Bidwell in der frühen Phase der Free Agency bereits recht aktiv, um die schlimmsten Baustellen im Kader zu adressieren:

  • OT Marcus Gilbert, OG Sweezy und C Garcia als Starter/Ergänzungsspieler für die zuletzt horrende Offense Line
  • TE Charles Clay als H-Back/Tight End und der bei den Bears gefloppte WR Kevin White für die Receiver-Tiefe
  • DE Terrell Suggs für die Rotation im Pass Rush
  • LB Jordan Hicks als neuer Starting-LB
  • CB Alford für die Rotation im Defensive Backfield

Um als konkurrenzfähiges Team durchzugehen, bleiben in Arizona natürlich noch einige Baustellen, wo da zu nennen wären Guard (Sweezy und Pugh sind maximal Durchschnitt), Center (Shipley ist ein komplettes Fragezeichen), Wide Receiver (35-jähriger Fitzgerald und Kirk für den Slot, und sonst nur Laufkundschaft), Defensive Interior (DT Nkemediche ist auch nach drei Jahren vom Durchbruch weit entfernt) und Safety (FS Swearinger ist passabel, aber nach Tre Bostons Abgang sind keine Alternativen und keine Tiefe mehr da).

Diese Lücken werden Arizona wohl in jedem Fall daran hindern, um den Divisionssieg in der NFC West mitzuspielen, aber sie sind weit weniger dramatisch als noch zum Ende der letzten Saison.

Gretchenfrage

Und vor allem erlauben sie uns, die entscheidende Frage zu stellen: Quarterback an #1 oder nicht? Josh Rosen oder Kyler Murray?

Für einen Rosen spräche, dass sich Arizona einen Trade-Down leisten könnte, oder straight an #1 sein Lieblings-Prospect zur Stärkung des Mannschaftsgerüsts ziehen kann (z.B. Bosa oder Quinnen Williams).

Für einen Murray spräche ein zusätzliches Jahr unter Rookie-QB Vertrag (Rosen hat bereits eines davon verbrannt), besserer Fit mit dem System des Head Coaches und höheres Unterhaltungspotenzial / Ceiling für die Mannschaft.

Für die unwahrscheinlichste Variante halte ich ein Festhalten der Cards am #1 Pick und anschließende Einberufung eines non-QB Prospects: Zu viel Positional-Value würde man den Bach runtergehen lassen. Also läuft es auf die Frage Rosen oder Murray hinaus – ist die Antwort „Rosen“, so dürfte es einen Trade nach unten z.B. mit den Raiders werden.

Doch was bedeutet das?

Von mit-entscheidender Bedeutung im Diskurs „Rosen oder Murray“ könnte tatsächlich die mögliche Kompensation für Josh Rosen in einem Trade sein. Kolpotiert wurde zuletzt sogar ein 3rd-Round Pick, was angesichts des Preises für Rosen letzte Saison geradezu lächerlich erscheint. Angesichts des Prospects vor einem Jahr (#10 Draftpick) sollte es Keims Ziel sein, zumindest einen Pick in der oberen Hälfte der 1ten Runde herauszuschlagen.

Doch angesichts der Tatsache, dass Rosen bereits ein Jahr unter Rookie-Vertrag verloren hat und dass er als Rookie, wenn auch unter ungünstigen Verhältnissen, nicht gut ausgesehen hat, ist aber auch nicht auszuschließen, dass sein Marktpreis beträchtlich gesunken ist – zumal die ganze Liga im Falle einer Murray-Einberufung um den lame duck Status des Josh Rosen wüsste. Ein Szenario mit Rosen-Verkauf unterhalb Top-15 Pick wäre also Worst-Case und ein Fall von „Mund abputzen, weitermachen“.

Ist das alles realistisch? Sollte man einen hervorragenden Prospect wie Rosen opfern für einen aufregenderen, wenn auch untypischeren Murray? Andererseits: Wäre eine Einberufung von Murray nicht geradezu logisch, angesichts des gegen bisherige Konventionen verstoßenden Head Coaches Kingsbury?

Es mag langjährige Leser dieses Blogs überraschen, aber sollte Arizona, sagen wir mit Washington einen Tausch für Rosen und den #15 Draftpick aushandeln können, ist ein Murray an #1 für mich „No-Brainer“. Selbst wenn wir mit einbeziehen, dass Owner Bidwell in der tiefsten Kammer seines Herzens ein erzkonservativer Republikaner und auch GM Keim nicht wesentlich progressiver im Denken ist, macht ein Murray in der Kingsbury-Offense mehr Sinn als ein Rosen.

Mit Blick auf ein globales „Big Picture“ könnte Murray selbst im Falle eines Ladenhüters Rosen (sagen wir, 2nd Rounder als Kompensation) die Top-Option sein, Stichwort: Eigenes Schicksal selbst in die Hand nehmen ohne Altlasten.

Die Option „Festhalten“

Vielleicht kommt alles anders und Arizona entscheidet sich für die konservative Variante: Verkauf des Top-Picks für einen zusätzlichen 1st Rounder, Einberufen eines Passrushing-Prospects mit der #4, Einberufen einer Offensiv-Waffe mit dem gewonnenen 1st Rounder, Festhalten an Rosen – und alles wird gut, weil Kingsbury sein System adäquat an Rosens Talente als Precision-Passer anzupassen imstande ist.

Und vielleicht ist das langfristig tatsächlich die beste Option.

Aber für Arizona wäre es, dadurch dass es alle Schlüssel des NFL-Drafts in der Hand hält, fahrlässig, nicht alle Optionen bis hin zu einer scheinbar hirnrissigen wie „QB 2018, QB 2019“ zu explorieren. Schon allein deshalb haben wir in diesem Jahr eine der spannenderen Top-Overall Draftpick Situationen der jüngeren Vergangenheit.

4 Kommentare zu “Arizona Cardinals in der Sezierstunde

  1. Es gibt nur ein Szenario für mich: Die Cards picken Murray an #1 und traden Rosen für einen 3rd Round Pick zu den Giants. Warum? Weil ich mir das so sehr wünsche (man wird ja noch träumen dürfen). 😉

  2. Rosen in New York wäre ein Traumszenario.

    Er war vor einem Jahr ein Top-Prospect.

    Er kommt mutmaßlich billig im Trade (vermutlich reicht ein niedriger 1st Rounder bzw. ein 2nd Rounder) und kostet lächerliches Gehalt (Cardinals haben bereits Signing Bonus gezahlt).

    Eli Manning könnte guten Gewissens entlassen werden.

    Rosen ist Jude. Ein jüdischer Quarterback im Big-Apple – die NFL hätte ihren neuen Medienstar #1 gefunden!

    So viel Sinn, dass ich es Gettleman nicht zutraue.

  3. Sogar @AllbrightNFL twittert jetzt fleißig über Trade Offerten an die Cardinals für Rosen. Das Szenario mit Murray wird immer wahrscheinlicher!

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