Dogmatiker

„Warum machen wir das so?“

„Weil wir es schon immer so gemacht haben.“

Dieser Satz ist mein täglich Brot.

Joey Harrington, einst bei den Detroit Lions gescheiterter 1st-Round Quarterback, plaudert in einem Radio-Interview über seine Zeit als Rookie in der NFL. Er wurde schutzlos dem Passrush ausgesetzt – und auf Nachfrage, warum man dem Offensive Tackle keine zusätzliche Protection-Hilfe in der West-Coast Offense bereitstellen würde, antworteten die Coaches folgendes:

„Bill Walsh hätte das auch nicht gemacht.“

Walsh ist der Architekt der West-Coast Offense, dem quicken Kurzpassspiel, das die NFL ab den 1980er Jahren revolutionierte und den San Francisco 49ers fünf Superbowls gewann. Walsh verließ die NFL Ende der 1980er als Coach und übergab an seine Nachfolger. Sein Einfluss blieb aber gewaltig.

Detroit hatte 2002, als Harrington in die NFL kam, einen Walsh-Schüler als Head Coach: Marty Mornhinweg. Dass Mornhinweg zehn bis fünfzehn Jahre nach dem Ende von Walsh noch auf Fragen mit „er hätte es auch nicht getan“ antwortet, erinnert an alle Dogmatiker, die sich selbst im Weg stehen. Er ist schlicht absurdes Coaching.

Das Walsh-Dogma war 1985 aktuell. Doch Defenses entwickeln sich im Lauf der Zeit weiter. Nicht anzupassen, ist sträflich.

Es erinnert an das Mantra „you can’t teach speed“ von Al Davis, das die Oakland Raiders mit zig verschwendeten Draftpicks in den 2000er Jahren auf Jahre aus der NFL-Gleichung strich. Es erinnert an Dave Gettleman und Freunden, die allen Erkenntnissen zum Trotz noch immer im Dogma „establish the run“ verhangen sind.

Das Fazit? Wie es schon immer gemacht wurde, ist nicht immer der richtige Weg – doch ohne alles über den Haufen zu werfen, kann man anpassen. Gleich weiterzumachen, weil man es schon immer so machte oder noch schlimmer, weil man dogmatisch an irgendwelchen Leitsätzen festhalten will, führt dazu, dass du überholt wirst.

14 Kommentare zu “Dogmatiker

  1. Ich frage mich gerade ob das Mantra „vergesst das Laufspiel (braucht man auch nicht für überzeugendes Play Action), denn die NFL ist eine Passing League“ nicht auch irgendwie dogmatisch ist.

    Nichts für ungut.

  2. Ich denke nicht, dass es darum geht das Laufspiel aus der Gleichung zu streichen, sondern das game-planning und play-calling auf die statistischen Vorteile auszurichten und da ist „establish the run“ im Moment nicht zu empfehlen, wenn man erfolgreich sein will. Dies gilt solange, bis die Defense wieder gegensteuert und sich darauf einstellt.

    Wer weiß, vielleicht sind wir in 15-20 Jahren ja wieder beim knallharten downhill-running durch die Mitte angekommen, weil sich Defenses nur noch auf Passverteidigung spezialisiert und ihre Spieler in diese Richtung entwickelt haben.

  3. Wie Nick Saban einmal sagte: Die Single-Wing Offense wird irgendwann ein Comeback feiern, weil alle vergessen haben, wie man sie verteidigt.

    @Mike: Ich verstehe deinen Einwand nicht. Es geht darum, unmotivierte Ansichten über Bord zu werfen. „Establish the Run“ ist eine unmotivierte, aktuell überholte Ansicht. Es sei denn, man steht auf Frustration und Verlieren.

    Die momentan Erfolg versprechende Philosophie ist „Establish the Lead“. Die Indizienlage dafür, dass die NFL noch stärker auf Passspiel setzen und Ressourcen darin investieren sollte, ist überwältigend.

    Aber vielleicht behält Saban recht, wir haben wir in 50 Jahren wieder Dominanz durch Laufspiel und Gettleman wird revisionistisch als größer Visionär gefeiert.

  4. Da hast Du mich falsch verstanden. Ich bin keineswegs ein Anhänger der Establish the run Philosophie. Ich bin auch der Meinung der Anteil an Play Actions kann sicherlich erhöht werden. Ich bin auch immer für innovative Veränderungen.

    Ich hatte nur den Eindruck gewonnen, der Sinn von Running games wird prinzipiell in Abrede gestellt. Und das sehe ich eben anders. Je stärker und bedrohlicher mein Laufspiel um so variabler und erfolgreicher ist mein Passspiel. Auch wenn Statistiker das gerne anders darstellen. Aber vereinfacht ausgedrückt sehe ich die Effektivität der Pässe gefährdet, wenn die Defense die Bedrohung durch das Laufspiel gar nicht mehr wahrnehmen muss.

  5. So viele grundfalsche Prämissen, da muss aufgeräumt werden.

    Es gibt keinen Hinweis, dass Passing deshalb besser wird, weil das Rushing stärker ist. Nicht bei Dropback Passing, nicht bei Play Action.

    Das Kausalitätsprinzip geht genau anders herum.

    Die Vokabel bedrohlich ist wirkungslos, weil der Erfolg vom Rushing Game vor allem davon abhängt wie viele Defender in die Box gestellt werden.

    Mehr Defender = weniger Rushing Efficiency. Mehr und besseres Passspiel zieht Defender aus der Box, was Rushing Game erfolgreicher macht.

    Niemand behauptet, dass es „gar kein“ Laufspiel mehr braucht. Nur, dass es noch mehr Passing als gerade braucht.

    Die NFL ist auf dem richtigen Trip, sie wird jedes Jahr passlastiger. Nur nicht schnell genug, sie sollte sich noch radikaler trauen.

    Viel Spaß mit euren hochgezüchteten Rushing Monstern. Es wird zu stolzen 6-10 Bilanzen führen, was nicht einmal zum No. 1 Overall Pick reicht.

    Gruss Karl

  6. @Michael: Hast du Belege dafür, dass besseres Laufspiel zu besserem Passspiel führt (und nicht andersrum)?

    Würde mir (und meinem Team) weiterhelfen. Danke.

  7. Woher nehmen diese (excuse my french) Idioten die schwachsinnige Idee, dass Bill Walsh Joe Montana nicht gegen den Bilndsideblitz geschützt hätte? Es mögen „nur“ die 80er gewesen sein, aber Blindsideblitzing ist nicht erst 1990 erfunden worden.

  8. Es ist doch so, dass wir unterscheiden müssen: es gibt ein statistisches Ergebnis- das man respektieren sollte und daneben erklärmodelle aus dem Playdesign. Und letzteres ist nicht so einfach zu verstehen…

    Mal so als Gedanke: wie viele Spielzüge benennt Tony Romo presnap richtig? Wie oft dürften demnach auch die Defenses presnap ahnen, was auf sie zukommt?
    Natürlich kann ich Erfolg haben, auch wenn die Defense weiß, was auf sie zukommt- aber die Chance auf Erfolg wird wesentlich besser, wenn die Defense es nicht presnap weiß.
    Das heißt aber nicht, dass ich viel laufen muss – wenn der Lauf mit Tendenzen kommt – am besten noch oldschool Style- dann weiß das auch die Defense.
    Vielmehr muss das Ziel sein den entweder einen falschen read zu geben, oder aber den read möglichst lange hinauszuzögern- und genau das sieht man auch in der nfl.
    Ich benötige kein erfolgreiches run Game, ich sollte eher versuchen, dass der lb erst 2sec nach dem snap kapiert dass ein pass kommt

  9. @D. Gruber
    Leider nicht, aber ich kennen auch keine Belege dafür das weniger Laufspiel zu erfolgreicheren (Qualität, nicht Quantität) Passspiel führt. Ich kann mich immer wieder nur wiederholen (auch wenn ich da auf verlorenem Posten stehe): Wenn Defenses Laufspiel nicht mehr als Mittel der Offense wahrnehmen müssen, wird die Verteidigung gegen das Passspiel effektiver werden.

    Wie fast immer im Leben kommt es auf die richtige Balance an. So wenig Laufspiel wie nötig, so viel Passspiel wie möglich.

  10. @Michael

    Ich kann es gerade nicht nachvollziehen – ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, du liest die Artikel nicht wirklich.

    Du schreibst:
    So wenig Laufspiel wie nötig, so viel Passspiel wie möglich.

    Und das ist doch genau die Aussage der Artikel.
    Und es behauptet ja auch niemand, dass weniger Running Game das Passspiel verbessert, aber das Verhältnis sollte halt weniger 50/50 und mehr 70/30 sein.

    BTW: was ist denn qualitativer Erfolg im Passspiel? Schönere Würfe?

  11. @alexander
    Eventuell ist das für dich die Quintessenz dieses und auch die im Kontext stehenden vorhergehenden Artikel.

    Glaube mir, ich lese prinzipiell sehr aufmerksam und mache mir vor allem auch Gedanken über das Gelesene.

    Mit qualitativen Erfolg meine ich die Verhältnismäßigkeit. Meine „steile“ These ist, mit voranschreitender Quote (quantitativ) der Pässe und zurückgehender Anzahl des Laufspiels wird die Effektivität beim Pass zurückgehen.

    Aber da werden wir wohl niemals zusammen kommen. Müssen wir aber auch nicht.

  12. Weder Bell, Fournette noch Barkley haben einen positiven Einfluss auf das Team, bei Fournette sogar ein negativen. RB sind die irrelevanten Position der Offense, da einen First Round Pick reinzustecken macht nur gegen Ende der Runde Sinn.

    Und darüber reden was mal sein könnte ist egal, da es für die nächsten 3-5 Jahre komplett egal ist, bis dahin wird sich die Liga immer weiter zu einer Passing-League entwicklen. Dann kann man mal schauen wie es mit dem Laufspiel aussieht.
    Allerdings wird es auch dann für Play-Action recht egal sein.

  13. Doch doch genau da kommen wir zusammen- natürlich wird mit zunehmender pass Quote der Erfolg von Pässen abnehmen.

    Aber deshalb sollte ich dennoch mehr als 50% werfen:
    Zwei Pässe für 10y und zwei Runs für 3 bringen 26y; drei Pässe für 8 und 1 run für 4 bringen 28.

    (Zählen sind hier natürlich aus der Luft gegriffen um das Beispiel zu erläutern; kann man aber genauso mit den realen machen)

  14. Verstehe die ganze Diskussion auch nicht. Natürlich wird Paßspiel ineffizienter je mehr man es einsetzt. Doch immer noch besser nur 6.5 statt 7 Yards pro Attempt zu machen als 4.0 im Rushing Game.

    Idealzustand ist das „Nash Gleichgewicht“, über das ich auf diesem Blog so viel gelernt habe 😉 … Paßspiel = Laufspiel nach Effizienz, dann ist wirklich Balance erreicht und die Defense kann sich nicht mehr gut einstellen.

    @Mike: Ich war auch auf deinem Stand vor ein paar Jahren und wollte nichts glauben was der Autor hier schreibt, aber je mehr man sich mit dem Thema befasst, desto offensichtlicher wird die noch immer bestehende Überbewertung vom Rushing und das Versagen von Leuten wie Gettleman oder Jacksonville.

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