Der Moneyball-Häretiker

Der Off the Charts-Podcast von dieser Woche ist einer der interessanteren der jüngeren Vergangenheit: Aaron Schatz (Football Outsiders) und Matt Manocherian (Sports Info Solution) diskutieren mit Mike Tanier (@MikeTanier / Bleacher Report) über den Terminus „Analytics“.

HIER GEHT ES ZUM PODCAST.

Mike Tanier ist vielleicht der von mir am höchsten geschätzte NFL-Schreiber der gesamten Szene. Tanier machte in den letzten Wochen mit Tiraden in Richtung Analytics und Clevelands Sashi-Brown Experience aufmerksam – in diesem Podcast erklärt er seine Sicht der Dinge.

Kurz zusammengefasst: Ressourcen sind nichts wert, wenn man sie nicht nutzt. Tanier warnt davor, Analytics mit Tanking zu verwechseln und warnt die Community davor, Analytics in den Massenmedien mit Verkäufen von Starspielern wie Khalil Mack gegen Draftpicks nach oben zu jazzen (wie effektiv passiert, der Analytics-Treff SLOAN kürte im Macl-Trade den Verkäufer Raiders als Sieger).

Tanier, der sich wie auch Football-Outsiders seit über 15 Jahren auch als Part der „Analytics-Bewegung“ sieht, sieht ein Positionierungsproblem für die Analytics-Bewegung: Analytics stehe vielmehr dafür, was die Patriots permanent machen: Billigere Veterans in noch billigeren Trades einkaufen um Markt-Ineffizienzen zu nutzen – ein krasser Gegensatz zum Mack-Verkauf, in dem beide Seiten ihre Beweggründe gehabt haben mögen, aber in dem kein substanzieller Gewinner im ökonomischen Sinne ausfindig zu machen ist.

Doch mit Khalil Mack und Jon Gruden lassen sich besser Schlagzeilen machen. Auch wenn die Bewegung in mittelfristig damit in Verruf gerät.

Tanier betont auch: Rebuilding in der NFL darf maximal ein Jahr dauern – mehr Seahakws als Browns. Seine Anerkennung für Sashi Brown ist gleich null – „Verkauf von Draftpicks um des Trade-Downs willen ist keine Leistung. Man muss was draus machen.“ Tanier weiter: „Die Analytics-Denke, dass der Draft ein Stochern im Dunkeln ist, gefällt mir nicht mehr. Sie ist Rechtfertigung für schlechtes Scouting geworden“.

Tanier auch: „Analytics ist nicht Tanking. Du musst eine Infrastruktur für deine vielen jungen Spieler intakt halten, ansonsten landest du dort wo die Browns oder auch die Cardinals 2018 waren: Kaputte Teams, in denen die Jungen keine Chance hatten und du sie erst recht nicht bewerten konntest. Alles, was sie getan haben, ist ein Jahr zu verlieren“.

Taniers Denke wird mit seinen Ausführungen klarer – Analytics erfüllt keinen Selbstzweck, sondern ist ein Instrument im Streben nach dem ultimativen Ziel: Einen Titelfavoriten zu bauen. Es muss als effiziente Ressourcenverwaltung, nicht als ewiger Tanking-Zyklus, verstanden werden.

Dass Tanier dabei keine wesentliche Lösung mit Blickwinkel NFL-Draft anbieten kann – geschenkt. An dieser Stelle stehen sowohl Scouting als auch statistischere Herangehensweisen noch relativ tief in den Kinderschuhen, sodass tatsächlich eine die von Thaler/Massey vorgeschlagene (und z.B. in New England praktizierte) Lösung des Kaufs möglichst vieler Lotterie-Tickets als veritabelste Option erscheint.

Der größere Punkt ist: Analytics ist kein Hamsterrad ewig recycelbarer künftiger Ressourcen. Es ist vielmehr systematisches Zuschlagen in Marktlücken im Rahmen der Möglichkeiten, die die NFL mit all ihren Unwägbarkeiten – Verletzungsrisiken, kurzer Spielplan, relative theoretische Chancengleichheit auf allen Ebenen – anbietet. Schon allein für diese Gedankengänge ist es eine lohnende halbe Stunde, in diesen Podcast hineinzuhören.

2 Kommentare zu “Der Moneyball-Häretiker

  1. Ich hatte bei dem Podcast das Gefühl, Tanier hat vor allem (zu Recht) ein Problem mit der Positionierung der Begriffs „Analytics“ in der breiten Öffentlichkeit, wo das Wort zur Zeit in den großen Sportmedien und auf Twitter geradzu inflationät verwendet wird. Natürlich hat er dabei auch recht, wenn es z.B. um den Mack-Trade geht, den man keineswegs als „Analytic-Move“ verstehen kann.

    Was mich bei seiner Argumentation allerdings ein bisschen stört, ist zum Einen, dass er seine Kritik meiner Meinung nach zu weit generalisiert. Meinem Verständnis nach, ging es Tanier grundsätzlich um die Wahrnehmung des Begriffs in der Öffentlichkeit. Dann sollte er aber auch klar diejenigen bennen, welche das Wort fälschlich benutzen. Ich denke dabei hauptsächlich an NFL Network und ESPN.

    Zum anderen finde ich es ein bisschen befremdlich, dass er sich explizit über die Verwendung des Begriffs auf Twitter ärgert. Twitter ist aufgrund seiner Zeichenbegrenzung nicht dafür da, ausdifferenzierte Diskussionen zu führen. Wenn es ein Wort mit 8 Buchstaben gibt, dass etwas ähnliches beschreibt wie eines wofür man normalerweise 380 Zeichen benötigt, nimmt man halt das eine Wort.

    Was mich zusätzlich als Browns Fan arg stört ist, dass die Sashi-Brown-Analytics Zeit auf das reine Ansammeln von Ressourcen beschränkt wird. Man darf dabei nicht vergessen, dass bei den Browns absolut gar nichts vorhanden war als Sashi anfing (außer Joe Thomas). Es bestand kein Core aus Spielern, Trainern oder Management um welche man die Mannschaft aufbauen konnte. Tanier sagt in dem Podcast, dass ein Rebuild maximal ein Jahr dauern darf und in etwa eine 4-12 Bilanz anstatt einer 0-16 BIlanz in 2017 hätte herausspringen müssen. Wenn man sich die Browns Spiele aus der Saison angesehen hat weiß man, dass das kein 0-16 Team war, sondern dass der Coach einfach nur extrem schlecht war.

  2. Die Reduzierung auf den Begriff „Analytics“ wurde aber von der SLOAN-Conference selbst gepusht, indem sie den Mack-Trade in die Ecke rückte.

    Ich bin grundsätzlich bei dir, was die Browns angeht. Ich sehe die Sashi-Ära auch nicht so negativ wie Tanier, der sich darauf einschießt, dass Sashi nichts aus dem Team gemacht hat.

    Was sogar stimmen mag. Aber Sashi hat zumindest in einer ungekannten Radikalität die Grundlagen gelegt. Ich schrieb das schon auf Twitter:

    Sashi hat vielleicht ein Jahr zu lange gebraucht. Er hatte zwei Offseasons und Fortschritte waren kaum erkennbar – natürlich auch, weil sein Team vom denkbar schlimmsten Coach geleitet wurde.

    Inwieweit Dorsey mit seiner aggressiven Herangehensweise am Ende Recht behalten wird, bleibt auch abzuwarten. Draftkapital und Cap-Space sind nahezu aufgebraucht, u.a. wegen teurer Verpflichtungen wie WR Landry, die man für 1/4 der Kohle ebenso bekommen hätte.

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