San Francisco 49ers in der Sezierstunde

Die San Francisco 49ers – alljährliche Kandidaten für den Durchbruch. Heute ein Blick auf das Team, das nach 4-12 Record in der letzten Saison den #2 Draftpick hält. Und behält?


Wir gehen in Jahr 3 des auf sechs Jahre ausgelegten 49ers-Projekts Kyle Shanahan/John Lynch. Bislang schauten eine 6-10 und eine 4-12 Bilanz heraus – schwache Bilanzen, die man mit den zahlreichen Verletzungen entschuldigte. Insbesondere auf der Quarterback-Position hatte man großes Pech: Der teuer zum Franchise-QB bestellte Jimmy Garroppolo verletzte sich schon im September und fiel somit den Großteil der Saison aus.

Nach zwei Jahren Shanahan/Lynch bleibt sehr oberflächlich festzustellen: Man ist 6-2 in den acht Spielen mit Garroppolo und 4-20 ohne ihn. Wohl auch deshalb halten sich die Kritiker (noch) zurück, doch der Druck auf die sportliche Leitung wächst. Im dritten Jahr nun sollte der Kader endlich nach Shanahans Wünschen zusammengestellt sein. Geht der Saisonstart schief, wird es rumoren.

Wollten wir Pro & Contra spielen…

Pro Shanahan/Lynch kann man nach zwei Jahren argumentieren: „Aber in den wenigen Spielen mit QB Garroppolo waren sie 6-2 und er hat sie nur einen 2nd Rounder gekostet.“

Contra Shanahan/Lynch kann man argumentieren: „Andere Teams machen mit Backup-QBs mehr, und außerdem haben sie ihre zahlreiche Top-10 Picks nur unzureichend entwickelt.“

Der Ausflüchte ist also langsam genug. Nachfolgend ein Blick auf dieses Team, der Hoffnung machen sollte, dass es nicht mehr lange Ausflüchte braucht.

Jimmy-G und die Offense

2018 war unter dem Gesichtspunkt „Team-Entwicklung“ nach reger Offseason-Aktivität ein verlorenes Jahr, weil Garroppolo noch nichtmal eine Handvoll Spiele machen konnte, ehe er wegen des Versuchs, bei einem QB-Keeper ein zusätzliches Yard zu erkämpfen, schon in Woche 3 für den Rest der Saison ausgeknockt wurde.

Garroppolos Ersatzleute Nick Mullens (vom Practice-Squad hochgezogen) und C.J. Beathard hatten ihre Momente und es reichte am Ende auch zu immerhin 6.7 NY/A im Passspiel, doch die beiden warfen zu viele Interceptions – gepaart mit einer zu schwachen Pass-Defense war das einfach zu wenig. Und: Man war weit weg von den sensationellen 8.1 NY/A Passspiel, die die Offense 2017 in den fünf Wochen mit Garroppolo nach dessen Einkauf aufs Parkett gezaubert hatte – erste Anzeichen, zu was die Offense imstande wäre, wenn sie personell aus dem Vollen schöpfen kann.

Es braucht also einen fitten Garroppolo, will man im Konzert der Großen mitmischen. Doch „fit“ ist im Zusammenhang mit Jimmy-G ein nicht zu unterschätzender Faktor: Garroppolo hat sich in drei kurzen Phasen als Starter zweimal erheblich verletzt: 2016 nach eineinhalb Spielen als Vertreter Tom Bradys und eben 2018, als er noch nicht mal den September überlebte.

Garroppolo ist das Multimillionen-Investment, das als Trigger der Shanahan-Offense funktionieren muss – ohne ihn ist die sehr spezielle Shanahan-Offense um ernsthaftes Passspiel beraubt – ein schier unlösbares Problem in einem Angriff, der kaum veritable Anspielstationen auf Wide Receiver zu bieten hat.


Das sah man schon 2019 – als es durchaus einige hell leuchtende Punkte im Angriff gab – und trotzdem das ganze Gebilde stotterte:

  • TE George Kittle entwickelte sich zum Superstar, hatte fast 1400 Receiving-Yards und bewegte sich auf All-Pro Level
  • RB Matt Breida entwickelte sich zu einem starken Receiving-Back
  • In der Offensive Line kristallisiert sich heraus, dass das Tackle-Pärchen Staley/McGlinchey absolutes Top-Niveau erreichen kann.

Freilich fehlt dem Angriff noch eine Interior Offense Line mit Punch sowie ein ernsthafter Go-To Guy auf Wideout. GM Lynch versuchte, Odell Beckham von den Giants loszueisen, doch die von den Giants geforderte Trade-Kompensation („ Wir wollen DeForest Buckner“) war den Verantwortlichen zu teuer.

Dafür holte man mit RB Tevin Coleman einen alten Shanahan-Bekannten aus Atlanta. Coleman ist für einen One-Two Punch eine exzellente Ergänzung in der 12/21-Personnel Offense der 49ers, auch wenn nicht ganz klar ist, wie seine Rolle neben RB Breida und dem letztes Jahr sehr teuer via Free-Agency RB McKinnon (war 2018 komplett mit Achillessehnenriss raus) aussehen soll.


Zusammengefasst liest sich der Offense-Status quo also so:

  1. Warten auf Garroppolos Rückkehr
  2. Hoffen, dass Garroppolo fit bleibt
  3. Mit einem gesunden Quarterback endlich das volle Play-Book zur Entfaltung bringen – Scheme ist dabei wichtiger als reines Talent!

Shanahan braucht den Durchbruch. Ohne riskiert erste Kratzer in seiner Glaubwürdigkeit als Top-5 Offensiv-Mind in der NFL.

Defense

Doch ein Leistungssprung der 49ers hängt nicht allein von einer Explosion der Offense ab. Von zentraler Bedeutung ist auch eine Entwicklung der bislang enttäuschenden Defense von DefCoord Robert Saleh, der aus dem Seahawks-Coaching Tree kommt (2017: #26 nach DVOA, 2018: #23 nach DVOA).

Es handelt sich hierbei um eine Defense, die natürlich direkt im Anschluss an das Ende der Harbaugh-Ära (Anfang 2015) einen beispiellosen Aderlass an Superstars einstecken musste (u.a. verließ quasi über Nacht das epische Linebacker-Corps das Team) – aber es ist auch eine Defense, die danach mit etlichen Top-Draftpicks wieder aufgebolstert wurde:

  • 2015: DL Arik Armstead (1. Runde, #17)
  • 2016: DL DeForest Buckner (1. Runde, #7)
  • 2017: DL Solomon Thomas (1. Runde, #3)

Bloß: Bis auf Buckner entwickelte sich keiner in diesem Trio zum Leistungsträger. Vor allem bei Thomas sucht man noch immer nach einer geeigneten Position. Innen ist er zu leichtgewichtig, außen zu fußlahm.

Und so konzentrierten sich die wesentlichen Moves der laufenden Offseason vor allem auf personelle Verstärkung in der Defense. Die Einkäufe wurden auf allen drei Ebenen getätigt – Edge Rush, Linebacker, Secondary – um im anstehenden Draft nicht völlig abhängig von einem krassen Need zu sein.


#1 Edge-Rush

Die Sollbruchstelle Pass-Rush wurde mit dem Trade für DE Dee Ford von den Chiefs adressiert. Ford wurde für einen 2nd Rounder 2020 aus Kansas City geholt und dürfte die Idealbesetzung für die LEO-Position (Weakside-Passrusher) in Salehs System sein.

Fords Verpflichtung ist nicht billig (17 Mio/Jahr) und kommt mit einem verbundenen Risiko: Er wurde in der NFL nach vier dürftigen Jahren zum Einstand erst 2018 in seinem „Contract-Jahr“ zum Star. Es gibt als gefährliches Regressions-Potenzial. Doch andererseits ist Fords Vertrag so strukturiert, dass die 49ers schon nach zwei Jahren wieder recht problemlos aussteigen können (Dead-Money 2021 = 4.8 Mio).


#2 Linebacker

Auf Linebacker bezahlte GM Lynch 13 Mio/Jahr für LB Kwon Alexander, der weder als besonderer Coverage-Linebacker noch als sicherster Tackler der Welt gilt (mit die meisten Missed-Tackles der NFL). Alexander soll jedoch neben dem jungen LB Fred Warner, der als gut in Coverage gilt, ein erfahrenes Element in die Defense bringen.

Alexanders Vertrag las sich im ersten Moment wie ein horrend überteuerter Fehleinkauf ein, doch bei genauem Hinsehen ist er ein Musterbeispiel dafür, dass ein Vierjahresvertrag über 54 Mio. mit 14 Mio. guaranteed in der NFL auch ein 1-Jahresvertrag mit drei Jahren Team-Options sein kann:

  • 2019: 11.5 Mio Cap-Hit
  • 2020: 13.1 Mio Cap-Hit / 3 Mio. Dead-Money
  • 2021: 14.4 Mio. Cap-Hit / 2 Mio. Dead-Money
  • 2022: 14.5 Mio. Cap-Hit / 1 Mio. Dead-Money

Sollte Alexander floppen, kann ihn Lynch schon nächstes Jahr ohne größere Schäden entlassen (3 Mio. Dead-Money sind einfach zu schlucken). Der Trick: „Guaranteed Money“ ganz einfach in einen Roster-Bonus im ersten Jahr stecken, dafür geringes Handgeld von nur 4 Mio. in den Vertrag schreiben, das in den nächsten Jahren kaum mehr Abschreibungskosten verursacht.

Fazit: Paradebeispiel für einen Vertrag, der in den ersten Minuten wie ein Kantersieg für den Spieler aussah, sich im Nachhinein aber als sehr passabel für das Team entpuppte.


#3 Secondary

Die Pass-Coverage in der Secondary, gigantischen Schwäche der letzten Saison (PFF rankte die 49ers als #32 Coverage-Unit), sieht in CB Jason Verrett einen potenziellen Star-Neuzugang neben CB Richard Sherman und dem umstrittenen CB K’Waun Williams. Verrett ist einer der Spieler, dem jeder Erfolg wünscht: Einstiger 1st Rounder bei den Chargers und als solcher sofort ein Pro-Bowler, ehe er in den letzten drei Jahren brutalst von Verletzungen heimgesucht wurde.

Kann man Verrett überhaupt noch eine Stammrolle anvertrauen, nachdem er 43 der letzten 48 Spiele verpasst? Vielleicht nein – doch im Glücksfall ist er ein billiger Einkauf mit hohem Ceiling. Ansonsten hofft man, dass er zumindest im Trainingscamp dem jungen Duo CB Akhello Witherspoon / CB Tarvarius Moore Wind machen kann.

Vor dem Draft…

…bleiben also wenige katastrophale Schwachstellen offen: Wide Receiver und vor allem Safety sind die beiden Positionen, auf denen keine NFL-Reife herrscht. Doch wichtig: Die Pass-Rush Lücken scheinen soweit geschlossen, dass man im Draft nicht mehr zwingend einen der Top-Edge Rusher ziehen muss. Man kann sich sogar realistisch mit einem Trade auseinandersetzen, sollte ein Quarterback-geiles Team mit einer akzeptablen Offerte kommen.

Wenn nicht: Würde Lynch man Armstead (2015), Buckner (2016) und Thomas (2017) zum vierten Mal in den vergangenen fünf Jahren einen 1st Rounder in ein Front-Seven Prospect investieren? Oder würde er auf Need gehen? Die Lücken der Niners decken sich nicht gut mit dem „Value“ des #2 Overall Picks. Ein Trade schreit diesem Team fast ins Gesicht – doch gibt es hinter Kyler Murray einen zweiten Quarterback, für den NFL-Teams Haus und Hof verkaufen würden?

Ausblick

2018 war also sicherlich eine weitere Enttäuschung für San Francisco. Doch „4-12“ liest sich auch verheerender als es vielleicht sein müsste: Nach Pythagorean war man ein Team mit der Performance einer Mannschaft, die normalerweise 5.6 Siege feiert. Regression zur Mitte also wahrscheinlich.

Quarterback (wenn fit), Pass Rush und Pass-Coverage sollten mit den personellen Neuerungen und Verletzungsrückkehrern signifikante Verbesserungen erzielen – der aufmerksame Leser hat gemerkt, dass es sich dabei um die drei wesentlichsten Element im Passspiel handelt, das wichtigste Element im American Football.

Doch auch Shanahan selbst könnte seinen Beitrag leisten, z.B. mit einem optimierten Play-Calling. 2018 war die 49ers-Offense selbst mit ihren völlig unbekannten Quarterbacks die #5 im 1st-Down Passing nach NY/A: Sie erzielte sensationelle 9.3 NY/A durch Passspiel in 1st Downs (bei 50% Pass Success-Rate).

Und trotzdem ließ Shanahan, in Atlanta als Offensive Coordinator noch einer der aggressiveren 1st-Down Passer, in nur 48% der 1st Downs Passspiel ansagen. Damit verschenkte Shanahan wesentliches Potenzial (Laufspiel: 33% Success-Rate, 5.4 YPC). Wird Shanahan mit einem Quarterback Garroppolo, dem er zu vertrauen scheint, wieder mutiger werden oder bedarf es dazu einer Flaschen Whisky?

Theoretisch spricht also vieles dafür, dass die San Francisco 49ers heuer, im dritten Jahr mit Shanahan/Lynch, den ordentlichen Sprung nach vorne machen, den man von ihnen bereits letztes Jahr erwartet hatte. Ob es für die Playoffs reicht, muss man abwarten. Aber es dürfte zumindest soweit nach oben gehen, dass wir im nächsten Winter nicht ernsthaft über die Job-Sicherheit der beiden sportlichen Leiter reden müssen.

2 Kommentare zu “San Francisco 49ers in der Sezierstunde

  1. McKinnon hatte keinen Achillessehnenriss, sondern erlitt im Training ohne Fremdeinwirkung einen Kreuzbandriss noch vor Saisonstart.

  2. Welche Gegner stehen an für die 49er.
    San Francisco Home:
    Seahawks, Rams, Cardinals,
    Falcons, Panthers, Browns, Steelers, Packers
    Away:
    Seahawks, Rams, Cardinals,
    Saints, Bucs, Ravens, Bengals, Redskins

    Sieht nicht mal schlecht aus zu einer positiven Bilanz.

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