New York Jets in der Sezierstunde

Die New York Jets halten zum zweiten Mal in Folge den #3 Draftpick, weil sie erneut nur eine 4-12 Bilanz holten. Die entscheidende Phase in ihrem Erfolgsfenster beginnt aber jetzt.

Der Grund ist simpel: QB Sam Darnold, #3 Draftpick 2018, hat noch drei Jahre unter dem billigen Rookie-QB Vertrag. Noch regieren in AFC und AFC East die Patriots – aber in den Jahren 2020 und 2021 muss der Jets-Kader vollgepumpt sein um die Chance des Lebens zu ergreifen. 2019 ist das Vorspiel darauf, das Jahr des Einspielens, und pünktlich dafür ging das Aggressionspotenzial im Front Office nach oben.

Die neuen Coaches

Da wäre zum einen der neue Head Coach: Adam Gase ersetzt den unglücklichen Todd Bowles. Gase wird erst diese Woche 41, ist also noch ein relativ junger Coach, doch ihm eilt seit Jahren der Ruf als Offensiv-Genie voraus. Bestätigen konnte Gase diesen Ruf noch nicht.

Gases Resultate sind gespalten: In Denver stellte er mit Peyton Manning Rekorde auf, doch jeder wusste, dass die Rekorde eher Manning als Gase zuzuschreiben waren. In Chicago kontrollierte er wenigstens Jay Cutlers destruktivste Emotionen, aber in Miami kam er in drei Jahren als Head Coach nicht über eine isolierte, überraschende Playoff-Qualifikation hinaus.

Seine insgesamt Siegbilanz war dabei 23-26. Unspektakulär, aber richtiggehend unfassbar ist sein Close-Game Split: 18-5 Bilanz in One-Score Games, 5-21 Bilanz in Spielen, die mit mehr als 7 Punkten entschieden wurden. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Während Gases Dolphins 21x in 49 Spielen abgeschossen wurden, retteten sie sich mit einer ungeheuerlichen Latte an knappen Siegen fast zu einer .500 Bilanz.

War Gase also ein Genie, weil er das Maximum aus seinem Kader herausholte und fast alle 50/50 Spiele mit exzellentem Play-Calling gewann? Oder war er eine Flasche, weil seine Teams in schöner Regelmäßigkeit abgeschossen wurden?

Gase hat mit OffCoord Dowell Loggains die Herkulesaufgabe, den Rohdiamanten QB Sam Darnold (#3 Draftpick 2018) zu schleifen. Er wird an dieser Aufgabe gemessen werden, ist doch für die Gang-Green ist 2020 und 2021 nur die Superbowl-Trophäe ein akzeptabler Preis. Ähnlich wichtig dafür ist auch der neue DefCoord Gregg „ich habe mehr Headcoach-Offerten ohne Vorstellungsgespräch auf dem Tisch als es NFL-Teams gibt“ Williams, dessen Aufgabe, den Level der zuletzt von Todd Bowles aufgebauten Defense zu halten, nicht einfacher ist.

Nicht unwitziger Nebenkriegsschauplatz im Jets-Trainerstab: Williams und Linebacker-Coach Joe Vitt müssen wieder zusammenarbeiten. Es war einst im „Bountygate-Skandal“ Vitt, der Williams verpfiffen somit für einige Jahren aus dem Verkehr gezogen hatte. Gase wird als Personal-Manager ebenso gefordert sein wie als fachlicher Experte, wenn er Intrigenspiele vermeiden will.

Die neuen Spieler

Neben dem Trainerstab wurde auch der Spielerkader mit zahlreichen Neuzugängen aufgepimpt. GM Mike Maccagnan, der überraschend bleiben durfte, öffnete schon zum Start der Free-Agency die Schatulle und kaufte alles, was nicht niet- und nagelfest war, vom Transfermarkt ein. Es wurde etwas teurer als gewohnt – bei QB-Rookievertrag allerdings kein zwingender Grund für Weltuntergangsstimmung:

  • RB LeVeon Bell als Run/Pass Option aus dem Offensive Backfield (ca. 11 Mio/Jahr)
  • WR Jamison Crowder als Slot-Waffe und Sicherheits-Anspielstation für Darnold (ca. 9 Mio/Jahr)
  • LB C.J. Mosley als neuer Quarterback der Defense: 5 Jahre, 85 Mio. bei 43 Mio. Guarantees (17 Mio/Jahr). Der Vertrag wird als 3-Jahresvertrag für 51 Mio. enden.
  • OG Kelechi Osemele via Trade aus Oakland für einen 5th Rounder

Dazu wurden die Eigenbauprodukte WR Robby Anderson (RFA-Tag), WR Quincy Enumwa, DE Harry Anderson und C Jonotthon Harrison gehalten. Insgesamt waren die Jets in der bisherigen Offseason in ihrer eigenen Liga, was Spendierlaune angeht:

Vergessen war in all dem Trubel um Bell, Mosley und Co., dass die Jets so nebenbei noch eine bittere Absage von ihrem möglichen neuen Edge-Rusher Anthony Barr kassierten und sich vor lauter Gier nach LeVeon Bell nicht mehr darauf verstanden, Center Matt Paradis zu verpflichten. So klafft den Jets noch immer eine Lücke auf Center und Edge-Rush.

So viel Geld auszugeben, ist angesichts eines QB-Rookievertrags nachvollziehbar, birgt aber auch Risiken: Gehen die Verpflichtungen schief, knebelt man sich auf Jahre und lässt das QB-Fenster ungenutzt verstreichen. Wurscht, werden die Jets-Fans sagen, wir haben jetzt fast 50 Jahre gewartet. Wenn wir jetzt nicht „all in“ gehen, wann dann?

Doch ist es Darnold überhaupt wert?

Liefern muss bei solchen Einkaufstouren auf Spieler- und Trainermarkt jetzt natürlich vor allem Darnold himself. Ihm wird seit Jahren enormes Potenzial nachgesagt. Das Scouting seiner Rookiesaison hinterließ allerdings eher gemischte Eindrücke. Seth Galina schrieb sogar von „stinklangweilig“.

Galinas Scouting-Thread zu Darnold ist aktuell noch unterwegs – sinngemäßes Zitat: „Mehr als ein Spiel pro Tag von diesem QB wäre für mich zu viel verlangt“, daher einige kurze Facts zu Darnold aus meinen Mitschriften und Zahlenmaterial:

  • Erste Saisonhälfte war „Rookie-Überforderung“ von Darnold. Sie endete mit einem unterirdischen Spiel gegen Miami in Woche 9, in dem er sich auch noch verletzte.
  • Nach Darnolds kurzer Verletzungspause kam er als relativ geläuterter QB zurück: Die letzten Wochen sahen wesentlich besser aus, was Timing und Spielverständnis anging.
  • Darnold ist auf kurzen Routen und v.a. über die Spielfeldmitte und zu seiner linken Seite ein überdurchschnittlich effizienter Quarterback. Sobald es aber tief geht (Air-Yards größer 15 Yards), streuen seine Pässe noch massiv und sind 50/50 Catch/Interception-Würfel.
  • Wie viele junge QBs hat Darnold noch Probleme mit QB-Pressure. Unter Druck kassierte er in 19% seiner Plays einen Sack und hatte 4.2% INT-Quote.

Darnold, das Prospect, hat viele gute Anlagen. Einige zeigten sich auch in seiner Rookie-Saison. Doch es gilt, ihn als Spieler zu entwickeln. Die Hoffnung bleibt, dass Darnold mit neuem Offensiv-Coach, einem Jahr Erfahrung und neuen Play-Makern einen wesentlichen Sprung nach vorn macht um 2020 und 2021 Titel-Reife zu erlangen.

Defense

Die Defense ist personell um ein exzellentes Safety-Pärchen Jamal Adams / Marcus Maye, einen starken Manndecker in CB Trumaine Johnson (der allerdings 2018 als Neuzugang eher enttäuschte), um den Linebacker-Neuzugang Mosley sowie eine solide Defensive Interior um DL Leonard Williams und NT Steve McLeondon gebaut. Es war keine der Top-Defenses in den letzten beiden Jahren (DVOA-Rankings: #18 und #21), aber es lassen sich zwei klare Wege zur Verbesserung aufzeigen.

#1 Pass Rush / Edge Rush

Der Situational-Rusher Harry Anderson konnte zwar gehalten werden, aber Anthony Barr, den man aus Minnesota holen und zum Edge-Rusher umschulen wollte, sagte im letzten Moment ab. Weil die Jets auch an „1b-Lösungen“ wie Justin Houston (unterschrieb in Indianapolis) nicht dran kamen, geht alle Welt davon aus, dass Maccagnon im Draft mit dem #3 Pick keinen Trade initiieren wird, sondern ganz einfach den besten verfügbaren Edge-Rusher ziehen wird.

Ob das nun Josh Allen aus Kentucky oder doch Nick Bosa von Ohio State ist, wird sich im April zeigen. Ob es mit diesem einen Mann getan ist, ist allerdings zweifelhaft. Theoretisch wäre es sinnvoll, sich noch mindestens einen Routinier vom Free-Agent Markt zu greifen um auch etwas Tiefe und Absicherung für einen Draft-Fehler zu haben.

#2 Cornerback

Eingekauft wurde Slot-CB Brian Poole, der aber nicht als langfristige Lösung gilt. Weil es hinter Johnson wenig Aufregendes an Manndeckern gibt und die Jets auch keinen 2nd Rounder mehr im Draft haben (wurden alle im Darnold-Trade nach Indianapolis verkauft), bleiben zwei Optionen:

  • Noch 1-2 billige Routiniers vom Markt abgreifen
  • Mid-Round Pick (3rd / 4th Round) für einen weiteren Cornerback investieren

Niemand geht davon aus, dass Maccagnon mit Johnson / Slot-CB Poole und CB2 Darryl Roberts in die Saison geht.

Aussortieren

Mögliche Abgänge in der Defense: Immer wieder ist zu lesen, dass New York möglicherweise LB Darron Lee (1st Rounder 2016) abgeben möchte, weil man auf Mosley / Avery Williamson als Inside-Linebacker setzen wird. Lee hat sich als unfähig erwiesen, Spielzüge zu lesen – ein Killerargument für einen Linebacker.

Maccagnons Aufgabe im Vorfeld des Drafts dürfte sein, noch einen Mid-Round Pick für Lee via Trade herauszuholen. Vielleicht einen Pick in der 4ten Runde. Lee ist immerhin billig zu haben – vielleicht findet sich ein Team, das diesen Athleten sinnvoll einzubauen versteht.

Ausblick

Volle Pulle Darnold ist also angesagt. Für 2019 aber bleiben drei bis vier wesentliche Needs im Kader, die man mutmaßlich nicht mehr alle vernünftig upgraden kann:

  • Offense Line: Right Tackle und Center
  • Edge-Rush
  • Cornerback

Was man aber sicher annehmen kann: Die Jets werden sich verbessern. Um wie viel, hängt auch davon ab, wie gut Gase QB Darnold entwickeln kann und wie gut die neuen Front-Seven Spieler in der Defense einschlagen werden. Aber in einer AFC East, in der z.B. Miami eher auf „Tanking“ bedacht ist und in der Buffalo mindestens genauso viele Fragezeichen hat, kann man fast darauf wetten, dass die New York Jets wenigstens 2-3 Siege auf ihre letztjährige 4-12 Bilanz drauflegen können.

Wenn Darnold sogar einen exzellenten Sprung macht, ist man ein Dark-Horse auf eine Wildcard – insbesondere, wenn Gase seine Close-Game Magic aus Miami mitgebracht hat.

5 Kommentare zu “New York Jets in der Sezierstunde

  1. ein toller Klub hoffe das die Jets wieder nahe an den superbowl kommen,ich mag ihre green Jerseys für mich die besten aller NFL Teams.

  2. Da gebe ich dir recht @Jogi.
    Hätte mich gefreut, wenn sie Barr bekommen hätten, aber vielleicht auch wiederrum nicht so schlecht, weil doch die Draft-Klasse so tief auf Edge-rush ist. Etwas Geld gespart und dann einfach den Edge-Rusher seiner Wahl ziehen, vorzugsweise Bosa, wenn er noch auf dem Board ist.

  3. Jets machen mich skeptisch. Darnold mit seinem Rookie Profil und seinem Rookie Jahr nicht überzeugend. Gase ein Coach, der seit 10 Jahren die hohen Erwartungen nicht erfüllt. Gregg Williams als DC, was zum Scheitern verdammt ist (wer will schon Jamal Adams 20 Meter im Backfield rumlaufen sehen).

    AFC East ist 2021 zum Greifen vielleicht ja, weil die Bills mit Allen nicht weit kommen, die Dolphins noch nicht so weit sind und Tommy in New England vielleicht doch irgendwann abbaut. Aber Super Bowl? Hm…

  4. Was ich einfach nicht verstehen kann ist diese Gregg Williams-Entscheidung. Warum zur Hölle holt man sich diesen Typen, nur um ihm seinen Antagonisten auch direkt ins Team zu setzen? Das ist doch vorprogrammierter Team-Building-Suizid in meinen Augen. Oder, etwas seltsamer Gedanke aber hab gerade Ender’s Game gelesene – will man Gase absichtlich pushen, um das meiste aus ihm rauszuholen? Ich kann es einfach nicht verstehen.

  5. Update zu Darnold:

    4t-tiefste Pässe im Durchschnitt
    6t-höchste Pressure Rate
    5t-meiste DBs pro Passspielzug gesehen

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