NFL-Passspiel in der Tiefe des Feldes (2018/19)

Die NFL ist eine Kurzpass-Liga: Mehr als die Hälfte der Ballfänger werden innerhalb von 5 Yards jenseits der Line of Scrimmage angespielt. Doch der wahre Trumpf ist das tiefere Passspiel.

Wir sehen aus der Analyse der 18.334 Passversuche (ohne Sacks) in der abgelaufenen Saison, dass die NFL

  • 51% dieser Pässe waren Kurzpässe (max. 5 Yards jenseits der Anspiellinie)
  • 31% der Pässe gingen über die Mitteldistanz (6 bis 15 Yards jenseits der Anspiellinie)
  • 18% der Pässe waren tiefe Pässe (16 und mehr Air-Yards)

Dabei war die NFL nicht wirklich erfolgreich, wenn wir Success-Rate und EPA/Pass als Bewertungsgrundlage verwenden:

  • Kurzpässe: 45% Success-Rate, 0.02 EPA/Pass
  • Mitteldistanz: 58% Success-Rate, 0.33 EPA/Pass
  • Tiefe Pässe: 42% Success-Rate, 0.40 EPA/Pass

Success-Rate ist eine sehr simplifizierte Metrik: Ein Pass wird als „erfolgreich“ gewertet, wenn er positiven Beitrag zu Expected Points Added (EPA) beigesteuert hat bzw. wenn er in 3rd und 4th Down zu einer Conversion führte. Einfach gesagt: War die Offense nach dem Snap besser dran als vor dem Snap, war der Spielzug ein Erfolg.

EPA dagegen ist eine komplexere Metrik, die sowohl das Down als auch die Distanz zum neuen 1st Down in Betracht zieht – und die Teams für Incompletions oder Turnovers entsprechend abstraft. EPA inkludiert alle möglichen Ausgänge eines Spielzugs und stellt den effektiven Ausgang des Spielzugs damit gegenüber.


So erfolgreich Offenses downfield sind – so ist natürlich auch das Spiel auf tieferen Routen riskanter. Hier die Interception-Quoten auf den jeweiligen Distanzen:

  • Kurzpässe: 0.8% INT-Quote
  • Mitteldistanz: 2.7% INT-Quote
  • Tiefe Pässe: 5.7% INT-Quote

Kurzpässe sind „sicher“, weil sie häufig gefangen und selten abgefangen werden. Doch wir sehen auch: Ein ist Kurzpass in der NFL zwar der beliebteste Passspielzug, doch er kann im Prinzip nur als verkappter Laufspielzug gesehen werden – ein Kurzpass im Schnitt trotz geringer Turnover-Gefahr bloß 45% Success-Rate und 0.02 EPA/Pass.

Vergleich Laufspiel: 40% Success Rate, 0.00 EPA/Run.


Wir sehen: Kurzpässe in der NFL sind zwar beliebt und auch attraktiv – doch sie steuern nur minimal positiveren Einfluss auf den Erfolg von Mannschaften bei als das Laufspiel. Es hilft dem Kurzpassspiel auch nicht, wenn wir die äußerst negativen „Broken Plays“ ausschließen – jene Spielzüge, die -5 und weniger Air-Yards haben: Wir landen dann bei 45% Success-Rate und 0.03 EPA/Pass. Schauen wir uns den Split von Kurzpassspielzügen an:

  • Bis -6 Air-Yards: 33% Success-Rate, -0.29 EPA/Play
  • -5 bis 0 Air-Yards: 37% Success-Rate, -0.09 EPA/Play
  • 1 bis 5 Air-Yards: 50% Success-Rate, 0.11 EPA/Play

Wir sehen: Im Schnitt sind Spielzüge mit Target bis maximal Anspiellinie verlorene Spielzüge. Sportlich attraktiv wird das Passspiel erst, wenn das Anspielziel („Target“) jenseits der Anspiellinie steht.


Der wahre Wert des Passspiels tritt erst mit tieferem Passspiel zutage: 5 und mehr Air-Yards. Die Mitteldistanzen sind die erfolgreichste Zone in der NFL, was Success-Rate angeht: Hier werden die hohen Completion-Rates eingefahren, bei satten 58% Success-Rate und 0.33 EPA/Passspielzug. Wohlgemerkt: Im Schnitt über die ganze NFL!

Das tiefe Passspiel ist die Zone mit der höchsten Varianz: Hier beträgt die Erfolgsquote nur 42%, das heißt nur 42 auf 100 Passversuche bringen entweder positive EPA oder eine Conversion in 3rd und 4th Down. Dafür ist der Ertrag gigantisch: 0.43 EPA/tiefem Pass! Auch hier muss man beachten, dass die Interceptions bereits eingerechnet sind! Und trotzdem, trotz relativ geringer Success-Rate und hoher Interception-Gefahr, ist das tiefe Passspiel das mit Abstand erfolgreichste.

Was bedeutet das?

Tiefes Passspiel hat höhere Streuung und ist weniger stabil als kürzeres Passspiel. Dennoch sollte die NFL mehr Targets downfield platzieren. Es ist geradezu verwunderlich, wenn sich Scouts die Höschen ob der gigantischen Wurfarme nässen und im gleichen Spielzug mehr Rushing und High-% Passing fordern.

Kurzpassspiel bringt wenig. Es zieht die Defense nach vorn, was so nebenbei auch die Räume für das Laufspiel komprimiert. Hingegen sollten die Routen tendenziell tiefer designt werden um die Defense achtsamer zu machen – bestimmt würde das „vorne“ Räume öffnen auch für mehr Laufspiel!

Die Diskrepanz selbst von Kurzpässen jenseits der Anspiellinie (1-5 Yards downfield bringt 0.11 EPA/Play) und dem Passspiel zwischen 6 und 15 Yards (0.33 EPA/Play) ist derart signifikant, dass es keinen anderen Schluss gibt als mehr mittellanges und langes Passspiel zu fordern.

Doch Vorsicht – es gibt Schwächen in dieser Studie:

  1. Sacks: Sie können per Definition nicht in eine solche Studie mit einbezogen werden, da sie keine Pass-Distanz inkludieren. Der Schluss läge nahe, dass Passspiel mit tieferen Routen zu erhöhter Sack-Gefahr führt, ganz einfach, weil tiefe Routen länger in ihrer Entwicklung brauchen.
  2. Broken Plays: Eine zweite mögliche Erklärung für den relativen Misserfolg von kurzem Passspiel wäre die Tatsache, dass viele kurze Dump-Offs erst dann passieren, wenn der Quarterback downfield keine Anspielstation gefunden hat. Ergo: Viele Kurzpässe sind einfach nur noch der Versuch, ein Broken-Play zu retten – Sack oder Incompletion vermeiden, einfach noch etwas Zählbares aus dem Spielzug mitzunehmen.

Dafür spricht eine Analyse von Ben Baldwin auf Twitter, der sich anschaute, warum Runningbacks auch im Passspiel weniger effizient sind als Wide Receiver und Tight Ends: Zum einen werden sie oft kurz angespielt. Zum anderen werden sie oft sehr spät im Spielzug angespielt.

Diese sehr späten Anspiele sind besonders ineffizient – und sie kommen überwiegend auf kurzen Distanzen! Es ist also nicht die exakt gleiche Studie, die Baldwin fährt – aber aus ihr können wir schließen, dass einige Short-Targets vor allem wegen des späten Zeitpunkts im Spielzug an Wert verlieren.


Ein weiterer, aus dem Play-by-Play nicht eindeutig entnehmbarer Punkt ist der „Throw-Away“: Wenn der Quarterback den Ball einfach wegwirft. Das Play-by-Play führt 202 Pässe auf kurzen Distanzen als „Target ohne Receiver“, auf Mitteldistanzen betrifft es 157 Pässe, auf tiefen Routen 63. Sind das die Throwaways? Oder sind es schlicht schlampige Aufzeichnungen?

Ganz klar ist es nicht – aber behalten wir im Hinterkopf, dass wir die intentionalen Würfe auf die Tribüne um der Rettung vor Sack/Interception willen nicht eindeutig greifen können. Sie verwässern in Teilen unser Ergebnis.

Mehr zum Thema: Cowboys Stats & Graphics hat einen detaillierten Twitter-Threat mit etlichen Grafiken darüber geschrieben, wie die NFL ihr Passspiel aufzieht – naturgemäß kommt auch dieser Threat zum Schluss, dass die NFL grundsätzlich tiefer werfen sollte.

Wie haben die einzelnen Teams 2018 operiert?

Nachfolgend die Aufstellung des Passspiels pro Team in der letzten Saison. Ein Team, das sofort ins Auge sticht, sind die Buffalo Bills, die quasi als Team „ohne Mitteldistanz“ agierten: Entweder der Ball wurde kurz oder sehr tief geworfen. Dabei waren die Bills auf keiner Distanz erfolgreich – doch vor allem in der Mitteldistanz und tief war das eine horrende Vorstellung der Bills-Offense!

Die einzelnen QBs waren dabei relativ unterschiedlich unterwegs:

  • Peterman 60% kurz, nur 14% tief
  • Josh Allen 43% kurz, dafür 30% tief
  • Derek Anderson 46% kurz, 25% tief

Tief war dabei keiner besonders erfolgreich: Allen hatte 30% Success-Rate und hatte 10% INT-Quote – und war damit der mit Abstand beste Deep-Passer der Bills!

Die Detroit Lions verzichteten trotz des Quarterbacks mit dem mutmaßlich besten Wurfarm der NFL (Matt Stafford) fast völlig auf Deep-Passing: 60% war sinnloses Kurzpassgedaddel, nur 14% der Pässe gingen tief. Dabei fuhr Stafford, durfte er denn einmal tief gehen, famose Zahlen ein!

Interessant waren die Buccs und Texans: Beide verschoben einen hohen Prozentsatz ihrer kurzen Pässe auf die Mitteldistanzen – mit Erfolg! Beide Offenses waren letztes Jahr im Passspiel überdurchschnittlich effizient, und nun kennen wir auch den Grund dafür: Sie haben einfach das Kurzpassspiel klein gehalten.

New England? Bei genauer Betrachtung sind die Patriots in fast allen Kategorien – Passverteilung, Success-Rate, EPA/Pass – genau Liga-Durchschnitt. Mit einer Ausnahme: In der Mitteldistanz war Tom Brady einmal mehr eine Rakete: 6% höhere Success-Rate als der Ligaschnitt, 0.46 EPA/Pass.

Die Saints wären eine famose Mitteldistanz- und Deep-Ball Offense, doch man ließ QB Brees überdurchschnittlich häufig kurz werfen. „Captain Checkdown“ ist nicht umsonst einer der Brees-Spitznamen. Es ist bei Brees kein neues Phänomen – aber angesichts der unglaublichen Success-Rates und EPA/Pass Zahlen downfield würde man als Fan von Genialität doch ganz gerne etwas mehr „Leine los“ in New Orleans sehen.

Eli Manning? Auf Mitteldistanzen eigentlich ganz produktiv, bloß ließen ihn die Giants fast nie dorthin werfen: Nur 25% Anspiele in diese Zone. Dafür war Manning einer der Könige der Dump-Offs. Auch bei ihm haben die Spötter mit ihren Analysen recht. Rechnen wir den einen tiefen Pass von Odell Beckham aus der Gleichung, wäre das tiefe Passspiel Mannings aber immer noch sehr okay: Mannings EPA/Pass auf tiefen Routen war 0.60.

Cleveland? In der Verteilung ähnlich wie Buffalo unterwegs. Doch wo QB Mayfield hervorragende Effizienz auf tiefen Routen hat, ist sein Passspiel über die Mitteldistanzen noch verbesserungswürdig. Mayfield hatte auf Mitteldistanzen 7% Interception-Quote. Tief dagegen war er eine Bombe.

Seahawks? Eines der unkonventionellsten Teams in der Aufstellung. Russell Wilson geht mit 23% recht häufig tief – und er macht mit effizientem Deep-Passing viel Scheiße im Schottenheimer-Playcalling wieder wettmacht. [Hier bitte den obligatorischen Einwand bringen, dass Seattles Deep-Passing nur deswegen so gut funktionieren kann, weil Schottenheimer RRPP spielt.]

Oakland mit 13% Deep-Passing? Wiederholt sich diese Quote in 2019, gibt es eine Revolte von Antonio Brown und Tyrell Williams.

Die komplette Aufstellung gibt es hier – für jeden, der sich ein genaueres Bild machen möchte. Keep in mind, dass vor allem der Erfolg im tiefen Passspiel nicht sonderlich stabil sowohl in der Saison als auch über die Saisonen ist. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Wesentlich kleinere Testmenge an Pässen pro Team.

NFL Passspiel by Field Depth - 2018

NFL Passspiel by Field Depth – 2018

5 Kommentare zu “NFL-Passspiel in der Tiefe des Feldes (2018/19)

  1. ich glaube diese betrachtung ist problematisch, denn sie sieht nur den outcome.
    Spielzüge werden ja so designt das der Ball an verschiedenen Stellen landen kann und in der Regel geht der erste read zur tiefen route, und wenn die weg ist geht man zur nächsten. Und in den allermeisten fällen ist die tiefe route halt einfach nicht da.

    Das ist kein unwillen tief zu gehen, das ist imo einfach ein unfähigkeit.
    Das der Spielzug für den 5yard Ball designed war kann man noch nichtmal daraus schlussfolgern wenn der ball 1,5s nach dem snap weg ist, das matchup passt nicht also lässt mans und der Ball landet wo anders.

    Aber ja ich gehe hier davon aus, dass die Spielzugdesigner ihren Job einigermaßen verstehen. wenn man sich das playcalling ansieht kann man da auch skeptisch sein.

  2. Spielzüge werden ja so designt das der Ball an verschiedenen Stellen landen kann und in der Regel geht der erste read zur tiefen route, und wenn die weg ist geht man zur nächsten. Und in den allermeisten fällen ist die tiefe route halt einfach nicht da.

    An dieser Stelle kann PFF.com mit seinem Charting weiterhelfen.

    Durchschnittliche Tiefe (aDOT) der Targets beim ersten Read:

    Linke Spielhälfte: 9.2 yds
    Rechte Spielhälfte: 9.2 yds
    Spielfeldmitte: 10.4 yds

    (Im Fall von isolierten X-Receivern sind diese Routen an den Seitenlinien tiefer gelagert: ca. 13-14 yds downfield)

    Ich halte das für zu nah an der Anspiellinie. Wenn wir annehmen, dass Play-Designer den ersten Read grundsätzlich tiefer legen als die anderen – und davon ausgehen, dass der erste Read längst nicht immer anvisiert wird! – sollte das Ziel sein, dass die „Notlösung“ nicht innerhalb der 5-yds Line platziert ist, sondern downfield 6-15yds. Das bedeutet eine Verschiebung des ersten Reads ein paar weitere Yards downfield.

    Das Zahlenmaterial gibt es her: Quarterbacks und Offensivspieler sind gut genug um tiefer produktiv zu sein.

  3. bei nem shotgun snap ist der erste read ist ca. 1s nach den snap. wie tief soll der spieler denn da sein? man kann ja erkennen ob das fenster da ist auch wenn man den Ball dann erst später wirft.

    Versteh mich nicht falsch, ich glaube nicht das die NFL coaches alles richtig machen, im Gegenteil ich halte sie für zu oberflächlich sicherheitsfixiert in fast allen aspekten.
    Ich bezweifle ob die Zahlen die du benutzt das überhaut aussagen können was du hier zeigen willst.

  4. Ich sehe deinen Punkt.

    Die Conclusio soll auch nicht sein, dass die NFL tief werfen muss um des tiefen Balles willen.

    Doch das Play-Calling & die Ausführung scheint sehr „Success-Rate“ getrieben zu sein, anstatt das enorme Potenzial, das auf tiefen Routen ja eindeutig schlummert (EPA/Target spricht eine klare Sprache) häufiger zu nutzen.

    Es ist relativ offensichtlich, dass die NFL zu selten eine tiefe Route einbaut um zumindest die Progression „tief zu kurz“ lesen zu können – vor allem mit Blick auf den gigantischen Vorteil der tiefen Anspiele.

    Auf der Distanz von sagen wir 5-20 Yards sind sogar Erträge hoch und Risiken bzgl. Interceptions / Sacks relativ gering.

  5. Ein guter Startpunkt, allerdings noch nicht der Weisheit letzter Schluss.

    Die Targets sind sicher Selection Bias, weil kein normaler Coach in 50/50 Situationen auf Teufel komm raus tief werfen lässt.

    Man müsste die Studie vertiefen und verschiedene Spielsituationen anschauen, bsp. 1st down, denn die Motivation im 1st down zu callen ist eine andere als in 3rd down & 3.

    Wichtig wäre auch, die Redzone separat zu studieren, denn Deep Passing ist dort nicht mehr drin und historisch ist die Completion Rate mit compressed Field in der Redzone niedriger als im Open Field.

    Gruß Karl

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