Quarterback im Fokus: Jameis Winston

(Wir haben den 1. April – doch der folgende Eintrag ist ausdrücklich nicht als Aprilscherz zu verstehen)

An BuccaneersQB Jameis Winston scheiden sich die Geister: Film-Gurus verfluchen ihn als unzuverlässigen Boom-or-Bust QB mit Hang zum Idiotenwurf, doch sein statistisches Profil ist das eines Spielers ganz nah am Durchbruch.

Schauen wir uns das Profil von Winston auf AirYards.com, das die Completion-Rate entlang der Tiefe des Spielfeldes (aDOT = Average Depth of Target) aufzeigt, an, so sieht Winston wie ein exzellentes QB-Prospect aus – Winston (grüne Linie) performt über seine Karriere bis ca. 20-25 Yards downfield teilweise weit überdurchschnittlich, was Pass-Completions angeht:

AirYards - Jameis Winston Career (airyards.com/qb.html)

AirYards – Jameis Winston Career (airyards.com/qb.html)

Erst in der tiefen Zone des Feldes, jenseits der 20-yds tiefen Anspiele, wo aufgrund der geringen Testmengen die Streuung sowieso so groß ist, sinkt Winstons durchschnittliche Completion-% unterhalb des Liga-Durchschnitts.

Doch die Metrik zeigt vor allem einen Quarterback, der in der wichtigsten Zone, zwischen 5 und 15 Yards downfield, wo die NFL-Offenses ihr Geld machen, extrem erfolgreich ist. So erfolgreich, dass Winston schon seit 1-2 Jahren einer der Lieblinge von Advanced-Statistics ist. Wir wissen seit Freitag auch: Winston und die Buccs attackieren gezielt just diese Mitteldistanz-Zonen – sie werfen weit über NFL-Schnitt (43% der Pässe, NFL: 30%) in diese Zonen!

Winstons Potenzial wird auch von Film-Guys zweifellos anerkannt – und doch gilt sein Heiß/Kalt Auftritt als Besorgnis erregend. Doch trotzdem: Winstons Metriken hinter all seinen Highlight Game-Film Bolzen lesen sich beeindruckend – hier seine Werte aus dem Jahr 2018, dem Jahr, in dem er drei Spiele wegen Sperre draußen saß und zwischendurch gegen Ryan Fitzpatrick (!) auf die Bank gesetzt wurde:

ESPN QBR:          68.4   #8
Pass-Success Rate: 50%    #4
EPA/Pass:          0.12   #13
NY/A:              7.0    #10
1st Down Quote:    38%    #5
Sack%:             6.7%   #20
INT%:              3.4%   #31

Die Statistik, in der Winston am schlechtesten abschneidet, ist auch die volatilste: Interception-Quote. Winston warf auch 2018 schlicht zu viele Interceptions. Doch just diese Statistik fluktuiert, und auch wenn es Quarterbacks gibt, die über ihre Karriere stets niedrige INT-Quoten halten konnten, so ist alles andere als garantiert, dass Winston auch in Zukunft so viele Fehlpässe fabrizieren wird.

Zum Teil sind diese Fehlpässe auch seinem Spielverhalten geschuldet: Winston warf auch 2018 mit 10.7 Air-Yards/Pass im Schnitt die zweit-tiefsten Pässe aller NFL-Quarterbacks mit mehr als 100 Versuchen. Nur Buffalos Josh Allen hatte mit einer aDOT (siehe oben: average Depth of Target / durchschnittliche Tiefe des Anspiels) noch tiefere Pässe.

Anhand Winstons aDOT hätte man eine durchschnittliche Completion-Rate von 60.3% erwartet. Doch Winston brachte trotz so tiefer Pässe 65.0% an den Mann. Winston hatte also eine Completion-Rate von 4.7% über den Erwartungen (CPOE = completion percentage over expected). Er war schon 2017 ein präziserer QB als der NFL-Schnitt.

Wir werden gleich eine gute Schätzung haben, wie viele Interceptions Winston 2018 tatsächlich „zu viel“ geworfen hat.


Doch zuerst müssen wir der Frage nachgehen: Wohin wirft Winston genau?

Der Blick auf sein Profil sagt uns: Winston wirft nur 5% seiner Pässe hinter die Anspiellinie – die NFL platziert im Schnitt 15% (das Dreifache!) an Pässen bei Anspielzielen hinter der Line of Scrimmage.

Nur 34% von Winstons Pässen sind Kurzpässe – die NFL hat 51%.

Dafür platziert Winston 43% seiner Pässe auf die Mitteldistanzen (NFL: 31%) und 23% seiner Pässe tief downfield (NFL: 19%).

Winstons Success-Rate ist auf allen Ebenen überdurchschnittlich:

  • Kurzpass: 49% (NFL: 45%)
  • Mitteldistanzen: 61% (NFL: 58%)
  • Tiefes Passspiel: 42% (NFL: 41%)

Winstons hat auf Mitteldistanzen und im tiefen Passspiel höhere Interception-Quoten als der durchschnittliche NFL-Quarterback (6.8% tief, 3.7% Mitteldistanz), doch am Ende entscheiden hierbei exakt 3 Interceptions über „Durchschnitt“ oder „Volltrottel“!

Die Berechnung hierzu ist einfach: Ein durchschnittlicher Quarterback hätte beim Anvisieren exakt der gleichen Distanzen und mit durchschnittlichem Glück 10 Interceptions (2.7% INT-Quote) geworfen. Winston warf letzte Saison 13 (3.4% INT-Quote) – drei Pässe machen also die Welt und formen unser Bild von einem rücksichtslos aggressiven Quarterback!

Weitere Auffälligkeiten in Winstons Spiel

3rd Downs: 2018 war Winston ein fantastischer Quarterback in 3rd Downs – sehen wir uns die obigen Statistiken für einmal bloß komprimiert auf 3rd Downs an, so sehen wir:

ESPN QBR:          77.4   #4
Pass-Success Rate: 44%    #3
EPA/Pass:          0.15   #5
NY/A:              6.1    #9
1st Down Quote:    43%    #3
Sack%:             13.5%  #26
INT%:              1.2%   #9

Für einmal keine Harakiri-INT-Quoten – schon ist der Erfolg da. Doch wirklich aussagekräftig sind solche Statistiken eher selten: Performance in Early-Downs und 3rd Downs sind für gewöhnlich recht gut miteinander korreliert. Winstons 2018 schreit nach Ausreißer.

Performance unter Druck: PFF.com gab Winston zuletzt exzellente Benotungen für Passspiel unter Druck (#2 QB unter Druck). Auch die Advanced-Stats sahen in Winston 2018 einen Quarterback mit relativ guten EPA/Play: Nur -0.13 EPA/Pass, wenn er unter Druck stand – fast alle Quarterbacks sind schlechter.

Doch auch hier ist zu beachten, dass sich solche Metriken saisonübergreifend stabiler verhalten, wenn wir bloß QB-Play ohne Druck anschauen. Der Grund liegt auf der Hand: Testmenge. Nur ca. ein Viertel bis ein Drittel der Plays stehen selbst die Quarterbacks hinter den schlechtesten Offensive Lines unter Druck. Sie können also häufiger aus sauberen Pockets operieren – und darin war Winston gut, aber aufgrund zu vieler einfacher Interceptions noch nicht großartig.

Receiving-Corp

Interessantes Detail am Rande: Winston verstand sich nicht bloß menschlich überhaupt nicht mit dem an die Eagles abgegebenen WR DeSean Jacksons – auch seine Pässe zu Jackson waren 2018 absolut katastrophal in ihrer Effizienz!

36 Targets, 33% Success-Rate, -0.36 EPA/Play bei satten 8.3% INT-Quote sprechen eine deutliche Sprache. Vor allem auf tiefen Routen gelang dem Duo so gar nichts: Nur 5 Completions in 20 Anspielen. Am besten hätte Winston D-Jax einfach ignoriert – auch wenn eine Kabinenschlägerei die logische Konsequenz gewesen wäre!

Vergleiche das für einmal mit den beiden Gold-Jungen der Buccs:

  • WR Mike Evans: 83 Targets, 61% Success-Rate, 0.47 EPA/Play | 6.0% INT-Quote und 43 First Downs
  • TE O.J. Howard: 17 Targets, 82% Success-Rate, 0.91 EPA/Play – keine Interception, 11 First Downs

Selbst mit dem jungen WR Godwin (ein verkapptes Juwel), TE Brate und dem ebenso abgewanderten WR Humphries hatte Winston bessere Connection als mit Jackson – womit mit einem der Mythen der NFL („Deep Ball Winston passt wie Faust aufs Auge zu Deep Ball Jackson“) aufgeräumt wäre.

Muss Bruce Arians überhaupt Winston biegen?

Oder reicht es, alle Bausteine um Winston herum zu fixen?

Eine Kuriosität, die sich durch Winstons-Karriere zieht, ist der Vergleich von QB-Effizienz und Sieg/Niederlagen-Bilanz: Obwohl er seit seinem Eintritt in die NFL zu den effizienteren Quarterback der Liga gehört, hat Winston außerordentlich schlechte Sieg-Bilanzen. Winston ist seit 2015 der Quarterback mit dem 10t-höchsten EPA/Play Wert. Er hat damit noch nichtmal 40% seiner Spiele gewonnen!

Kein anderer Quarterback als der gerade durchschnittliche Josh McCown reißt krasser aus dem Schema F der NFL aus. Die verlinke Gegenüberstellung zwischen EPA/Play und Sieg-Bilanz der Quarterbacks vermittelt demnach den Eindruck, dass es vielleicht nicht einmal der Quarterback selbst ist, den Arians biegen muss – sondern einfach das System um Winston herum!

Doch was sagt uns das alles?

Buccs-Probleme hin oder her – und ob Winston das Problem war oder nicht: Unabhängig davon gibt es erstaunliche Potenziale in Winstons Spiel zu wecken, die auch des Quarterbacks Effizienz weiter steigern können. Zusammenfassend haben wir gelernt:

  • Winston ist ein aggressiver QB, der viel seltener kurz wirft als der NFL-Schnitt
  • Winston ist auf diesen längeren Routen extrem erfolgreich, streut aber im ganz tiefen Passspiel
  • Winstons Interception-Quote ist höher als erwartet, aber bei Anpassung an seine Wurf-Routen näher am Durchschnitt als erwartet
  • Es gibt zumindest Hinweise, dass Winston situativ mit Bedacht spielen kann (3rd Downs) und dass er unter QB-Pressure nicht zwingend kollabiert
  • Für 2019 hat er zumindest 3 herausragende Targets, mit denen er sich hervorragend versteht: Evans, Howard und Godwin

Winston bekommt damit das vielleicht spannendste Quarterback-Profil der Saison 2019: Ein Franchise-QB, dem seine eigene Franchise nicht völlig zu vertrauen scheint: Winston hat keinen langfristigen Vertrag, sondern operiert unter „5th Year Tag“. 2019 wird sein Vertragsjahr – doch immerhin gibt ihm sein Front-Office den einen Coach, der für solche Fälle gemacht scheint: Bruce Arians, der Deep-Ball Verfechter, der schon Roethlisberger, Andrew Luck und Carson Palmer auf Kurs gebracht hat.

Winstons Stärken sind augenscheinlich: Er vermeidet sinnloses Kurzpassgedaddel. Er wirft furchtlos dorthin, wo die Offense am effizientesten ist – zwischen 5 und 20 Yards downfield – und ist sensationell erfolgreich darin.

Seine größte Schwachstelle war seine Anfälligkeit gegen Interceptions. Diese verhalten sich recht zufällig, jedoch tendiert Winston aufgrund seiner aggressiven Spielweise mehr als gewöhnliche Quarterbacks dazu, gefährliche Pässe in riskante Zonen zu werfen. Seine INT-Quote ist daher eher hoch – ein Trade-Off im Tausch gegen gewaltige Effizienz-Zahlen nach Yards/Pass.

Gelingt es Bruce Arians, Winston die hirnrissigsten Pässe auszutreiben, ist durchaus der absolute Durchbruch denkbar. Es ist alles bereitet: Famose Anspielziele, kompatible Denke zwischen Coach und QB, aggressive Grundhaltung im Vorwärtspass. Ich erwarte für 2019 den Durchbruch von Jameis Winston zum Quarterback an der Schwelle zum „Elite-Status“.

8 Kommentare zu “Quarterback im Fokus: Jameis Winston

  1. D-Jax fasziniert mich tatsächlich, obwohl natürlich bekannt war, daß sich die beiden nicht verstanden.

    Im Klartext heißt das alles nun wohl: Mit Arians-Feinschliff, minimal besserem Turnover-Luck sind die Bucs schon ein Dark Horse, wenn die Defense unter Bowles auch noch eine Schippe drauf legt, ein Playoff Kandidat?

    Vegas sieht das interessanterweise anders, Bucs haben die 3. niedrigste Win Expectancy (nur Fins und Cards noch drunter).

  2. INTs können schon ganz schön irreführend sein, das stimmt wohl. Spannend wäre zu sehen, wie jemand mal INT-Typen kategorisiert. zB „Wurfarm wurde vom Verteidiger berührt“ oder „Receiver hat Volleyball gespielt“ oder „wunderschöner Lob auf den freistehenden LB“. Das würde auch zeigen, dass viele INTs eben nicht dem QB zuzuschreiben sind.

    Was mir gerade auffällt: Obwohl 68% der NFL-Spieler schwarz sind, sind es bei den QBs aktuell nur 25%. Dagegen sind fast alle CBs und der Großteil der HBs schwarz, Center und Punter weiss. (Quelle: wikipedia) Bei den QBs habe ich meine eigene unschöne Vermutung, aber die anderen Positionen? Hat jemand eine Idee, woran es liegt?

  3. Auf Quora wurde diese Frage auch schon gestellt – mit zahlreichen Antwortversuchen:

    https://www.quora.com/Why-are-so-many-of-todays-American-professional-football-and-basketball-players-black

    RE: Quarterbacks. Ohne gleich die Rassismus-Keule schwingen zu wollen, gibt es die Stereotypen „black = athlete“. Über dieses Argument gibt es zahlreiche Theorien. Ein Anfang beim Guardian: https://www.theguardian.com/sport/2018/oct/02/athletes-racism-language-sports-cam-newton

    Interessant beim QB-Thema ist auch: Es scheint heutzutage viele Ressourcen zu brauchen um von klein auf Quarterbacks hochzuziehen, inklusive Privat-Coaches und stundenlangen Übungssessionen über Jahre.

    Kann es sein, dass sich die im Schnitt besser betuchten weißen Familien damit leichter tun?

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