Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

Absturz auf 5-11 für die Tampa Bay Buccaneers in der letzten Saison – und doch ist dieses Team eines der Dark Horses für die anstehende Saison. Die Gründe liegen auf der Hand, auch wenn das Kader-Management von GM Jason Licht zu den diskutableren in der NFL gehört.

Lass uns zuerst diesen lästigen Punkt abräumen, ehe wir zum dark horse Hype-Train übergehen.

Kaderverwaltung

Nicht bloß verpassten die Buccs es in den vier Jahren, den billigen Rookievertrag von QB Jameis Winston und dessen durchaus passable sportliche Vorstellung zu nutzen, weil sie zu keinem Zeitpunkt eine akzeptable Defense auf das Feld stellten – so ist Winston einer der QBs mit der schlechtesten Win-% verglichen mit seiner Effizienz am Feld.

Nein – Licht bewegt sich in diesen Monaten und Wochen irgendwo zwischen Cap-Hölle und Cap-Fegfeuer: Er hat dieser Tage noch knapp 3 Mio. Cap-Space zur Verfügung, was nicht einmal reicht um die Rookie-Klasse unter Vertrag zu nehmen. Licht konnte deshalb keine gescheiten Free-Agency Moves unternehmen und steht vor dem Dilemma, möglicherweise DT Gerald McCoy (13 Mio. Cap-Zahl / kein Dead-Money) feuern zu müssen.

Kurzfristiger Cap-Space ließe sich auch gewinnen durch forcierten Abgang von TE Brate, DE Pierre-Paul (15 Mio. Cap-Zahl, 7.5 Mio Dead-Money) oder LB Lavonte David (12 Mio. Einsparpotenzial) – doch sie alle bedeuteten Verlust sportlicher Qualität.

Kurz: „Rosig“ ist anders. Selbst Umbauten am Monster-Vertrag von WR Evans sind nicht ausgeschlossen, teilweise schon in Arbeit, – so wichtig Evans auch langfristig für den Erfolg der Offense sein mag, sind schnelle Umstrukturierungen nach bereits 1-2 Jahren selten ein gutes Zeichen.

Doch um derartige Überlegungen scheint GM Licht momentan nicht mehr vorbeizukommen. Sein Fokus ist kurzfristig – so kurzfristig wie seine Jobsicherheit. Er muss retten, was noch zu retten ist – und dafür kann ihm nur eine starke Saison 2019 helfen.


Und die ist bei allen Cap-Problemen nicht unwahrscheinlich. Es gibt gute Gründe dafür, an den eingangs beschriebenen Buccs-Durchbruch zu glauben.

#1 Trainerstab

Wir hatten es schon diskutiert: Tampas neuer Trainerstab ist ein Traumszenario. Der sehr aggressive Bruce Arians als neuer Head Coach, gepaart mit dem ähnlich aggressiven DefCoord Todd Bowles – in Arizona hatte dieses Duo eine lahmende Franchise wieder auf die Beine gebracht.

Arians mag mit 67 Lenzen nicht mehr der Jüngste sein, aber sein „Track-Record“ als Chef in Indianapolis und Arizona in den letzten Jahren war fantastisch. Arians steht nicht für Zurückhaltung: Er steht dafür, seine Offenses von der Leine zu lassen, den Ball das Feld hinunterzutreiben. Damit passt er wie die Faust aufs Auge auf die Talente von QB Jameis Winston.

Der Hidden-Champ ist Bowles. In New York als Headcoach (wie so viele vor ihm) gescheitert, aber mit einem exzellenten Ruf als Defensive Coordinator: Brutale Aggressivität in der Front, dynamische Playmaker dahinter. Bowles‘ Aufgabe ist es, eine zuletzt völlig kaputte Buccs-Defense zu revitalisieren und sie zumindest ins Mitteldrittel der NFL zu führen.

#2 Quarterback & Offense

Winston ist der vielleicht spannendste Quarterback in der momentanen NFL – und auch der Grund, wieso Arians in Tampa so viel Sinn macht: Ein aggressiver Downfield-Passer, der in Vergangenheit zu häufig überzog. Arians kennt solche QB-Typen: Er formte allein in den letzten 15 Jahren Roethlisberger, Andrew Luck und Carson Palmer zu Stars in der NFL – mit dem immergleichen Rezept: Lass sie von der Leine, aber zügle zugleich ihre Aggressionen!

Winston braucht exakt diesen Typus Coach, will er im fünften Jahr doch noch seinen großen Durchbruch schaffen. Seine ersten vier Jahre in Tampa waren geprägt von einer Achterbahn der Gefühle, wofür nicht nur Winstons Leistungen am Feld, sondern auch seine Skandale und Skandälchen abseits davon verantwortlich waren. Menschlich gilt Winston als geläutert. Nun gilt es, die Lage auch sportlich in den Griff zu bekommen.

Darüber, dass Winston für einen Durchbruch prädestiniert ist, habe ich schon gestern geschrieben. Personell wird Winston in der anstehenden Saison mit keinem wahnsinnig aufgerüsteten Waffenarsenal arbeiten können – eher wurde im Kader ausgemistet:

  • WR DeSean Jackson, mit dem sich Winston nicht verstand und dessen Anspiele erstaunlich ineffizienz waren, wurde nach Philly geschickt
  • WR Adam Humphries, Slot-WR mit ersetzbarer Produktion, ging via Free Agency nach Tennessee

Der recht teure TE Brate gilt noch als möglicher Kandidat für einen Abgang, vielleicht via Trade (7 Mio. Einsparpotenzial). Eingekauft wurden dagegen nur Rollenspieler wie WR Perriman (durfte in Cleveland gehen, nachdem die Browns Odell Beckham gekauft hatten) und RB Ellington, den Arians bereits aus Arizona kennt.

Mehr Zugänge braucht es vielleicht auch nicht: Mit dem sensationellen WR Evans und dem unterschätzten TE Howard haben die Buccs die beiden wesentlichen Leistungsträger im Receiving-Corp bereits im Kader. Der dritte Mann im Kader – der junge Burner Chris Godwin – ist ein Liebling von Scouts und Advanced-Metrics, und Arians sieht in ihm einen absoluten Leistungsträger für 2019 („He will never come off the field.“).

Zu diesem Trio sind alle weiteren Skill-Player nur punktuelle Ergänzungen: RB Peyton Barber ist der Back, an den man das Ei übergibt, wenn man trocken laufen will. Perriman ist der WR2, der in den Mitteldistanzen von der Doppeldeckung gegen Evans/Howard profitieren soll. Und RB Ronald Jones II? Er dürfte nach einem verheerenden Rookiejahr bereits auf dem Prüfstand stehen.


Fragezeichen gibt es hinter der Qualität der Offensive Line. Sie gab letztes Jahr die 6t-meisten QB-Pressures auf, was in einer Offense der tiefen Routen nicht zwingend eine Katastrophe sein muss (QB-Pressures sind dann wegen der längeren Dropbacks wahrscheinlicher) – vor allem dann nicht, wenn der QB Winston einer der effizienteren QBs mit Druck in der Pocket ist.

Doch dass Tampa keine Neuen holte und dafür dem Wackel-LT Donovan Smith einen heftigen Vertrag nachwarf, verstand niemand. Smith kassierte die 6t-meisten QB-Pressures aller Offensive Tackles (gilt im ESPN-OL Ranking aber immerhin als genau durchschnittlich). Er ist nun Ankermann in einer Line, die mit C Jensen und RG Benenoch zwei weitere potenzielle Schwachpunkte aufbietet.

Offense Line-Play ist wichtig, doch a) konnten Winston/Fitzpatrick bereits in Vergangenheit gut mit einer mäßigen Pass-Protection umgehen und b) galt Arians auch in Arizona als Coach, der keine famose Offense Line braucht um gefährliches tiefes Passspiel aufzuziehen.

#3 Defense

Neben der Turnover-Rate in der Offense war die Buccs-Defense das große Problem 2018: Trotz Entlassung von DefCoord Mike Smith wegen fehlender Modernisierung nach einem Saisondrittel beendete Tampas Defense die Saison auf den hintersten Rängen:

  • #28 in meinem Power-Ranking
  • #32 in Football-Outsiders Defensive DVOA: #30 Pass, #31 Run

Problematisch war vor allem die Passing-Defense, die 7.4 NY/A kassierte. Das Problem war hierbei nicht allein die Coverage, sondern vor allem auch der Pass Rush: 38 Sacks lesen sich auf den ersten Blick nicht schlecht, doch die Buccs hatten nur 26% QB-Pressure Rate, #31 der NFL. Nur die schlicht desolate Raiders-Defense war noch zahnloser.

Nun hat man in DefCoord Todd Bowles einen der aggressivsten Defensive Coordinators eingestellt. Bowles ist im Gegensatz zu Smith kein Coach, der Run-Defense über Pass-Defense priorisiert. Er wird auf Linie mit Bruce Arians operieren und versuchen, mehr Punch in die Front Seven zu bringen. Doch dafür braucht Bowles Spieler.

LB Alexander und DE Curry wurden schon Opfer der Cap-Probleme, DT McCoy könnte ein weiteres werden. Der mittlerweile 32-jährige McCoy ist nicht mehr der Terror alter Tage, aber 38 QB-Pressures verzeichnete der Altmeister dann doch noch. Und das war mehr als alle Verteidiger abseits von DE Jason Pierre-Paul (deren 46).

Ohne McCoy bliebe nicht mehr viel übrig, was individuell für Druck sorgen könnte: Pierre-Paul (kostet selbst ca. 15 Mio.), DT Vita Vea (immerhin 26 QB-Pressures als Rookie, gilt aber primär als Run-Defender), DE Carl Nassib, der nach seinem Scheitern in Cleveland versucht, die Karriere wieder auf Kurs zu bringen und der vermeintlich beste Einkauf der Free-Agency, DE Shaquill Barrett, der aus Denver kommt. Barrett hatte dort gute QB-Pressure Quoten, allerdings in limitierter Einsatzzeit. Er taugt mutmaßlich nicht zum vollwertigen Starter, aber eine gute Ergänzung sollte er sein.

Ein weiterer Einkauf war Safety/LB Hybrid Deone Buccannon, den Bowles aus Arizona kennt. Buccannons galt in der Zeit nach Bowles in Arizona als Bust – nun soll er wie in alten Tagen die Bowl’sche Brücke zwischen Front Seven und Safetys schaffen. Einfach wird datt nicht – schließlich gibt es in LB Lavonte David nur noch einen weiteren Leistungsträger, und der scheint über den Zenit hinaus.

Schließlich bleibt das Defensive Backfield, wo sich die jungen CBs wie Hargreaves oder Davis x 2 nicht wie gewünscht entwickelten, und wo es im Safety-Pärchen Evans/Whitehead eher eine weitere Sollbruchstelle als einen Stabilisator gibt.

So sehr man Bowles für ein Upgrade gegenüber dem bisherigen Defense-Trainerstab halten kann, so sehr mangelt es im Kader noch an Talent. Im Draft zieht Tampa an #5, hat also recht viel Munition um sich in jeder Runde die besseren Talente abzugreifen.

Need herrscht noch auf jeder Ebene der Defense, gerade, wenn man McCoy ziehen lassen müsste. Immer mehr Mock-Draft sehen einen Linebacker an #5 nach Tampa gehen – ein sportlich schwer nachvollziehbarer Move! Edge-Rush, Defensive Interior und Cornerback – alles Positionen, auf denen ebenso große Not herrscht, und alles Positionen, die „wertvoller“ sind als Off-Ball Linebacker!

Ausblick

Las Vegas scheint mit einem Over/Under von 6.0 Saisonsiegen (drittniedrigster Wert der NFL) nicht an den „Arians/Winston-Faktor“ zu glauben. Doch: Die Ingredienzien für einen Breakout-Kandidaten sind definitiv da.

Head Coach, potenziell brillante Offense und gescheiter DefCoord: Drei gute Gründe an Tampa 2019 zu glauben. Die beiden kritischen Punkte an Tampa sind also leicht herauslesbar:

  1. Schöpft QB Winston endlich sein Potenzial zur Gänze aus?
  2. Und noch wichtiger: Schafft die Defense zumindest den Sprung ins Mittelfeld um die anzunehmend explosive Offense ausreichend zu unterstützen?

Beide Ziele sind nicht außer Reichweite. Es ist sogar nicht vermessen zu behaupten: #1 ist realistisch. #2 hängt in Teilen davon ab, welche Veterans Tampa noch billig holen kann und wie der Draft läuft.

Es ist eine wichtige Saison für die Buccs: Das Mindestziel muss sein, an ihrem Ende zu wissen, ob man mit Jameis Winston in die Zukunft gehen will. Doch im Prinzip dürfte Arians mehr anstreben: Tampa ist trotz aller mäßiger Roster-Wirtschaft des General Managers einer der heißen Außenseiterkandidaten auf einen Playoffplatz. Die Buccs sind wegen der beiden Fragezeichen nicht der sicherste Playoff-Tipp, aber es braucht nur wenig mehr um sie die NFC durcheinanderwirbeln zu sehen.

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2 Kommentare zu “Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

  1. Playoff Kandidat?
    Glaube nicht daran mit diesem Spielplan, vor allem Away:
    Falcons, Panthers, Saints,
    Titans, Seahawks, Rams, Jaguars, Packers
    Home:
    Falcons, Panthers, Saints,
    Cardinals, 49ers, Texans, Colts, Giants

  2. Pingback: NFL 2019 Preview: Wichtige Faktoren zur Trennung zwischen Glück und Können | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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