New York Giants in der Sezierstunde

Sie sind ein billiges Ziel, die New York Giants. Versuchen wir einen Blick darauf zu werfen, wie GM David Gettleman das von ihm verursachte Fiasko noch wenden kann.

Vorneweg: Gettlemans nunmehr 14-monatiger Kaderumbau verläuft denkbar ungünstig, nachdem Gettleman so ziemlich jeden Baustein vom Hof gejagt hat, außer den, den man bei genauerer Betrachtung als einzigen als wirklich entbehrlich sehen sollte: QB Eli Manning, der Mann mit den sieben Leben. Manning ist mit Ende 30 fast verbraucht – zumindest spielt er seit drei Jahren keine NFL-würdige Saison mehr.

Gettleman tat in den letzten beiden Offseasons alles, um eine einst dominante Defense zu zerstückeln und um sämtlichen Trends des Footballsports entgegenzuwirken. Ich muss nicht weiter ausführen, warum der Saquon-Barkley Pick im Draft 2018 völliger Bullshit war, egal wie gut oder schlecht der Runningback am Ende ist, oder, dass es schlicht keinen Sinn macht, in der gegenwärtigen NFL-Landschaft auf Passspiel zu verzichten.

Gettlemans Strategie widerspricht allen Prinzipien, über die ich seit Jahren auf diesem Blog schreibe. Es dürfte also nicht verwundern, dass ich an ihm kein gutes Haar finde. Doch auf der anderen Seite ist es immer auch spannend, wenn ein General Manager derart unkonventionelle (ja – ein Team auf Laufspiel aufbauen ist im Jahr 2018 tatsächlich unkonventionell!) agiert. Es gibt uns die Chance, einen völlig gegen den Lauf der Dinge konzipierten Plan zu verfolgen.

Dass dieser Erfolg haben wird, ist angesichts der erdrückenden Beweislast gegenüber dem Laufspiel relativ unwahrscheinlich.

Doch Gettleman hat noch die Möglichkeit, sein Schicksal zu wenden – indem er einen Franchise-QB verpflichtet. Dafür hat er mit heutigem Wissen zwei realistische Optionen:

  1. Er draftet QB Dwayne Haskins, der entweder am #6 Slot der Giants im Draft verfügbar ist, oder für den er im Draft nach oben gehen muss.
  2. Oder er fädelt den Trade mit den Arizona Cardinals ein um den dort (vielleicht) entbehrlich werdenden QB Josh Rosen

Vor allem letztere Option wird umso sinnvoller, je länger man darüber nachdenkt. Rosen war erst vor einem Jahr ein großartiges Prospect. Er hatte das Pech, in einer kaputten Offense seinen Einstand zu feiern – doch er käme für relativ billige Kohle, nachdem Arizona bereits das Handgeld gezahlt hat. Rosen würde drei Jahre für fast lau spielen – Zeit genug um sich zu entwickeln. Und Rosen ist Jude – ein Jude im Big-Apple, ein größeres Traumszenario gibt es kaum!

Das Ambiente, in das der neue Quarterback eingeführt würde, ist nach dem Abgang von WR Odell Beckham jr. kein ideales – aber es gibt schlimmere Situationen – für Rosen wäre vermutlich jede Situation fern des provinziellen Arizona ein Fortschritt. Immerhin ist die Offensive Line nach dem Einkauf von OG Zeitler wenigstens auf beiden Guard-Positionen hervorragend besetzt, LT Solder ist immerhin Durchschnitt und RT Wheeler kannst du mit einem Tight End helfen.

Auf Skill Player bleiben RB Barkley, TE Engram (ehemaliger 1st Rounder) und das WR-Trio Tate / Shepard / Fowler. Fowler hat natürlich noch nicht viel gezeigt, aber Tate und Shepard sind zumindest NFL-Durchschnitt, Engram vielleicht mehr – und Barkley? Ein exzellenter Playmaker, ein guter Ballfänger – potenziell also eine Waffe. Bislang natürlich in der Eli-Manning Offense verschenkt.

Barkley war 2018 verschenkt – Rookie des Jahres oder nicht. Die Prognose aus dem letzten Jahr – „Barkley wird für 1300 Yards in einem 5-11 Team laufen und Bälle für 400 Yards fangen und Gettleman wird ihn stolz als guten Pick anpreisen“ ist eingetroffen. Fast aufs Haar.

Und sie wird auch 2019 eintreffen, wenn die Giants mit Eli Manning in die Saison gehen. Fazit: All das Geschriebene, mit denen die Giants ihre Offense retten können, gilt nur unter der Voraussetzung, dass New York entweder mit Haskins oder Rosen seine Quarterback-Position umbauen wollen.

Denn Rosen / Haskins bieten zumindest die reelle Chance auf Besserung. Eli Manning ist eine Bekannte. Und keine hoffnungsvolle Bekannte.

Defense

Bleibt noch immer die Defense. Dort verzichtete GM Gettleman – vielleicht sogar sinnigerweise – darauf, FS Landon Collins die Franchise-Tag zu geben. Als Collins in einen Bieterkrieg auf dem freien Markt für horrende Moneten in Washington unterschrieb, dürfte sich Gettleman bestätigt gefühlt haben („wir hätten ihn eh nicht langfristig binden können“) – oder er dürfte sich geärgert haben, da er Collins wesentlich billiger via Tag für zumindest noch ein Jahr hätte halten können.

Gettlemans öffentliche Erklärung – „Collins ist kein guter Deckungsspieler und passt nicht zu uns“ – machte theoretisch Sinn, doch dann kaufte der GM im Beckham-Trade mit FS Jabrill Peppers von den Browns einen fast identischen, wenn auch billigeren, Safety-Typen ein. Zwischen Kommunikation und Aktion gibt es also entscheidende Diskrepanzen.

Fakt ist auch: Mit DT Snacks Harrison, CB Apple, Collins und DE Vernon sind fast alle wesentlichen Leistungsträger jener Defense, die noch vor zwei Jahren in den Top-10 gerankt war, Geschichte. Der neue Kern lautet: DT Laken Tomlinson / LB Ogletree / CB Jenkins / FS Bethea. Es ist einer der schlechtesten Defense-Corps ligaweit. Jenkins und Ogletree waren in den letzten Jahren maximal unzuverlässig, Bethea kriecht auf Achsen.

Es ist schwer sich zu entscheiden, was beängstigender ist:

  • Ein Pass Rush, in dem J. Hill, Kareem Martin und Lorenzo Carter die absoluten Leistungsträger sind
  • Eine Cornerback-Tiefe Jenkins, CB Grant Haley, CB Beal und CB Markus Golden
  • Ein Safety-Pärchen Bethea / Chandler

Die Prognose, dass diese Defense 2019 nicht in der oberen Hälfte klassiert sein wird, ist nicht gewagt. Mit wie vielen Ressourcen die Giants diese Defense noch via Draft auffrischen werden, hängt auch von der Entscheidung in oben beschriebener Quarterback-Frage ab.

Ausblick

Die Sachlage ist simpel:

  1. Setzt Gettleman auf Eli, wird er die Defense upgraden, aber 2019 kannste in die Tonne kloppen.
  2. Setzt Gettleman auf einen QB der Güteklasse Rosen/Haskins, gibt es zumindest Hoffnung für die Offense, aber für Siege wird es Shootouts brauchen
  3. Setzt Gettleman auf Draften eines Rookies, beginnt die Saison aber mit Eli, ist 2019 für die Fische – doch Hoffnung für danach.

Worauf solltest du an Giants-Stelle hoffen, wenn #1 eintrifft? Auf 1-15.

11 Kommentare zu “New York Giants in der Sezierstunde

  1. Wenn es ganz absurd kommt dann wären auch Garoppolo und Carr als QB auf dem Markt.
    Dass die Giants Rosen holen halte ich für ausgeschlossen, sie wollten ihn letztes Jahr nicht also wollen sie jetzt sicherlich auch nicht.
    Da halte ich sogar die Pats für wahrscheinlich.
    Und an #6 einen QB finden könnte schwierig sein, also müssten sie Traden, was wiederum für die Zukunft schlecht ist .

    Mit passt nicht zu uns bei Collins könnte er auch einfach nur die Teamchemie gemeint haben.
    Und bei der D-Line hängt sehr viel vom Coaching ab, da würde ich mir mehr Sorgen um die Secondary machen.

  2. Schöner Artikel, obwohl man als Giants-Fan natürlich ein paar Dinge anders sehen will.
    Ach und der DT heißt Dalvin Tomlinson und Marcus Golden ist OLB.

  3. Naja aber jetzt könnte man Rosen evtl für nen 2nd Rounder bekommen 🤔…. je näher der Draft rückt und wenn Arizona tatsächlich Murray an 1 nimmt.
    Aber vielleicht sollten die Giants die Saison tatsächlich schon jetzt in die Tonne treten. BPA draften und nächstes Jahr auf Tua hoffen und über die Saison die neuen jungen Spieler entwickeln

  4. Warum sollte den die Cardinals Rosen für einen 2nd Rounder traden?
    Er nimmt kaum Capespace weg und auch wenn man Murray zieht, kann man im Laufe der Saison immer noch Rosen Tradewert steigern, wenn er eine deutliche Verbesserung zeigt. Es gibt unabhngig davon ob man Murray pickt wenige Gründe Rosen zu traden, sofern niemand ein gutes Angebot macht.

    Was QB angeht stecken die Giants in einer Zwickmühle, letztes Jahr keine geholt, dieses Jahr kaum gute Spieler und mindestens Miami wird (für Tua) tanken.
    Das Owner/GM/ diese Saison als verloren ansehen sieht man auch daran das man dem Coach einen 5 Jahres Vertrag und keinen 4+1 verpasst hat.

  5. @Sönke:

    Ich habe den Artikel gelesen – er ist gut recherchiert und hat viele interessante Einblicke. Wirklich Neues bzw. Unerwartetes ist allerdings nicht dabei.

    Dass Rodgers und McCarthy ein schwieriges Verhältnis hatten, war lange klar.

    Dass McCarthy häufig suboptimal gecoacht hat und die Packers 2014/15 schlicht und ergreifend die Superbowl gekostet hat, darüber habe ich oft und im Detail geschrieben.

    Dass Rodgers in der Blütezeit vielleicht das beste Quarterbacking gezeigt hat, das ich bislang gesehen habe, wissen wir auch. Dass seine Stats seit 2015 auf dem absteigenden Ast sind, ist mittlerweile auch nicht mehr anzweifelbar – ich habe ihm lange den „Benefit of Doubt“ gegeben, aber die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

    Dass mit neuem Trainerstab alles besser wird, würde ich bezweifeln. Matt LaFleurs Play-Calling in Tennessee war übel, seine Kommentare („Run to set up the pass“) im Vorfeld seiner ersten Offseason als Packers-Coach klingen nicht vielversprechend.

    All in all: Der Artikel ist Bestätigung etlicher offener Geheimnisse.

  6. Ich habe mir grad nochmal auf SPOX das Profil von Haskins durchgelesen. Ich glaube der wird an 6 gar nicht mehr da sein sondern von den Raiders gepickt 🤔. Dann bleibt nur zu hoffen das die Giants nicht Lock zu hoch draften sondern sich nen Top Defense Prospect holen….

    bin echt gespannt dieses Jahr auf den Draft. Geht Murray wirklich an 1 weg, was machen die 49ers, die Raiders, die Giants, die Packers und holen die Patriots den Nachfolger von Brady….

  7. Vielleicht brauchen die Giants keinen Haskins mehr, weil sie Russel Wilson signen. Richtig spannend wird dann, ob die Seahawks einen FA verpflichten, den sie damals nicht gesigned haben mit der Begründung, er sei eine Starter und kein Backup. 😮

  8. Pingback: NFL General Manager unter der Lupe – Teil 3 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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