Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

Die Jacksonville Jaguars waren eine der großen Enttäuschungen der letzten Saison. Auch wenn es einige Metriken im Vorfeld der Saison gegeben hatte, die diesem Team einen Schritt nach vorne prophezeit hatten, so entwickelte sich die Saison 2018/19 letztlich in die pessimistische Richtung meiner Prognose.

Zwei der wesentlichen Gründe dafür, QB Blake Bortles und OffCoord Nathaniel Hackett, sind nun weg. Andere, wie Headcoach Doug Marrone oder GM Tom Coughlin, durften bleiben. Auch neu da: Superbowl MVP Nick Foles.

Aufräumen

Die seit langem überfällige Bortles-Entlassung schließt mit einem der dunkleren Kapitel an Offensiv-Football in den letzten fünf Jahren ab. Bortles war das, was die NFL „QB-Fegfeuer“ nennt: Selten schlecht genug, dass man sich sofort entschieden von ihm trennt, nie gut genug, dass er der Mannschaft wirklich geholfen hätte.

Vor allem war Bortles immer rechtzeitig vor dem Abschuss mit ein paar Hoffnungsschimmern zur Stelle: Er stand mehrmals vor dem Aus – doch immer rettete er seinen Job durch ein paar wohlgetimte Touchdowns in Garbage-Time gegen Prevent-Defense oder 1-2 vernünftigen QB-Scrambles. Und als er nicht mehr zu retten schien, traten seine Backups auf den Plan und ließen Bortles wieder wie die attraktivere Option aussehen.

Dass Bortles selbst nach dem AFC-Finaleinzug in der letzten Saison das Hemmnis in Jacksonville war, konnte jeder sehen. Jeder – außer die Verantwortlichen in Jacksonville. Sie statteten Bortles nicht nur mit der 5th-Year Tag aus, sondern stülpten ihm sogar eine Vertragsverlängerung mit Gehaltsgarantien von über 20 Mio. aus – mit Abschreibungen über mehrere Jahre!

Folge: Nachdem sich im Laufe der letzten Saison auch in Jacksonville die Erkenntnis der Notwendigkeit eines Quarterback-Wechsels durchsetzte, schreiben die Jaguars mit seiner Entlassung nun 16 Mio. Dead-Cap für Blakes Geist im Kader an.

Mit Bortles zur Tür hinausgefahren: OffCoord Nathaniel Hackett, der schon in der laufenden Saison seine Koffer packen musste. Hackett kann als Bauernopfer durchgehen. Er war mit Bortles an vorderster Front extrem limitiert in seinem Play-Design gewesen – was nicht zuletzt das AFC-Finale in New England kostete.

Der Neue an der Türschwelle wurde schon in der Free Agency präsentiert: Nick Foles, vor 14 Monaten Superbowl-MVP bei den Philadelphia Eagles. Er soll die QB-Position upgraden und Jacksonvilles Offense damit gerade gut genug machen um

Doch um Bortles‘ Rauswurf und gleichzeitig Foles‘ Verpflichtung (22 Mio/Jahr, 50 Mio. guaranteed) finanzieren zu können, musste im Kader Platz geschaffen werden, u.a. durch die Entlassung von Leuten wie DT Malik Jackson, FS Tashaun Gipson und RB Carlos Hyde. Die Böcke der Verantwortlichen hatte ich schon in einem separaten Blogeintrag analysiert.

In einem alternativen Universum…

…hätten die Verantwortlichen letztes Jahr Bortles gehen lassen und dafür mit WR Allen Robinson verlängert, QB Lamar Jackson anstelle von DT Tavon Bryant gedraftet und dafür heuer mit dem brach liegenden Budget DT Jackson halten können.

Blick nach vorn

Doch wir leben in der harten Realität – und dort müssen die Jaguars nun 24 Mio. ihres Cap-Budgets für bereits gefeuerte Spieler an Dead-Cap fressen und mit einem Lame-Duck Head Coach in die neue Saison gehen. Dass Marrone bleiben durfte, gefiel nicht jedem. Erschreckend: Marrone ist gar nicht das größte Problem der Jaguars.

Es ist vielmehr die allgemeine Ausrichtung. Man bewegt sich im Fenster „Win Now“ – kann nicht mehr die Geduld aufbringen, eine junge Offense zu züchten. Man muss die limitierten Möglichkeiten der Offense jetzt ausschlachten bevor die super-teure Defense in spätestens zwei Jahren auseinanderfliegt.

Dass mit Foles die Offensiv-Probleme behoben sind, glauben aber auch nur blinde Optimisten. So sehr Foles ein Upgrade gegenüber Bortles ist, so wenig ist zählt Foles zu denjenigen QBs, die im Alleingang eine Offense definieren. Jacksonville ist nicht Philadelphia. Es gibt dort keine superbe Offensive Line, es gibt keine vertrauenswürdige Anspielstation wie WR Jeffery – und es gibt auch keinen exzellenter Play-Caller wie Doug Pederson.

Jacksonville, das ist Coughlin, der Run-basierte Offense über „seinen“ teuren RB Leonard Fournette fordert. Es ist auch eine Offense ohne adäquate Wide Receiver und eine permanent vom Kollaps an den Flanken bedrohte Offensive Line.

Für Foles wird es eine Herkulesaufgabe, seinem Vertrag annähernd gerecht zu werden. Was vielen Hoffnung schenkt: Der neue OffCoord der Jaguars ist John DeFilippo, beim Superbowl-Run QB-Coach der Eagles. Doch ich wäre skeptisch.

DeFilippo gilt als moderner Play-Caller und Spielzug-Designer, wurde aber mitten in der letzten Saison in Minnesota in gleicher Funktion (OffCoord) gefeuert, weil er zu sehr auf das Passspiel gesetzt hatte (sic!) und daher mit Chefcoach Zimmer aneinandergeraten war. Du kannst die Tage zählen, bis es in Jacksonville mit ähnlichen Philosophieunterschieden gegenüber Coughlin zum gleichen Clinch kommt.

Personell sind den Verantwortlichen nun viele Hände gebunden: Mit den brutalen QB-Cap Hits bleibt nicht viel Geld um in der Free-Agency die größten Schwachstellen zu adressieren – so kann man nur noch auf den Draft warten. Dort halten die Jaguars den #7 Pick in jeder Runde.

Potenzielle Schwachpunkte?

Auf Runningback gibt es den 230-Pfund Bomber Fournette, aber keinen anspielbaren Receiver für Kurzpässe. Fournette war als Rookie 2017 ein Spieler mit hohen „Volume-Stats“ (viele Yards), aber unterirdischer Effizienz. Seit er an Weihnachten von Coughlin gemaßregelt wurde, gilt Fournette als angezählt – was man angesichts der Umstände als Vorteil für das Team sehen könnte. Denn die Denke ist einfach: Ein fitter Fournette bedeutet Druck auf viele Carries, bedeutet wenig Effizienz. Ein physisch oder mental angeschlagener Fournette bedeutet mehr Freiraum für das Passspiel, bedeutet mehr Effizienz. Doch der Druck, Fournette Carries zu verschaffen, wird immer da sein.

Offense Line ist auf beiden Tackle-Positionen ein gigantisches Fragezeichen – fast alle Mock-Drafts erwarten von den Jaguars einen OT-Draftee mit dem #7 Pick.

Der Receiving-Corp ist ein ebenso großes Fragezeichen: WR Lee und TE Seferian-Jenkins, die beiden mutmaßlich erfahrensten Recken, kommen von schweren Verletzungen zurück. WR Conley aus Kansas City ist bestenfalls eine WR3-Option, WR Westbrook eher ein Play-Maker für Geschwindigkeitswechsel als ein Mann, der sich als WR1 eignet. Und die jungen WRs Cole und Chark kommen beide von horrenden Saisons – vor allem Cole gilt als völlig verunsichert.

Auch die Defense ist nicht mehr so komplett, so tief besetzt wie noch in der vorletzten Saison: DT Jacksons Abgang kann noch kompensiert werden durch den jungen DT Taven Bryan (1st Rounder 2018), der bereits Rotation gespielt hat (301 Snaps). Doch die Tiefe ist nicht mehr so gegeben: Im Edge-Rush hat man Dante Fowler abgegeben, und hinter dem Starting-Quartett wird es schnell dünn. Auf Linebacker weiß niemand, was passiert, wenn Telvin Smith oder Myles Jack (beide spielten 2018 über 1.000 Snaps) mal ausfallen. Und ob die Safety-Position hält, hängt zu großen Teilen davon ab ob Ronnie Harrison in seinem zweiten Jahr den notwendigen großen Sprung nach vorn macht.

Was wird also noch passieren?

Im Idealfall stopfen die Jaguars via Free Agency noch die eine oder andere Lücke durch billige Veteran-Verträge an der Schwelle zum NFL-Gehaltsminimum um im Draft nicht das Kitzeln zu spüren „ich muss jetzt unbedingt einen Safety mit meinem #7 Pick ziehen“. Viele sehen mit dem 1st Rounder einen der Offensive Tackles nach Jacksonville gehen. Das ergäbe Sinn – es wäre die kurzfristige Lösung.

Doch wenigstens einer der Mid-Round Picks dürfte noch für einen Wide Receiver draufgehen – und dann bleiben kaum noch veritable Draft-Optionen mehr um die Tiefe in der Defense aufzubolstern.

Glaubt jemand an die „große QB-Lösung“, die hie und da propagiert wird? Jacksonville mit einem Top-10 QB Pick im Draft? Eher nein. Kader-Konstrukt und vor allem Defense sind so zusammengesetzt, dass gerade nach dem Foles-Einkauf im Prinzip nur die „Win-Now Strategie“ gefahren werden kann.

Wege zum Erfolg

Eine geglückte Draftklasse mit sagen wir drei echten Startern kann immer gelingen und ein Team per sofort um eine Stufe heben. Doch solche Draftklassen kommen nur einmal alle paar Jahre zum Vorschein. In einer enger werdenden AFC South, in der Indianapolis und Tennessee recht komplett und massiv nach oben streben und Houston eine Superstar-getriebene Unit stellt, wird es für die Jaguars umso schwerer, sich zu behaupten.

Im Prinzip muss die Pass-Defense auf einem Level annähernd 2017 operieren, Foles an der Obergrenze seines Leistungsvermögens spielen und der Draft eine überdurchschnittliche Erfolgsquote fabrizieren, damit Jacksonville als ernsthafter AFC-Contender durchgeht.

Für wahrscheinlicher muss man eine erneut harzige, teilweise unansehnliche, Offensive halten – gefolgt von Auseinanderfliegen des Ladens und Großreinemachen im nächsten Jänner. Es ist wahrscheinlicher, dass wir uns in einem Jahr darüber unterhalten, wie Jacksonville den Albatrossvertrag Foles los wird und welche Free Agents dann den Laden verlassen müssen, als dass wir den nächsten Playoffgegner der Jaguars scouten.

4 Kommentare zu “Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

  1. Wenn man das alles so liest über Coughlin, dann fällt es wirklich schwer zu verstehen, wie der Typ in seiner Giants Zeit am ehesten noch so was wie die große Nemesis von Belichick war. Kam mich zumindest immer so vor. (zusammen mit den kompletten Bronco Teams… mit wenigen Ausnahmen wir das Tebow Team in den Divisionals). Spiele gegen die Coughlin Giants haben sich aus Pats Sicht jedenfalls immer ungut angefühlt… selbst wenn am Ende doch mal ein Sieg rumgekommen sein sollte…

  2. Vielen Dank für den Artikel. Seferian-Jenkins wird bestimmt nicht mehr im Kader sein.
    Die Teamoption wurde nicht gezogen

  3. Die 5th-Year Option bei Bortles zu ziehen wäre ja völlig okay gewesen, aber erst Vertrag und jetzt rauswerfen, wirkt nach absolut keiner Strategie des Management.
    Genauso wie die Logik mit Fournette, viele Carries bedeuten viel Verschleiß und wenig Effizienz bringt halt nix.
    Ich meine Gronk war neben Brady der Stars der Patriots obwohl er oft kaum zu sehen war, aber halt als es darauf ankam.
    Aber mit Logik kommt man bei NFL Teams nicht weiter.

  4. Wenn Goff sich verletzt, ist Bortles starting QB beim Vizemeister (mit äußerst fähigem Coaching). Das könnte interessant werden.

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