Die Metcalf-Frage

WR D.K. Metcalf von Ole Miss ist eines der Prospects im NFL Draft 2019, das die Geister scheidet. Der kritische Punkt an diesem Prospect wird allerdings kaum diskutiert. Eine kurze Analyse.

Die Zahlen

Metcalf ist körperlich ein Hulk vor dem Herrn: 1.91m groß, 103 kg schwer. Metcalf sorgte in der NFL-Combine für Aufsehen, als er eine 4.33 Sprintzeit über 40 Yards hinknallte – für einen derart monströs gebauten Spielertypen eine unerhörte Zahl!

Metcalf spielte letzte Saison in der Offense der Ole Miss Rebels und fing dort 26 Pässe für 569 Yards und 5 Touchdowns. 22 Yards/Catch, doch bei nur 26 Catches in sieben Spielen!

Doch bei allen Grundvoraussetzungen: In der öffentlichen Diskussion um Metcalf scheint noch eine andere Zahl ein echter Knackpunkt zu sein: Er brauchte im „3-cone Drill“, der die laterale Agilität von Spielern misst, 7.38 Sekunden – ein Wert, der völlig steife, unbewegliche Hüften suggeriert. Zum Vergleich: Sogar Tom Brady war in diesem Drill vor 20 Jahren quicker!

Das Tape

Metcalf ist in fast allen Mock-Drafts dennoch 1st Rounder gesehen. Um das nachvollziehen zu können, habe ich mir den Spielern etwas genauer angeschaut. Tapes finden sich auf Youtube problemlos (Auswahl):

Gerade letzteres Video von Brent Kollmann spiegelt in etwa meine ersten Eindrücke wider: Metcalfs rohe Erscheinung am Feld erinnert sofort an Calvin Johnson, den atemberaubenden Wide Receiver der Detroit Lions, der zwischen 2007 und 2015 Defenses vor schwer lösbare Probleme stellte.

Wie Johnson ist Metcalf „man among boys“, überdies wie die Combine-Drills erwarten lässt brutal antrittsschnell und hat auch den nötigen „long end“-Speed um einer Defense auf tiefen Routen auf und davon zu laufen. Er ist extrem groß, physisch, um 1-vs-1 Duelle zu dominieren. Er ist kräftig genug um Cornerbacks an der Anspiellinie aus dem Weg zu räumen.

Metcalf scheint zwar nicht die sichersten Fanghände zu haben: 10.3% Drop-Rate in seiner letzten College-Saison weisen darauf hin – auch wenn Drop-Rates keine „sichere Tüte“ im Scouting sind. Doch Drops am College allein sind noch kein Killer – sie übertragen sich nur recht instabil vom College auf die NFL.

Nach dem 3-cone Drill wurde Metcalf nachgesagt, potenziell viel zu hüftsteif für die NFL zu sein. Doch dann lief er eim Pro-Day eine Zeit von 7.13 – problem solved. Doch selbst wenn Metcalf kein Upgrade mehr gegenüber seiner Combine geliefert hätte: Am Game-Tape zeigte sich das potenzielle Problem nicht (und dass Wide Receiver schwache 3-cone haben, das kennen wir auch bereits). Mit Metcalfs kräftige Beinen fällt die eingerostete Hüfte am „point of attack“ an der Anspiellinie nicht weiter auf.

Doch viel wichtiger: Auch Calvin Johnson war nie der „lateral beweglichste“. Trotzdem dominierte er auf Jahre die NFL, weil er entsprechend anders eingesetzt wurde als ein 5’11 Irrwisch mit 180 Grad biegsamen Hüften. Johnson lief im Wesentlichen in der NFL vier Routen:

  • Go Route
  • Post Route
  • Slant
  • Curl

Alle vier Routen verlangen keine absolute Beweglichkeit auf engstem Raum. Sie sind eher Routen um Defenses mit Antrittsschnelligkeit und Speed auseinanderzuziehen oder – im Fall des Slants – die Antrittsgeschwindigkeit in einem 45° Cut nach innen per „Momentum“ mitzunehmen um bei Anspiel in der Spielfeldmitte den wuchtigen Körper erfolgreich gegen Linebacker (der zu langsam ist), Cornerback (der zu klein ist) oder Safety (der im Regelfall zu klein oder zu langsam ist) einzusetzen.

Routenlaufen auf Metcalfs Tape zu bewerten ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, denn das Play-Design der Ole-Miss Offense ist am ehesten mit der Vokabel „retardiert“ zu beschreiben: Metcalf lief im Prinzip zwei Routen: Go (einfach geradeaus) und Curl (10m downfield, dann abrupt bremsen und umdrehen). Datt war’s. Niemals im Slot, immer links draußen an der Seitenlinie.

Konnten die Coaches nicht mehr von ihm verlangen, weil er nicht mehr draufhat? Möglich – aber zwischen der Go/Curl-Orgie gab es einige wenige vereinzelte Slants, die durchaus Metcalfs Potenzial auf diesen Routen andeuteten: Schnell nach innen abgezogen, Defensive Back ohne Anstrengung abgeschüttelt – bloß keine einzige Completion, weil der Quarterback den Ball in eine andere Richtung warf.

Gemessen an der Qualität von Play-Design und Quarterback-Play in der Rebels-Offense wäre ich eher geneigt, die Schuld beim Offensive Coordinator und QB Ta’amu zu suchen, wenn es um die Variabilität von Metcalfs Routen geht – im Zweifel für den Angeklagten, gerade mit dieser Indizienlage.

Zusammenfassung

Metcalf ist somit ein brutal physischer und extrem schneller Receiver, der auf Tape nicht viele Routen zeigt, aber die wenigen zeigt er recht dominant. Sein Antritt ist gigantisch, er schüttelt Receiver sowohl in Press- als auch in Off-Coverage ab. Er fängt nicht jeden Ball stabil – doch man muss ihm auch einen extrem unzuverlässig präzisen QB Ta’amu gutschreiben, mit dem es nicht einfach schien zusammenzuspielen.

Metcalf hatte nur 26 Receptions aus 42 Anspielen? Ein Argument – aber Metcalf lief auch nur insgesamt 201 Routen, machte dabei 2.83 Yards/Route-Run. Das ist der immerhin 18t-beste Wert im Lande – und sieht auch im Vergleich zu seinen Ole-Miss Draftkollegen ganz passabel aus:

  • WR A.J. Brown, für viele auch einer für 1te oder 2te Runde, war etwas besser mit 3.01 YPRR (#14 im Lande)
  • WR Damarkus Lodge hatte 2.24 YPRR (#47)
  • TE Dawson Knox, für viele Sleeper auf Runde 1, hatte 1.16 YPRR (#32 unter Tight Ends)

Wer Metcalf draftet, draftet einen X-Receiver, der vielleicht hie und da im Slot einsetzbar ist. Metcalf ist ein Receiver für die vertikalen Routen. Er mag nicht der beweglichste auf engstem Raum sein – doch richtig eingesetzt ist er ein Receiver-Talent, das Gegner überlaufen und überpowern kann – eine seltene Eigenschaft in der NFL.

Drafte Metcalf um ihn als neuen Wes Welker einzusetzen und du wirst auf die Fresse fliegen. Drafte ihn jedoch mit dem Hintergedanken, einen Mini-Calvin Johnson aufzuziehen, und plötzlich gibt es eine Chance – ein Prospect, das einen echten WR1 (als isoliverter X-Receiver in Manndeckung) geben und somit sportlich einen 1st Round Pick wert ist.

Das große Warnsignal

Die Krux an Metcalf ist für mich eine andere – und sie hat wenig mit schwachem 3-Cone Drill und limitiertem Route-Tree zu tun: Verletzungen. Metcalf hat eine ungute Verletzungsgeschichte: 2016 die ganze Saison mit Fußverletzung verpasst, 2018 die halbe Saison mit einer Nackenverletzung in Woche 7.

Solche monströsen Körper und eine solche Verletzungsgeschichtescary shit. Vorausgesetzt, ich habe einen Offensive Coordinator im Kader, dem ich zutraue, Metcalf gemäß seiner Talente einzusetzen (in der NFL ein wichtiges Wenn), wäre dieses Verletzungsfragezeichen das entscheidende Kriterium in meiner Risikobewertung dieses Prospects.

Sportlich sehe ich den Hype. Doch wenn er wieder die halbe Saison wegen Zipperlein runtermuss: I’ve told you so.

4 Kommentare zu “Die Metcalf-Frage

  1. Irgendwie denke ich bei Metcalf direkt an Kevin White, den Chicago vor ein paar Jahren in den Top10 gezogen hat. Kompletter Bust bisher, hauptsächlich wegen Verletzungen.

    Ich halte den Hype im Draft um physisch talentierte Spieler, die krasse Athleten sind, sowieso zu krass. Scheinbar rückt Produktion am College zu gunsten von Athletik eher in den Hintergrund. Das halte ich persönlich für falsch.

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