Detroit Lions in der Sezierstunde

Die Detroit Lions kommen aus einer sportlich unauffälligen Saison (6-10 Bilanz) mit vielen Nebengeräuschen abseits des Spielfelds. Die sportliche Führung geht damit bereits angeschossen in die neue Saison.


Der Lions-Absturz auf den letzten Platz in der NFC North kam weder überraschend noch war er als sportliche Katastrophe im Jahr 1 von Head Coach Matt Patricia zu werten – doch er war tief genug, dass sich der kauzige, etwas grobe Patricia bereits mit der Medienlandschaft in Detroit aufrieb und als Folge schon angezählt ist.

Patricia und GM Bob Quinn stehen bei den Lions bereits auf dem Prüfstand, weil der Umbruch den einen Granden nicht passte und den anderen nicht schnell genug geht – dabei war Quinn bereits letzte Offseason ultra-aggressiv in seiner Offseason-Einkaufstour, und auch in dieser Offseason pulverte Quinn wieder die Millionen nur so auf den Markt, vornehmlich für ehemalige Weggenossen:

  • Ex-Patriots WR Amendola (5 Mio)
  • Ex-Patriots CB Justin Coleman (9 Mio/Jahr)
  • Ex-Patriots DE Trey Flowers (17 Mio/Jahr)
  • TE Jesse James

Es sind Einkäufe, die genau die Schwächen im Kader der Lions adressieren – doch es sind auch alles Einkäufe, die der Mentor des Führungsduos, New Englands Bill Belichick, in dieser Form nicht getätigt hätte. Die Lions operieren – auch wenn man das angesichts Quinn und Patricias Vergangenheit gerne vermuten würde – nicht nach dem „Patriots Way“. Sie zeigen vielmehr bereits die Symptome einer schwer angeschossenen sportlichen Leitung, die den zunehmenden Druck spürt. 2018 war Umbruch – 2019 fordert die Fanbase mindestens Konkurrenzfähigkeit, eher sollten es die Playoffs werden. Ein Unterfangen, das in der engen NFC North nicht einfach wird.

Defense

Was schon im Laufe der zweiten Saisonhälfte 2018 zu sehen war: Die Defensive-Front nimmt Formen an. Mit dem unterjährig eingekauften DT Snacks Harrison verwandelte sich die Run-Defense zu einem Bollwerk (#3 Run Defense in der zweiten Saisonhälfte nach Success-Rate, #6 nach EPA/Run), und die DTs A’Shawn Robinson / DT DeShaun Hand entwickelten sich zu den vielseitigen Defense Linern, für die Patricia auch in New England berühmt war.

Es hakelte „vorne“ einzig noch am Pass Rush, wo es aufgrund des dauerverletzten Ziggy Ansah weder ein Individualtalent gab, noch hatte der Pass Rush wegen zu instabiler Deckung eine Chance, per Scheming zu greifen. Patricias Abwehrverhalten führte zwar zu einigen faszinierenden Partien wie z.B. gegen Patriots und Rams, deren Monster-Offenses man alles abverlangte. Aber gegen simpel gestrickte Angriffe wie z.B. Trubisky/Chicago wurden die Lions komplett ausgekontert.

Der Premium-Free Agent DE Trey Flowers ist nun zwar extrem teuer, aber in der Theorie auch der beste Passrusher seit Ndamukong Suh, der sich ein Lions-Shirt überstreift. Flowers verzeichnete in den letzten beiden Jahren 78 und 77 QB-Pressures, gilt aber obendrauf als vielseitig genug um auch Run-Defense und mehrere Positionen in der Line zu spielen. Er passt sportlich haarklein ins Konzept Patricias.

Überragender individueller Passrush ist nicht das höchste Ziel im System Patricia – vielmehr ist es ein funktionaler Passrush, der gut genug ist um der Defense das zu ermöglichen, nach dem Patricia wie auch Meister Belichick strebt: Adaptive Verteidigung, die sich an alle denkbaren Gegebenheiten anpassen kann. Und obwohl Detroit letzte Saison die 4t-beste Sack-Rate der NFL verzeichnete, war der Passrush dafür nicht gut genug: 27% QB-Pressure Rate war der 5t-schlechteste Wert in der NFL. Das führt u.a. zur #31 Pass-Defense nach DVOA (6.7 NY/A, und schlechteste INT-Quote der Liga).

Bessere individuelle Passrusher an der Front sind ein Weg, Passverteidigung zu stärken. Die andere Seite ist die Coverage – die auf zwei Arten helfen kann: Deckung und als zeitlicher Puffer um dem Passrush die Sekundenbruchteile zu geben um durchzubrechen. Die Lions verstärkten beides, denn sie steckten auch Ressourcen in ihre Secondary. (Eine dritte ist Regression zur Mitte, die bei Interceptions zuschlagen sollte.)

Und zwar vornehmlich in Slot-CB Colemans Einkauf erweisen: Der Slot war 2018 die große Problemzone in der Deckung:

  • 130 Targets, 93 Catches für 1281 Yards
  • 9 Yards/Slot-Target, abgeschlagen #32 der NFL
  • 9 kassierte Touchdowns, nur 1 INT

Nur zwei weitere Teams, Saints und Raiders, kassierten überhaupt noch 9 oder mehr Yards/Slot-Target, nur fünf Teams kassierten mehr Touchdowns. Unter solchen Umständen war es nachvollziehbar, dass Detroit die Moneten für Coleman auspackte, der in Seattle in den letzten zwei Jahren zu einem soliden Cornerback gereift war.

Cornerback ist mit CB1 Darius Slay und Coleman, zuzüglich dem jüngst billig vom Transfermarkt aufgeklaubten Routinier CB Rashaan Melvin, plötzlich nicht mehr die Sollbruchstelle schon auf dem Papier. Es bleibt freilich eine Position, auf der es noch den einen oder anderen Draftpick verträgt (CB Tabor hat zwei horrende Jahre hinter sich), doch sie sieht schon wesentlich besser aus als noch im letzten Herbst.

Auf Safety ließ man den 33-jährigen FS Quin ziehen – doch das verbleibende Trio Tracy Walker / Quandre Diggs / Tavon Wilson gilt als gut genug für höhere Ansprüche. Vor allem Walker war als Rookie in limitierter Einsatzzeit ein Versprechen. Das bleibende Risiko: Weder Walker noch Wilson waren bislang Vollzeit-Starter.

Das größte Fragezeichen bleibt auf Linebacker, wo der junge Jarrad Davis nach zwei Jahren nicht mehr als fantastisches Potenzial angedeutet hat. Davis hat über alle seine Snaps PFF-Benotungen auf Niveau eines Ergänzungsspielers, wird im Lions-System aber als Linebacker im Sinne eines Hightower gebraucht. Sein Durchbruch ist von zentraler Bedeutung, will Detroits Abwehr im kommenden Herbst zueinander finden.

Viel Konjunktiv, aber eine mögliche Verbesserung ist wesentlich mehr wert als ein sicheres Versagen – und so ist die Lions-Defense 2019 eine der interessanteren Units in der NFL. Patricia operiert nicht nach dem Schema F. Seine Neuerungen griffen bereits 2019 in Spurenelementen – jetzt, wo personell wesentlich nachgebessert wurde, könnte der große Schritt nach vorne folgen.

Offense

Ähnlich viele Fragezeichen gibt es in der Offense, wo es an vorderster Front einen neuen OffCoord Darrell Bevell gibt. Bevell wurde geholt um den Angriff auf breitere Füße zu stellen. Die Kommentare der Verantwortlichen gingen in etwa in die Richtung „Im Winter gewinnt Laufspiel“ – und nach diesem Play-Call kann man sogar in etwa nachvollziehen, dass Bevell zeitlebens skeptisch gegen das Passspiel bleiben wird.

Dennoch bleibt die Einstellung dubios – Patricia selbst war an der Seitenlinie, als die Patriots Baltimore in den Playoffs fast ohne Laufspiel mit 35-31 schlugen. Er sollte es besser wissen. Ist das Laufspiel-Mantra bloß leere Worthülse? Eher nein – schließlich investierte Bob Quinn in den letzten zwei Offseasons massiv in Guards, Center und Runningback, die wesentlichsten Positionen für das Laufspiel.


Skeptisch stimmt auch der Coordinator selbst – bzw. seine Historie.

Bevells Verkaufsschlager in der NFL ist seine Entwicklung von Russell Wilson in Seattle. Wilson und Lions-QB Matthew Stafford – zwei fast identische Spielertypen. Was soll also schief gehen?


Es bleibt eine bange Frage, wie Bevell den zuletzt in der Vergangenheit stecken gebliebenen Angriff modernisieren will. Personelle Moves wurden in den letzten Jahren zahlreiche – wenn auch nicht immer „analytisch brauchbare“ – gemacht:

  • 2017 die Einkaufstour in der Offense Line
  • 2018 Draft von C/OG Frank Ragnow (1te Runde) und RB Kerryon Johnson (2te Runde)
  • 2019 Einkauf von WR Danny Amendola und TE Jesse James

Amendola ist wie die Verteidiger Flowers/Coleman ein ehemaliger Patriots-Spieler und als solcher Patricia bereits bestens bekannt. Er ist nicht mehr der beweglichste, gilt aber als recht billiger Ersatz für den letztes Jahr auf den letzten Drücker noch verkauften WR Golden Tate im Slot. Slot – auch in der Offense die Zone, in der die Lions-Offense versagte:

  • 3 Yards/Slot-Target, #28 der NFL
  • Ohne Golden Tate: 6.7 Yards/Slot-Target, #31 der NFL

Der fantastische #1 WR Kenny Golladay, Deep-Threat Marvin Jones und Amendola liest sich auf dem Papier wie ein valides Receiving-Trio – doch noch etwas dünn: Schon bei der ersten Verletzung fehlen die Alternativen, die dann heißen T.J. oder Andy Jones.

Doch kritisch ist in der Theorie nicht das Personal. Das steht grosso modo seit Jahren – und QB Stafford ist bei allen Tools auch eine bekannte Größe: Einer der „Guten“, die es nicht mehr zum Elite-QB schaffen werden. Einer jener QBs, die für deine Franchise „Fegfeuer-QB“ bedeuten. Besser als ein Nick Foles oder Mariota, aber definitiv unterhalb der Gewichtsklasse Wilson/Luck anzusiedeln. Stafford braucht also ein funktionierendes Gebilde um zu funktionieren. Er ist kein Wilson, der ein System zum Funktionieren bringt.

Es gilt, mit optimierten Play-Design und Play-Calling das bestmögliche aus Stafford herauszuwringen. Das bedeutet: Höhere Passing-Rate in den Early-Downs, Traute auf tiefes Passspiel, Kurzpassspiel in die Flat- und Slant-Zonen. Und just unter diesem Gesichtspunkt sind die Vorgaben aus dem Front-Office sowie die vielen Investitionen ins Laufspiel problematisch. Es riecht danach, dass Detroit erneut zu viele 1st Downs in die Mauer laufen und korsakoff erneut einen Herbst lang in meine Couch beißen wird.

Was bleibt noch zu tun?

Kleinarbeit. Es gäbe durchaus noch billige Free Agents, die hie und da eine Rolle spielen könnten, doch wesentliche Löcher im Kader bis vielleicht auf Offensive Guard sind gestopft. Im Draft halten die Lions den #8 Pick in jeder Runde, und sie haben zwei 3rd Rounder. Vor allem mit dem 1st-Rounder stehen den Lions viele Optionen offen – sie können ohne zu viele Gedanken an „Needs“ nach Gutdünken draften:

  • Pass Rusher – nicht mehr die Position der größten Sorge und in einer tiefen Klasse auch noch in Runde 2 oder 3 bedienbar, aber wenn ein überzeugendes Prospect da ist: Flowers & Rookie-Passrusher, das hätte Potenzial. Sollte einer wie DT Ed Oliver oder Quinnen Williams auf #8 durchrutschen, wird Quinn zugreifen.
  • Cornerback – Ein Greedy Williams als künftiger CB2 zwischen Slay und Coleman.
  • Tight End – Letzte annähernd offene „Need“-Position in der Offense und eine wirtschaftlich gesehen „billigere“ Position als Wide Receiver. Aber traut sich Detroit, fünf Jahren nach „Ebron over OBJ“ noch einmal, Tight End in den Top-10 zu draften? Vielleicht Hockenson, den Mini-Gronkowski aus dem Patricia-kompatiblen Trainerstab von Iowa?

Ausblick

Dass die Lions unter Quinn/Patricia annähernd im Modus Belichick operieren werden, kann man wohl bereits mit heutigem Tag abschminken. Doch gleichwohl gelten noch drei Prämissen:

  • Patricia ist einer der besseren Coaches, und er kann eine Defense flexibel gestalten und punktgenau auf einen Gegner einstellen.
  • Das entsprechende Personal dafür ist nun auf dem Papier beisammen.
  • Offense ist personell gut genug besetzt um im oberen Drittel der NFL klassiert zu sein – es liegt nun am Play-Calling

Die NFC North ist keine einfache Division – doch die Lions sollten in dieser Offseason die Lücke zur Konkurrenz etwas geschlossen haben. Schlägt die Rookieklasse voll ein, ist auch ein Mitreden um die Playoff-Plätze nicht ausgeschlossen.

4 Kommentare zu “Detroit Lions in der Sezierstunde

  1. Du schaffst es sogar, mir die Lions schmackhaft zu machen 🙂

    Habe Patricia nach dem Eagles SB eigentlich für eine Pflaume gehalten und das angesprochene Bears Spiel war deprimierend aber da waren tatsächlich auch einige gute Defense Partien dabei, die Grund für Hoffnung machen. Vielleicht kann Patricia ja doch was…

    Wie siehst du Stafford? Die Combination aus seinem Vertrag und Leistung ist ja eigentlich genau das, was Teams heute in der NFL nicht mehr wollen: Gut und teuer. Finde ja, dass Stafford in den letzten Jahren zu viel eingebremst wurde.

    Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr würde ich einen TE wie Hockenson an #8 in Detroit sehen.

  2. Stafford, der Spieler, ist okay. Ich bin allerdings der Meinung, dass er sich seit Caldwells Anstellung weniger stark entwickelt hat wie das im Mainstream angekommen ist (Effizienz-Zahlen sind eher rückläufig). Die letzten beiden Saisons waren enttäuschend.

    Das Problem an Stafford ist der Monstervertrag. Er ist die Definition von „QB-Fegfeuer“. Es wäre in der Tat ein Befreiungsschlag, wenn man sich von diesem Vertrag lösen könnte, sofern man eine Chance hat, einen Rookie-QB zu ziehen.

    Ein passabler 1st-Round QB dürfte durchaus imstande sein, Staffords Produktion annähernd zu replizieren. Für 7 Mio/Jahr anstelle von 30 Mio/Jahr.

    Detroit würde allerdings 25 Mio Dead-Cap für ein Jahr fressen. Weil Quinn/Patricia unter Druck stehen, wird es diesen Befreiungsschlag nicht geben. Nach 2020 wäre eine Trennung verschmerzbar: 5.5 Mio Dead-Cap, 25 Mio. Ersparnis.

  3. Was heißt begrüßen?

    Einen besseren QB musst du erstmal finden – zumal Stafford in den letzten zwei Jahren von einem ideenlosen System gebremst wurde.

    Einen neuen QB zu finden um des neuen QB willen, scheint mir eine suspekte Strategie. Aber sagen wir so: Ein Carson Wentz unter Rookievertrag ist sicherlich die wünschenswertere Option als ein Stafford mit 30 Mio/Jahr Albatross Vertrag.

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