Denver Broncos in der Sezierstunde

Die Denver Broncos halten im NFL-Draft den 10ten Pick. Sie sind eines der am schwierigsten zu lesenden Teams.

Auf der einen Seite hätten wir den quasi-GM John Elway, dessen Erfolgsquote vor allem auf der Quarterback-Position nach dem Superbowl-Gewinn von 2015/16 übelst zu wünschen übrig lässt.

Auf der anderen Seite ist da der neue Head Coach, Vic Fangio, ein bereits 60-jähriger Linebacker-Guru, der noch nie auf NFL-Ebene die letzte Verantwortung zu tragen hatte und als relative Unbekannte in die Saison geht – zumal auch die Qualitäten vom neuen OffCoord Rich Scangarello nach der überraschenden Nichtanstellung von Gary Kubiak offen sind.

Obendrein kannst du eine seit Peyton Mannings Kollaps Ende 2014 maximal instabile Quarterback-Situation werfen, die nach dem bizarren Einkauf von Joe Flacco aus Baltimore eher mehr als weniger Fragezeichen aufwirft.

Nach 5-11 und 6-10 Saisons, die jeweils von grauenhafter Offense (#31 nach DVOA 2017, #24 letztes Jahr) gespoilert wurden, hätte man eigentlich annehmen können, dass die Broncos ihre Offseason-Anstrengungen in die Offensive stecken würden.

Defense

Doch die Moves auf der Trainerposition wie auch auf dem Transfermarkt gingen eher in die Richtung, die Qualität in der #5 Defense der letzten Saison noch höher zu schrauben.

Die Defense wurde mit CB Kareem Jackson aus Houston sowie CB Bryce Callahan aus Chicago verstärkt. Callahan kannte Fangio aus Chicago (wo er zuletzt DefCoord war). Er operierte dort als Slot-Corner. Sein auch finanziell vertretbarer Einkauf erlaubt es den Broncos, den Star-CB Chris Harris nach draußen zu schieben – viel bessere Cornerback-Trios wird man in der NFL nicht finden.

Auch Pass Rush gilt mit den EDGE-Verteidigern Miller (64 Pressures, 16 Sacks) und Chubb (57 Pressures, 13 Sacks als Rookie) als schwer gesattelt, wenn auch nach Shane Rays Abgang als etwas dünn hinter dem Spitzenduo.

Die Schwächen liegen in der Linebacker-Position, wo weder Todd Davis noch Will Parks höchsten Ansprüchen genügen. Beide sind zu langsam – und langsame Linebacker bremsen die komplette Defense. Sagt die Theorie.

Offense

Verglichen mit der Transfertätigkeit in der Abwehr blieb Elway in der Offense auffällig zurückhaltend.

Der „Königstransfer“ war der Einkauf von QB Flacco, der Keenum ersetzt. Den Trade für Flacco verstand niemand. Er ist kein wirkliches Upgrade gegenüber seinem Vorgänger, und er ist teuer (18 Mio). Flacco hat einen monströsen Wurfarm, der in Baltimore seit Jahren unter Verschluss gehalten wurde um den Schaden (für das eigene Team wohlgemerkt) in Grenzen zu halten.

Weil Flacco so teuer war, musste man in der Offensive Line personell nachgeben: Beide Guards sowie Center Paradis musste man ziehen lassen, weil man knapp 25 Mio. in keine Lösung auf Quarterback investiert hat (Flacco 18 Mio, Keenums Dead-Money 7 Mio).

Man scheint auf drei Pfeiler vertrauen zu wollen: LT Bolles, der sich ganz passabel entwickelt hat, den aus Miami geholten Free-Agent RT Ja’Wuan James und den neuen O-Line Coach, Mike Munchak, der aus Pittsburgh kommt.

Auf den Skill-Positions blieb man untätig, vertraut offensichtlich ein weiteres Jahr auf die WRs Sanders/Sutton sowie das Tight-End Duo Butt/Heuerman. Auf Runningback geht man offensichtlich davon aus, dass der letztjährigen Rookie-Überraschung Lindsay weiterhin das Zone-Blocking weiter verlässlich die Yards freiblockt.

Wo hakt es noch?

Defense wurde bis auf Linebacker ge-upgradet. In der Offense bleibt die große Baustelle Quarterback, die alles zurückhält, und eine „1b-Lücke“ auf Interior Offense Line. Denver hält den #10, #41 und #71 Draftpick in den ersten drei Runden. Was Elway nun genau vorhat, ist vor dem Draft so schwer zu lesen.

Quarterback – OffCoord Scangarello kommt aus dem Kubiak/Shanahan-System, das eigentlich mobilere Quarterbacks mit Timing-basiertem Spiel bevorzugt. Flacco ist eine Statue und kennt aus den letzten Jahren fast nur Shotgun. Das passt im Prinzip nicht zur Shanahan-Offense.

Eine der naheliegendsten Vermutungen ist, dass Denver an #10 einen Quarterback wie Drew Lock ziehen könnte. Doch dann kann zu bedenken geben, dass Lock ein relativ Flacco-ähnlicher Spielertyp ist: Fetter Arm, recht unbeweglich in der Pocket, Shotgun-Monster, aber sehr unpräzise auf kurzen und mittellangen Routen:

Linebacker – Niemand zweifelt daran, dass den Broncos am meisten geholfen wäre mit einem Upgrade auf Quarterback, doch die Frage ist, ob sich Denver mit einer möglichen zweitklassigen QB-Lösung zufrieden geben sollte. Langfristig ist eine Fehlentscheidung auf QB eher tragisch als ein Fehler auf einer anderen Position.

Und: Fangio ist Linebacker-Fetischist. Es ist nicht unmöglich, dass Elway seinem neuen Coach einen der beiden Top-Linebacker – Davis oder Bush – draften wird, wenn er an #10 noch verfügbar ist. Vor allein eine Liaison Fangio/White gilt als Traum-Szenario. Wie heftig bejubeln man ein solches Szenario aus Broncos-Sicht sollte, bleibt abzuwarten. Ich bin eher skeptisch gegenüber hohen Draftpicks in eher mittelprächtige Positionen – doch seien wir ehrlich: Die Schwächen der Broncos-Mannschaft 2019 auf dem Papier matchen sich nicht gut mit der Qualität der Draftklasse

Offense Line – Gilt mangels „Positional Value“ und auch mangels „High End Talent“ als fraglich in der 1ten Runde, aber fast alle gehen davon aus, dass Denver in Runde 2 oder 3 nach einem Interior Offense Lineman greifen wird.

Was wird also passieren?

Müsste ich Szenario-Management spielen, würde ich auf folgendes tippen: Elway hat durchaus ein Auge auf die Quarterback-Position geworfen. Doch er würde nicht auf Teufel komm raus QB draften. Für einen super-ambitionierten Trade nach oben reicht wohl die Munition nicht, weswegen ich den #10 Pick so sehen würde:

  • Ist Dwayne Haskins verfügbar, zieht Elway Haskins
  • Ist Haskins nicht verfügbar, zieht Denver LB Devin White, sofern dieser noch am Board ist
  • Ist auch White weg, wird ein Trade nach unten plötzlich zu einer echten Option – oder würde er wirklich Lock ziehen?

Eine Einberufung Locks hielte ich für mein Empfinden für kaum vorstellbar – zu groß scheint mir die Diskrepanz zwischen dem, was Lock zu werden verspricht und dem, was die Broncos-Offense unter einem Shanahan/Kubiak-Schüler ausmacht, zu sein. Aber ist sich Elway, der beim Gedanken an 1.95m Quarterbacks nasse Höschen bekommt,  sich dessen bewusst?

Andererseits… QB ist die Position, die Denver mit einem Upgrade auf Ligadurchschnitt am schnellsten zurück in die Playoff-Debatte bringt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Elway mit Nachdruck einen Big-Arm QB zu verpflichten versucht.

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