Cincinnati Bengals in der Sezierstunde

Zäsur in Cincinnati: Nach 16 Jahren Marvin Lewis, der trotz sieben Playoff-Qualifikationen nie einen Sieg in der Postseason schaffte, übernimmt nun eine neue sportliche Leitung unter der Führung des völlig unbekannten Head Coach Zac Taylor.

Wie die NFL 2019 Coaches sucht, hat sich mittlerweile als Running-Joke etabliert:

GM: Kennst du Sean McVay?

Kandidat: „Ja“.

GM: Okay, hast den Job!

So oder ähnlich verlief Taylors Anstellung als neuer Cheftrainer der Bengals, denn Taylor konnte gewaltig punkten: Er war McVays Quarterback-Coach bei den Rams. Also jener Offense, die in den letzten Jahren in der NFL in Mode kam: Viel 11-Personnel, viel Play-Action, tiefere Routen, eingebaute Jet-Sweeps und extrem viel Motion an der Anspiellinie.

Taylors Anstellung wirkt nicht zwingend konsequent. Sie wirkt in Teilen wie eine Verlegenheitsanstellung nach dem Abgang von Lewis – wir wollen auch an der Offense-Revolution teilhaben! Gebt mir den jüngsten Offense-Coach mit McVay Verbindung, den ihr finden könnt!

Sie kommt nach 16 Jahren Marv, der gemessen an den Möglichkeiten (Hedacoach/GM in Personalunion, Owner, der kein Geld für große Free-Agent Verpflichtungen ausgibt) recht viel machte aus dem jahrelangen hässlichen Entlein der NFL.

Einen guten Vergleich für den Zustand der Bengals um 2002, als ich zur NFL kam, gibt es heute nicht mehr. Die Browns oder Raiders vor ein paar Jahren vielleicht: Ein Chaotenhaufen, in dem kein vernünftiger Mensch sich freiwillig anstellen ließ. Lewis, Architekt der legendären Ravens-Defense 2000, traut sich – und schaffte den Umbruch. Doch er schaffte es am Ende nie aus dem Mittelmaß heraus – in den beiden Spielzeiten, in denen er valide Superbowl-Contender unter seinen Fittichen hatte, verletzte sich jeweils zur Crunch-Time der Quarterback: 2005/06 Carson Palmer beim ersten Passversuch in den Playoffs, 20015/16 Andy Dalton kurz vor den Playoffs.

Lewis war Defense und leise. Taylor ist Offense und soll nun frischen Wind bringen.

Ausgangslage in der Offense

Will er nach oben, wird früher oder später ein Umbruch auf der Quarterback-Position unumgänglich: Daltons Limits sind längst bekannt. Er ist ein sympathischer Knabe, der funktioniert, wenn die Rahmenbedingungen um ihn herum perfekt sind. Doch die Rahmenbedingungen in Cincinnati stimmen seit Jahren nicht mehr:

Offense Line: OT Withworth, OG Zeitler oder OT Andre Brown konnten nie ersetzt werden. In der Bengals-OL 2019 gibt es in LT Glenn eine Konstante, mit dem jungen C Billy Price (1st Rounder 2018) einen Hoffnungsträger, in RT Bobby Hart einen jüngst verlängerten Mann, bei dem sich alle fragen, warum die Bengals 7 Mio/Jahr für ihn locker machten – und zwei große Fragezeichen auf Guard.

Wide Receiver: A.J. Green ist einer der atmberaubenden Wide-Receiver Superstars unserer Generation, aber hinter ihm sieht es düster aus. Slot-WR Boyd hatte ein gutes Jahr 2018, aber es war seine erste gute Saison seit Jahren, und WR John Ross, 1st Rounder 2017, ist gefährlich nahe am Label „Super-Bust“.

Tight End: Tyler Eifert ist wenn fit ein Top-Mann, aber er ist nie fit – und Backup Kroft wurde nach Buffalo ziehen gelassen.

Runningback: Mit Mixon/Bernard noch die stabilste Position. Doch mit guten Runningbacks allein gewinnst du keinen Blumentopf.

Wird Cincinnati mit Dalton weitermachen? Klar ist: Daltons Vertrag läuft mit Ende Saison 2019 aus – und er wird keine vorzeitige Vertragsverlängerung bekommen. Dass Dalton mit Taylors Ankunft keine langfristige Zukunft hat, darf als relativ gesichert gelten. Dalton ist ein guter Play-Action Fit für Taylors Offense, aber spätestens 2020 ist jede Rookie-Lösung schon allein durch Rookievertrag die wirtschaftlichere Lösung.

Was ist mit der Defense?

Diese kollabierte 2018 in der zweiten Saisonhälfte unter zahlreichen Ausfällen. Auf dem Papier ist die Bengals-Defense abseits von Linebacker, wo man sich vom langjährigen „Führungsspieler“ Burfict trennte, nicht katastrophal besetzt:

  • Defensive Line: DT Geno Atkins (noch immer 64 QB-Pressures), EDGE Carl Lawson (25 QB-Pressures in 172 Snaps), EDGE Dunlap (48 Pressures), EDGE Sam Hubbard (29 QB-Pressures), dazu der solide Run-Defender DT Billings
  • Secondary: CB Dennard, DB Kirkpatrick, CB Jackson III plus das Safety-Trio Bates/Williams/Fejedelem

Es gibt schlechtere Einheiten. Die Fragezeichen konzentrieren sich auf Linebacker (letztes Jahr viele zugelassene Completions über die Spielfeldmitte um 6-15 Yards Tiefe) und natürlich die Position des Defensive Coordinators, wo Cincinnati erst nach wochenlanger Suche bei Lou Anarumu fündig wurde. Nie gehört, den Namen? Keine Sorgen – niemand kannte Anarumu, der zuletzt bei den Dolphins und Giants Defensive Backs coachte und noch nie einen Coordinator-Posten innehatte.

Bisherige Aktivitäten

In der Free Agency blieb Cincinnati recht inaktiv – nicht verwunderlich, denn nach Marv Lewis‘ Abgang übernahm Owner Mike Brown selbst die GM-Aufgaben – was hässlichen enden wird. Bekanntere Einkäufe = Fehlanzeige. Der auffälligste Move war OT Harts überteuerte Vertragsverlängerung. WR John Ross dürfte eventuell noch auf dem Trade-Block stehen.

Löcher im Kader zählste erstmal viele:

  • 2x Offensive Guard und Right Tackle
  • Tight End
  • Mindestens 1x Linebacker
  • Eventuell einmal Defensive Line (Atkins wird nicht jünger)

Die Quarterback-Frage

Und natürlich der springende Punkt: Quarterback. Das Dilemma ist schnell grob umrissen: Dalton ist „QB-Fegfeuer“. Ein Upgrade zu Dalton kriegst du auf zwei Wegen:

  1. Franchise-QB via Draft – doch das kostet fast immer einen Top-3 Pick.
  2. Mid-Level Prospect – Nicht besser als Dalton, aber billiger (statt 15-20 Mio/Jahr nur 5 Mio/Jahr), und im schlimmsten Fall auch einen 1st-Round Pick kostend.

Doch Mid-Level Prospect hatten die Bengals nun acht Jahre lang. Sie wurden damit nicht glücklich.

Es gilt als unwahrscheinlich, dass die Bengals in den Markt um einen Quarterback wie Haskins einsteigen können – oder dass sie in den Markt um einen Drew Lock einsteigen wollen. Wären sie bereit, einen Mid-Round Pick für einen unspektakulären Daniel Jones zu investieren? Bekämen sie Jones dann überhaupt noch? Wollen sie nach dem „Low-Ceiling“ QB Dalton überhaupt noch einmal einen „Low-Ceiling QB“ wie Jones?

Das sind die zentralen Fragen.

Gehen die Bengals im Draft nach unmittelbarem „Need“, ziehen sie an #11 einen der „Devin“-Linebackers: Bush oder White. Danach ist alles offen. Denkbar ist auch erbarmungsloses Einberufen von Line-Spielern in Offensive und Defensive Line und ein Vertagen der Quarterback-Frage auf die Zeit, in der Dalton ein anderes Trikot anhaben wird.

Ausblick

Keine einfache Zeit für Cincinnati, wo immer enge AFC North in den Cleveland Browns einen dritten Contender bekommen hat. Und keine einfache Aufgabe für Taylor, der zum Headcoach-Posten kam wie die Jungfrau zum Kind und sich jetzt mit einer ungemütlichen GM-Situation auseinandersetzen muss.

Gut für Taylor: Cincinnatis Fanbase ist geduldiger als die durchschnittliche, und er übernimmt einen Kader, der letztlich 2019 wohl unter Wert geschlagen wurde: 6-10, aber 1-7 in den letzten acht Spielen nach zahlreichen Verletzungen, darunter auf Quarterback.

Um wieder nach oben zu kommen und einen Contender zu führen, müsste in vielen Mannschaftsteilen viel passieren – aber zuallererst muss die künftige Quarterback-Besetzung geklärt werden. Dass das 2019 passieren wird, ist unwahrscheinlich. „Frontalangriff“ in Cincinnati wird sowieso kaum passieren, aber die Wette steht eher gut, dass die Bengals eher auf 2020 schauen, wenn sie wirkliche Veränderungen im Kader in Angriff nehmen werden.

Ein Kommentar zu “Cincinnati Bengals in der Sezierstunde

  1. Ich finde Clint Boling auf LG gar nicht so schlecht. Warum siehst Du ihn als Wackelkandidat?
    Vielen Dank für die super Analysen!

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