Die beiden Linebacker-Stars im NFL-Draft 2019 in der Analyse

Linebacker ist historisch eine der wichtigsten Positionen im American Football. Je nach 4-3 oder 3-4 Grundaufstellung in der Defense brauchten Teams in Vergangenheit im Kader drei bis vier Starting-Linebacker. Mit zunehmendem Aufkommen der Spread-Offenses und 11-Personnel in der NFL in den letzten 8-12 Jahren hat die traditionelle Linebacker-Position immer stärker an Wert verloren.

Denn: 11-Personnel bedeutet 1 RB, 1 TE und 3 WR in der Grundaufstellung. In den letzten Jahren stieg die Nutzung von 11-Personnel auf ligaweit im Schnitt über 60% der Snaps. Der dritte Wide Receiver ist dort für gewöhnlich im Slot aufgestellt – in der Zone zwischen Offense Line und Wideouts. Wide Receiver sind von Linebackern kaum zu verteidigen – ergo wurde das früher als Sub/3rd Down-Package verschriene Nickel-Package zur eigentlichen Stammformation einer jeden NFL-Defense. Nickel-Defense ist 4-2-5 Aufstellung. Ergo nur noch zwei Linebacker in der Aufstellung.

Die „Linebacker“-Deklarierung in der gegenwärtigen NFL ist etwas gefährlich: Leute wie Von Miller oder Jadeveon Clowney werden als „Linebacker“ geführt. Auf diesem Blog habe ich schon vor 5 Jahren die Neuklassifizierung der Positionen diskutiert:

  • DI = Defensive Interior. 4-3 DT und 3-4 DE
  • EDGE = Edge Rusher. 4-3 DE und 3-4 OLB
  • LB = Off-Ball Linebacker. 4-3 MLB und 3-4 ILB

Der Common-Sense hat in den letzten 1-2 Jahren eine neue hippe Bezeichnung für den modernen Linebacker gefunden: „Off-Ball Linebacker“ – die Linebacker, die nicht primär als verkappte Edge-Rusher im Kader stehen, sondern vor allem hinten die Mitte dicht machen sollen. Diejenigen, deren Ideal nicht Clowney, sondern Bobby Wagner, Patrick Willis, Luke Kuechly oder aber auch Deion Jones ist.

Anforderungsprofil

Kurz: Der klassische Run-Stuffer ist out. Für moderne Linebacker gilt: Speed und „Range“ (Fähigkeit, möglichst großflächige Räume abzudecken) sind wichtiger als blitzsauberes Tackling und Härte. Wo Linebacker früher als absolute Tackling-Maschinen galten, ist heute wichtiger, dass sie athletisch genug sind um Tight Ends und eventuell auch Slot-Receiver zu decken und gegen das Laufspiel ganz einfach nicht allzu viele Bolzen schießen.

Der Wert solcher Linebacker gilt zwar aktuell im Vergleich zu Edge-Rushern und Cornerbacks als eher limitiert. So wird zum Beispiel die Franchise-Tag im Jahr 2019 so bemessen:

  • DE: 17.1 Mio.
  • DT: 15.2 Mio.
  • LB: 15.4 Mio.
  • CB: 16.0 Mio.

(Das, obwohl fast reinrassige Passrusher wie Von Miller oder Dee Ford in der NFL-Klassifizierung unter Linebackers gelistet werden.)

Tatsächlich ist das Aufgabengebiet der Off-Ball Linebacker aber noch immer ein spannendes: Pass-Defense gehört ebenso dazu wie Blitzing, und weil die NFL noch immer zu viel Laufspiel betreibt, müssen sie auch ständig für Ballübergaben gewappnet sein. Und wenn, wie es sich aktuell in den Advanced-Analytics andeutet, der Wert von sauberer Coverage im Vergleich zu reinrassiger, individueller Passrushing-Qualität wieder steigt, können solche Off-Ball Linebacker bald wieder fett im Geschäft sein.

Die Klasse von 2019

Kurz zusammengefasst: Der Jahrgang 2019 auf dieser Position gilt als eher enttäuschend besetzt. Im Prinzip wird die Klasse so beschrieben: Die beiden Top-Prospects Devin White (LSU) und Devin Bush (Michigan) sind sichere 1st-Rounder, doch danach gibt es nur noch Backup-Material.

White gilt in zahlreichen Big-Boards als sicheres Top-10 Talent, Bush ist fast überall ein Top-20 Prospect. Beide sind interessante Case-Studies, handelt es sich doch bei Spieler um 6‘0 Größe oder kleiner und rund 235 Pfund Gewicht – rund 10 Pfund weniger als man vor zehn Jahren noch als ideal empfunden hätte! Und beide sind unglaublich schnell: 4.43 Sprintzeit für Bush, sogar 4.42 für White. So schnell sind nicht alle Cornerbacks!

Bush und Jones werden weithin als relativ ähnliche Spielertypen beschrieben: Sie sind run & chase Linebacker. Beide wären vor 15 Jahren noch als „sub package“ Linebackers beschrieben worden, die man in 3rd Downs einwechselt. Heute sind sie die beiden Linebacker-Prospects, die man am ehesten als three down linebacker anpreisen würde!

Devin White

Devin White gilt gerade in den USA als angehender Superstardoch dann stellte Brent Kollmann auf Youtube eine faszinierende Analyse online, die dieses Supertalent in ihre Einzelteile zerlegte. Es ist ein Lehrstück an Scouting. Kollmann folgerte…

Whites Stärken:

  • Ein brutal schneller run & chase Linebacker, mit dessen Speed nur wenige mithalten können. Dadurch ist für ihn das klassische „edge-setting“ gar nicht so wichtig, weil er einen ungünstigen Winkel immer durch seinen Speed kompensieren kann. Dank seines Speeds müssen Offenses andere Winkel gegen ihn nehmen, weil er sonst jeden Runningback einholt.
  • Ausreichend Power um sich schnell von Blocks zu lösen, auch von Blocks kräftiger Pulling-Guards, die mit Anlauf anrauschen.
  • Athletisches Profil im 99sten Percentil der Linebacker.

Whites Schwächen:

  • Gefährlich unsaubere Tackling-Technik: Geht oft überaggressiv auf den Ballträger und lässt sich dann aussteigen.
  • Doch vor allem: Beträchtliche Mängel im Spielverständnis. White hat noch nicht gelernt, Spielzüge sauber zu lesen und schießt dadurch viel zu häufig in die falschen Gaps, was entweder zu missed tackles führt oder dazu, dass er sich selbst komplett aus dem Spielzug nimmt.

Der Schluss, zu dem Kollmann kam: White ist ein Supertalent, aber ohne das richtige Coaching (z.B. von Denver Headcoach Vic Fangio) wird seine NFL-Karriere in einer üblen Enttäuschung enden, weil ihm niemand zeigt, wie er die Plays liest.

Devin Bush

Einige – u.a. die beiden Producer des wirklich hörenswerten Down, Set, Talk-Podcasts – sehen daher auch Michigans Devin Bush im Linebacker-Ranking vorne. Bush ist athletisch ähnlich wie White gebaut:

  • White 6‘0, 237 Pfund
  • Bush 5’11, 234 Pfund

Für sie ist Bush bei ähnlichem athletischen Profil der reifere Spielertyp. Das möchte man auch als Prämisse annehmen, wenn man bedenkt, dass White eigentlich als Runningback fürs College rekrutiert worden war (er sollte Leonard Fournettes Ersatzmann werden!). Doch am College hat tatsächlich White mehr Snaps gespielt: 1723 Stück, während Bush nur in 1524 Snaps eingesetzt wurde. Trotz weniger Snaps ist Bush also gefühlt weiter… deutet das Tape an.

Wer denn nun?

Doch schauen wir uns das Pro-Football-Focus Profil der beiden Spielertypen an, so müsste man eigentlich zum Schluss kommen, dass White im Vakuum der bessere Prospect sei:

PFF LB Grades

Nicht nur bekam White die besseren Benotungen in Coverage, sondern hatte auch bessere Werte in Run-Defense, Pass-Rush Produktivität, Tackling und Yards/Coverage-Snap – und das als Verteidiger in der SEC, der im Vergleich zu Michigans Big Ten Conference doch beträchtlich stärkeren Conference.

Am Ende entscheiden aber die Nuancen. Alle sind sich einig, dass es sich bei White und Bush nicht um „fertige“ Prospects handelt. Athletisch schenken sich beide wenig – und beide sind hochwertige Athleten! Am Tape entstand der Eindruck, dass Bush der fertigere Spieler sei, während White nach Sammeln aller Informationen als produktiverer Spieler durchgehen muss.

Da beide als harte Arbeiter gelten, gewillt, sich ständig weiterzuentwickeln, entscheidet im Prinzip wie so oft auch das Coaching mit darüber, ob es diese beiden Spieler in der NFL zu etwas bringen werden. „Spielverständnis“ bzw. „Instinkte“ können durch pausenlose Wiederholung im Programm geschult und verinnerlicht werden – zumindest auf dem Papier. Auch hier gibt es viele Beispiele, die gescheitert sind. Und dann sind wir wieder beim Thema „Draft = Stochern im Dunkeln“.

3 Kommentare zu “Die beiden Linebacker-Stars im NFL-Draft 2019 in der Analyse

  1. Whites hohe Armtacklings haben mit Sicherheit auch den Hintergrund, dass er auf forced Fumbles spekuliert. Ist halt eine Gratwanderung. Die Highlights und Gamechanger erkauft er sich mit whiffed tackles.

    Was ich an seiner Tackling-„technik“ hässlich finde: er bricht Gegenspieler regelmäßig in Kniehöhe in zwei. Erinnert an Joe Theismans Beinbruch.

  2. @Dizzy: Gute Beobachtung, ich dachte schon ich bin der einzige dem die Tackle Technik auffällt!

  3. Pingback: NFL-Draftvorschau 2019 für den Gelegenheitszuschauer | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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