Defensive Backfield im NFL-Draft 2019

Defensive Backfield ist vielleicht die schwierigste Position zu scouten, da es kaum All-22 Tape zum Studieren gibt und die Defensive Backs in der regulären Fernsehübertragung nur selten im Bild sind. Vor allem nicht die Safetys.

Grundsätzlich sind drei Prämissen zu diskutieren, bevor wir in die Positionsgruppe einsteigen:

  1. Immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass Coverage der wichtigere Defense-Aspekt ist als Pass-Rush. Ich habe dazu am Vormittag einen ganzen Eintrag geschrieben, der den wesentlichen Erkenntnisstand zusammenfasst. Ein eigentlich gegen die Intuition gehendes Ergebnis, aber je kürzer das Passspiel wird, desto schneller wird es, desto mehr wird der Einfluss von Passrush minimiert und desto wichtiger wird sofort, früh im Spielzug funktionierende Deckung.
  2. Teams müssen heute mit fünf Starting-Defensive Backs rechnen (über 60% Nickel-Aufstellung) – besser mit sechs oder mehr. Rein spezialisierte Defensive Backs haben dabei einen bestimmten Wert – doch es sollte auch zum Imperativ werden, zumindest einen oder zwei „Hybrids“ im Kader zu haben.
  3. „Big Nickel“ mit einem Safety/Linebacker/Cornerback-Hybrid à la Derwin James werden immer wichtiger, weil die Grenzen in der Offense zwischen Wide Receivers, Tight Ends und Runningbacks immer mehr verschmelzen. 4-3 und 3-4 Defense sind out. Nickel ist die neue Standard-Defense – und niemand möchte einen Tight-End Hünen von einem 5’11 Slot-Cornerback bewacht haben.

Die Anforderungsprofile von Cornerbacks und Safetys unterscheiden sich zwar noch immer, aber die Grenzen verschwimmen zunehmend und überschneiden sich auch immer mehr mit Linebackers. Ein fantastischer Manndecker wird immer seinen Platz in der NFL haben, aber wo früher „Tweener“ wie ein Deone Buchannon verschrieen gewesen wären, haben solche Spielertypen heute schon mehr als einen Nischenplatz in der NFL. Sie werden richtiggehend gesucht im Bestreben, möglichst viele unterschiedliche Offense-Waffen zu kontrollieren.

Cornerbacks

PFF geht bereits einen Schritt weiter und deutete bereits im letzten Sommer an, dass Cornerback die möglicherweise wertvollste Defense-Position ist. Die NFL scheute sich in den letzten Jahren noch, Cornerback-Prospects ganz hoch zu ziehen. Doch je mehr Analysen den hohen Wert von Cornerbacks bestätigen, desto höher werden diese Prospect in Zukunft gehen. Es wird sogar der Zeitpunkt kommen, an denen sie analog den Quarterbacks gefühlt „overdrafted“ werden.

Cornerbacks sind wichtig. Aber sie sind auch schwierig zu scouten. Ich verhehle nicht, dass ich mir anmaße, einen Cornerback selbst nach Betrachten von Game-Tape sinnvoll einzuordnen. Jeder konnte sehen, dass einst ein Patrick Peterson ein fantastisches Prospect ist, aber die Unterschiede zwischen gewöhnlichen CB-Talenten sind marginal und schwer kalkulierbar – Assignments, Sichtbarkeit im Video-Tape, Qualität der Gegner sind alles Faktoren, die eine Einordnung massiv erschweren.

Der Kollege Jan Weckwerth von Triple Option Blog hat sich eingehender mit Cornerbacks beschäftigt und vor zwei Tagen einen detaillierten Artikel online gestellt, in dem er nicht nur die wesentlichen Aufgabengebiete – Manndeckung und Zonendeckung – sowie die Coverage-Typologien (Off / Press) diskutiert, sondern auch die wichtigsten Cornerback-Prospects einzuordnen versucht:

Wer es im Detail wissen will, sollte sich diese beiden ausführlichen Artikel geben um sich über die wesentlichsten Prospects zu informieren.

Top-Cornerbacks

An dieser Stelle nur ein paar kurze Notizen zu den wesentlichen Prospects im diesjährigen Draft – sieht man sich die schiere Masse an offenen Cornerback-Posten in der NFL an, so werden bestimmt 20, 30 Cornerbacks gedraftet.

Greedy Williams / LSU – Ein eher hoch aufgeschossener CB mit 6‘1. Williams galt vor zwei Jahren als große Entdeckung, stagnierte aber letzte Saison in seiner Entwicklung. Er ist eine gute physische Kombination aus Power und Speed (u.a. 4.37 Sekunden Sprintzeit) und soll vielleicht der „Scheme-unabhängigste“ Cornerback der Klasse 2019 sein. Interessante Statistik von Greedy: Er wurde letzte Saison 74x angespielt und ließ, obwohl man seine Saison als unterwältigend bewertete, nur 27 Completions zu.

Byron Murphy / Washington – Die University of Washington hat sich in den letzten Jahren unter dem DefCoord/Secondary-Coach Jimmy Lake zu einer Art „DB-Uni“ entwickelt. Murphy ist nach Marcus Peters, Kevin King, Sidney Jones oder Budda Baker nur ein weiterer NFL-Prospect aus dieser Ausbildungsschmiede, der in die NFL gehen wird.

PFF.com sieht in Murphy den besten Cornerback des Jahrgangs. Murphy ist mit 4.55 Sekunden im 40-yds Sprint nicht der schnellste Cornerback, aber er galt in Lakes Zone-Defense als absolut überragend, hat die Quickness auf engstem Raum und gilt als extrem physischer Spieler, der auch vor hartem Tackling gegen Runningbacks nicht zurückscheut.

PFF würde Murphy mit einem Top-10 Pick ziehen, weil es in seinem Big-Board schon die „Positional-Value“ mit einbezieht. Wenige andere Seiten haben Murphy so hoch eingeordnet.

Deandre Baker / Georgia – Baker ist wie Murphy kein superber Athlet: Er ist 5’11 und rannte die 40-Time in eher mäßigen 4.52 Sekunden. Doch Baker gilt wie Jones als harter Hund. Er ließ die drittwenigsten Yards pro Coverage-Snap im Lande. Seine größte Schwäche soll Überaggressivität sein: Baker kassierte tendenziell zu viele Strafen. Gilt als prototypischer Cover-2 Cornerback, den man idealerweise nicht zu viel Manndeckung spielen lässt.

Die Pipeline dahinter

Hinter diesem doch weithin als 1st-Class anerkannten Cornerback-Trio gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Deckungsspieler, die je nach Einsatzgebiet mehr oder weniger vermittelbar für einen 2nd oder 3rd Round Pick sind. Als da wären…

…Rock Ya-Sin / Temple. Physischer Cornerback, der nach Jahren in der Versenkung 2018 zu Temple in die FBS wechselte und dort ein fantastisches Jahr hinlegte. Rock ist ein umstrittenes Prospect: Einige sehen ihn als #3 oder #4 Prospect, der ausreichend Physis mitbringt um auch eine Art „halben Safety“ zu geben. Andere sehen ihn als idealen Man/Press-Coverage Corner.

…Sean Bunting / Central Michigan. Agiler, mit 6‘0 auch nicht kleiner Athlet, der die 40 Yards in 4.42 Sekunden läuft. Bunting ist nicht kräftig gebaut, er gilt technisch in einigen Details noch als ausbaufähig.

…Justin Layne / Michigan State. Noch etwas ungeschliffen, weil er erst zwei Jahre Cornerback spielt, aber mit hervorragenden athletischen Anlagen. Muss seine Beinarbeit verbessern um effizienter auf Täuschungsmanöver von Wide Receivers zu reagieren.

…Julian Love / Notre Dame. Mehr Techniker als Athlet: Love muss mit Antizipation und Spielverständnis punkten, weil er weder schnell genug ist um lange Sprints mitzugehen als auch um superschnelle Haken zu schlagen. Er hat aber Erfahrung, kann schnell eingesetzt werden. Sein Ausfall mitten im College-Football Semifinale gegen Clemson führte zur Implosion der kompletten Notre-Dame Defense.

…David Long / Michigan. Physischer Corner, der in Don Browns Defense gelernt hat, Press-Man Coverage zu spielen. Scheint in den letzten Tagen ein „Riser“ auf vielen Draft-Boards zu sein.

…Trayvon Mullen / Clemson. Mehr Athlet als Spieler: Mullen ist technisch nach zweieinhalb Jahren als Starter noch nicht soweit, dass er in der NFL sofort ins kalte Wasser geschmissen werden kann.

…Jamel Dean / Auburn. Mit 6’1 und 4.30 Sekunden im Sprint ein superber Athlet. Ist im Antritt aber eher mäßig: 1.53 Sekunden im 10-yds Split ist nicht schlecht, aber reicht nicht ganz aus um mit den allerbesten und allerschnellsten Receivern mitzugehen.

…Joejuan Williams / Vanderbilt. Mit 6‘3 ein recht großer Cornerback, der Press-Coverage kennt und tendenziell auch guten Run-Support geben kann. Man sagt über ihn, dass Coaching besonders wichtig für seine Entwicklung ist.

Schauen wir noch kurz auf die anderen Positionen – Safetys und die interessantesten Prospects in den „Schnittstellen“ zwischen Cornerback, Safety und Linebacker.

Safetys

Als wirklich gut besetzt gilt die Safety-Klasse von 2019 nicht. Der Anwärter, der vor ein paar Wochen den größten Hype bekam, war Tyler Rapp von Washington (wir kennen diese DB-Schmiede bereits…), doch Rapp verhunzte sich seinen Draft-Status mit einer unterirdischen Sprintzeit von 4.78 Sekunden über die 40-Yards.

Zwar bleibt Rapps Tape dank seiner Spielintelligenz auch ohne Elite-Speed ein Prospect mit gut lesbarem Game-Tape. Aber mit einer derart schwachen Sprintzeit ist kaum mehr zu erwarten, dass er tatsächlich in der 1ten Runde vom Board geht.

In einigen Scouting-Reports scheint Rapp sogar nur noch als #2 der Safety-Klasse auf, hinter einem Nasir Adderley, der vom winzigen Delaware-Footballprogramm kommt. Adderleys Tape ist fast nicht zu interpretieren, weil die Konkurrenz in der FCS ein Desaster war, aber als ehemaliger Cornerback mit hervorragenden athletischen Werten in Antritt und Long-Speed sowie als recht physischer Spieler haben sich zahlreiche Scouts an ihm einen Narren gefressen.

Was an ihm negativ auffällt: Hie und da hälst du ihm als OffCoord ein Zuckerle hin, er wird anbeißen und du kannst ihn eiskalt auskontern. Ist sowas mit ein paar gezielten Tipps eines kompetenten Defensive-Backs Coach einem Spieler auszutreiben oder bleibt er wegen überaggressiver Mentalität permanent eine Bedrohung für die eigene Defense?

Ein „reiner“ Safety soll auch Deionte Thompson von Alabama sein. Thompson war dort nur ein Jahr Starter. Er gilt als exzellenter Athlet, aber noch längst nicht als ausgelernter Spieler. Er begeht zu viele mentale Fehler, als dass man ihn sofort mit einem 1st Rounder draften und ins kalte Wasser werfen würde.

Schauen wir uns noch ein paar (teilweise auch schon oben vorgestellte) Prospects für spezialisierte Rollen am Feld an – es sind die Rollen, die man mit „Hyrids“ beschreibt – die Schnittstellen zwischen CB, FS und Linebacker.

Cornerbacks-Safetys

Die physischen Cornerbacks, die als sowas wie „halbe Safetys“ agieren können und auch Support gegen Laufspiel anbieten, sind dem Vernehmen nach die oben eingeführten Rock Ya-Sin (Temple) und Joejuan Williams (Vanderbilt).

Sie sind als Spielertypen relativ nahe an den von vielen gehypten Top-Safetey Prospects Chauncey Gardner-Johnson von Florida oder Delawares Adderley: Alles in der Coverage einsetzbare Spieler, die sowohl gegen quicke Slot-Receiver als auch gegen höher aufgeschossene Tight Ends nicht komplett an die Wand gespielt werden.

Linebacker-Safetys

Ein Typus Safety, der in der NFL immer stärker aufkommt, ist der Linebacker/Safety Hybrid für eine „Big Nickel“ Defense (Nickel mit 2 CB und 3 Safety): Solche Athleten sind typischerweise irgendwo zwischen einem traditionellen Linebacker und einem traditionellen Safety gebaut. Ihr Aufgabengebiet erstreckt sich je nach Einsatzgebiet von Tackling gegen Laufspiel über tiefe Coverage bis hin zu verstärktem Einsatz als Blitzer.

Eines der besten Beispiele für solche Spieler haben wir letztes Jahr in die NFL gehen sehen: Derwin James von den Chargers. Extrem geschwindig, mit Zug zum QB, harter Hitter und ausreichend stark in Coverage um die meisten Tight Ends und Runningbacks in Schach zu halten. James war einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Los Angeles über Nickel (5 DB) hinaus Dime (6 DB) und sogar Dollar-Defense (7 DB) als Standard-Defense etablieren konnte.

Im heurigen Draft gibt es niemanden vom Format eines James, aber wenn man sich die Profile der einzelnen Anwärter durchschaut, so könnten ein Jonathan Abram (Mississippi State) oder ein extrem flinker Hitter wie Darnell Savage (Maryland) durchaus als 2nd oder 3rd Rounder vom Tablett gehen – mit der Idee, sie ähnlich wie James einzusetzen.

Eine spannende Option ist auch Amani Hooker von Iowa, der in der Combine unter 4.5 Sekunden im Sprint lief und als starker Run-Defender gilt.

3 Kommentare zu “Defensive Backfield im NFL-Draft 2019

  1. Taylor Rapp ist vor einem Jahr bei der Huskies Combine noch eine 4.57 gelaufen. Vielleicht hat er durch das gestiegene Gewicht Tempo verloren. Aber seinem Gametape sieht man es nicht an, finde ich.

  2. Dann bleibt die Frage: Hat er sich Gewicht ergaunert um körperlich besser auszusehen?

    Auf der einen oder anderen Seite – Gewicht oder Speed – muss Rapp die Differenz erklären können, ansonsten bleibt eine so langsame Zeit zumindest ein Knackpunkt.

  3. Pingback: NFL-Draftvorschau 2019 für den Gelegenheitszuschauer | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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