NFL-Weisheiten auf dem Prüfstand, oder: Coverage ist wichtiger als Pass-Rush

Die alten Weisheiten zum NFL-Football sind bekannt:

  1. Offense wins games, defense wins championships.
  2. Pass to score, run to win.
  3. Build through the trenches.

Es wurde oft bewiesen, dass Passspiel wesentlich wichtiger ist als das fast zu ignorierende Laufspiel und auch, dass Offense wichtiger ist als Defense, wird kaum mehr bestritten. Die dritte große Weisheit, die dieser Tage und Wochen via Twitter auf den Prüfstand gestellt wird und bedrohlich wackeltBau dein Team über Offense und Defense Line – ist eine, die noch tieferer Analyse bedarf.

Magnus Bendixen ist nicht der erste, der solche Belege veröffentlicht – Eric Eager und George Chahrouri von PFF.com waren Vorreiter – aber nichtsdestotrotz muss ich auf seinen Twitter-Thread verweisen, in dem er PFF-Grades von Positionsgruppen mit Win-% der Mannschaften gegenüberstellt und erstaunliche Feststellungen ableitet:

Splitten wir die Komponenten im Passspiel in Fangen und Blocken auf, so sehen wir:

Faszinierend, dass es zwischen Blocking-Grade und Siegen kaum Korrelation zu geben scheint. Bendixen findet sogar heraus, dass Run-Blocking einen minimalen Tacken wichtiger zu sein scheint als Pass-Blocking: 0.04 R^2 für Run-Block/Wins. Eine mögliche Erklärung dafür: Offense Line ist wichtiger für das Laufspiel als für das Passspiel, das wesentlich mehr von QB+Skill Playern abhängt als das Laufspiel vom fast austauschbaren Runningback.

Doch wir wussten bereits, dass Passspiel > Laufspiel und wir wussten auch bereits, dass es sich nicht lohnt, eine sensationelle Offensive Line zusammenzukaufen, weil ein inkompetenter Haufen an Skill-Playern zu viel kaputt machen kann. Viel sinnvoller ist es, viel Kohle in die Hand zu nehmen um Quarterback und Passing-Skill Player zu kaufen und auf Offense Line nur gerade zu schauen, keine Sollbruchstelle aufzumachen.

Defense: Coverage ist wichtiger als Pass-Rush

Viel interessanter sind die Ergebnisse für die Defense.

Dass Run-Defense und Tackling fast nicht mit Siegen korrelieren, das wussten wir bereits. Die Anzeichen dafür, dass Coverage wichtiger ist als Pass-Rush, habe ich in den letzten Wochen auf diesem Blog auch häufiger andiskutiert.

Doch dass Pass-Rush mit R^2 von 0.03 fast gar nicht mit Siegen korreliert und die Differenz zu Coverage derart krass ist, stellt viele unserer Sichtweisen auf NFL-Football infrage.

Schon vor ein paar Wochen brachte Ben Baldwin das Thema auf Twitter auf die Agenda, als er die Wahrscheinlichkeit eines Sacks entlang der Zeitachse analysierte und folgerte, dass QB-Pressure allein ein quasi nutzloser Wert sei. Viel wichtiger sei „Time-to-pressure“, doch solche Werte sind aktuell nur sehr eingeschränkt offen zugänglich.

Eine weitere Folgerung aus Baldwins Analysen: Um den Passrush herum kann man „schemen“. Um einen starken Cornerback herum zu schemen, ist wesentlich schwieriger. Auch das klingt überraschend, wenn man sich anschaut, dass (angreifende) Passrusher an der Anspiellinie in jedem Pass-Snap theoretisch Einfluss auf den Quarterback ausüben können, Cornerbacks jedoch nur eines von 4-5 Gliedern in der Verteidigungskette sind – Stichwort: Dem Monster den Kopf dort abhacken, wo es am meisten weh tut. Doch diese Denke widerspricht den neuesten Erkenntnissen, dass Coverage > Passrush.

Der Twitter-User Moo, der mir erlaubt, schamlos auf seine Ergebnisse zuzugreifen, hat die offensichtlich so wertvolle Coverage noch einmal gesplittet auf Cornerbacks, Safetys und Linebacker unter die Lupe genommen und mit Defensive EPA/Passspielzug verglichen:

  • R^2 Def. EPA/Pass mit CB-Grade: 0.31
  • R^2 Def EPA/Pass mit LB-Grade: 0.19
  • R^2 Def EPA/Pass mit Safety-Grade: 0.13

Überraschende Erkenntnis: Linebacker scheinen wichtiger zu sein als Safetys. Das kann an mehreren Dingen liegen: Safety-Bewertung (wie ich oft schrieb) ist äußerst schwierig, weil das meiste, was sie tun, präventive Arbeit ist. Sie sind relativ selten aktiv im Spielgeschehen involviert und daher schwierig zu bewerten. Ebenso operieren Linebacker noch häufiger als Safetys in der Spielfeldmitte, die für Offenses ein „Hidden-Champ“ ist: Spiel über die Mitte ist einfacher und effizienter für die Offense als Spiel über die Seitenlinien.

Wir verstehen plötzlich, warum PFF seit einiger Zeit behauptet, Bobby Wagner sei wertvoller als Aaron Donald. Wir sehen plötzlich auch die Wertkette in der NFL:

  1. Quarterbacks
  2. Cornerbacks
  3. Pass-Catching Offensive Skill-Players
  4. Rest

Alles andere ist vergleichsweise austauschbar. Diese Resultate sind noch nicht in Stein gemeißelt. Aber Analytics liefert so starke Indizien, dass wir sie nicht mehr ignorieren können.

NB: Coverage scheint zwar wichtiger zu sein als Pass-Rush, aber sie ist auch instabiler, d.h. guter Pass-Rush ist auf lange Sicht einfacher zu halten als gute Coverage. Damit gewinnt starker Pass-Rush wieder an relativem Wert gegenüber der Coverage.

Zu beachten

  • PFFs Bewertungssystem ist das beste, das wir aktuell haben, aber es ist nicht perfekt. Es basiert auf subjektiven Empfindungen und weiß nicht immer mit Sicherheit, ob es auf Basis der richtigen Assignments bewertet. Aber es ist gut darin, Dinge vorherzusagen, z.B. Pressures in Offense und Defense.
  • Cornerbacks mögen in jedem Spielzug spielen, aber nur vergleichsweise wenige Spielzüge laufen über ihre Position. Wie werden die Plays bewertet, die über die andere Spielfeldseite bewertet werden?
  • Wie sieht die Bewertung von Pass-Rushern aus, wenn sie gegen einen Top-QB anlaufen müssen? In solchen Fällen mögen sie gute Pressure-Rates einfahren, aber sie werden im Zweifelsfall wenige Sacks nach Hause bringen.
  • Es wurde oft nachgewiesen, dass die Metrik „QB-Pressure“ der Offensive Line zuzuschreiben ist, aber der Sack-Anteil dazu „gehört“ dem Quarterback. Will heißen: QBs, die viele Pressures kassieren, spielen für gewöhnlich hinter schwachen Offense Lines. QBs, die viele Sacks kassieren, sind für gewöhnlich keine guten QBs. QB-Pressures allein könnten relativ wertlos sein, weil sie wie oben gezeigt so stark von der angefallenen Zeit zwischen Snap und Wurf abhängen.
  • Pass-Rush und Coverage sind natürlich miteinander verknüpft. Es ist offensichtlich, dass die allerbeste Coverage ohne zumindest akzeptablen Passrush nichts wert ist, und dass der allerbeste Passrush ohne Coverage ins Leere laufen wird.
  • Quick-Passing Offenses negieren den Passrush immer stärker. Dadurch werden Elite-Offense Line und Elite-Defense Line zu einem gewissen Grad entwertet.

Weitere Gedanken zum Thema

  • Bill Belichick operiert seit langem nach dem Grundprinzip „baue die Defense von hinten nach vorne“ – ein guter Defensive Back ist mehr wert als ein sensationeller Passrusher. Es sieht danach aus als sei Belichick seiner Zeit mal wieder voraus gewesen.
  • Cornerback ist eine defensive Position und damit eine derjenigen, an der die Gleichung „nur so stark wie das schwächste Glied“ wichtig wird: Eine Offense kann über üble Schwachstellen einfach drüberwerfen.
  • Das macht die Positionen auf WR2 bis WR4 wichtig: Einen Top-CB umgeht man am einfachsten dadurch, dass man in der Tiefe exzellent besetzt ist. Vielleicht ist also auch in der Offense das Geld besser angelegt, wenn man einfach viele gute Wide Receiver hat anstelle in einen einzelnen sensationellen Receiver die ganze Kohle zu investieren und dann nur noch Geld für Bankdrücker übrig hat.
  • Die aufgezeigten Korrelationen gehen über alle 32 NFL-Mannschaften. Was an den jeweiligen Enden passiert, ist nicht ganz klar. Wie sieht die Varianz aus? Wo sind die „Baselines“, an dem z.B. ein katastrophaler Pass-Rush selbst für die beste Coverage-Unit ein unlösbares Problem wird, und umgekehrt?
  • Anders: Was passiert, wenn wir die top-5/Bottom-5 aus der Pass-Rush & Coverage-Gleichung streichen? Kann es sein, dass die absoluten Top-Stars wie Brady und Co. den Passrush effizient zu negieren imstande sind, während es für den Großteil der Liga dann doch ein krasseres Problem darstellt?
  • Wie sieht die Korrelation zwischen Pass-Rush, Coverage und Depth-of-Target (aDOT) aus? Kann eine starke Passrushing-Unit z.B. besonders stark dadurch punkten, dass sie ganz einfach viel mehr kurze Pässe erzwingt – und solche Pässe sind vergleichsweise ineffizient. Momentan ist genau das schwierig, weil es nicht einfach ist, die Play-by-Play Grades von PFF sauber der Tiefe der Würfe zuzuordnen.
  • Warum haben dann die meisten der Top-Offenses starke Offensive Lines? Zufall? Oder liegt das hauptsächlich daran, dass diese Offenses von starken Quarterbacks angeführt werden, die ihre O-Lines ganz einfach „besser aussehen lassen“?

Wie geht es in dieser Diskussion weiter?

Die Indizienlage deutet also bereits relativ eindeutig in Richtung „Du gewinnst nicht an der Anspiellinie, sondern an den Flanken und im offenen Feld“.

Einer der entscheidenden Punkte in der Erkenntnisgewinnung spielt sich zwischen Punkt 2 und Punkt 3 des eingangs erwähnten Tweets von Ben Baldwin ab:

#2 Der QB kontrolliert den Pass-Rush mit der Geschwindigkeit, in der er den Ball rausfeuert. Je schneller der Wurf, desto wertloser der Passrush.

#3 Das direkte Duell CB-vs-WR entscheidet im Moment des Catches bzw. in der Vorbereitung dieses Moments relativ viel. Auch, ob der Quarterback überhaupt in diese Richtung wirft.

Um besser zu verstehen, wie es an dieser Stelle weitergeht, wären die Tracking-Daten der einzelnen Spieler wichtig. Diese werden von Next-Gen-Stats schon seit längerem aufgezeichnet, sind jedoch nur in sehr dosierten Mengen öffentlich zugänglichen Daten. Sie werden dem Vernehmen nach auch noch einige Zeit weggesperrt bleiben.

Eine weitere Schlussfolgerung könnte so lauten: Full-Field Reads kann man in Zukunft vernachlässigen. Offensive Play-Calling bekommt als primäre Aufgabe, dem Quarterback den ersten oder spätestens zweiten Read zum Werfen zu geben, weil man keine Zeit mehr dafür aufwenden kann, die kompletten Progressions-Reads durchzugehen.

In diesem Fall wäre das komplette QB-Scouting zu überdenken, denn noch immer werden Quarterback-Prospects dafür verdammt, wenn sie nach dem Snap nur die halben Felder zu lesen imstande sind. Noch immer werden auch in der NFL Quarterback-Prospects ausgelacht, wenn sie von sensationellem Play-Design profitieren – doch in Zukunft könnte es viel produktiver sein, ebenso viele Ressourcen ins Play-Design zu stecken wie in den Quarterback selbst – und darin, die schnellen Reads der Quarterbacks zu perfektionieren und danach nur noch Checkdown-Routen als Notlösung einzubauen.

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13 Kommentare zu “NFL-Weisheiten auf dem Prüfstand, oder: Coverage ist wichtiger als Pass-Rush

  1. Aber wenn das Blocking fehlschlägt, kommt es doch gar nicht zum Receiving. Ich sehe beides nicht als miteinander konkurrierende Komponenten, sondern das eine eher als Voraussetzung für das Andere.

  2. Sehr guter Artikel, aber eine Sache (auch wenn du sie andeutest) kommt mir immer noch zu kurz in den Medien:
    Wie kann man den Wert des play callings quantifizieren?

    Aus rein subjektiver Sicht würde ich nämlich die Hypothese aufstellen, dass gutes Playcalling der größte Baustein ist, wenn es um Sieg oder Niederlage geht. Du kannst geile Schachfiguren haben, ohne nen kompetenten Spieler wirst du underperformen.
    Man vergleiche nur was die Patriots und Belichick Jahr für Jahr machen und was beispielsweise die Packers (McCarthy) oder die Steelers (Tomlin) seit Jahren aus ihren Luxus-Kadern machen. Teilweise mit grob offensichtlichen Coaching-Bolzen.

  3. Pingback: Defensive Backfield im NFL-Draft 2019 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  4. @Dave: Der von dir angesprochene Punkt wird doch im Artikel diskutiert? Es gibt natürlich eine Schwelle, an der eine katastrophale Schwäche ein Team auch mit sensationellem Cornerback / Quarterback nach unten reißen würde.

    @JoffreyG: Play-Calling ist natürlich eine große Schwachstelle. Sie ist vor allem deswegen so verheerend, weil ein Achtklässler aus dem (eindeutigen) Zahlenmaterial einfache Schlüsse ziehen kann:

    https://sidelinereporter.wordpress.com/2018/06/13/nfl-play-calling-in-der-nussschale/

    Beim oben diskutierten Thema geht es schon sehr tief in statistische Berechnungen und komplizierte Zusammenhänge von wegen „wo investiere ich am besten mein Geld“.

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  6. Pingback: NFL-Draftvorschau 2019 für den Gelegenheitszuschauer | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  7. Update zum Thema bei PFF:

    https://www.profootballfocus.com/news/pro-pff-data-study-coverage-vs-pass-rush

    Einige Nuggets:

    – Coverage ist für sich wesentlich wichtiger als Pass-Rush, aber Pass-Rush ist über die Zeit stabiler.
    – Das entwertet die Coverage z.T.

    – In Extremen denken, schadet. Pass-Rush ist genauso nicht irrelevant wie es sich nicht lohnt, überteuerte Pass-Rusher einzukaufen.
    – Stattdessen sollte man schauen, in der Coverage ohne krasse Sollbruchstellen durchzukommen, die eine Offense locker anpeilen kann.

    – Ohnehin ist Offense deutlich wichtiger als Defense. Auch stabiler über die Zeit.

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  13. PFF schaut in einer nächsten Ausgabe auf die Beziehung von Pass-Rush und Coverage, diesmal mit mehr Fokus auf die Defense selbst:

    https://www.pff.com/news/pro-pff-data-study-coverage-vs-pass-rush-revisited

    Conclusio: Pass-Rush strikes back – mit ein paar Einschränkungen.

    – Bessere Receiver korrelieren gut mit geringerer Time in Pocket
    – Weniger Time in Pocket korreliert aber etwas höher mit EPA/Pass => Das Risiko, den Ball länger zu halten, zahlt sich in EPA/Pass nicht ganz aus
    – Wenn QBs lange den Ball halten und die Defense ihn trotzdem nicht unter Druck zu setzen imstande ist, ist das sehr übel für die Defense.

    Folge: Ziel der Coverage ist es, den QB dazu zu bringen, länger den Ball zu halten. Ziel des Pass-Rushes ist es, den QB möglichst schnell zum Werfen zu bringen.

    Coverage bleibt trotzdem mutmaßlich wichtiger, da man um sie herum schwieriger schemen kann. Gegen einen dominanten Pass-Rush kann man sich im Vorfeld besser vorbereiten und einfach schnellere Pässe schemen um den Pass-Rush ins Leere laufen zu lassen. Und kürzer den Ball halten ist für die Offense wie oben geschrieben insgesamt die etwas effizientere Methode den Ball zu bewegen.

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