NFL Draft-Day 2019

Heute Nacht beginnt der NFL-Draft 2019. Eine letzte Vorschau auf dieses spektakuläre Auswahlverfahren der Jungprofis.


Im Kern ist der NFL-Draft das Ablesen von Spielernamen, die die 32 Mannschaften über sieben Runden (insgesamt über 250 Picks) auswählen. Doch die NFL schafft es, selbst aus diesem eigentlich so simplen Verfahren eine Show zu machen.

Das liegt zum einen an der zutiefst kommunistischen Ausrichtung der NFL, die den schlechtesten Teams die frühesten Wahlrechte gibt – und den Fans der schwachen Teams damit Grund für Hoffnung. Der letzte Snap wurde vor Monaten gespielt, der nächste dauert noch Monate – jetzt kann geträumt werden: Mein Loser-Team findet nach Gazillionen Klogriffen endlich den Heiland!

Andererseits ist der komplette Draft-Prozess über viele Wochen die Auseinandersetzung mit dem Individuum. NFL im Herbst ist Mannschaftssport. Draft ist Fokus darauf, wie ein Einzelner in ein Ganzes passen kann, was sein Beitrag zum großen Ganzen sein kann.

Und nicht zuletzt wissen die Amerikaner, wie man den Draft mit Spannung auflädt. Seit Wochen darf jeder noch so ferne Beobachter seinen Senf zum Thema geben – und ab heute Nacht wird die Halle in Nashville/Tennessee wieder rappelvoll mit Rabauken-Fangruppen sein, die jeden Pick der gegnerischen Mannschaften an die Wand buhen.

Der Fahrplan 2019

Der Fahrplan zum Draft ist simpel:

  1. Runde: Do/Fr 25.04./26.04. um 02h MESZ
  2. Runde: Fr/Sa 26.04./27.04. um 01h MESZ
  3. Runde: Sa 27.04. ab 18h MESZ

Kein Mensch hat mehr Probleme, Übertragungen des NFL-Drafts zu finden, doch der Vollständigkeit halber haken wir es hier ab: Das im NFL-Gamepass erhältliche NFL-Network ist an allen Tagen vollumfänglich drauf – auch im Re-Live zeitversetzt zu sehen.

Der große Unterschied zu den letzten Jahren: Der frühere Experten-Halbgott Mike Mayock ist nun GM der Oakland Raiders und wird durch Daniel Jeremiah (@movethesticks) ersetzt. Jeremiah ist längst nicht so markant wie Mayock, doch als einstiger langjähriger Scout vielleicht noch tiefer in der Materie. The Athletic hat ihm ein detailliertes Portrait gewidmet (Paywall).

Im Originalkommentar überträgt auch DAZN. Im Free-TV sind im deutschen Sprachraum ProSieben Maxx und ran.de mit eigener Mannschaft drauf.


Alle Jahre wieder ist auch das DerDraft-Team um Christian Schimmel und Roman John im Google-Hangout auf ihrem Youtube-Kanal wieder mit von der Partie. Das Programm für dieses Jahr ist schon bekannt:

Tag 1 (Do/Fr ab 1h30) – mit Jan Weckwerth und Nicolas Martin
Tag 2 (Fr/Sa ab ca. 0h30) – mit Jan Weckwerth und James Wiebe
Tag 3 (Sa ab ca. 17h45) – mit Jan Weckwerth

In durchschnittlich über 300 Artikeln pro Jahr auf diesem Blog befasse ich mich selbst intensiv mit NFL und College Football. Doch ich habe es vor ein paar Jahren als Gast in der Show selbst erlebt: Wenn die Kollegen von Der-Draft auch zum 250ten Pick (der keine 30 Snaps als NFL-Backup sehen wird) einen umfänglichen Scouting-Report herunterrattern, kann ich mich zeitlebens nicht mehr als echten Maniac bezeichnen.

Überblick über die Prospects

Die große Draftvorschau für den Gelegenheitszuschauer habe ich gestern geschrieben – darin verlinkt sind auch sämtliche detaillierte Scouting-Berichte über die einzelnen Positionen und diverse Individualisten:

Es ist der Jahrgang der Defensive Line – Edge Rush und Defensive Tackles sind die dominierenden Positionen.

Auf Quarterback ist die entscheidende Frage, ob Arizona Kyler Murray an #1 draften wird oder ob es im letzten Moment noch einen Monster-Trade für Murray gibt. Hinter Murray gilt Dwayne Haskins als zweitbeste QB, der fast sicher ebenso in den Top-10 gezogen wird. Sollte es wie in den letzten Jahren öfters passiert anschließend zu einer panischen Kettenreaktionen und einem Sturm auf die QBs kommen, könnten auch Drew Lock und der banale Daniel Jones in der oberen Hälfte der 1ten Runde vom Board gehen.

Als sehr tief besetzt, aber ohne die ganz herausragenden Individualtalente gelten Wide Receiver und Tight End sowie etwas abgeschwächt Cornerback und Offensive Tackle. Auf Receiver und Cornerback gehen die Meinungen zu guten und schwachen Prospect auch am weitesten auseinander. Mehr oder weniger zum Vergessen sind Runningback und Linebacker, wenn man von 1-2 Top-Prospects absieht.

Der Draft 2019 ist auch die Draftklasse der Unvollkommenen: Leute wie Murray oder WR D.K. Metcalf stehen symptomatisch dafür – Spieler, die einige Dinge herausragend gut können, aber auf der anderen Seite Schwachstellen mitbringen, mit denen sie in früheren Zeiten chancenlos auf einen 1st Rounder gewesen wären.

Neues Scouting

Es ist auch die Draftklasse, die den Beginn eines neuen Zeitalters markiert, denn nie zuvor wussten wir so viel über die einzelnen Anwärter im Draft. Datensammler und Analysten wie Pro Football Focus oder Sports Info Solutions sind dabei, im Verbund mit Game Tracking-Daten sowohl die NFL als auch den Scouting-Prozess zu revolutionieren. Beim Ringer hat Kevin Clark über das Phänomen der Datenlawine geschrieben:

Die eine Erkenntnis: Nicht alles ist quantifizierbar. Die andere: Traditionelles Scouting ist besser als sein Ruf, aber nicht perfekt. Der nächste Evolutionsschritt ist Big-Data und geht über Tracking-Daten (die momentan nur in der NFL zentralisiert bereit stehen) und Korrelations-Analysen hinaus.

Eines der faszinierenden Projekte im Scouting wird sein, tausende Scouting-Reports zu verschlagworten und zu analysieren, welche Qualitäten sich in der NFL als wichtig und welche als unwichtig erweisen. Mittels maschinellem Lernen hofft man auf wesentliche Sprünge im Identifizieren von Schlüssel-Qualitäten. Schon heute sollen Teams die Weisheit der Vielen für sich nutzen, indem sie z.B. aus tausenden im Netz verstreuten Mock-Drafts abzuleiten, was wohl die direkte Konkurrenz vorhaben könnte.

Auch Pro Football Focus, unsere momentan beste Quelle, wird nach fünf Jahren Datensammeln im College Football immer besser und hat schon entscheidende Inputs geliefert, über die ich in den letzten Wochen geschrieben habe (Auswahl):

Draft-Cheatsheet

All diese neuen Erkenntnisse führen dazu, dass am kommenden Wochenende und in den nächsten Drafts bislang ungenutzte Markt-Ineffizienzen auftauchen werden, die kluge Teams für sich nutzen werden. Wer informiert den Draft verfolgt, sollte sich grob an folgende Richtlinien halten – und sich vom vielen Bullshit, der den Draft umgibt, nicht blenden lassen:

  • Fokussiere alle deine hohen Picks auf Pass-Offense und Pass-Defense, mit Quarterback als Dreh- und Angelpunkt. Alles andere kommt danach.
  • Offensive Skill-Player (WR, TE) und Cornerbacks sind wichtiger als Offense Line und Defense Line.
  • Runningbacks sind nahezu wertlos. Die einzige Qualität, die zählt: Können sie fangen?
  • Speed ist wichtiger als Power
  • Gute Rookie-Quarterbacks sind dank der Kostendeckelung im Rookie-Vertragssystem der NFL die effizienteste Ressource einer NFL-Mannschaft. Sogar ein Trubisky hat durch seinen günstigen Vertrag einen bestimmten Wert.
  • Der „Sweet Spot“ mit dem besten Preis/Leistungs-Verhältnis liegt nicht in den Top-10, sondern Ende der 1ten Runde. Die Top-10 bringen zwar tendenziell die besseren Spieler, sind aber trotz Gehaltsdeckelung bereits wesentlich teurer.
  • Trades nach unten sind meistens wirtschaftlich bessere Deals als Trades nach oben. Der Draft mit seiner relativen Informationsgleichheit ist so viel Lotterie, dass kein Team über längere Zeit die anderen aussticht. Die beste Wette ist also, möglichst viele Picks zu sammeln.
  • Wichtige Indikatoren zum Bewerten von Draft-Trades sind die Draft-Value Charts. Eines von ihnen stammt von Jimmy Johnson, einem früheren Superbowl-Coach der Dallas Cowboys. Ein anderes, zeitgemäßeres, kommt von Chase Stuart (Football Perspective). Wie viele „Draft-Value Points“ die kumulierten Draftpicks der einzelnen Teams wert sind, hat René Bugner zusammengestellt:

Drinking Game

Draftsaison ist ein Beleg für die Qualität der Weisheit der Vielen – die man im Guten auslegen kann als grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Massen, im Skurrilen aber unter dem Motto „Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom andern schreibt“ zusammengefasst werden kann.

Viele Beteiligte, eine Sprache – und so ist der NFL-Draft auch das Hochfest der Phrasendrescherei. Wer sich heute Nacht besaufen will, sollte sein Drinking Game um folgende Floskeln herum bauen: on the clock, the pick is in, here’s the commissioner, WOW!!!, upsidecharacter issuesplaymakerversatilitycan make all the throwsstiff hips, best player availablehigh ceilingupsideboom or bustneed pickvalue pickhigh motorintangiblesballer, bend on the edgelove this kidlove this pickthis is a questionable pick, he’s a safe pick, reach, stealskill setball skill, off-ball linebacker und first guy in, last guy out.

Das „Draften“ von zwei oder drei dieser Floskeln sollte im Trinkspiel für einen gepflegten Vollrausch ausreichen. Alternativ-Option ist ein Shot pro Pfeifkonzert für Roger Goodell – empfehlenswert nur mit leichtem Getränk.

Prost.

4 Kommentare zu “NFL Draft-Day 2019

  1. Hab jetzt wieder nen Mock gesehen wo die Raiders mit ihrem zweiten First-Rounder nen RB ziehen jetzt wo Lynch retired hat…. und nen anderen wo sie an 1 traden und Murray ziehen🤔. Ich bin echt schon gespannt, auch wegen deiner sehr ausführlichen Berichterstattung…. gibts von dir für Runde 1 nen Liveblog oder eher ne Zusammenfassung mit ersten Gedanken am nächsten Morgen?

  2. Danke für die ausführliche Berichterstattung. Täuscht mich meine Erinnerung oder war das viel detaillierter als in den letzten Jahren, ich meine mich erinnern zu können, dass Du dem Draftprozess immer eher kritisch ggü. gestanden bist? Hat man auch in diesmal gesehen, aber das Aufkommen von Advanced Stats hat den Process interessant gemacht.

    Scoutest Du selbst auch? Kannst Du vielleicht mal vertiefen, wie Du dir ein Prospect anschaust, ich stelle mir das sehr zeitaufwändig vor und weiß nie wo man beginnen muss. Ich sehe ja auch, dass Taamu ein schlechterer Werfer ist als Kyler oder Haskins, wüsste in den feinen Details nicht wo weitermachen.

    Kannst Du vielleicht irgendwann vertiefen, was Du alles gelernt hast im Scouting Process?

    Finde das ganze Thema ja auch spannend. Ich habe aber noch nicht den Zugang zum Scouten gefunden, weil ich nicht weiß wo anfangen.

    Anyway, Danke für deine Mühen! Unglaublich, dass Du das in deiner Freizeit hinbekommst.

  3. @Schnixx: Aktuell völlig in der Schwebe, ob / was ich heute Nacht machen werde.

    @Flo: Nein, zum detaillierten Scouting fehlt mir die Zeit. Nach Studium des Rookie Scouting-Portfolios bin ich auch überzeugt, dass ein normaler Mensch nicht ausreichend in die Tiefe gehen kann um ein komplettes Bild eines Prospects zu malen. Schon gar nicht über alle Positionen.

    Anfangen beim Scouten? Ich weiß nicht ob ich die beste Quelle dafür bin, aber ich es gibt zwei Wege: Entweder „Trial & Error“, indem man selbst für sich analysiert, was wichtig ist und Erfolg bringen wird und Jahr für Jahr versucht, dieses Wissen zu erweitern. Oder man studiert die besten Quellen, gleicht es mit dem Tape ab und versucht daraus, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

    Was ich gelernt habe, wird auf diesem Blog protokolliert. Das Blog ist sozusagen mein eigener Merkzettel.

  4. Zwei weitere wichtige Links im Vorfeld des Drafts seien an dieser Stelle auch noch ergänzt:

    #1 Jenny Vrentas über das Informationsmanagement von NFL-Teams, die nicht bloß wissen müssen, was sie wollen, sondern auch noch abschätzen müssen, was die Konkurrenz denkt und wie viel Risiko sie eingehen können um ihre gewünschten Spieler zu bekommen:

    #2 Der Professor Cade Massey, der mit Richard Thaler als erster nachwies, dass der NFL-Draft eine Lotterie ist, im Podcast mit Ed Feng:

    Fazit: Wenn ein Problem besonders schwierig ist, wird der Einsatz von zusätzlichen Analytics-Tools wichtiger. Und NFL-Draft Projections sind ein besonders schwieriges Problem.

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