Der Rosen-Trade aus drei Perspektiven

Tag 2 im NFL Draft ist geschlagen. Der auffälligste Move betrifft gar keinen Rookie, sondern den Quarterback, der in Arizona nach der Einberufung von Kyler Murray an #1 obsolet geworden war: QB Josh Rosen, von den Cardinals zu den Miami Dolphins getradet. Der Gegenwert für Rosen ist banal: Später 2nd Rounder (#62 Pick 2019) und ein 5th Rounder im nächsten Jahr.

Die Miami-Sicht

An mehreren Stellen wird der Move als Win/Win gepriesen, doch auch wenn sich Arizona damit einer potenziell nicht Ruhe gebenden Quarterback-Situation entzieht, so ist der Deal schon ein gewaltiges Schnäppchen für die Dolphins:

Festzuhalten bleibt allerdings auch: Rosens Einstand in der NFL war verheerend: 4.5 NY/A im Passspiel, gar nur 3.5 ANY/A (Touchdowns und Interceptions mit einbezogen). Man kann Teile daran an einer ungünstigen Situation festmachen, mit schlechter Offensive Line, mäßigem Receiving-Corp und idiotischem Play-Calling. Aber es gab schon Rookie-Quarterbacks, die mehr aus so einer schlechten Ausgangslage gemacht haben als Rosen 2018.

Die Historie an Quarterbacks, die nach derart desaströsem Einstand in der NFL noch Erfolg finden konnten, ist kurz. Nach Jared Goff ist bereits Ende der Fahnenstange. Reminder: Goff ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Kann auch Rosen eine Ausnahme sein?

Die Situation in Miami 2019 ist nicht wesentlich besser als in Arizona 2018: Die Offense Line ließ mit 35% QB-Pressure Rate exakt gleich viele QB-Pressures zu und verlor in RT James einen Leistungsträger via Free Agency. Der Receiving-Corp ist mit WR Albert Wilson, WR Devante Parker (2018 nach Streit mit Coaching-Staff relativ selten eingesetzt) und TE Mike Gesicki mäßig bzw. teilweise unerfahren besetzt. Und Rosen ist hinter QB-Wandervogel Ryan Fitzpatrick noch nichtmal ein klarer „Lock“ um zu starten.

Doch andererseits macht der Move für Miami so viel Sinn! Die Dolphins zahlen einen geringen Preis, Rosen ist nur ein Jahr davon entfernt, als „profi-tauglichster“ Rookie-QB in die NFL gekommen zu sein – wenn Rosen einschlägt, hat Miami womöglich seinen Franchise-QB gefunden. Wenn er erneut floppt, kann man in einem Jahr in ein potenziell hochkarätig besetztes QB-Rennen mit Tua Tagovailoa oder Justin Herbert einsteigen. Die Chancen/Risiken-Analyse der Dolphins macht auf alle Fälle Sinn.

Arizonas Sichtweise

Arizona hingegen bekommt für einen Quarterback, für den man vor einem Jahr einen Up-Trade auf #10 einfädeln musste, nur noch marginalen Gegenwert. Aus der Vogelperspektive ist eine Investition von zwei 1st Roundern, darunter einem Top-Overall Pick, für einen Franchise-QB (in unserem Fall Murray) zwar wirtschaftlich kein katastrophaler Schaden mehr, wenn besagter QB einschlägt:

Doch Arizonas ganzes Handling war schon seit dem Jänner suspekt. Mit einem 1st-Round Prospect bereits in der Hand müssen sich die Cardinals durchaus fragen, ob man mit besserem Management nicht mehr hätte aus dem Trade-Objekt Rosen herausschlagen können. GM Steve Keim wurde gestern splitterfasernackt durchs Dorf getrieben, weil er angeblich bis kurz vor dem Draft keine Tausch-Verhandlungen einging und damit Rosens Preis ins Bodenlose fallen ließ.

Es mag sein, dass man sich in Glendale bis relativ kurz vor dem Draft nicht ganz einig war, mit welchem Quarterback man denn die Zukunft bestreiten möge. Es mag auch sein, dass „didn’t start taking calls“ von „ich hab keine Lust den Hörer abzunehmen“ bis „wenn sie nur einen 2nd Rounder bieten, brauchen wir nicht erst beginnen zu verhandeln“ reicht.

Doch Keims Verwaltung der Rosen/Murray-Situation erhärtet mal wieder den Verdacht, dass etliche GM-Posten in der NFL noch von Leuten besetzt sind, bei denen es kein gewaltiges Downgrade wäre, wenn man einen wahllosen Football-Fan von der Straße auf deren Posten hievt.

Punkt ist: Wie das Dilemma Rosen letztendlich bewertet wird, hängt nun davon ab, wie Rosen in Miami und Murray in Arizona performen. Durchaus möglich, dass Keim am Ende als Hero dasteht, weil sein Mumm, zwei Top-10 Quarterbacks en suite gedraftet zu haben, belohnt wird. Aber auch möglich, dass Keim schon im nächsten Winter auf der Abschussliste steht, weil er den Machtkampf in Arizonas Front Office verlor und Kingsbury die Kontrolle über den sportlichen Bereich übernimmt.

Die NFL-Sicht

Rosens Wertverfall ist auch aus globaler NFL-Sicht interessant. Rosen war vor einem Jahr ein Top-10 QB. Er hatte ein schwaches Rookie-Jahr. Er ist heute nur noch einen 2nd Rounder wert, wo andererseits Trades für „non-Elite“ Passrusher wie Frank Clark für deutlich mehr (1st & 2nd Rounder) vom Tablett gehen – inklusive Vertrag für Marktpreis, wo ein Rosen als potenzielles Top-Prospect spottbillig zu haben ist!

Es gibt mehrere Erklärungsansätze – einer davon ist: Die NFL bewertet das Unbekannte viel höher als das Bekannte. Rosen war, bevor wir von seinem Rookiejahr wussten, eineinhalb Runden und ca. 12 Mio. Dollar mehr wert als heute. Fix ist: Seine schwache Rookiesaison sollte man nicht ganz vergessen. Aber der Wertverfall ist gerade angesichts der erschwerenden Umstände krass.

Ein anderer ist der „Hebel“ der Cardinals: Die NFL scheut traditionell Training-Camp Battles zwischen zwei Top-QB Optionen. Was wäre auf einem weißen Blatt Papier das Problem an einem echten QB-Duell zwischen Murray und Rosen? Klar ist: Es müsste als solches verkauft werden – doch so wie Arizona sich in den letzten Wochen verhielt, musste letztlich jedem klar sein, dass Rosen keine Chance haben würde, weil Murray und Kingsbury im selben Boot sitzen.

Hat sich Arizona also geschadet, weil es zu lange wartete? Andererseits: Man hätte Rosen für ein besseres Angebot bestimmt verkauft – bloß kam nie eines.

Oder ist Rosen selbst am Ende das Problem – immerhin hätten Teams wie New England oder die Chargers locker den Preis der Dolphins „matchen“ können. Taten sie letztlich nicht – vielleicht, weil sie schlicht vom Prospect Rosen weniger überzeugt waren als wir selbst.

Auf jeden Fall bleibt der Wertverlust erstaunlich. Nachdem in diesem Jahr mit Daniel Jones schon wieder ein suspektes QB-Prospect in den Top-10 ging, würde ich noch mehr als die Hebelwirkungstheorie an die „Unbekanntes ist mehr wert“-Theorie glauben.

11 Kommentare zu “Der Rosen-Trade aus drei Perspektiven

  1. Rosen hatte ein extrem schwaches Jahr, aber auf jeder Sport Website und auf jedem Blog wird auf die unterirdische O-Line, sowie das anscheinend noch schlechtere Play Calling verwiesen.
    Ich denke eher, dass sich GM Keim komplett verzockt hat. Wenn es stimmt, dass er bis kurz vor dem Draft keine Anrufe bzgl. Rosen annahm, erscheint mir das Ganze ziemlich ungeplant.
    Wenn man sich die QB Situation in der Liga nach dem Draft anschaut, war der Markt für Rosen wirklich sehr klein. Mir persönlich sind wirklich nur Miami und Oakland eingefallen. Alle anderen Teams dürften kein Interesse gehabt haben. Nicht dass QBs wie Foles oder Dalton überragende Spieler wären, aber ein instant Upgrade ware Rosen auch nicht gewesen, zumal beide erst Anfang 30 sind. Auch bei Teams wie NE, PIT, NO oder LAC fällt mir auf die Schnelle kein Bedarf ein, weil diese Teams einfach nicht wissen wie lang ihre QBs noch spielen wollen. Roethlisberger hat ja erst wieder seinen Vertrag verlängert.

    Lange Rede kurzer Sinn: für mein Empfinden klarer win für Miami und Steve Keim hat sich mit Rosen komplett verzockt, bzw. den Markt völlig falsch eingeschätzt

  2. Es ist aber tatsächlich megainteressant wie sehr sein Wert gefallen ist und wie ihn andere Teams sehen. Ganz offenbar sehen ihn ja auch die Teams mit dem klaren QB Need wie Giants, Washington, Denver deutlich unter den von ihnen gedrafteten QBs…oder auch die Raiders mit ihren etlichen Picks (z.B. statt nen RB in Runde 1 runtertraden und für Rosen bieten)

  3. So ist das in der heutigen NFL. Wenn Du als Rookie QB nicht gleich in deiner ersten Saison 35 TD-Pässe wirfst hängen Dir die Medien sofort das Bust-Schild um den Hals. Da treten dann auch die äußeren Umstände in den Hintergrund und Keim hat die Cardinals enorm runtergewirtschaftet in den letzten drei Jahren!

  4. Und Metcalf der ja von diversen Mocks auch als 1.WR in Runde 1 gesehen wurde (teilweise Top10-15) geht nur als 8 oder 9 WR vom Board….da muss doch auch irgendwas im Busch sein

  5. @Schnixx bei Metcalf gabs ja von Beginn weg die Bedenken wegen Verletzungsanfälligkeit… und da wissen die Teams garantiert deutlich mehr als alle anderen Experten, da die fundierte, medizinische Berichte vorliegen haben sollten über das betreffende Prospect…

  6. Was ja witzig ist: Mit Rosen, Darnold und Josh Allen spielen jetzt drei #1 QBs aus dem 2018 Draft in der AFC East gegen Tom Brady!

  7. Und wenn die 3 alle zusammen auf die Saisons von TB12 als Starting QB kommen, dann kann man das schon als Erfolg werten 😅.

    Die Verletzungen von Metcalf hatte ich komplett verdrängt. Das erklärt das natürlich.

  8. Kantersieg Miami.

    Cardinals steigen aber nicht als einzige schlecht aus. Auch andere QB needy Teams müssen sich hinterfragen, diese einmalige Chance einen Top 10 Prospect für #2 Round und 6 M über 3 Jahre (!!!) zu missachten.

    Cincinnati? Kidding me, einen billigeren Dalton-Heir bekommt man nicht, egal wie perfekt oder nicht Rosen ins Taylor System passt.

    Denver, Oakland, Jags, Giants: Alle Jackpot verpasst.

  9. Pingback: Was können wir aus dem NFL-Draft 2019 ablesen – der Case Study Arizona Cardinals | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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