Was können wir aus dem NFL-Draft 2019 ablesen – der Case Study Arizona Cardinals

Der NFL-Draft 2019 ist geschlagen.

Drafts zu bewerten ist immer so eine Sache. Ich habe in der Urzeit des Blogs eine Frischzellenkur“-Serie geschrieben, in der ich jeden Draft genauer unter die Lupe genommen habe. Sich Jahre später durch diese Einträge zu fräsen, ist ulkig: Die „Trefferquote“ in der Bewertung der Team-Picks ist ebenso volatil wie das Ranking der Prospects.

Ich erinnere mich noch an den „langweiligen aber soliden“ J.J. Watt. Was macht diese Draft-Bewertungen so schwierig? Prinzipiell sind es mehrere Faktoren:

  • Teams haben verschiedene Motivationen, einen speziellen Spieler in einem speziellen Spot zu draften: Vielleicht wollte das Team genau diese Position mit genau diesem Spieler besetzten. Vielleicht wurde dem Team aber auch genau ihr Wunschspieler vor der Nase weggeschnappt. In dem Fall gibt es jeweils mehrere Optionen: a) es ist eine Alternative auf der Position verfügbar, also wird dieser Spieler gezogen (bsp. Texans mit Tytus Howard an #23), b) es ist keine Alternative verfügbar und man zieht eine andere Position oder c) Trade-Down, so überhaupt ein Abnehmer da ist.
  • Vor allen Fall b) ist von außen schwer zu beurteilen, da wir nur das Ergebnis, nicht den Prozess bis dahin kennen. Team X hat klaren Bedarf an Position Y, aber es ist nur überbewertetes Talent in diesem Slot verfügbar – also zieht man Position Z
  • Medien-Big-Boards werden zusammengestellt überwiegend auf Basis von Tape. Doch es fließen auch Faktoren rein, die von außen kaum bewertbar sind: Medizinische Fragezeichen oder verheerende Vorstellungsgespräche, von denen wir nichts mitbekommen (z.B. WR Metcalf oder die Fehldiagnose bei DE Sweat / CB Greedy Williams soll Interviews geschwänzt haben)
  • Teams sind ähnlich wenig perfekt im Zusammenstellen von Draft-Rankings wie jeder andere Mensch: Sie machen Fehler. Das kann zu schlechten, aber auch guten Ergebnissen führen – so viele Unwägbarkeiten sind bei jedem einzelnen Prospect zu beachten.

Der Draft ist ein so komplexes System, da gibt es bestimmt weitere Gründe, die eine Einordnung des Vorhabens erschweren. 1st Rounder haben schon eine tendenziell mäßige „Hit-Rate“, aber spätestens ab der vierten Runde ist so vieles Stochern im Dunkeln, dass es mir sinnlos erscheint, einzelne Picks zu loben oder zu kritisieren, weil mir der Spieler im Scouting so gut gefallen hat. Spätstens ab Runde 6 schaffen es sowieso nur noch wenige Prospects überhaupt in den Kader. Zufall rulez.

Der Fall Arizona Cardinals

Was man jedoch versuchen kann abzuleiten, ist eine gewisse Herangehensweise. So schauen wir uns heute mal die Arizona Cardinals an, die einen auffälligen Draft hinter sich haben:

Suboptimales Handling der Cardinals in der Josh-Rosen Saga, doch a) Rosen verabschiedete sich wie ein großer Staatsmann aus Phoenix und hinterlässt nicht einen verbrannten Grashalm oder Erde und b) verlief der restliche Cardinals-Draft ziemlich optimal. Keim/Kingsbury drafteten sehr „analytics-kompatibel“ – zogen nach dem QB Kyler Murray an #1 insgesamt 3 Wide Receiver, einen Cornerback, einen Safety und einen Defensive End in den nächsten Runde – wir hatten ja gelernt, dass WR und DB die heimlichen Trümpfe einer NFL-Mannschaft sind!

Der ganze Draft ging zu Lasten von Offensive Line, die weiterhin suspekt besetzt bleibt, doch dafür gibt es potenzielle eine Erklärung:

Dafür wurden mehrere Picks in Playmaker investiert:

  • #62 Andy Isabella (UMass)
  • #103 Hakeem Butler (Iowa State)
  • #174 Keesean Johnson (Fresno State)

Butler war auf mehreren Boards der am höchsten gerankte Receiver gewesen – u.a. bei Matt Waldman vom Rookie Scouting Portfolio. Die NFL scherte das nicht. Butler fiel bis runter auf den ersten Spot in der 4ten Runde – warum, ist nicht ganz klar.

Doch wir hatten schon mehrfach thematisiert, dass das Wide-Receiver Ranking 2019 in keinen zwei Big-Boards gleich ausgesehen hat – und auch, dass insbesondere diese hoch aufgeschossenen Receiver-Typen wie Butler extrem schwer zu bewerten sind. So fiel z.B. ein anderer von vielen gelobter WR runter bis in die 6te Runde: Kelvin Harmon.

Butler ist ein X-WR Typ. Dagegen ist Isabella eher der Sprinter für die Downhill-Routen (Go / Post Routes). Waldman hatte Isabella nur auf Platz 24 in seinem Receiver-Ranking – zu unsicher sei sein Route-Running. Isabella hat Elite-Speed und ausreichend Beweglichkeit um auch im Slot zu operieren. Wie er von Kingsbury eingesetzt wird, wird mit entscheidend sein.

Auf dem Blatt Papier sieht die Cardinals-Offense damit nach dieser Offseason rundumerneuert aus – Fitzgerald wird nicht mehr lange spielen, aber er ist vor allem mit dem blutjungen WR-Corps im Hintergrund ein wichtiger Routinier und Sicherheits-Option für Murray:

CB Byron Murphy (#33 Pick), DE Zach Allen (#65 Pick) und S Deionte Thompson (#139 Pick) sind “Value Picks“. Insbesondere Murphy galt auf vielen Big-Boards als bester oder zweitbester Cornerback im Draft – es überraschte, dass er nicht in der 1ten Runde gedraftet wurde. Für Arizona war es auch trotz Needs in der Offensive Line ein „No Brainer“, Murphy zu holen – mit oder ohne den möglicherweise bevorstehenden Abgang von Superstar-CB Patrick Peterson im Hinterkopf. Zu wichtig ist die Position – das haben die Verantwortlichen korrekt erkannt.

Thompson galt vielerorts als potenzieller 2nd oder 3rd Rounder. Dass er in die 5te Runde fiel, überraschte. Er gilt als „Steal“ – wobei just bei solchen Bezeichnungen oft aufzupassen ist. Es gibt meistens gute Gründe, weswegen solche Spieler wie Thompson so tief die Draft-Boards runterpurzeln.

Sind die Cardinals mit ihrer „QB + WR + CB = Success“ Formel tatsächlich so analytisch unterwegs wie wir nun denken, oder sind diese Picks auch Produkt fehlender Alternativen auf anderen Positionen? Wir wissen es nicht genau. Wir können aber immerhin ableiten, dass die Cardinals keine Scheu hatten, nach einem zweiten auch noch einen dritten WR zu draften und damit eine bestimmte Position mit Ressourcen zu besetzen.

Was ich sagen möchte: Kingsbury verfolgt damit einen Plan – oder vermittelt zumindest den Eindruck davon. Dass die Cardinals die Schneid hatten, einen potenziellen Franchise-QB wie Rosen schon nach einem Jahr abzusägen um „all-in“ in die Vorgehensweise des neuen Coaches zu gehen, dass sie dem neuen QB zumindest auf dem Papier Waffen zur Verfügung stellen, spricht alles dafür, dass man nicht wahl- und planlos in den Draft gegangen ist.

Nicht jeder Pick wird sich als Erfolg herausstellen. Vielleicht ist Murray ein Bust – vielleicht entpuppen sich auch die Receiver um Isabella und Butler als Flops. Doch immerhin scheinen die Cardinals eine Idee zu verfolgen und die richtigen Spielertypen für die neue Kingsbury-Offense (sowie die richtigen Positionen in der Defense!) geholt zu haben. Damit sind die Arizona Cardinals umso mehr eine Mannschaft für die Watchlist 2019 / 2020.

13 Kommentare zu “Was können wir aus dem NFL-Draft 2019 ablesen – der Case Study Arizona Cardinals

  1. Gefällt mir ganz gut, die Einschätzung von Steve Palazzolo:

    Cards sind auch mit dem Rosen Trade als Punkteabzug ein Draft Gewinner, wenn man nur die Picks mit dem was wir heute wissen anschaut.

  2. „Der Draft ist ein so komplexes System, da gibt es bestimmt weitere Gründe, die eine Einordnung des Vorhabens erschweren. 1st Rounder haben schon eine tendenziell mäßige „Hit-Rate“, aber spätestens ab der vierten Runde ist so vieles Stochern im Dunkeln, dass es mir sinnlos erscheint, einzelne Picks zu loben oder zu kritisieren, weil mir der Spieler im Scouting so gut gefallen hat. Spätstens ab Runde 6 schaffen es sowieso nur noch wenige Prospects überhaupt in den Kader. Zufall rulez.“

    Als Patriots Fan musste ich bei dem Absatz doch schmunzeln. Ich denke gerne an Pick #199 der 6. Runde zurück als ein gewisser Tom Brady gedraftet wurde. 🙂
    Was natürlich aber total zu Deiner Zufallsthese passt.

  3. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber wo in der 5ten Runde in den letzten Jahren noch Leute wie Robert Mathis, Richard Sherman, Chancellor oder Josh Norman gefunden wurden, ist die Liste an Stars ab Runde 6 schon auf einen einzigen Namen begrenzt:

    Antonio Brown war ein 6th Rounder 2011.
    7th Rounder? Nada.

    Einen brauchbaren Ergänzungsspieler ab Runde 5 oder 6 zu finden, der 3-4 Jahre lang die Kadertiefe stärkt, ist schon ein großer Gewinn.

    Das Stochern gilt abgeschwächt auch für die frühen Runden: 2011 kritisierten die Experten um Mike Mayock den J.J. Watt-Pick und fragten sich lauthals warum die Texans nicht CB Prince Amukamara gedraftet haben.

  4. zu Josh Norman:
    Der hat am, Ende ja auch nur anderthalb Jahre als Topspieler für Carolina aufs Board gebracht. Eine lange Entwicklungszei ist in der heutigen NFL einfach ein größeres Problem. Wie viel bringt es denn dem Team, einen wirklich sehr guten Spieler zu draften, der aber 3 Seasons braucht, ehe er auf dem level ist – dann gibt es noch ein Jahr unter Rookie-Vertrag und ab dann ist es wurscht, ob ich den Spieler mal gedraftet habe oder ein Free Agent geholt werden muss.

  5. Mit Abstrichen würde Edelman für mich noch als fast Star Spieler aus der 7. Runde durchgehen. Zumindest ist er deutlich mehr als ein Spieler für die Karriere 😉

  6. Pingback: NFL Draft 2019 – Ein Rückblick aus Sicht der Seahawks – My Seattle Sports Blog

  7. @alexanderbrink: Ich würde den Karriereweg von Josh Norman mit Kusshand nehmen. Hatte schon vor seinem Breakout 2015 zwei Jahre mit jeweils >700 Snaps. Schwierigkeiten als Rookie haben auch die Top-Picks. Norman war 2014 schon ein guter Starter. 2015 war er All-Pro und brachte den Panthers nach seinem Abgang einen 3rd Round Compensatory Pick ein.

    Ein 5th Rounder, der das liefert, ist immer als Erfolg zu werten, auch wenn der Peak mit dem originalen Team relativ kurzer Natur war.

    @Rantanplan: Edelman habe ich übersehen. Würde ich gelten lassen. Edelman ist aber nicht Kategorie Brown, Sherman oder Mathis.

  8. ausgehend von der annahme das lateround picks von der Entwicklung nicht so weit sind (und nicht einfach auch ein niedriges theoretisches Toplevel – Stichwort Ceilling- haben) haben sie aus meiner Sicht aus 3 Gründen wenig Chance auf eine erfolgreiche karriere. Das aktuelle CBA begünstigt es neue Spieler zu draften als spieler länger zu halten. Der 53 Mann Kader lässt aufgrund der Spezialisierung und Verletzungsthematik keine Plätze für Entwicklungsspieler zu. Wie Korsakoff es in den letzten Tagen bezgl. des Werteverfalls von Rosen geschrieben hat gilt in der NFL das unbekannte und damit theoretisch mögliche mehr als das bekannte.

  9. Es gibt Ausnahmen:

    Für mich ist Marques Colston ein 7. Runden Juwel. Auch wenn er Medial nie stattgefunden hat. Da er nur 2-3 Interviews in seiner ganzen Karriere gegeben hat.
    In 9 Jahren NFL fast 10.000 Yards (13,7 Y/AVG) und 72 (!) Touchdowns.

  10. Deshalb schreib ich bei Edelman ja auch „mit abstrichen“ 🙂 was aber bei Edelman und etwas weniger bei Brown zu beobachten war: die beiden waren nicht von der ersten Saison weg, Edelman auch noch nicht in der 2. und 3. Saison tragende Säulen ihrer Teams (bei Brown weiss ich nicht wie lang es dauerte, bis er im ersten Glied stand. Aber da waren zu Beginn glaub schon andere, die die Reciever Position bei den Steelers geprägt hatten). Beide mussten sich doch noch stark entwickeln, wenn ich das richtig sehe… das ging bei den Kalibern A. J. Green und Julio Jones schneller…

  11. @korsakoff
    Ja kann ich nachvollziehen. Wobei die Überlegung spannend ist, ob er als First rounder nicht schnell als bust verschrien worden wäre. Im dritten Jahr war er ja noch nicht auf dem Radar- nur bei pff

    Mir ging es grundsätzlich mehr darum, dass man allzu leicht den drafterfolg nach der Qualität der Spieler beurteilt, dass aber fürs Team auch andere Faktoren zu berücksichtigen sind. Solide starter können durchaus ihren Wert haben.

  12. Irgndenwie abgesehen von den Giants und etwas den Raiders eine ziemlich logischer Draft, bis dann in Runde 4 Punter und Kicker gingen.
    Aber Arizona hat nun doppelt so viele First Round QB in der ersten Runde gezogen, wie die Saints seit 1971. Neben den Cowboys und Seahawks, Pats das einzige Team ohne Firsr Round QB in diesem Jahrtausend.

    Und ich glaube Rosen wird in einem Jahr bei den Dolphins wieder fliegen, sofern er nicht alle Rekorde zerstört. Aber dann wohl für mehr als einen Late 2nd oder er bleibt einfach als Backup.

  13. @Klappflügel: Wenn ich Dolphins-GM wäre, würde ich Rosen die vollen drei Jahre für 6mio/Jahr behalten. Backup-qualität hat er locker. Und wenn er sich doch noch besser entwickelt, top!

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