Der Patriots-Draft 2019 unter der Lupe

Ein Blick auf den NFL-Draft 2019 der New England Patriots. Wohin geht die Reise mit der Patriots-Offense?

New England war mal wieder sehr aktiv auf dem Tauschmarkt: Sieben Draft-Day Trades, davon gleich drei mit den Los Angeles Rams – es sieht so aus, als hätten Bill Belichick und Sean McVay in der Superbowl-Woche zueinander gefunden.

Die Patriots waren dabei für einmal nicht bloß aktiv im Down-Trading: Drei der Trades waren Up-Trades der Patriots. Am Ende des Tages verringerte Belichick sogar die Anzahl seiner Picks in den ersten drei Runden (von 6 auf 5) und er verlor nach Chase-Stuart ganz leicht an Draftkapital: -1.1 Punkte. Man möchte beruhigen: Das ist das Äquivalent des #192 Picks – nur wenige Slots oberhalb dessen, was sie für Tom Brady investierten.

Was machte Belichick in den ersten drei Runden?

Er draftete Wide Receiver, Cornerback, Edge-Rusher, Offensive Tackle – und Runningback. Die Picks im Einzelnen dürften mittlerweile bekannt sein:

#32 WR N’Keal Harry (Arizona)
#45 CB Joejuan Williams (Vanderbilt)
#77 EDGE Chase Winovich (Michigan)
#87 RB Damien Harris (Alabama)
#101 OT Yodny Cajuste (West Virginia)

Was sofort auffällt: Kein Tight End. Besonders überraschend finde ich das nicht, denn seien wir mal ehrlich: Belichick konnte niemals ernsthaft glauben, Gronkowski ersetzen zu können. Belichick machte also das, was er in solchen Fällen immer macht: Kurswechsel.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Belichick in New England jemals einen Wide Receiver so hoch gedraftet hat wie Harry an #32. Er hatte massig 2nd Rounder – fast alle Flops – aber nie einen 1st Rounder. An Harry ist nicht nur die Position überraschend, sondern auch das Profil: Ein 6‘2 Receiver, eher groß gewachsen also – ganz anders als die vielen Amendola/Welker/Edelman-Style Irrwische im Patriots-Receiving Corps.

Die Patriots haben damit in dieser Offseason mehrere WR-Hünen verpflichtet:

  • Harry (6‘2)
  • Demariyus Thomas (6‘3 = 1.91m)
  • Maurice Harris (6‘3)

Auch Josh Gordon (ebenso 6‘3) wurde mit einem Tender-Preisschild gehalten – für den Fall der Fälle. Auf Tight End blieb Belichick dagegen relativ inaktiv – Seferian-Jenkins als einziger nennenswerter Neuzugang klingt nicht als ob die Patriots-Offense so schnell wieder über einen Tight End designt wird.

Vielmehr könnte das ganze eine Rückkehr zu mehr 11-Personnel bedeuten, sollte sich Thomas als athletisch noch brauchbar erweisen: Thomas/Harry/Edelman klingt zumindest auf dem Papier wie unterschiedliches Skill-Set – und wenn irgendwann sogar nochmal Gordon… ok, Fantasiespielchen. Aber im Prinzip wäre denkbar, dass OffCoord McDaniels nach dieser Off-Season in Zukunft wieder verstärkt über Wide Receiver spielen lässt.

Es rumort noch, dass New England z.B. an TE Kyle Rudolph interessiert sein könnte, wenn der in Minnesota obsolet wird. Doch auch ein Rudolph ist nicht annähernd Gronkowski in Miniaturformat. Selbst mit so einem potenziell noch anstehenden Einkauf im Hinterkopf riecht es nach Prioritätenverschiebung in der Patriots-Offense.


Die beiden Defense-Picks waren CB Joejuan Williams (den Belichick per Up-Trade sicherte) und EDGE Chase Winovich in der 3ten Runde abgestaubt.

Williams ist ein gefährlicher Pick: Ein 6‘4 Cornerback, nicht ultra-schnell (nur 4.64 Sekunden im Sprint) und nicht super-beweglich auf engstem Raum. Belichick hatte sein Bestreben nach einem großgewachsenen Cornerback im Vorfeld des Drafts durchtelegraphiert. Doch viele solcher Prospects sind in Vergangenheit gescheitert bzw. konnten sich nur nach Umstellung auf Safety über Wasser halten.

Wichtig bei Belichick: Er verlangt nach möglichst vielen verschiedenen Skill-Sets um mit möglichst vielen verschiedenen Gegnern klarzukommen. Ein physischer CB-Hüne wie Williams ist im Patriots-Depth Chart noch nicht vorhanden. Er könnte also einen Nischenplatz füllen.

Winovich dagegen ist so ein Spieler, bei dem nicht ganz klar ist, warum er so tief fiel. Tape, Messungen und Workouts waren nicht unähnlich von 1st Roundern. Möglich, dass ihn Belichick ganz einfach als Athlet abgestaubt hat, den man in der 3ten Runde nicht am Board lässt – der klassische „Value Pick“ mit dem Zusatznutzen, die Rotation in der Defensive Line zu intensivieren.


Was ist die Einberufung von RB Damien Harris in Runde 3? Entlastung für Sony Michel / Gefallen für Nick Saban im Fernduell Alabama-vs-Clemson ums Marketing der attraktivsten NFL-Ausbildungszentralen?

Oder weiß Belichick dank Sabans Insiderinformation etwas, was wir nicht wissen – z.B. was der wahre Grund dafür ist, dass Harris am College sowohl mehr Carries als auch mehr Catches hatte als der unisono als Top-RB gehypte Josh Jacobs, der in der 1ten Runde von Oakland gedraftet wurde?


Bei OT Cajuste ist die Sachlage dagegen sonnenklar: Patriots werden immer Offensive Liner in den mittleren Runden draften. Einmal um Tiefe im Kader und Sicherheit gegen Verletzungen zu haben. Zum anderen um den Konkurrenzkampf zu schüren, damit sich niemals ein Stammspieler auf seinen Lorbeeren ausruhen kann.

Für Cajuste (fiel nur wegen einer Bizeps-Verletzung überhaupt so tief runter) ist die Einberufung nach New England ein Traum: Er kann lernen unter Trainerlegende Dante Scarnecchia, kriegt im Idealfall in 1-2 Jahren einen Stammplatz um dann in vier Jahren einen 60-Mio. Vertrag am Transfermarkt zu unterschreiben. Dann ist auch wurscht, dass er ein paar Plätze im Draft verloren hat, weil kurzfristig denkende Teams zu viel Angst vor seiner Verletzung hatten.

Und die Patriots kriegen einen billigen künftigen Starter, weil sie schon wieder ein Jahr früher als unbedingt notwendig auf dem Markt tätig waren.

Die späten Runden

Ich schrieb schon am Sonntag darüber: Du kannst würfeln, wenn du über die Late-Rounder sinnierst. Jedes Jahr passiert es, dass bekannte Spieler nach Runde 3 noch am Board sind – jedes Jahr wird vor allem in den ersten Picks der vierten Runde über „Value-Picks“ gefaselt. Jedes Jahr ist nahezu völliger Zufall, welche dieser „Value-Picks“ tatsächlich einen Wert generieren.

Mit einer Ausnahme: New England. Kein Team profitierte so stark von Qualitäts-Picks in den späteren Runden des Drafts und auf dem UDFA-Markt wie die Patriots:

New England zog früh in Runde 4 mit OG Hjalte Forholdt einen weiteren Offense Liner, für den grob dasselbe gilt wie für Casjuste, minus Verletzung. Wichtig: Forholdt wir Casjuste haben ihre Stärken im Pass-Blocking.


Dazu der obligatorische Quarterback-Pick: Jarrett Stidham. Der Name überraschte, nachdem Stidhams 2018-Saison unter wechselhaftem Passing litt. Die Patriots draften in den letzten Jahren häufig Quarterbacks in den Runden 2-4 um etwas Absicherung hinter Brady zu haben und sie dann für bessere Draftpicks an andere Mannschaften zu verscherbeln.

Dass Stidham in 3 Jahren (oder fünf Jahren, oder zehn) zum Brady-Nachfolger aufsteigen kann, glaubt niemand so wirklich. Aber ein paar wohlgetimte Garbage-Time Einsätze, ein paar schöne Preseason-Spiele – und schon wird ein Team in ein paar Jahren anbeißen und einen Josh-Rosen artigen Preis an die Patriots bezahlen.

Was Belichick auch machte: Draftpick für Punter. Für die Punter-are-people-too Fraktion.


In Summe ein relativ typischer Patriots-Draft, aus dem man grob folgende Dinge schließen kann:

  • Wide Receiver wird in Zukunft wieder mehr im Fokus stehen als Tight End. Dabei setzt Belichick entgegen dem NFL-Trend offensichtlich wieder mehr auf Körpergröße.
  • Verjüngungsversuch in der Secondary mit einem speziellen Prospect, das man in Matchups einsetzen kann, für das man bislang keinen Spieler hatte
  • Midround-OL und -QB wie immer um sie hochzuziehen und später teuer zu verkaufen.

Die AFC rückt in der Spitze zusammen, aber wenn Brady 2019 erneut nicht unter dem Alter kollabiert, bleiben die Patriots ein heißer Conference-Anwärter.

8 Kommentare zu “Der Patriots-Draft 2019 unter der Lupe

  1. Im Kontext des Gronk abgangs machen die großen Reciever schon sinn. Die Pats offense hatte schon ewigkeiten verschiedeneartige Threats die sie dann via lineup oder motion oder sonstwie in ein vorteilhaftes Matchup bringen und gronk was das große dicke target.
    Das sieht für mich so aus als ob diese Rolle wieder besetzt werden soll, wenn auch nicht unbedingt von einem Tight End.

  2. Als Patriotsfan hat mich der Winovich Pick sehr glücklich gemacht. Den Workload von EDGE Trey Flowers nach Abgang zu den Lions über mehrere Schultern zu verteilen (Michael Bennett via Trade, Entwicklungsspieler, die schon im Kader sind
    Deatrich Wise Jr. usw), halte ich für einen sinnvollen Ansatz.

  3. Warum würde Belichick Nick Saban einen Gefallen tun wollen? Haben die beiden eine Verbindung? (Saban hat doch Divisionrival Dolphins gecoached???)

  4. Danke für die Info. Dann wird Bill sehr gute Infos gehabt haben. Ich bin mal gespannt, wie sich Damien Harris entwickelt.

  5. Pingback: Das große Draft Recap 2019 – Triple Option

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