Kansas City Chiefs 2019: Reaktion > Aktion

Die Draft-Herangehensweise der Kansas City Chiefs am letzten Wochenende war… interessant.

Die Ausgangslage

Die Chiefs waren nach dem überraschend teuren Einkauf von DE Frank Clark bekanntlich ohne ihren 1st Rounder in den Draft gegangen – hatten dafür aber durch den bereits letztes Jahr erfolgten Verkauf von CB Marcus Peters zwei (wenn auch späte) 2nd Rounder als Munition in eigener Hand.

Kansas City befand sich in einer Offseason des Umbaus: Neuer DefCoord in Steve Spagnuolo, der Bub Sutton ersetzt. Dazu erheblicher personeller Umbau in einer zuletzt enttäuschenden Defense:

  • DE Dee Ford, DE Justin Houston, SS Eric Berry und CB Steve Nelson abgegeben
  • Einkäufe eher so-so: FS Tyrann Mathieu, DE Alex Okafor, CB Bashaud Breeland via Free Agency, DE Emmanuel Ogbah via Trade aus Cleveland geholt.

In der Offense verloren die Chiefs in der Offseason mit C Mitch Morse einen zentralen Starter, dazu in WR Conley und TE Demetrius Harris zwei grundsolide Ergänzungsspieler – und mussten nach Bekanntwerden von kritischen Audio-Mitschnitten damit rechnen, dass WR Tyreek Hill nach erneuten Gewaltausbrüchen mutmaßlich für längere Zeit aus dem Verkehr gezogen wird – NFL-Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt an Frauen hin oder her.

Die Chiefs-Draftklasse 2019

Was machte das Duo GM Brett Veach / Head Coach Andy Reid?

  1. Es draftete zuallererst in der 2ten Runde in WR Mecole Hardman (Georgia) den möglichen Hill-Nachfolger: 5’10 klein, keine 190 Pfund schwer, dafür 4.33 Sprintzeit und 15.5yds/Catch. Dass Hardman dabei relativ unproduktiv (nach Yards/Route Run nur die #36 in der Draftklasse) und vor allem mit Deep-Pass Catch Rate von nur 31% (#119 der Klasse) eine Enttäuschung war, darauf pfiff man. Speed trumps everything.
  2. Der andere 2nd Rounder wurde in CB/S Juan Thornhill (Virginia) investiert.
  3. In der 3ten Runde zog man DT Khalen Saunders (Western Illinois), einen Run-Stopper.
  4. Danach drafteten die Chiefs erst wieder in Runde 6 – eine Region, die man in der Bewertung getrost vernachlässigen kann.

Es überrascht insbesondere, dass die Chiefs darauf verzichteten, Cornerback zu draften. Insbesondere in den mittleren Runden hatte die Cornerback-Position als durchaus wertvoll besetzt gegolten, doch Veach/Reid setzten eher auf die Karte „Run-Verteidiger“.

S Thornhill galt zwar als athletischer Freak (u.a. 4.42 Sekunden Sprintzeit) und Ball-Hawk (13 INT in zwei Jahren College), doch als seine größte Stärke gilt Run-Defense. Damit ähnelte Thornhill seinem Counterpart Mathieu, den man via Free-Agency teuer aus Houston einkaufte..

Auch DT Saunders ist in erster Linie bekannt für seine Qualitäten als Run-Stopper. Nicht dass Saunders ein unbeweglicher Bolzen wäre – seine Win-Rate gegen Offense Liner im 1-vs-1 ist famos, doch sein Antritt ist doch wesentlich schwerfälliger als jener der Top-Defensive Tackles in der NFL. Fast alle Draft-Bewerter sehen Saunders mittelfristig eher als Ersatzmann von NT Derrick Nnandi als vom Passrush-DT Chris Jones.

Mit diesen Picks ist die Draftklasse 2019 mehr als unmittelbare Reaktion auf die letzte Saison sowie auf den Hill-Eklat zu interpretieren denn als langfristiges „Team-Building“.

Die Auswirkungen

Kansas City hatte 2018 in erster Linie eine desaströse Run-Defense, die #31 oder #32 der Liga je nachdem welche Effizienz-Stats man heranzieht. Es macht Sinn, diese Schwächen zumindest soweit zu adressieren, dass man nicht erneut eine katastrophale Sollbruchstelle durchschleifen muss. Doch die Opportunitätskosten sind nicht zu vernachlässigen – der Cornerback-Depth Chart der Chiefs ist der mutmaßlich schwächste in der NFL:

  • Bashaud Breeland
  • Rashad Fenton
  • Kendall Fuller
  • Charvarius Ward
  • Blessaun Whyte
  • Tremon Smith

Einer dieser Namen entspringt meiner Fantasie, und ich rate dir mal in die frische Luft zu gehen, wenn du ohne Googeln sofort weißt, um welchen es sich dabei handelt.

Nicht, dass Rookie-Cornerbacks für gewöhnlich schnell einschlagen – das ist sehr selten der Fall! Doch wir haben just in den letzten Wochen gelernt, wie wichtig Coverage ist – die Chiefs haben diese immer offensichtlicher werdende Erkenntnis im Draft wie schon über die gesamte Offseason missachtet.

Nicht bloß ließen sie in Ford/Houston ihre beiden Top-Passrusher ziehen (v.a. Houston wäre bezahlbar zu halten gewesen). Sie kauften auch deren Nachfolger (Clark) überteuert ein, verpflichteten mit Mathieu, Thornhill und Saunders vor allem Run-Defender und gehen mit ähnlich vielen Abwehr-Fragezeichen in die neue Saison als sie letztes Jahr hatten.

Fakt ist allerdings auch: Spagnuolo ist ein Defensive Coordinator, der zeitlebens von großartiger Defensive Line gelebt hat. Manche sagen, die beiden durch dominante Defense Line hervorgerufenen Giants-Superbowl Siege seien ihm als DefCoord zuzuschreiben. Ich sehe mich eher im Lager jener, die Spags als Abfallprodukt grandioser Individualisten wie Strahan, Umenyiora oder Tuck sehen. Seine Anstellung als DC in Kansas City wird wegweisend sein, welches Lager Recht behält.

Hoffnung für die Chiefs-Defense besteht im Phänomen „Regression zur Mitte“: Run-Defense kann kaum schlechter werden als 2019 und wenn der Passrush um Jones/Clark zündet sowie vielleicht einer der Cornerback-Unbekannten überrascht, könnte die Defense die Mahomes-Offense gerade ausreichend komplimentieren.

Aber andererseits muss man in Kansas City auch mit „Regression zur Mitte“ in anderer Richtung in der Offense rechnen: Mahomes kann seine atemberaubende MVP-Saison auch mit identischem Personal kaum wiederholen. Doch er muss es nun hinter schlechterer Offense Line (neuer Center) und schlechterem Skill-Corps versuchen – eigentlich undenkbar, wenn Frauenschläger Hill wie erwartet nicht zu halten ist.

Wohin man auch blickt: Die Chiefs gelten trotz allem als Top-3 AFC Team und heißer Superbowl-Anwärter. Ich bin deutlich skeptischer. Offense-Regression ist fast unvermeidlich, in der Defense hat man mehr in Laufverteidigung als Passverteidigung investiert – und die AFC West wird mit ausrüstenden Chargers, Broncos und Raiders auch eher schwerer als einfacher.

10 Kommentare zu “Kansas City Chiefs 2019: Reaktion > Aktion

  1. Mein Senf dazu:
    Juan Thornhill ist im College in der Coverage gut gewesen- weniger in der Laufverteidigung. 87er Coverage Grade zu 76.1 in der Run D. bei PFF. So wird er praktisch überall beschrieben. Seine Stärke ist die Vielseitigkeit, er hat sowohl im slot als auch Snaps als CB gesehen.

    Die Chiefs hatten, laut vielfachen Medienberichten, Earl Thomas so gut wie an der Angel- bevor der einen langfristigeren und lukrativeren Vertrag in B-more unterschieb. Gut für ihn. Wäre er gekommen, glaube ich nicht an einen hohen Pick auf Safety.

    Mecole Hardman ist eine Reaktion auf das verabscheuenswerte Verhalten von Tyreek Hill- völlig richtig. Der wurde ja noch von Veachs Vorgänger gedraftet. Der Value des Picks gefällt mir auch nicht soo gut, anderseits scheint das Stretching des Spielfelds schon eine wichtige Sache zu sein für KC. Wenn ich an frühere Speedster in Andy Reid Offenses denke, relativiert sich das ein bisschen.

    Hätten sich die Personalien Thomas und Hill anders entwickelt, wären wahrscheinlich auch andere Optionen im Draft möglich gewesen. Das kann man Veach aber eigentlich nicht vorhalten. Die Offseason dauert ja noch ne weile, vielleicht tut sich auch noch was auf CB.

    Im Umbau der Defense sind die Chiefs proaktiv vorgegangen und haben Spieler, die in das Spags Scheme passen geholt und haben dafür andere gecuttet. Letzte Jahr war die einzige Defense, die Mahomes stoppen konnte, die eigene. Darum hat am agiert.

    Ja man hätte Houston für um die 20 Mio behalten können, er ist halt auf der falschen Seitre der 30 und auch nicht wirklich ein Defense end (Frank Clark hat übrigens einen Cap hit von 4,5 Mio kommende Saison- wenn ich das richtig im Kopf habe).

    Kurzum: viele der bisherigen Schritte sind schon begründet, darüber hinaus haben weitere Umstände mit hineingespielt.

  2. Cornerback hätte nicht mal unbedingt für 2019 viel gebracht, weil die Einlernzeit von Rookie-CB oft zu lange ist. Durch das konsequente Missachten der CB-Position hat man nun einen CB-Depth Chart, der weder für 2019 noch für 2020 viel Hoffnung birgt – es sei denn, man öffnet in der Free Agency 2020 die Schatulle, aber dafür müssen a) Spieler verfügbar sein und b) viel Geld ausgegeben werden.

    Wir sprechen bei Cornerback von der wichtigsten Defense-Position. Kansas City baut darauf, mit Mahomes häufig „von vorn“, also mit Führung zu spielen. Gegner werden also umso mehr werfen müssen, werden also umso mehr eindimensional sein.

    Warum also Fokus auf Run-Defense? Warum nicht einfach alle Ressourcen in Pass-Offense und Pass-Defense stecken?

    Natürlich kann Mahomes wieder alles in Grund und Boden spielen und die Zweifel werden widerlegt. Aber gerade Mahomes sieht nicht aus wie der typische junge QB, bei dem man Ablauf des Rookievertrags das Fenster zu ist (wie z.B. Trubisky). Weswegen also bereits jetzt so kurzfristig denken?

  3. Das sind spannende Punkte:

    Der Fokus aus Run Defense ist wahrscheinlich wirklich eine eine art Überkorrektur. Die D. letzte Saison war wirklich grottenschlecht in dieser Hinsicht.
    Ich habe Veach mal in einem Interview sagen hören, die Chiefs würden sich selbst nur wenig von einem Superbowl entfernt sehen. Darum gilt es wohl möglichst schnell diesen nächsten Schritt zu gehen… Das die Erwartung mit Mahomes deutlich höher sind als mit den sehr durchschnittlichen Qb’s der vergangenen Jahre ist wohl allen klar.

    Ich finde gerade die Picks dieses Jahr sind alle auf Entwicklung angewiesen und haben wahrscheinlich ne längere Lernkure vor sich (gerade Hardman wird zu Beginn eher ein Special Team Asset sein). Auf DB gibt es ne ganze Reihe Spieler die mal ihr Talent aufblitzen lassen haben. Veach hat auch 2018/2019 einige Picks investiert (wobei Thornhill der einzig höhere Pick war).
    Hier scheinen sie entweder stark an in die eigene Fähigkeit Spieler zu entwicklen zu glauben oder messen der Positionsgruppe CB nicht das höchste Gewicht zu.

    In Sachen Positionsgruppen in der Defense haben sie interessante Leute geholt. Ex- Pat D-line Coach Brendan Daly oder ex- Kentucky DC Matt House als LB Coach. Man versucht denen die gewünschten Spieler zur Verfügung zu stellen und nimmt dabei auch (erhebliche) Kosten in Kauf. Für den 29. Pick dieses Jahr hätte man nur den 8. Passrusher bekommen- da ziehe ich nen 25 jährigen Frank Clark auch vor. Ja man hätte auch in CB investieren können, dann sähe die D- line aber wenig vertrauenserweckend aus. Wenn man sich vor Augen führt, wie die Denver O-line letztes Jahr gespielt hat und wer bei Oakland der O-line Coach ist, ist es einigermaßen nachvollziehbar das Ressourcen in die D-line gesteckt wurden.

  4. Für den 29. Pick dieses Jahr hätte man nur den 8. Passrusher bekommen- da ziehe ich nen 25 jährigen Frank Clark auch vor.

    Nur auf den Spieler allein zu schauen, greift zu kurz. Der Preis und damit auch die Opportunitätskosten sind massiv. Der #29 Pick von 2018 Taven Bryan kostet nur knapp über 2 Mio/Jahr.

    Clark kostet 20 Mio/Jahr und einen Haufen Picks. Beziehungsweise andersrum: Er kostet hohe Picks und wird auf oder über Marktpreis bezahlt.

    Chiefs gewinnen vielleicht kurzfristig einen etwas besseren Spieler. Aber langfristig verlieren sie einige Flexibilität.

  5. Ich glaube wir halten Clark für unterschiedlich wertvoll, darum kommen wir zu anderen Ansichten.

    Es waren zwei Picks und der ein Tausch für von 3. Roundern, wobei KC dadurch einige Spots nach oben ist. 2020 gibt man den schlechteren der beiden Second- Rounder ab. Abgegeben wurden also zwei Picks. Alle regulären Picks für 2020 sind noch da.
    Man hat im Clark Deal nicht die halbe Zukunft verscherbelt sondern hoffentlich auf einer neuralgischen Position einen High- Impact- Spieler geholt.

    Zum Marktpreis: der wurde durch den Demarcus Lawrence Deal gesetzt- da der eine vergleichbare Ausgangslage hatte.
    Die Seahawks hätten, laut eigener Aussage, Clark wohl mit einem günstigeren Vertrag behalten. Dazu folgendes Zitat von Pete Caroll:
    “Yeah we love Frank and he did a lot of great stuff here. We had every intention of doing a long-term deal with him and hoped that we could. The market just went crazy“ (https://247sports.com/nfl/seattle-seahawks/Article/Frank-Clark-trade-John-Schneider-react-DeMarcus-Lawrence-131547083/).

    Zur Flexibilität; dieses Jahr hat Clark einen Cap-hit von 4,5 Mio, in drei Jahren gibt es rein realtiv günstiges out aus dem Vertrag. Also sind nur zwei Jahre mit fetten Caphit sicher. Wenn er die Leistungen bringt, kann man den Vertrag auch restrukturieren.
    https://www.spotrac.com/nfl/kansas-city-chiefs/frank-clark-16787/

    Die Produktion von 47 Spielen, 32 sacks, 31 TFL, 66 QB Hits in den vergangenen drei Jahren hatten nicht viele. Ich weiß nicht, ob man für den gezahlten Preis einen Spieler bekommen hätte, von dem man ähnlichen Passrush erwarten könnte. Das ist halt eine Risiko- Abschätzung zwischen etabliertem Spieler und Draft prospects.
    Top- Passrusher gehen in der Regel in den Top 20. Es ging mir nicht um den konkreten Spieler an 29 sondern um die Draftposition.

    Natürlich ist KC auf gute Drafts angewiesen um in Zukunft bezahlbare junge Spieler um Mahomes zu haben, wie alle anderen auch.

  6. Aber gerade wenn der Marktpreis verrückt spielt ist es doch sinnvoll den Weg über den draft zu gehen.

    Ansonsten ist es halt eine Wette, dass man einen sehr starken Spieler bekommt.

    Man könnte auch Argumente bringen, dass dieses Jahr die Tiefe auf Edge sehr tief war.der Preisunterschied ist zumindest krass

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