NFL Compensatory Picks: Wie man zwei Fliegen mit einer Klappe erschlägt

Nugget aus dem Down, Set Talk! Podcast von letzter Woche: Am morgigen Dienstag, 07.05. läuft die Periode der Free-Agency aus, in der Neuverpflichtungen gegen die (nicht vollumfänglich bekannte) Compensatory-Pick Formel zählen. Daher gab es in den letzten Tagen kaum Aktivität auf dem Transfermarkt. Das sollte sich in den nächsten Tagen ändern.

Compensatory Picks?

Die Compensatory-Picks sind Draftpicks, die die NFL als „Entschädigung“ an Trams mit besonders negativem Transfer-Verhältnis bekommen. Dabei zählt nicht bloß das Delta der Vertragssummen zwischen verpflichteten und abgegebenen Spielern, sondern etwas weniger gewichtet auch Einsatzzeit dieser Spieler und weitere Boni. Die exakte Formel ist als NFL-Eigentum nicht bekannt, aber es gibt bei Over the Cap eine detaillierte Erklärung, wie die Vergabe der Picks wohl zustande kommt.

Besonders negatives Plus/Minus wird mit höheren Compensatory-Picks „honoriert“. Die höchstmöglichen Picks sind Ende 3te Runde. Es werden maximal 32 Compensatory-Picks pro Saison vergeben, und maximal vier Picks pro Team.

Wichtig: Nicht jeder Spieler zählt gegen die Formel. Nur Spieler, die auslaufenden Vertrag hatten, werden in die Compensatory-Formel mit eingerechnet. Spieler, die von ihren Teams gecuttet wurden („Street Free Agents“) werden nicht berücksichtigt. So zählte beispielsweise der vor ein paar Tagen von Philadelphia eingekaufte LB Zach Brown nicht gegen die Formel.

Es gibt immer wieder Stimmen, die in den Compensatory-Picks unlauteren Wettbewerb sehen – eine Art Freifahrtschein, verdienten Spielern eine Vertragsverlängerung zu verwehren bzw. eine unnötige Belohnung für starkes Roster-Building.

Das Argument: Es gibt zwei Schlüssel zum Bauen von starken Rostern – 1) verhindere Überbezahlen von Free Agents anderer Teams und 2) sammle Draftpick-Kapital. Der Mechanismus, der zwei Fliegen mit einer Klappe erschlägt: Compensatory-Picks. Lass deine teuren, aber nicht allzu kritischen Spieler ziehen und lass den Fluch des Gewinners in den ersten Tagen Free-Agency bei anderen Teams einschlagen. Das mache immer Sinn, aber die NFL belohne dieses Gehabe auch noch mit Draftpicks.

Ich halte derlei Argumente für lächerlich: Die Spielregeln sind allen bekannt – jedes Team für sich darf entscheiden ob es mitmachen will, oder ob er den Patriots wieder alle Picks überlassen möchte. Man kann sich entscheiden, klug zu handeln. Oder man kann sich entscheiden, dumm zu handeln.

Teams wie Baltimore oder eben New England nutzen das Compensatory-„Schlupfloch“ seit Jahren um ihren Kader mit billigen Mid-Round Picks zu vertiefen. Vor allem Baltimore beginnt meist erst nach der Mai-Deadline mit dem Verpflichten von Free Agents. Andere Teams wie Seattle oder Philadelphia spielen die Trumpfkarte Compensatory erst seit 2-3 Jahren ganz massiv und sind damit sehr erfolgreich. Aktuell prognostiziert man für 2019 grob folgende Compensatory-Picks:

3rd Round: PHI, NE (2x), BAL, NYG, HOU, SEA, PIT, MIA, MIN
4th Round: LAR (2x), LAC, WAS, PHI, SEA, BAL, CHI, KC
5th Round: MIA, BAL
6th Round: NE (2x), SEA, DEN, MIN
7th Round: NYG, HOU, DEN, MIN, SEA, HOU

Wir sehen, dass New England (zwei 3rd, zwei 6th), Philadelphia (3rd, 4th) und Seattle (3rd, 4th, 6th, 7th) schon wieder durchaus einiges Kapital an Compensatory-Picks anzuhäufen scheinen – und nach der morgigen Deadline könnten diese Mannschaften noch bei einigen Veterans, die auch nicht mehr über allzu größte Verhandlungsmacht verfügen, zuschlagen.

Andere Mannschaften pfeifen auf die Picks. Sie verzichten dabei auf mehrere Vorteile im Management ihrer Spielerkader.

Free Agents am Markt

Zu haben sind diesmal u.a. noch folgende Namen:

DT Ndamukong Suh – mittlerweile 32 Jahre alt und nicht mehr der 1000-Snaps pro Jahr Dominator alter Tage, aber noch immer in Teilzeit als Ankermann zu gebrauchen

DT Muhammad Wilkerson – Einstiger 1st Rounder, dessen stärkste Zeit nun schon ein paar Jahre zurückliegt. Wilkerson gilt am besten als Rotationsspieler für mehrere Line-Positionen.

DT Danny Shelton – Run-Stuffer, der von den Patriots verschickt wurde.

DT Bennie Logan – prototypischer Ergänzungsspieler auf der Defensive-Tackle Position.

EDGE Ziggy Ansah – häufig verletzt, aber wenn gesund einer der besseren Passrusher in der NFL. Ansah ist allerdings bald 30 Jahre alt (wurde 2013 als 24-jähriger gedraftet)

EDGE Nick Perry – Einstiger 1st Rounder der Packers, der in Green Bay entbehrlich wurde.

EDGE Shane Ray – 1st Round Flop in Denver, der mit 25 auf der Suche nach Tapetenwechsel it.

LB Jamie Collins – Als „Sashi-Player” in Cleveland auf die Straße gesetzt. Collins gilt als etwas schwer trainierbar, aber athletisch ein Wunder. Zahlreiche Teams brauchen noch Linebacker, er wird einen besser bezahlten Job bekommen.

S Eric Berry – Einer der prägenden Safetys der letzten 8-10 Jahre, aber nach schweren Verletzungen und Krankheit in den letzten Jahren nur mit 3 Einsätzen in den letzten beiden Saisons.

S Tre Boston – niemand versteht, dass Boston noch am Markt ist: Mit 26 in der Blütezeit und durchaus einer der produktiveren Safetys.

OT Donald Penn – 35-jähriger Tackle-Oldie, der letztes Jahr nach 4 Spielen auf die IR gesetzt wurde.

WR Michael Crabtree – Großer Name, in den letzten Jahren in Oakland und Baltimore deutlich abgebaut. Gilt aber noch als potenzielle Redzone-Waffe.

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6 Kommentare zu “NFL Compensatory Picks: Wie man zwei Fliegen mit einer Klappe erschlägt

  1. Ein bisschen kritisch würde ich zumindest den Umfang (bis zu 4 Picks möglich) schon sehen. Denn ganz so einfach ist es ja nicht, dass jeder schließlich die freie Entscheidung hat, inwiefern er da mitmacht. Unterm Strich profitieren in meinen Augen schon die ohnehin erfolgreichen Teams überproportional. Durch den Salary Cap sind sie teilweise ohnehin gezwungen die Leistungsträger abzugeben, werden aber über dieses System noch entschädigt. Während schlechte Teams im Normalfall gar nicht so viele Leistungsträger abzugeben haben. Und natürlich ist es für Spieler immer einfacher in einem erfolgreichen Team gut auszusehen, als in einem nicht erfolgreichen. Von daher haben dann natürlich die Spieler aus den erfolgreichen Teams teilweise einen anderen Marktwert in der FA, was sich dann wiederum in Vertragssummen und somit in Compensatory Picks niederschlägt. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die im Artikel genannten Profiteure in den letzten Jahren mindestens mal zur erfolgreicheren Hälfte der NFL gehörten.

  2. @Santiago15: Niemand zwingt die schlechten Teams, die abgegebenen Spieler der Elite für überteuerte Preise einzukaufen.

    Die Regeln sind transparent. Warum man es kritisieren sollte, dass weitsichtige Arbeit belohnt wird, erschließt sich mir nicht, zumal durch Salary-Cap und Draft die schlechte Arbeit zumindest in Teilen stärker „belohnt“ wird.

  3. Klar wird niemand gezwungen, aber die FA ist eben ein Markt, wo der Höchstbietende (vermeintlich, hinsichtlich der overpay Gefahr) gewinnt. Von daher folgt der Prozess nur den logischen Gesetzen des Marktes und wenn Team A nicht zuschlägt, tut es eben Team B. Team C kriegt dann trotzdem seinen CP und Team A hat durch sein „Uns zwingt ja niemand“ am Ende auch nix gewonnen.

  4. Klar ist FA ein Markt, wo der höchstbietende gewinnt. Wenn du aber nur bietest, was dir der Spieler wert ist, overpayst du nicht und begibst dich nicht Richtung Cap Hölle mit Monsterverträgen. Dann holt sich eben ein anderes Team den überbezahlten Spieler und die nimmst eine Alternative (den nächstbesten Spieler auf besagter Position).
    Das ist genau das: niemand wird gezwungen, riesen Verträge rauszuhauen. Nimm einfach den nächstbesten Spieler für weniger Geld und evtl. staubst du noch nen Mid-round Comp. Pick ab.

  5. Ja, eben nicht. Wenn irgendein Gurkenteam ein halbes Dutzend Starter ziehen lässt, kriegen sie eben keine (hochwertigen) CPs – im Gegensatz dazu wenn ein Spitzenteam zwei, drei seiner Stammspieler ziehen lässt (was sie aus Salary Cap-Gründen ohnehin immer wieder machen müssen).

  6. Das Graupen Team hat aber auch regelmäßig frühe Picks im Draft, werden also so gesehen für schlechte Arbeit in den Vorjahren belohnt, während Teams, die gut gearbeitet haben und erfolgreich waren, mit schlechteren Draftpositionen quasi bestraft werden. Und Teams, die in der Entwicklung junger Spieler glänzen und aus diesen Stars machen, müssen diese fertigen Spieler, dank Salary Cap, oftmals ziehen lassen, da sie sich entscheiden müssen, welche ihrer Eigengewächse gehalten werden müssen und welche man schweren Herzens ziehen lässt… da finde ich es richtig, dass das ausbildende Team da wenigstens noch eine kleine Kompensation bekommt. Denn sind wir mal ehrlich: die ganz dicken Verträge und somit am wichtigsten für Compensatory Picks, sind meist die ersten Verträge nach ablaufen des Rookievertrages und nicht der jeweils dritte oder vierte Vertrag in der NFL… Also entschädigt man die Ausbildungsteams für ihre gute Arbeit immerhin, da diese Arbeit mehr oder weniger dazu beigetragen hat, dass man sich diesen Spieler nicht länger leisten kann… ich hoffe, dass ist verständlich ausgedrückt^^

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