Was ich an der Strategie der Gettleman-Giants schätze

Gettleman-Bashing ist dieser Tage „in“ – und aus analytischer Sicht gerechtfertigt. Doch lass uns heute mal die andere Seite der Giants-Strategie anerkennen.

#1 Wir sehen das Gegenmodell zu Analytics.

Die NFL hat 32 Mannschaften – 32 mögliche Wege zum Erfolg zu kommen. Es gibt einige Dinge, die man heutzutage kaum mehr bestreiten kann, als da wären:

  • Passspiel ist wichtiger als Laufspiel
  • Die NFL ist trotzdem zu lauflastig, vor allem in 1st und 2nd Down
  • Im Big-Picture ist Offense wichtiger als Defense, weil sie a) mehr Beitrag zu Sieg und Niederlage liefert und v.a. b) über lange Sicht stabiler ist

Wären alle 32 Mannschaften gleich rational, würde Passspiel von heute auf morgen explodieren und der Ansturm auf Quarterbacks noch weit aggressiver vor sich gehen. Doch nicht alle Teams denken gleich. Wie in unserem Alltag sind auch in der NFL noch viele Menschen skeptisch gegenüber allem, was gegen persönliche Gefühle und Überzeugungen geht – und vielleicht haben sie mit ihrer Angst sogar recht, wenn uns die Maschinen in 30 Jahren überholt haben werden und jede Entscheidung kalt rational runtergebrochen werden kann.

Gettleman denkt in diesen Mustern, nach denen wir uns in einigen Jahrzehnten vielleicht zurücksehnen werden. Er deutete seine Football-Sichtweise in einem Artikel bei nj.com vor ein paar Wochen an:

  1. Run the Ball
  2. Stop the Run
  3. Rush the Passer

Eine zwar wenig kohärente Sicht der Dinge – wozu sollte schließlich Pass-Rush so wichtig sein, wenn Passspiel so wenig Wert hat? Doch was ich an Gettleman auf bizarre Weise schätze: Er steht zu dem, was er sagt. Seine Pressekonferenzen sind vielleicht inhaltlich Bullshit – doch sie liefern kein substanzloses Blabla von Wegen Reden ist eines, Tun was anderes. Es ist wie bei Brian Schottenheimer: Du kannst dir sicher sein, dass er dran glaubt, wenn er von hartem Laufspiel und trockenen Tackles fabuliert.

Das macht die Giants zu einem interessanten Case-Study. Sie sind die Anti-Patriots: Völlig anders gebaut als der Rest der Liga, was sie automatisch vom grauen Liga-Mittelmaß abhebt und ins Glashaus setzt. Sie sind unter Beobachtung. Glauben wir den von Analytics gelieferten Wahrscheinlichkeiten, so sind die Erfolgschancen der Giants gering.

Doch auch gering ist ungleich null.

#2 Barkley, Lawrence und Baker sind Super-Prospects

Ich habe den Barkley-Pick 2018 (an #2 Overall) oft genug und von Anfang an geprügelt – und ich stehe zu meiner Kritik. Ich fühle mich angesichts der miserablen Success-Rate von Barkley im Rookiejahr bestätigt, und bin kein Jota überrascht darüber. Es war auch leicht zu prognostizieren. Barkley bleibt ein für Runningback-Verhältnisse hervorragendes Prospect, mutmaßlich das beste der letzten Jahre. Er ist ein Home-Run Hitter, was in der zu Regression-zur-Mitte strebenden Verteilung der Carries durchaus wertvoll sein kann.

2019 folgte in der 1ten Runde an #17 DT Dexter Lawrence, ein Nose-Tackle Prospect. Lawrence ist mit 340 Pfund ein Berg von Mann. Er gilt nicht als einer dieser Ed Oliver/Aaron Donald Tackle-Spielertypen, die sich als 3-tech durch die Defensive Line quängeln und Terror im Backfield veranstalten. Vielmehr ist Lawrence eher der 1-tech Bulldozer, der es Snap für Snap mit Center und Guard aufnimmt, zwei Blocker beschäftigt und damit Platz und Raum für seine Nebenmänner schafft. In der gegenwärtigen NFL wird der Wert solcher Gegenleistung umso suspekter, je höher der dafür investierte Draftpick ist.

Das Gute am Lawrence-Pick: Er ist mehr als ein reiner Nose-Tackle Klocker. Es gibt sogar Theorien, die Lawrence bei Abspecken von 20-25 Pfund durchaus eine mächtige 3-tech Rolle zutrauen würden. Selbst ohne 3-tech: Gepaart mit seinem wuchtigen Antritt und seiner Physis ist Lawrence vom Ceiling mutmaßlich der beste 1-tech Prospect der letzten Jahre.

Deandre Baker an #30 galt als einer der besten Picks im Draft: Cornerback, vielseitig, recht feingeschliffen.

#3 Ich bin schon jetzt Daniel Jones-Fan

Trotz Barkley oder Lawrence: Der Pick, an dem sich die meiste Kritik an Gettleman aufhängt, ist ausgerechnet sein Quarterback: Daniel Jones. Ich hatte vor ein paar Wochen ausdrücklich vor dem Prospect Jones gewarnt: Weder sein statistisches Profil noch die Scouting-Reports waren besonders enthused bezüglich seiner NFL-Aussichten.

Jones‘ Einberufung schon an #6 im Draft war dann an Komik auch kaum zu übertreffen: Zum einen per se völlig overdrafted, dann war Dwayne Haskins noch am Board und am Ende schoss Gettleman mit seinen abstrusen Begründungen für den Pick („ich habe nur drei Drives im Senior Bowl gebraucht um zu sehen, dass Jones ein NFL QB ist“) den Vogel ab und nährte alle Spekulationen darüber, dass es sich bei ihm um einen überholten Typ General Manager handelt. Der völlig resigniert neben Gettleman sitzende Headcoach Shurmur befeuerte die Gefühle nur weiter.

Was hat die Giants geritten?

Die plausibelsten Erklärungen deuten darauf hin, dass die Giants-Organisation in der Bewertung des Prospects Jones zu sehr in alt-verhangenen Glaubensvorstellungen argumentierte:

  • Das Physis-Argument: Er sieht aus wie ein Top-QB: 6’5 groß und weiß
  • Das Führungsspieler-Argument: Er ist ein Super-Typ, dem seine Mitspieler zuhören
  • Das Connection-Argument: Sein College-Coach war schon Coach von Eli Manning, der den Giants zwei Superbowls gewann

Nicht falsch zu verstehen: Jones, der Spieler, hat durchaus NFL-Anlagen. Mit seiner Einberufung hätten wenige ein Problem gehabt, wäre sie in der 2. oder 3. Runde gekommen. Sie ist prinzipiell wie gemacht für die „Value“-Diskussion: Bist du der einzige, der das Prospect anpeilt, ist es klüger zu warten. Gettleman verteidigte den frühen Zeitpunkt für den Pick damit, dass es „mindestens“ zwei Teams gegeben habe, die Jones zwischen seinem ersten 1st Rounder (an #6) und dem zweiten (an #17) gezogen hätten. Wie viel Substanz hinter dieser Aussage steckt, ist umstritten.

Punkt ist: Sie sagen nun alle „same old Gettleman“, wenn sie an Jones mit dem #6 Pick denken. Und sie haben vermutlich alle Recht.

Doch das heißt nicht automatisch, dass Jones ein Flop wird. Die Abneigung, die Jones, dem Spieler, nun entgegenschlägt, weil sein GM ihn zu hoch draftete, geht in diesen Tagen zu weit. Sie führt dazu, dass Jones gegen jede Logik bereits jetzt als Vollflop abgestempelt wird – als gäbe es keine Abstufung zwischen Superstar und Bust.

So viel Abneigung gegenüber dem Spieler führt schon jetzt dazu, dass ich Jones-Fan geworden bin. So sehr auch ich glaube, dass es nicht der ideale Pick war, hoffe ich mittlerweile doch, dass Jones uns alle eines Besseren belehrt. Schon allein der Grauzone wegen. Diskussionskultur und so.

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2 Kommentare zu “Was ich an der Strategie der Gettleman-Giants schätze

  1. Ich persönlich glaube ja, dass es im Rebuild der Giants vorrangig darum geht, eine neue locker room culture zu etablieren. Dies würde zumindest den Move von OBJ zu den Browns erklären, der wohl kaum stillschweigend eine weitere Negativsaison hingenommen hätte, darüber hinaus wurde jeder Verhaltensauffällige aus der Reese/McAdoo-Ära getradet und mit Schwiegermuttertypen ersetzt. Auch hier passt der Daniel Jones Pick perfekt. Ob das dann erfolgreich ist, bleibt natürlich fraglich. Und was der New Yorker Blätterwald dann berichtet, wenn es nichts zu berichten gibt könnte auch spannend werden, vor allem nach einem recht wahrscheinlichen Fehlstart. Aber ich glaube Gettleman hatte einfach keinen Bock mehr, weiße, pulvrige Substanzen aus Instagram-Posts in Pariser Hotelzimmern zu kommentieren…

  2. Nachtrag: Der New Yorker Blätterwald hat natürlich noch die Jets und da ist ja kein Mangel diese Saison 🙂

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