Verteidigungsstrategien gegen die Spread-Offense

Spannender, unter der Woche oft auf Twitter verlinkter Artikel der Patriots-Seite von SB Nation (Pats Pulpit), den ich dem geneigten Leser gerne ans Herz lege:

Kurzfassung: Das in der Big 12 Conference extrem oft gegen Spread / Air-Raid Teams spielende Iowa State hat in den letzten zwei Jahren damit begonnen, ein Gegengift gegen die brutale Passgewalt seiner Gegner zu entwickeln. Das Rezept lautetet 3-3-5 Defense in einer speziellen Variation, mit einer von neun Mann (der Linemen, drei Linebacker, drei Defensive Backs/Safetys) zugestellten „Box“ und zwei Outside-Cornerbacks.

Der Clou liegt darin, dass die Defense sowohl gegen Lauf- als auch gegen Passspiel sowie gegen Aufstellungen mit vielen Wide Receivern (in dem Fall wird es eher ein 3-2-6) jeweils gut aufgestellt ist. Im Moment des Snaps wird von der Defense Line aggressiv die Mitte zugemacht um die freien Linebacker und Safetys dahinter zum Tackling gegen den Lauf freizubekommen ohne hinten die tiefe Absicherung aufzugeben.

Die Linebacker spielen dabei nicht in alteingesessener „Stack-Formation“, sondern etwas versetzt hinter der D-Line um DB-Trio hinter ihnen jederzeit die Möglichkeit zu geben, two deep zu spielen.

Schlüsselrolle nehmen die drei tiefen Safetys ein: Der Field-Safety (Feldseite, FS) und Boundary-Safety (BS) patroullieren tief und unterstützen wenn notwendig gegen den Pass. Der mittlere Safety, „Joker“ genannt, ist gegen den Pass Coverage-Spieler, gegen den Lauf ein aggressiver, im Idealfall ungeblockter Downhill-Tackler. Das gibt der Defense enorme Flexibilität gegen viele mögliche Offensiv-Playcalls.

3-3-5 Defense mit der 9-Mann Box – Bild: Cody Alexander

Warum das für die NFL so wichtig ist? Der Autor des Artikels hat im Tracking der Patriots-Defense bereits rund 15% Snaps in einer der Iowa-State Defense extrem ähnlichen Dime-Defense ausfindig gemacht.

Er schreibt: Die Kritik an der 3-3-5 ist vor allem, dass sie Passrushern kaum Chancen auf Pressures gibt. Doch das interessiert z.B. Bill Belichick kaum: Das Scheme gibt dem Defensive Coordinator mehr freie Hand zum Kreieren von Blitz-Packages und angetäuschten Blitzes und bietet dennoch stabile Coverage – Druck muss nicht immer von einem Individualisten kommen. Es kann auch Teamwork sein!

Der Autor geht davon aus, dass Belichick 2019 eher mehr als weniger dieser 3-3-5 / 3-2-6 Defense spielen wird.


Mehr zum Thema: Geburt der 3-3-5 Defense von Chris B. Brown (Smart Football) einst bei Grantland.


Der oben eingeführte Artikel verlinkt auch auf eine fantastische in-Depth Analyse der Iowa-State Defense von Cody Alexander, den wir auf diesem Blog bereits kennen: Playing Dime as your Base (mehrteiliger Artikel).

Aggressivität ohne Aggression

Das gibt mir die Chance, auf Cody Alexanders Buch „Cautious Aggression – Defending Modern Football“, in dessen Lektüre ich momentan völlig vertieft bin. Den Denksport, den Alexander anbietet, kann man nicht in ein paar Zeilen abarbeiten und er ist auch in erster Linie auf College Football und die Verteidigung der Spread-Offense zugeschnitten.

Aber nachdem die NFL immer mehr Ideen aus dem College Football übernimmt und zudem immer passlastiger wird, kann ich schon einmal ein paar der präsentierten Grundgedanken zu diesem Thema anschneiden – es lohnt sich, darüber nachzudenken:

#1 Du musst das ganze Spielfeld verteidigen. Die kurze Seite (Boundary-Side) und weite Seite (Field-Side) werden komplett unterschiedlich verteidigt und können von der Offense in völlig unterschiedlichen WR-Formationen attackiert werden. Um an beiden Flanken stabil zu sein nicht auch noch die Spielfeldmitte aufzugeben, lohnt es sich, in Cover-4 zu denken, mit zwei Safetys, die hinten für Mitte und je eine Seite des Spielfelds zuständig sind.

#2 Der Box-Count ist dennoch wichtig. Mit der richtigen Aufstellung, also zwei tiefen Safetys in Cover-4 sowie dem oben angesprochenen „Joker-Safety“ in der Mitte kann die Defense bis zu neun „Box-Verteidiger“ kreieren (plus zwei Ouside-CBs), auch wenn das in der ursprünglichen Aufstellung nicht immer so aussieht.

Vor allem gegen RPO (Run/Pass Options) ist es wichtig, kurz nach dem Snap noch mehr Box-Verteidiger zu „präsentieren“, also hinzuzufügen. Das kann durch Zone-Exchanges oder Blitzes passieren. Wichtig dabei: Es muss wirklich nach dem Snap passieren. Bis zum Snap muss die Defense idealerweise immer gleich aussehen.

Alexander spricht in diesem Zug immer wieder davon, dass solche Aufstellungen die Offense ins Grübeln bringen. Post-Snap Veränderungen des Box-Counts erschweren den RPO-Read des Quarterbacks und verändern die Komplexität des Spielzugs.

Allein diese Zweifel bringen die Defense dazu, vorsichtiger zu werden und evtl. auch langsamer zu spielen. Weniger Tempo der Spread-Offense ist schon ein Gewinn für die Defense. Im Idealfall kreiert die Verwirrung Turnovers durch falsche Reads des QBs.

#3 Verteidige die vertikalen Routen! Four-Verts ist der berühmteste Spielzug der Air Raid Offense: Vier vertikal designte Routen (die nicht immer alle straighte Go-Routes sind, sondern auf unterschiedlichsten Stufen plötzlich abbrechen können). Er ist auch die größte Bedrohung für jede Defense. Teams mit Single-High Safety haben dagegen ohne absolute Elite-Verteidiger keine Chance (zumindest am College). Daher ist es umso wichtiger, hinten in Cover-4 zu stehen und an beiden Flanken sowie in der Spielfeldmitte jederzeit einen Safety als potenzielle Unterstützung verfügbar zu haben.

Das Buch ist eine Goldgrube. So viele Gedanken, wie man gegen die immer massiveren Spread-Offenses und Passspiel ankommen kann. Man vergisst schließlich so gerne, dass beide all dem Offense-Wahn der letzten Jahre auch Defenses eine immer entscheidendere Schlüsselrolle spielen. Zwar nicht mehr durch rohe Gewalt und brutale Physis, sondern durch einen ebenbürtigen Gegner im Kopf. Offense vs. Defense wird immer mehr „mind game“.

3 Kommentare zu “Verteidigungsstrategien gegen die Spread-Offense

  1. Diese Defense kennt jeder Madden Spieler zu genüge. Ichhabe auch die entsprechenden Artikel gelesen und es klingt sehr spannend als Defense-Konzepot . Diese muss sich genau wie die Offense weiterentwickeln, sonst sieht sie kein Land mehr.

  2. Man muss natürlich bedenken, dass Cody Alexander über College-Football schreibt und aus Sicht eines Coaches, der gegen individuelle überlegene Offense ankommen muss.

    Doch gerade deshalb sind viele seiner Ideen spannend.

  3. Pingback: College Football 2019 Preview: Big 12 Conference | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.