Aaron Rodgers vs. Matt Ryan

Vor einigen Tagen hat Adrian Franke/SPOX mit seinem QB-Ranking von „Matt Ryan > Aaron Rodgers“ für Aufregung gesorgt. Ehrlicherweise dachte ich gar nicht mehr, dass es jemanden gibt, der ernsthaft Rodgers über Ryan ranken würde. Ein Blick auf die beiden Star-QBs.

Doch bei Quarterbacks gilt immer die Prämisse: Jeder denkt, sein Team hat den besten. QB-Kritik ist Majestätsbeleidigung. Wir hatten es auf diesem Blog häufig am Beispiel Russell Wilson: Nicht-euphorische Lobeshymne auf Wilson (geschweige denn ansatzweise „Kritik“) brachte mir schon den Titel „Seahawkshasser“ ein.

Gehst du auf Twitter und argumentierst „Wilson > Stafford oder Carr“ – eine Diskussion, bei der mich am meisten wundert, dass sie überhaupt ernsthaft geführt werden muss – wirst du von der anderen Seite niedergebuttert.

Ryan vs. Rodgers

Ich war lange Jahre bekennender Rodgers-Fanboy. Das führte sogar dazu, dass ich letzten September, wissend um Rodgers‘ nun schon mehrjährige Sinneskrise, noch ein letztes Mal „Credit“ für lange vergangene Heldentaten gab und die Packers unter den Titelfavoriten führte. Ich kannte diese Aufstellung schon damals und führte sie auch in der Vorschau an:

Rodgers könnte man nun mit jedem Top-QB vergleichen. Ryan eignet sich diesbezüglich vor allem deshalb, weil er in den landläufigen Meinung als so etwas wie der typische überschätzte „System-QB“ gilt, der vor allem deshalb brillante Stats einfährt, weil alles um ihn herum perfekt ist. Nicht, weil er das System so stark macht. Ryan ist der QB mit dem guten, nicht mit dem großartigen Arm. Er ist der QB, der lange Zeit viel Regular-Season Spiele, aber keine Playoffspiele gewann. Er ist der QB, der nicht mit großen Sprüchen begeistert, aber über den alle Teamkollegen hymnische Lieder singen.

Sehen wir uns also den Vergleich an.

Wenn wir ehrlich sind, führt das Duell „Ryan vs. Rodgers“ mittlerweile zu einem Kantersieg für Ryan – schauen wir uns die QBR- bzw. (für mich besser zu greifende) EPA/Pass Performance in den letzten Jahren an, so ist Ryan in mittlerweile vier aufeinanderfolgenden Jahren teilweise klar performanter als Rodgers:

Rodgers hatte atemberaubende Höhenflüge in 2010, 2011 und 2014, die zwischenzeitlich nicht zu Unrecht GOAT-Diskussionen befeuerte, doch die außerirdischen Performances sind seit 2015 passé. Die Gründe sind vielfältig, u.a. könnte man mehrere Verletzungen und den Clinch mit dem mittlerweile geschassten Packers-Playcaller McCarthy anführen. So verpasste Rodgers 2017 neun Spiele. 2018 spielte er die ganze Saison mit möglicherweise gebrochenem Knochen im Bein durch. Doch auch in „gesunden“ Jahren (2015 und 2016) war Rodgers in totalem unterhalb Ryans Performance anzusiedeln.

Ryan leidet in der öffentlichen Meinung unter dem Eindruck, dass Julio Jones der wahre Superstar in Atlanta sei. Doch das Argument kann man auch gegen Rodgers bringen, dessen Leistungseinbruch seit dem Ende von Jordy Nelson als NFL-tauglichem Receiver krasser ist als Ryan ohne Jones.

Es wäre auch nicht so, dass Ryan außerhalb der einzigartigen 2016-Saison ideale Bedingungen gehabt hätte: Permanenter Wechsel von Offensive Coordinators, seit Abgang von Tony Gonzalez kein Tight End im Kader, Wackel-Offense Line, Defense-Probleme, die zum permanenten Scoren zwingen. Wenn Ryan mal ideale Bedingungen hatte, war er genial: 2016 fuhr er 0.36 EPA/Pass ein – mehr als z.B. Mahomes im letzten Jahr (0.33 EPA/Pass), wenn auch einen Tacken unterhalb Rodgers‘ epischer 2011er Saison (0.40 EPA/Play). Doch 2011 ist ferne Vergangenheit.

Heißt also?

Rodgers mag das größte Potenzial aller NFL-QBs diesseits von Pat Mahomes haben, doch Punkt ist: Dieses Potenzial liegt seit Jahren brach. Rodgers bewegt sich seit 2015 statistisch auf dem Niveau von Andy Dalton (ja, really – und Dalton hatte permanente OffCoord-Wechsel, Ausfall von Top-WR Green und O-Line Probleme durchzuschleifen). Es mag sein, dass nach Ende aller Verletzungen und mit dem Rodgers-seitig forcierten Headcoach-Wechsel in Green Bay nun ein neues Zeitalter anbricht, aber dem einstigen Wunderknaben läuft so langsam die Zeit davon.

Matt Ryan ist seit 2015, also seit vier Jahren, deutlich effizienter. Ryan ist nicht so spektakulär wie Rodgers und fabriziert wesentlich weniger Highlight-Plays, doch seine Gesamt-Performance ist seit 2015 nicht in der gleichen Leistungsstufe wie Aaron Rodgers zu verorten. Und zwar im positiven Sinne.

Zusammenfassend: Die Statistiken allein mögen nicht das gesamte Bild abbilden. Aber das Delta zwischen diesen beiden QBs ist in den letzten Jahren derart krass, dass es schon eine sehr exzellente Argumentation braucht um Rodgers Stand heute auf Augenhöhe (oder drüber) mit Matt Ryan zu sehen.

6 Kommentare zu “Aaron Rodgers vs. Matt Ryan

  1. Ich breche als GB-Fan sicher keinen Shitstorm vom Zaun – die Zahlen sprechen für sich und wir alle haben es gesehen. Es bleibt Jahr für Jahr einfach die Hoffnung dass wieder mal eine Saison wie 2011 oder 2014 kommt.
    Aber kann man wirklich mit gebrochenen Knochen sich so am Feld bewegen wie Herr Rodgers 2018?

  2. Ich bin auch bekennender Packers-Fan und ehrlich gesagt, würde ich keinen einzigen derzeitigen NFL-QB gegen Rodgers tauschen wollen.
    Hab die letzten Jahre die „Schuld“ für das Versagen eigentlich bei McCarthy gesehen…
    Mal sehen was dieses Jahr passiert.

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