Quarterback im Fokus: Carson Wentz / Eagles

Carson Wentz gehört zu den faszinierendsten NFL-Quarterbacks. Er kam aus dem Nichts von einem FCS-College in Dakota und war der #2 Overall Draftpick von 2016. Er startete von Tag 1 an und motivierte die Eagles, ihren damaligen Stamm-QB Bradford für einen 1st Rounder zu verkaufen. Seine Rookiesaison galt landläufig als große Versprechung trotz enttäuschender Statistiken.

Seine zweite Saison (2017) galt als episch und er wurde als MVP-Kandidat diskutiert, doch die wesentlichsten Erfolgsfaktoren dabei waren Regressions-Stats wie 3rd-Down Effizienz oder TD-vs-INT Ratio. Die Eagles gewannen in jener Saison erstmals in ihrer Geschichte die Superbowl – doch Wentz schaute in den Playoffs von draußen zu: Kreuzbandverletzung.

Wentz feierte ein gutes Comeback 2018, doch die Eagles wurden erst wieder zum Playoff-Aspiranten, als Wentz sich erneut verletzt hatte. So haben wir nach drei Jahren ein nur unpräzises Verständnis dessen, was Carson Wentz eigentlich ist: Viele halten ihn für den großen nächsten Franchise-QB, doch wichtige statistische Indikatoren sind skeptisch.

Vergleichen wir die drei Spielzeiten von Carson Wentz, so sehen wir folgenden Output:

Wentz Passing Performance

Nach NY/A war Wentz in keinem Jahr seiner NFL-Zeit ein Elite-QB, doch die EPA/Pass-Werte von 2017 waren sensationell. Der Grund dafür war vor allem nicht zu haltende 3rd-Down Performance:

  • 2017 = 47% Success-Rate, 5% Sack-Rate
  • 2018 = 36% Success-Rate, 10% Sack-Rate

Bei recht gleichbleibender Interception-Quote und Nettyards/Passversuch war Wentz 2018 ein QB, der deutlich weniger Touchdowns warf, dafür mehr 1st Downs und höhere Success-Rate produzierte, aber weil er in 3rd Downs nicht mehr so überragend war und mehr Sacks kassierte, war Wentz in der ultimativen Metrik, EPA/Pass, anstatt eines Quarterbacks an der Schwelle zur Liga-Elite (0.21 EPA/Pass in 2017) nur noch ein Quarterback im guten Durchschnitt (0.11 EPA/Pass).

Der Aggressivitäts-Index

Die Diskrepanz zwischen Schein (was alle denken) und Sein (quantifizierter Output in Zahlen) kann man u.a. an der immer wieder getätigten Aussage der Eagles-Coaches ablesen, Wentz habe 2018 zu wenig opportunistisch gespielt, habe zu viele Risiken genommen und müsse 2019 wieder mehr nehmen, was ihm die Defense anbietet.

In Realität sieht das so aus: Wentz 2017 war der aggressivste Quarterback in der NFL. Er warf 25.9% seiner Pässe in enge Deckung (weniger als 1 Yard Differenz zwischen Receiver und Cornerback). 2018 war ein völlig anderer Diskurs: Wentz warf nur noch 16.2% in enge Deckungen (#18 der NFL).

Auch nach Air-Yards war Wentz‘ 2018er Saison deutlich konservativer:

  • Air-Yards 2017 pro Pass: 9.9 Yards
  • Air-Yards 2018 pro Pass: 7.8 Yards

Wenn wir die Air-Yards an die Spielsituation anpassen, können wir das gleiche Bild malen: Wentz, 2017 noch mit durchschnittlich 0.8 Yards over the sticks (also über die gelbe 1st-Down Linie) der 4t-aggressivste QB, war 2018 mit 1.1 Yards short of sticks (hinter die gelbe Linie) der bedeutend konservativere QB (#20 der NFL).

Der Saisonabschlussanalyse von Doug Pederson zur Folge werden die Eagles Wentz mutmaßlich anweisen, in Zukunft opportunistischer zu spielen, doch die Sample-Sizes der letzten beiden Spielzeiten deuten klar in eine andere Richtung: Wentz wieder mehr Wentz sein lassen, aggressivere Würfe nehmen und die Einkäufe von Receiver-Kalibern wie dem geschwindigen DeSean Jackson (für tiefe Routen) oder Arcega-Whiteside (physischer Bolzen für 1-vs-1 Duelle) nutzen.

Präzision im Wurfarm

Wo sich Wentz kontinuierlich verbessert hat: Präzision seiner Würfe. In der Saison 2017 hatte Wentz nicht nur wegen der vielen Pässe in enge Fenster und der sehr hohen Air-Yards/Passversuch eine niedrigere Completion-Rate als der NFL-Schnitt. Doch jene Completion-Rate von 60.2% muss man in Relation setzen zur Schwere der Würfe: Von einem typischen QB, der Würfe von Wentz’schem Kaliber 2017 versucht, erwartet man in der NFL nur eine Completion-Rate von 59.1%. Wentz war also nach CPOE (completion percentage over expected) überdurchschnittlich.

2018 war der Diskurs ein anderer: Einfachere Würfe, weniger Pässe in enge Fenster – Folge: Completion-Rate war mit 69.6% natürlich höher. Doch man sollte aufpassen, wenn man diese hohe Completion-Rate nur den einfacheren Pässen zuschreibt, schließlich war sie satte 3.2% besser als der NFL-Durchschnitt:

Wentz Comp.Pct

Was ich an der Stelle interessant finde: Wentz ist zwischen 5 und 20 Air-Yards ein überragender Quarterback. Nehmen wir Josh Hermsmeyers Pass-Mappe als Grundlage, so sieht die Wentz’sche Completion-Verteilung entlang des Spielfeldes so aus – und sie sieht für jede seiner Spielzeiten ähnlich aus: Auf Kurzpässen unter Durchschnitt, auf den Mitteldistanzen überragend, ganz tief so wild wie jeder QB:

Wentz AirYards

Quelle: Air-Yards.com

Man wäre also verleitet zu sagen: Die Eagles sollten Wentz wieder mehr von der Leine lassen. Sie sollten ihm wieder zutrauen, häufiger tiefer als die 1st-Down Linie zu gehen und wieder mehr Air-Yards zu werfen – denn er hat es drauf!

Wentz im Laufspiel

War es den Nachwirkungen des Kreuzbandrisses geschuldet, dass Wentz letztes Jahr weniger aggressiv und seltener tief ging? Man könnte eventuell dafür argumentieren, aber wenn man sieht, dass seine „Time to throw“ fast identisch blieb – 2.72 Sekunden in 2017 versus 2.66 Sekunden in 2018 – so war das mutmaßlich nicht der einzige Grund.

Dass Wentz mehr Sacks kassierte, könnte ein Anzeichen für eingeschränkte Mobilität gewesen sein – aber kein so klares wie Wentz‘ Rushing-Performance:

  • 2016: 36 Att. für 166 Yds, 4.6 YPC, 17 First Downs
  • 2017: 52 Att. für 310 Yds, 6.0 YPC, 31 First Downs
  • 2018: 26 Att. für 101 Yds, 3.9 YPC, 9 First Downs

Wir sehen: Das Mobilitäts-Element im Spiel von Carson Wentz fehlte 2018 fast komplett. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Wentz hatte letztes Jahr nur noch die Hälfte an Scrambles im Vergleich zu 2017, hatte weniger als ein Drittel 1st Downs und rannte nur noch 8.5 Yards im Schnitt pro Spiel.

Wentz wird nie ein großer Ballträger im Sinne von Cameron Newton sein, doch seine Fähigkeit (und auch seine Bedrohung), in 3rd Downs einfach mal mit dem Ball loszulaufen und ein 1st Down abzustauben, weil die Defense gerade zu ambitioniert den Pass verteidigt, ging Wentz 2018 fast gänzlich ab.

Zukunft mit Wentz

Ich zähle mich zu den Verfechtern der These „Zahle deinem QB nur dann einen Monster-Vertrag (30 Mio./Jahr-Range), wenn er entweder schon zur Elite gehört oder du ihn in der Elite erwartest.“ Die spannende Frage bei Wentz ist also: Kann man ihn in Zukunft im Elite-Tier der QBs erwarten?

Wentz hatte in Philadelphia bislang annähernd ideale Grundvoraussetzungen: Eine starke Offensive Line, exzellente Ballfänger auf Wide Receiver und Tight End und einen hervorragenden Play-Caller und Play-Designer in Doug Pederson. Was Pederson insbesondere gut macht: Er setzt RPO nicht nur so häufig wie kaum ein anderer Coach ein. Die Plays funktionieren auch so gut wie in anderen Mannschaften wie z.B. Kansas City.

Für die anstehende Saison haben die Eagles mit besagten WRs Jackson (deep threat) und Arcega-Whiteside (big body) sowie dem exzellenten dual-threat RB Miles Sanders erneut neue Waffen in die Offense investiert um Wentz noch einmal perfekte Bedingungen zu geben. Nach einer etwaigen Vertragsverlängerung um die 30 Mio/Jahr ist sowas nicht mehr möglich.

Denn das Problem an QB-Verträgen ist: Es gibt keine „Mittelklasse“ in der Bezahlung. Entweder man spielt unter Rookie-Vertrag, oder man spielt mit einem 28 Mio/Jahr Vertrag oder höher.

In einer völlig rationalen NFL müsste Wentz diese Belege liefern, zur NFL-Elite zu gehören. Im Prinzip muss Wentz also 2019 und 2020 liefern – und zwar nicht auf Level von 0.11 EPA/Pass, sondern eher in Richtung 0.20 EPA/Pass.

Doch die NFL ist nicht völlig rational. Philadelphia mit seinem „Laptop-GM“ Howie Roseman kommt diesem Ideal zwar noch mit am nächsten. Doch die Mechanismen in der NFL sind darauf ausgerichtet, dass Mannschaften auch leicht überdurchschnittliche QBs um jeden Preis versuchen zu halten um nicht in eine „unsichere“ Zukunft zu gehen und von den Tabloids gegrillt zu werden.

Gut möglich also, dass Wentz bereits genug getan hat um sich einen 5-Jahresvertrag mit mehr als 30 Mio/Jahr zu verdienen. Der große kritische Punkt an ihm ist die Verletzungsanfälligkeit: Schon am College nicht der stabilste, verpasste Wentz in der NFL in den beiden letzten Saisons die Playoffs, weil er Mitte Dezember mit unterschiedlichen Verletzungen runtermusste (2017 Kreuzbandriss, 2018 Rücken).

5 Kommentare zu “Quarterback im Fokus: Carson Wentz / Eagles

  1. Danke für den Einblick!

    Bei Wentz ist wohl die Frage, ob 2017 schon sein Peak war (top Rahmenbedingungen), oder ob es die Normalität wird. Aus Sicht der Eagles glaube ich ist die Situation sogar ziemlich ideal, denn man hat nun zwei Jahre mit Wentz bevor man den Vertrag verlängern MUSS, und man weiß:

    1.) Wentz hat schon einmal Franchise QB Potenzial gezeigt.
    2.) Der Coaching Staff ist einer der besten.
    3.) Das zweitbeste Jahr war auch nicht von schlechten Eltern. Die Base Line ist also ziemlich gut.

    Ich würde Wentz nur eine Stufe unterhalb von Andrew Luck anordnen. Er macht viel richtig vor, allem auch wenn man sich anschaut, was die Iggles von ihm verlangen.

    Verletzungen sind ein Knackpunkt. Aber man kann es auch positiv sehen. Wentz hat nach Rückkehr von ACL eine verhältnismäßig starke Saison gezeigt v.a. wenn man seine limitierte Mobilität anschaut. Mir wird eine ACL heute zu klein geredet. Es ist nicht so, daß es eine kleine Verletzung ist, von der jeder mir nichts, dir nichts zurückkehren kann!

  2. Eagles haben also schon heute Nacht die Vertragsverlängerung mit Wentz durchgezogen:

    Inklusive „Injury-Guarantees“ sollen es 107 Mio. garantiertes Gehalt sind. Fully-Guarantees sollen nur 66 Mio sein.

    Den Vertrag kann man in vielfacher Weise lesen, weil es im Prinzip nur eine Vierjahresverlängerung von 2021 bis 2024 ist.

    2019 -> Base Rookie Salary 4 Mio.
    2020 -> 5th Year Option 22.7 Mio.
    2021-2014 -> 4 Jahres, 128 Mio.

    In totalem also entweder 4 Jahre, 128 Mio (32 Mio/Jahr).
    Oder: 6 Jahre, 154 Mio (25.7 Mio/Jahr).

    Beides ist deutlich unterhalb dessen, was ein Russell Wilson (35 Mio/Jahr) oder Rodgers oder Roethlisberger oder Matt Ryan unterschrieben haben.

    Je nach Lesart ist es auch weniger als das, was Kirk Cousins (28 Mio/Jahr) oder Garroppolo (27.5 Mio/Jahr) bekommen haben, wenn auch mit Guarantees ein insgesamt höher dotierter und „sicherer“ Vertrag für Wentz.

    Die Eagles sind also sicher, dass sie mit Wentz weitergehen wollen, aber sie haben ihre Verhandlungsmacht durch Rookie-Vertrag, 5th Year Option und eventuelle Androhung von Franchise-Tags darüber hinaus eiskalt ausnutzen können durch eine vorzeitige Verlängerung.

    25.7 Mio/Jahr geht in der heutigen auf alle Fälle als „QB-Mittelklassegehalt“ durch.

    32 Mio/Jahr ab 2021 klingt angesichts der momentan ausgestellten und kolpotierten QB-Verträge auch nicht so exorbitant wie befürchtet.

    Wobei noch zahlreiche Vertragsgestaltungsoptionen bestehen, z.B. könnten die Eagles Gehalt aus der Zukunft ins Jahr 2019 pressen um ihr „Fenster“ mit dem eher billigen Rookie-Vertrag noch um 1-2 Jahre zu verlängern, wenn dann auch mit einem QB um die 15-25 Mio/Jahr.

  3. Dachte, Wentz bekommt mehr. Aber es ist wohl schwierig, gegen 128 neue Mios zu argumentieren, gerade wenn Wentz so viele Verletzungsprobleme mitschleppt.

    Howie hat diese Leverage offenbar eiskalt gegen Wentz verwendet.

    Bin jetzt gespannt, was Goff und Dak bekommen. Tippe, Goff mehr als Wentz und Dak drunter.

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