Miami Dolphins in der Sezierstunde

Die Miami Dolphins sind eine schwer zu lesende Organisation. Scheinbar alles glaubt, dass Miami 2019 als „Tank for Tua“-Saison missbrauchen wird um einen mittelfristigen Umbruch einzuleiten, doch andererseits gibt es durchaus Anzeichen dafür, dass man die Saison auch sportlich nicht ganz abschenken will.


Miami hat ein paar harzige Jahre hinter sich: Die letzten drei Jahre bestritt man unter Headcoach Adam Gase, dessen Sieg/Niederlage Split zwischen knappen und deutlichen Spielen schier unfassbar ist:

  • One Score Games: 18-5 (.782)
  • Klare Spiele (8 und mehr Punkte Differenz): 5-21 (.192)

Ich kann mich an keinen Coach erinnern, dessen Bilanz jener von Gase nahe kommt. Die Folgerung aus diesem Split ist nicht ganz klar: Hat Gase schlicht nix aus seinem Kader gemacht? Oder hat Gase einen desaströsen Kader dank exzellentem Coaching in „High-Leverage Situationen“ zu Bilanzen geführt, die über dem wahren Leistungsvermögen lagen? Oder war es blanker Zufall?

Was auf alle Fälle klar ist: Es war insgesamt kompletter Durchschnitt, was die 23-26 Bilanz overall auch wiederspiegelt. Das ist nicht allein Gase zuzuschreiben. Es ist das Produkt aus vielen Jahren insgesamt schlechtem Management in Miami. Die Dolphins waren unter dem ungeduldigen Owner Stephen Ross seit mehr als einem Jahrzehnt ein Team, das:

  • …nach seinem „neuen Dan Marino“ süchtelte ohne jemals mit Verve die QB-Position anzugehen
  • …dazu tendierte, bekannte Altstars für überteuerte Verträge ins sonnige Florida zu holen
  • …damit den Eindruck einer besseren Rentnerband vermittelte, die in erster Linie aufs Abkassieren fokussiert war.

Ross war für Coaches und GMs mit seiner Ungeduld und seiner unklaren Richtungsvorgabe bestimmt einer der schlechtesten Owner in der NFL. Das spiegelte sich auch in den zahlreichen Trainer-Einstellungen und vor allem in seinen GM-Bestellungen wieder, wo Leute wie Mike Tannenbaum erst wursteln durften wie es ihnen gerade lieb war, um dann von einem auf den anderen Tag abgesägt zu werden, weil die Ergebnisse ausblieben. Kontinuierliche Begleitung seitens des Owners? Nada. Erst Desinteresse, dann Keulenschlag.

Nun soll alles besser werden. Der 2016 zum neuen GM bestellte Chris Grier, seit vielen Jahren ein Dolphins-interner Scout, bekam grünes Licht um nicht innerhalb einer Offseason das Team ins Mittelmaß zu führen, sondern innerhalb von drei Saisons an die Spitze. Die Owners in Miami mögen erkannt haben, dass mit dem nahenden Ende der Patriots-Dynastie, der sehr zweifelhaften QB-Lösung in Buffalo sowie dem gerade geschassten Adam Gase bei den Jets möglicherweise in Bälde ein neues Fenster aufgeht.

Die Offseason-Moves 2019 sprechen für einen Dreijahresplan beim Umbau.

Brian Flores als neuer Head Coach. Chad O‘Shea als neuer Offensive Coordiantor. Patrick Graham als neuer Defensive Coordiantor. Das ist viel, aber nicht maximalst, Patriots-Luft, die man in Miami nun schnuppern will. In vielen anderen Destinationen wie Cleveland (unter Crennell), Denver (unter McDaniels), Kansas City (unter Pioli) oder Tennessee (unter Jon Robinson) führte das zu nix Gutem. Detroit (unter Quinn/Patricia) ist noch zu früh, wenn auch die Pfeile in die falsche Richtung zeigen, Houston (Bill O’Brien) ist remis. Einzig in Atlanta (unter GM Dimitroff) scheint ein Belichick-Schüler Erfolg zu haben, wenn auch unter Verwendung gänzlich „un-patriotischer“ Methoden.

Doch während viele der gerade Genannten als voll integrierte Belichick-Jünger galten, scheidet das Prospect Flores ein bisschen die Geister: Auf der einen Seite ist er mit nur einem Jahr als DefCoord – noch dazu unter dem alles überstrahlenden Belichick – noch völlig unerfahren. Doch auf der anderen Seite gilt er als „Self-Made Man“ und relativer Outsider, der sich selbst, ohne viel Zuarbeit Belichicks, nach oben gearbeitet hat.

Doch wer auch immer Headcoach in Miami wird: Sein Erfolg wird letztlich gebunden daran sein, ob die Dolphins endlich den Franchise-QB finden, den sie seit dem Rücktritt von Dan Marino vor nunmehr 20 Jahren so sehnlichst suchen. Zu häufig führten durchschnittliche Verpflichtungen wie Jay Fiedler, Chad Henne oder Ryan Tannehill ins Nirvana, während sich der einzige exzellente Dolphins-QB Chad Pennington irreparabel die Wurfschulter zerstörte.

Der jüngste Versuch lautet Ryan Fitzpatrick Josh Rosen, den in Arizona überflüssig gewordenen Top-10 Draftpick von 2018, den Miami am Draftwochenende für n’Appel und n’Ei (alias 2nd Rounder) bekam. Rosen ist eine der interessantesten Verpflichtungen der Offseason:

  • Er war vor nur einem Jahr der #10 Draftpick und galt unter einigen Beobachtern letztes Jahr als bestes QB-Prospect, bevor er in einer Steinzeit-Offense böse verbrannt wurde
  • Doch er kommt nun in eine Situation, die jener in Arizona 2018 nicht unähnlich ist: Schwache Offense Line, viele Fragezeichen im Skill-Player Corps, neuer OffCoord und neuer Trainerstab mit Rookie-Headcoach

Was Rosen besonders spannend macht: Die meisten Advanced-Projections zwischen College und NFL, wie z.B. CPOE (-1% am College) oder andere, sind eher Rosen-skeptisch – und auch seine Rookiesaison war, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, äußerst schwach. Optisches „Potenzial“ auf der einen, viele eher durchwachsene Projections auf der anderen Seite.

Ein 2nd Rounder ist dennoch ein guter Preis für Rosen, der noch dazu so gut wie Gehalt kostet, denn Arizona schluckt das meiste Dead-Cap. Schlägt Rosen ein, hat Miami idealerweise seinen Franchise-QB schon gefunden.

Floppt Rosen, ist nicht viel kaputt und man kann sich nächstes Jahr in einer tiefen QB-Klasse im Draft bedienen. Schlimmstenfalls deutet Rosen nur Mittelmaß an. Doch „Mittelmaß-Rosen + schwacher Dolphins-Roster“ dürfte noch immer für einen sehr hohen Draftpick reichen – für Miami noch immer die Chance auf einen QB 2020.

Geplantes Kadermanagement

Wie eingangs geschrieben: Quasi seit ich die NFL verfolge, zeichnen sich die Dolphins also, über zwei Owner und zahlreiche GMs hinweg, dadurch aus, dass sie versuchen, über gutes Wetter und hohe Vertragssummen (nebst Steueroase Florida-Faktor) bekannte Spieler anzulocken, die dann gern über ihren Zenit sind oder so teuer sind, dass man nicht ausreichend Kadertiefe hinbekommt.

Das führte wieder und wieder in die Fegfeuer-Situation. Miami war nie genug um auch nur ein Playoffspiel zu gewinnen (Qualifikationen: 2008 und 2016), aber auch nur ein einziges Mal schlecht genug für einen Top-5 Pick: 2007, als man direkt im Anschluss nicht QB Matt Ryan, sondern OT Jake Long mit dem Top-Overall Draftpick zog. Eine einzige ernsthafte Chance auf einen Franchise-QB in 15 Jahren (mit Sternchen Tannehill 2012 an #8), und diese verstreichen lassen.

Das Umdenken, das kommuniziert wurde: Ziel ist es, bis Ende Offseason 2020 den Franchise-QB gefunden zu haben und gleichzeitig die langfristigen Spielerbausteine identifiziert zu haben um die herum man die künftige Mannschaft aufbauen will. 2019 als Probejahr für den kompletten Kader.

Kadersituation in der Offense

Rosen und Oldie Fitzpatrick auf QB. Ich würde erwarten, dass Rosen den Starter-Job gewinnt. Setzt sich Fitzpatrick durch, kriegen die Dolphins eine hopp-oder-topp Saison, die – wenn auch sportlich nicht erfolgreich – zumindest unterhaltungstechnisch ein Hit wird.

Runningback ist kein wesentlicher Baustein, aber Kenyan Drake tut es erstmal. Auf Wide Receiver holte man Albert Wilson aus Kansas City, dazu steht Devante Parker nach mehreren mäßigen Jahren unter Beobachtung – und auf Slot-WR ist Kenny Stills eingeplant, dessen Karriere unter Drew Brees vielversprechend begonnen hatte, aber in den letzten Jahren mit der mickrigen QB-Situation immer mehr stagnierte. Auf Tight End spielt Mike Gesicki, Draftklasse 2018, dessen Rookiesaison als glatte Enttäuschung galt.

In der Offense Line ist LT Laremy Tunsil mutmaßlich der einzige langfristige Baustein. Tunsil geht in sein viertes Vertragsjahr. Ein Star war er bislang nicht, doch seine drei Jahre waren zumindest stetige Steigerung. Mit OG Deiter könnte ein Rookie starten, die rechte Flanke mit C Kilgore, OG Davis und RT Mills klingt allerdings eher nach accident waiting to happen.

Kadersituation in der Defense

Auch in der Defense gilt: Viele langfristige Optionen gibt es noch nicht. Die sichersten Wetten sind aktuell DT Christian Wilkins (#13 Overall Pick im Draft 2019), FS Minkah Fitzpatrick (1st Rounder 2018) und CB Xavien Howard (den ich schon diskutiert hatte).

Wilkins hat als Rookie-1st Rounder 2019 noch keinen einzigen NFL-Snap gespielt, Fitzpatrick  andere zumindest ein solides Rookiejahr hinter sich. Bei Fitzpatrick rufen die Analysten von PFF verstärkt danach, ihn nicht als Free Safety, sondern als Slot-Cornerback einzusetzen. Einer der Gründe dafür, Fitzpatrick in den Slot zu schreiben, ist die Tatsache, dass Miami mit Reshad Jones und T.J. McDonald zwei potenziell gute Safetys aufbieten könnte. Howard ist ein Heiß/Kalt Cornerback, der zumindest Upside eines Star-Manndeckers bietet.

Auf Linebacker spielt Kiko Alonso um seine Karriere. Alonsos Ruf lebt nach zahlreichen schwachen Spielzeiten nur noch von seiner sagenhaft guten Rookiesaison im fernen 2013. In Miami hofft man ohnehin, dass der 2018er-Rookie Deandre Baker bald übernimmt. Bakers Einstand galt als leise Verpsrechung.

Ernste Schwachstellen im Kader bleiben Edge-Rush (man verkaufte DE Quinn für einen 2020 Draftpick an Dallas) und Tiefe auf Defensive Tackle. Es sind Sollbruchstellen, die verhindern werden, dass Miamis Defense auf höherem Level aufspielt.

Also: Zusammenfassung

Miami geht seinen Umbruch nicht so radikal wie die Sashi-Browns an. 2019 werden die sportlichen Resultate natürlich nicht im Vordergrund stehen. Doch es gibt auch Anzeichen dafür, dass man nicht allein auf 2020 und Tua Tagovailoa schielt.

Zum einen hat man keine 2020 1st Rounder durch totalen Ausverkauf ertradet – sondern „nur“ einen zusätzlichen 2nd Rounder, 4th Rounder, 6h Rounder und 7th Rounder (den 5th Rounder hat man für Rosen gezahlt).

Der andere Grund, auch auf die Saison 2019 was zu geben, ist Josh Rosen. So umstritten er nach seinem missglückten NFL-Einstand sein mag, so sehr bietet er zumindest die Chance auf einen Franchise-QB. Rosen ist zumindest die Hoffnung, dass man 2020 nicht auf Gedeih und Verderb Quarterback draften muss – ein Unterfangen, bei dem man ohne #1 Overall Pick schnell mal mehrere 1st Rounder investieren muss.

Ich sehe 2019 als Testlauf für Miami. Hinter dem fix eingeplanten Grundgerüst OT Tunsil / DT Wilkins / CB Howard / FS-CB Fitzpatrick geht es für den halben Kader darum, sich für eine Dolphins-Zukunft über 2019 hinaus zu empfehlen.

Doch die heimlich wichtigste Figur ist Rosen. Es mag sein, dass man 2020 auch mit einem überzeugenden Rosen Franchise-QB draften geht. Doch Rosens Präsenz sorgt dafür, dass man Miami 2019 auch über ein reines Umbruchjahr hinaus verfolgen kann – ohne komplett Gefahr zu laufen, vor permanent leeren Rängen 2-14 zu gehen und schon Anfang Oktober nur noch über Tua Tagovailoa zu

2 Kommentare zu “Miami Dolphins in der Sezierstunde

  1. Ich wäre mir nicht so sicher, dass Rosen den Starting-Job bekommt. Flores kann sich nicht leisten, den Leistungsgedanken nur wegen Rosen außer Kraft zu setzen, vorausgesetzt natürlich Fitzpatrick erweist sich auch als die bessere QB-Option.

    Mit dem Fins Core würde ich auch gehen, wobei ich glaube, dass man Baker auch dazuzählen sollte. Klar, nur ein Jahr, aber Alonso ist für die Tonne und so viele Stars gibt es ja nicht in dem Kader.

    Ich bin sehr gespannt. Flores hatte ich bis zum Hiring nicht auf dem Radar, aber alle scheinen zu glauben, dass er den mäßigen Patriots-Trend stoppen kann. Hängt wohl am Ende tatsächlich an der QB Position, wie so oft…

  2. Pingback: NFL General Manager unter der Lupe – Teil 3 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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