Atlanta Falcons in der Sezierstunde

Verkorkste Saison für die Atlanta Falcons, die als Superbowl-Anwärter gestartet am Ende bei 7-9 Bilanz fernab aller Playoff-Hoffnungen strandeten. Die meisten Prognosen sehen in den Falcons für die kommende Saison ein Team an der Schwelle zum #6 Seed.

Zuerst der kurze Recap zum letzten Jahr: Es war eine Saison, die von Anfang an aus den Fugen lief: Nach der schrecklich vercoachten Auftaktpartie in Philadelphia, die man im Prinzip hätte gewinnen müssen, änderte OffCoord Sarkisian seine Play-Calling Strategie und traute sich endlich, seine erfolglosen Heavy-Formations in der Redzone zum Fenster hinauszuwerfen und aggressiv auf Touchdowns zu gehen. Mit Erfolg – zumindest aus Sicht der Offense, die viele Punkte machte…

…aber nicht so viele wie die Defense kassierte: Atlantas Titel-Hoffnungen waren nach den schnellen Ausfällen von lebenswichtigen Leistungsträgern wie LB Deion Jones, FS Keanu Neal oder S Ricardo Allen schnell torpediert. Absurde Niederlagen wie gegen Saints (Overtime) oder Bengals (37-36 in letzter Sekunde) befeuerten alle Kritiker in ihrem Glauben „Ohne Defense geht nix“.

Atlanta startete 1-4, und auch wenn die Falcons mit Siegen gegen schwache Teams wie Washington kurzzeitig auf 4-4 verkürzen konnten, so war die Saison nach zwei demoralisierenden Pleiten bei den Cleveland Browns und zuhause gegen Dallas Mitte November gelaufen.

Am Ende feuerte GM Thomas Dimitroff sowohl OffCoord Steve Sarkisian als auch DefCoord Marquard Manuel. Die Neuen sind „Rückkehr in alte Zeiten“: Headcoach Dan Quinn übernimmt das Defense-Playcalling wieder selbst, und in der Offense holte man den in Tampa gefeuerten Dirk Koetter (war schon 2015 OC in Atlanta) zurück.

Team-Building in Atlanta

Die Falcons sind in puncto Team-Building ein spannender Case-Study, denn sie operieren im Prinzip nach dem „Superstar-Modell“ mit einigen hochbezahlten Megastars um die herum ein billiges, möglichst tiefes Team aufgebaut werden soll. Was es dafür normalerweise braucht, ist ein Kern aus vielen jungen Draftpicks – doch Dimitroff ist für gewöhnlich einer der General Managers, die auch im Draft zum Trade-Up tendieren und daher riskieren, ihr Team nach dem ersten Anzug blank dastehen zu lassen.

Das flog Dimitroff letztes Jahr um die Ohren, denn nach Ausfall besagter Starter (zusätzlich fiel DT Grady Jarrett für einige Wochen aus) ging in der Defense gar nix mehr. In den Wochen 3-5 kassierte Atlanta jeweils über 35 Punkte, und nachdem sich die Defense halbwegs erfangen hatte (in sechs Spielen zwischen Anfang November und Mitte Dezember „nur“ 25.8 Punkte/Spiel kassiert), strauchelte die Offense.

Atlanta hat aktuell vier hochbezahlte Angriffsspieler:

  • QB Matt Ryan (15.8 Mio in 2019, 2020-2023 aber dann 34 Mio/Jahr)
  • WR Julio Jones (13.4 Mio in 2019, Vertrag läuft nach 2020 aus)
  • C Alex Mack (11 Mio in 2019, Vertrag läuft nach 2020 aus, ist nächsten Winter mit 2.5 Mio Dead-Cap ein Kandidat für Entlassung)
  • OT Jake Matthews (11 Mio in 2019, 2020-2023 dann 16 Mio/Jahr)

Dimitroff weiß nur zu gut, dass in Kürze zwei Verteidiger folgen werden: DT Jarrett und LB Deion Jones. Beide sind von kritischer Bedeutung für den Erfolg der Defense. Es gibt immer wieder Stimmen, die erwarten, dass Atlanta mindestens einen von beiden ziehen lassen wird, doch Dimitroffs Aktionen deuten auf was anderes hin: Jarrett bekam schon heuer die teure Franchise-Tag; Ziel soll es sein, in etwa einen mehrjährigen Vertrag über ca. 17 Mio/Jahr auszuhandeln.

Jones ist ein schwierigerer Fall: Der Split zwischen „Jones am Feld vs. Jones an der Seitenlinie“ ist offensichtlich relativ krass, doch dabei muss man immer beachten, gegen welche Quarterbacks in den jeweiligen Partien gespielt wurde. Atlanta hatte natürlich das Pech, ohne Jones auch noch gegen die besseren QBs angetreten zu sein – ergo sollte man aus solchen Splits nicht zu viel herauslesen.

Doch die Vermutung, dass Atlantas Defense recht stark vom geschwindigen Jones abhängig ist, liegt nahe. Dimitroffs Problem #1 in dieser Offseason ist diesbezüglich, dass der Linebacker-Markt um Spieler wie Anthony Barr, C.J. Moseley oder Kwon Alexander herum explodiert ist und Jones mutmaßlich nicht unter 14 Mio/Jahr zu bekommen ist. Es wäre nur ein weiterer Monstervertrag in einer jetzt schon teuren Mannschaft.

Dagegen scheint man in Atlanta verstanden zu haben, dass DE Vic Beasley keine langfristige Lösung ist. Beasley (Top-10 Pick 2015) bekam die 5th-Year Option Tag, doch eine Vertragsverlängerung über 2019 hinaus scheint unwahrscheinlich.

Off-Season Moves

Trotz all dieser Überlegungen zwischen kurzfristigem Titelfenster und langfristigem Team-Building um eine Handvoll Superstars ging Dimitroff in der Off-Season nicht den „Seahawks-Weg“, zahlreich junges Rookiepersonal für Kadertiefe zu draften – im Gegensatz: Er inszenierte sogar noch einen Trade-Up und zahlte zwei Mid-Roundpicks (2nd und 3rd Rounder) für einen zusätzlichen 1st Round Pick.

Er draftete auch nicht Defense, sondern zweimal Offensive Line. (Ich schrieb schon darüber.)

Dimitroffs Strategie ist es, die Offense auf höchstmöglichem Niveau zu halten, möglichst viele Punkte durch attraktiven Football zu spielen um die Hütte in Atlanta wieder häufiger zu füllen und zu hoffen, dass die Defense heil genug für einen Superbowl-Run durchkommt. Es ist die „Offense > Defense“ Strategie. Nicht ausgeschlossen, dass sie aufgeht, wenn die Defense Regression zur Mitte durch weniger Verletzungspech erlebt (2018 hatte man die 25t-meist verletzte Defense).

Doch die Strategie birgt auch Risiken: Wieder ist Atlanta nur eine schwere Verletzung vom Fiasko entfernt – und wir wissen, wie schnell im Football Verletzungen passieren. Angesichts dieser Tatsache finde ich es durchaus spannend, dass Dimitroff nicht noch auf dem Transfermarkt durch Verpflichtung von 2-3 Veterans auf Minimalgehalt tätig wurde. Vielleicht passiert das noch.

Ein bisschen Altlastenentsorgung setzte Dimitroff bei den beiden forcierten Abgängen von CB Alford und RB Coleman durch. Beide Moves gelten als „Addition durch Subtraktion“.

Ausblick

Die NFC South ist eine der unberechenbarsten Divisionen, in der zwei weitere Teams – Buccs und Saints – ähnlich operieren wie Atlanta: Viel Offense, Hoffnung auf gerade genug Defense.

Doch beide Konkurrenten haben größere Fragezeichen auf der QB-Position: Bei den Saints ist Brees 40 und man muss sich fragen, ob Brees‘ Leistungseinbruch Ende 2019 Zufall oder Vorbote des endgültigen Endes war (Peyton Manning 2014-2015 als Warnsignal #1), bei den Buccs hängt viel (zu viel?) davon ab ob Winston unter neuem Chefcoach Arians den Durchbruch schafft.

Der dritte Konkurrent im Bunde, Carolina, schleppt ein gigantisches Fragezeichen auf Quarterback mit, wo Cam Newtons Wurfschulter genug Grund zur Sorge ist.

Und so klingen die Falcons erstmal wie die sicherste Tüte der Division – wieder einmal. Doch wir haben gesehen, wie schnell der falsche Schlüsselspieler auf der IR die Hoffnungen dieses Teams torpedieren kann. Selbst wenn es für die NFC South noch reichen sollte: In den Playoffs kommen ganz andere Kaliber des Weges.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit einem Trainerstab Quinn/Koetter und einem am Ende im zweiten Anzug eher dünnen Kader noch einmal auf Atlanta wetten würde, die NFC von hinten aufzurollen.

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